9punkt - Die Debattenrundschau

Auch die Villa des Paquius Proculus

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
28.12.2015. Pompeji ist doch noch nicht verloren, freut sich die FR. In der taz warnt der Autor Thomas Edlinger vor einer "Fetischisierung der Differenz" in linken Diskursen. Die baltischen Staaten werden immer mehr zum Rückzugsort der russischen Opposition, berichtet politico.eu. Die SZ schildert, wie sich Schweden und Dänemark abschotten. Für die taz besucht Gabriele Goettle die 103 Jahre alte Kinderärztin Ingeborg Rapaport, die vor einem halben Jahr an der Hamburger Uni ihre Dissertation verteidigt hat.

Kulturpolitik

Atrium der Villa des Paquius Proculus in Pompeii. Foto: Carole Raddato, Wikimedia Commons, CC.

Pompeji ist doch noch nicht verloren, freut sich Regina Kerner in der FR, zu Weihnachten wurden die ersten sanierten Häuser fertig und wieder zugänglich: "Eines der frisch restaurierten Privathäuser ist das Domus Criptoporticus, benannt nach einer Geheimtür im Garten. Die Villa aus dem 2. Jahrhundert vor Christus hatte eine private Sauna und ist mit Wandmalereien dekoriert, die von Homers 'Ilias' inspiriert wurden. Die feuchten Mauern sind getrocknet worden, die Fresken restauriert. Ein Dach schützt das Haus jetzt vor Regen, dem größten Feind Pompejis. Wieder zugänglich ist auch die Villa des Paquius Proculus, einem Kandidaten für das Bürgermeister-Amt. Auf der Hausfassade ist sein Wahlprogramm aufpinselt."

Im SZ-Interview mit Joseph Hanimann erläutert der Direktor des Pariser Louvre, Jean-Luc Martinez, seine Vorschläge zum Schutz des Weltkulturerbes in Kriegsgebieten: "Man muss den Verdacht vermeiden, hier würden westliche Vorstellungen darüber durchgesetzt, was als Weltkulturerbe schützenswert sei. Bedeutende Bauwerke und Kulturschätze müssen von allen als Universalerbe wahrgenommen werden."

Religion

Glaubt man dem Koran-Übersetzer und Religionsphilosophen Ahmad Milad Karimi im Gespräch mit Ruth Renée Reif vom Standard, dann scheint es sich bei dem Koran um eine recht gefährliche Angelegenheit zu handeln, die man nicht jedem in die Hand geben sollte: "Man sollte niemandem trauen, der einfach so aus dem Koran zitiert, egal, ob er Muslim ist oder nicht. Es bedarf einer behutsamen Auseinandersetzung, einer bestimmten Hermeneutik, einer theologischen Positionierung, einem Verständnis für die Gesamtkomposition, auf die die einzelnen Verse sich kontextuell beziehen."

Jamie Dettmer berichtet in The Daiy Beast von neuen Hinrichtungsvideos von Daesh, die zeigen, wie Homosexuelle gesteinigt - und zuvor von den Mördern umarmt werden: "Abu Mohammed Hussam, ein Aktivist der syrischen Oppositionsgruppe 'Raqqa Is Being Slaughtered Silently', sagt, dass diese Umarmung zeigen soll, dass die Dschihadisten den Opfern helfen, ihre Sünde zu büßen. 'Sie umarmen die Männer, um den Zuschauern zu zeigen, dass die Schuld nicht bei ISIS liegt.'"

Die Gruppe "Raqqa Is Being Slaughtered Silently" meldet unterdessen per Twitter, dass einer ihrer Aktivisten, der Dokumentarfilmer Naji Jerf in der Türkei ermordet wurde (mehr auch bei Spiegel online):


Außerdem: Samanth Subramanian schickt für den New Yorker eine Reportage aus Dhaka über die Morde an säkularen Bloggern in Bangladesch.
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Europa

In den baltischen Staaten tummeln sich immer mehr russische Dissidenten, die hier ins Exil gehen, schreibt Richard Martyn-Hemphill bei politico.eu. Einer der Hauptorte ist die Sommerfrische Jurmala in Lettland. Aber auch "die estnische Hauptstadt Tallinn wird als temporärer Rückzugsort von dem ehemaligen Schachweltmeister und heutigen Oppositionspolitiker Garri Kasparov genutzt. Tallinn ist auch Basis für eine wachsende Gruppe von Emigranten wie die Umweltaktivistin Yevgeniya Chirikova, den Rocktheoretiker Artemiy Troitsky und den Künstler Vladimir Dubossarsky." Und Riga "mit seiner großen russischsprachigen Bevölkerung ist ein Sitz ganzer Medienorganisationen geworden".

Es ist kalt geworden am Öresund, meldet Thomas Steinfeld in der SZ, zwischen Dänemark und Schweden wurden wieder Grenzkontrollen eingeführt: "Es fahren keine Fernzüge mehr von Kopenhagen nach Schweden, in den Regionalzügen muss schon seit Wochen jeder Passagier einen Ausweis oder Pass vorzeigen, und ab dem 4. Januar wird es wohl gar keine Züge mehr geben, die von Kopenhagen nach Malmö fahren."
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Ideen

Im taz-Interview mit Peter Unfried attackiert der Wiener Autor Thomas Edlinger das "kritische Denken", das sich immer heftiger zu Miserabilismus und Hyperkritik auswächst, oder auch zu einer "narzisstischen, exzessiven" Fetischisierung der Differenz: "Das lässt sich in binnenfeministischen Debatten verfolgen oder in Alltagsphänomen wie der Impfkritik. Da kippt es. Feministinnen fühlen sich durch einen allgemeinen Feminismus nicht mehr vertreten, weil sie sich nicht nur als Frauen, sondern zum Beispiel auch als afroamerikanische Lesben sehen - das Resultat ist Selbstzerfleischung und Sprechzensur. Radikale Impfkritiker hegen einen Generalverdacht gegen die Medizin und vertrauen lieber prinzipiell auf ihr Gefühl."
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Überwachung

Wenn diese Welt so weitermacht, meint Patrick Beuth in seinem Zeit-online-Bericht von der Jahrestagung des Chaos Computer Clubs (32C3), "dann wird das jene Konferenz gewesen sein, auf der Forscher eindrücklich warnten, dass nach Software-Hintertüren bald das Zeitalter der Hardware-Trojaner beginnen könnte. Und dass es extrem schwierig sein wird, diese Trojaner zu entdecken und aufzuhalten." Was es mit Hardware-Trojanern auf sich hat und wie sie zu bekämpfen wären, schildert Beuth Im Fortgang seines Artikels.
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Gesellschaft

Gabriele Goettle besucht für die taz die 103 Jahre alte Kinderärztin Ingeborg Rapoport, die vor einem halben Jahr an der Hamburger Universität erfolgreich ihre Dissertation verteidigte, die ihr als Jüdin 1938 verweigert worden war: "Inge Rapoport wohnt immer noch in Berlin-Niederschönhausen, in jenem Siedlungshäuschen, das ihrer sechsköpfigen Familie 1952 zugewiesen wurde. Sie empfängt uns mit ungezwungener Liebenswürdigkeit, trägt einen sportlichen Jack-Wolfskin-Pullover und hat, trotz ihrer Blindheit, den Tisch gedeckt und Tee zubereitet. Das Wohnzimmer scheint unverändert, der Flügel, die Bilder, das Mobiliar sind an ihrem alten Platz... Inge Rapoport wurde 1912 geboren, im Jahr, als die Titanic unterging. 26 Jahre hat sie in Deutschland verbracht, 12 Jahre in den USA, 38 Jahre in der DDR und danach 26 Jahre im vereinigten Deutschland."

Der Buchautor und Filmemacher Roman Grafe fordert in der FAZ wesentlich strengere Gesetze gegen den Privatbesitz von Sportwaffen (unter anderem haben auch Anders Breivik und ein Attentäter im Bataclan mit Sportwaffen gemordet): "In Deutschland sind allein nach dem Winnender Amoklauf 2009 mehr als viermal so viele Menschen mit Waffen von Sportschützen erschossen worden wie in Winnenden und Wendlingen - und das trotz der angeblichen Verschärfung des deutschen Waffengesetzes: Mehr als sechzig Opfer hat die Initiative 'Keine Mordwaffen als Sportwaffen!' seitdem gezählt."
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Geschichte

In der NZZ unterhält sich Carmen Eller mit den beiden Schriftstellern Per Leo (mehr hier) und Sergej Lebedew (mehr hier), die beide über ihre Großväter geschrieben haben, SS-Mann der eine, Lagerkommandant der andere. Lebedew: "In meinem Fall können wir nicht über reale Großväter oder Großmütter sprechen. Die Generationen unserer Großeltern waren die Generationen der Götter. Sie waren wie griechische Helden. Etwas Mythisches. Die Großväter sprachen nie über den Krieg. Das war das Monopol des Staates. Es gab keine private Geschichte. Mein Roman 'Der Himmel auf ihren Schultern' ist ein Versuch, diesen Zauber zu zerstören und an die echten Personen heranzukommen." Leo: "Der Ausgangspunkt bei Sergei ist ein gewaltiger Mangel an Erinnerung, bei mir ein gewaltiges Überangebot."

Die bis heute weit verbreitete Vorstellung, die "Rote Kapelle" sei ein kommunistisches Spionagenetz gewesen, ist in Wahrheit ein von der Gestapo geschaffenes Märchen, das von verschiedenen Interessengruppen nach dem Krieg aufrecht erhalten wurde, schreibt Gerhard Sälter von der "Unabhängigen Historikerkommission zur Erforschung der Geschichte des BND" im politischen Teil der FAZ: "Die ideologisch überformte Fehldeutung der Gestapo hielt sich bis zum Ende des Kalten Krieges. An ihrem Weiterleben arbeiteten aus unterschiedlichen Gründen die Täter von ehedem, westliche Geheimdienste und die Organisation Gehlen. Unterstützt wurden sie von der ostdeutschen Propaganda, die das relative Versagen der KPD im Dritten Reich zu kaschieren suchte, indem sie ebenfalls von einer kommunistischen Roten Kapelle sprach."

Außerdem: Stefan Borger besuchte für den Standard die Ausstellung "Artist & Empire" in der Tate Britain über die britische Kolonialvergangenheit.
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