Efeu - Die Kulturrundschau

Heimweh nach den Erzengeln

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28.12.2015. Der Maler Ellsworth Kelly ist gestorben. Die New York Times bringt einen Nachruf. Der Standard turnt sich durch eine Ausstellung des Choreografen William Forsythe. Die SZ bewundert die Patina von Ennio Morricones Soundtrack zum Western "The Hateful Eight". Und Jacques Offenbachs funkensprühender "Karottenkönig" wärmt das Herz der Opernkritiker.

Kunst


Ellsworth Kelly, "Curves on White" (2011). Ellsworth Kelly/Matthew Marks Gallery

Der amerikanische Künstler Ellsworth Kelly ist gestorben. In der New York Times würdigt Holland Cotter den Maler, der Ende der Vierziger in Paris lebte und dort abstrakt zu malen begann: "Mr. Kelly's use of found elements went beyond just letting his eyes wander. It led him to create purely abstract paintings composed of randomly arranged and joined colored panels, a radical move even for him. 'I wondered, Can I make a painting with just five panels of color in a row? I loved it, but I didn't think the world would. They'd think, It's not enough.' It did take time for the art world to catch up with him. Although he had a one-person show in Paris in 1951, there was scant response and he was turned down for several group exhibitions. A piece he submitted for one exhibition, a relief painting, was rejected on the ground that it wasn't art."


William Forsythe, The Fact of Matter, 2009. MMK Frankfurt

Helmut Ploebst hat für den Standard die große Retrospektive des Künstlers und Choreografen William Forsythe im Frankfurter Museum für Moderne Kunst (MMK) besucht, die dem Zuschauer einiges abverlangt: "Das MMK zeigt - unter kuratorischer Leitung von Mario Kramer - den Künstler William Forsythe ohne Rückblick auf dessen choreografisches Werk. Die titelgebende Arbeit 'The Fact of Matter' war 2009 in Venedig und danach unter anderem in der Ausstellung 'Move' im Münchener Haus der Kunst zu sehen: ein Korridor aus an Bändern befestigten Gymnastikringen, durch den sich durchhangeln kann, wer die nötige Kraft und Kondition mitbringt."

Weiteres: ZeitOnline bringt eine Strecke mit Porträtfotografien von Anatol Kotte.

Besprochen werden eine Ausstellung mit den an mathematischen Algorithmen orientierten Arbeiten von Jorinde Voigt in der Kunsthalle Krems (Standard), der "Botticelli-Coup" im Kupferstichkabinett in Berlin (Tagesspiegel), eine der Comiczeichnerin Claire Bretécher gewidmete Ausstellung im Centre Pompidou (FAZ), die Michael-E.-Smith-Ausstellung im Kunstverein Hannover (Freitag) und die Joan-Mitchell-Retrospektive im Kölner Museum Ludwig (FAZ).
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Film

Besprochen werden der Dokumentarfilm "Je suis Charlie" (NZZ), zwei Dokumentarfilme zum Thema Überwachung - Werner Bootes "Alles unter Kontrolle" und David Bernets "Democracy, im Rausch der Daten" - (Standard), "Die Peanuts" und Tomm Moores Anime "Die Melodie des Meeres" (Standard, Presse, FR), "Mr. Holmes" mit Ian McKellen als Meisterdetektiv im Seniorenalter (FR, Tagesspiegel, SZ), die Ausstellung "Best Actress" im Filmmuseum in Berlin (FAZ) und die Verfilmung von Hape Kerkelings Selbstfindungs-Bestseller "Ich bin dann mal weg" (FAZ).

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Stichwörter: Anime, Actress

Literatur

Beim Standard kann man einen Auszug lesen aus Michael Köhlmeiers im Frühjahr erscheinenden Roman "Das Mädchen mit dem Fingerhut". Sophie Rois' Weihnachtslesung von Ingeborg Bachmanns "Probleme, Probleme" an der Berliner Volksbühne hatte mitunter "Revuecharakter", freut sich Jens Uthoff in der taz, der davon unbedingt mehr haben möchte: "Bitte, liebe Bühnenprogrammverantwortliche dieser Stadt, engagieren Sie Sophie Rois. Wieder und wieder." Hannah Arnold erinnert in der NZZ an das Ehepaar Erika Mann und W. H. Auden. Barbara Villiger Heilig gratuliert dem Feltrinelli-Verlag zum Sechzigsten. In der SZ erinnert Harald Eggebrecht an Rudyard Kippling, der vor 150 Jahren geboren wurde.

Besprochen werden Philipp Tinglers Roman "Schöne Seelen" (NZZ), André Herzbergs "Alle Nähe fern" (Tagesspiegel), Max Porters "Trauer ist das Ding mit Federn" (FR), das neue Album der Comicreihe "Blake & Mortimer (Tagesspiegel), Jane Gardams "Ein untadeliger Mann" (SZ) und neue Hörbücher (FAZ).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie schreibt Marleen Stoessel über Rafael Albertis Gedicht "Der unbekannte Engel":

"Heimweh nach den Erzengeln!
Ich war ...
Schaut mich an.
..."
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Architektur

In der SZ bringt Christoph Neidhart Informationen zu den neuesten Entwicklungen rund um das neue Stadion, das Tokio für die Olympischen Spiele 2020 aus dem Boden stampfen muss. Nach vielem Hin und Her wird es jetzt nach einem Entwurf von Kengo Kuma gebaut: "Die Megalomanie ist dem Pragmatismus gewichen."
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Bühne


"Ungeduld des Herzens". Foto: Gianmarco Bresadola, 2015

Simon McBurneys sparsam-spartanische Bühnenbearbeitung von Stefan Zweigs Roman "Ungeduld des Herzens" an der Berliner Schaubühne kann nicht alle Kritiker überzeugen: FR-Kritiker Ulrich Seidler gefiel dieses "formbewusste, präzise Sprechtheater", das sich nur wegen seiner "sehr intensiven Klang- und Bildeffekte" vom Hörbuch abhebe: "Das ist alles ein bisschen technisch und kühl, aber gerade deshalb eine meisterliche Herangehensweise an die hochreflektierte Erzählstrategie von Zweig, der das Romangeschehen säuberlich mit einem mindestens doppelten Rahmen einfasst." Irene Bazinger ist in der FAZ dagegen schwer erbost: "Lesen können wir auch allein und zu Hause."

Große und einhellige Begeisterung dagegen für die aufwändige Inszenierung von Jacques Offenbachs Operette "Le Roi Carotte" an der Opéra de Lyon. In der FAZ bedauert es Eleonore Büning angesichts des funkensprühenden Abends sehr, dass die Dresdner Semperoper Intendant Serge Dorny seinerzeit vor die Tür gesetzt hatte. Mit der Hebung dieses "versunkenen Schatzes" sei ihm jedenfalls "ein Saisoncoup" gelungen: Eine "fulminante Produktion", die glücklicherweise auch auf DVD zu sehen sein wird. Auch Michael Stallknecht von der SZ hat seine helle Freude an diesem monumentalen Spektakel nach Disney-Manier und lobt insbesondere das Ensemble: Gut, "dass sämtliche Rollen mit Sängern besetzt sind, die die für Offenbach zentrale Mischung aus raschem Parlando, leicht schwebenden Gesangslinien und gut gesprochenen Dialogen beherrschen. Der Chor erfüllt die vielen kleinen Noten mit bestechender Diktion und ist sich zwischen dekadenten Pompejern und marschierenden Ameisen für keine noch so irre darstellerische Aufgabe zu schade."

Weiteres: Für die FR spricht Michael Kohler mit der Schauspielerin Caroline Peters.

Besprochen werden Mozarts "Zauberflöte" in Genf und Basel (NZZ), Ödön von Horváths Drama "Kasimir und Karoline" am Schauspielhaus Graz (Standard), die Uraufführung von Johanna Doderers Kinderoper "Fatima" an der Wiener Staatsoper (Standard, Reinhard Kager von der FAZ sah "eine perfekte Weihnachtsgeschichte") und der "Faust I", mit dem sich das Schauspielhaus Düsseldorf bis wahrscheinlich Sommer 2017 verabschiedet (SZ).
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Musik

"Morricone macht Tarantino den Ennio", frohlockt Max Fellmann in der SZ über den Soundtrack zum Western "The Hateful Eight". Das Ergebnis stimmt ihn allerdings nur halb froh, was auch daran liegen mag, dass es sich tatsächlich um eine nicht abgenommene Komposition für einen 80er-Horrorfilm von John Carpenter handelt: "Oft wirken diese manierierten Glöckchen und ach so bösen Kinderhörspielcelli ziemlich aus der Zeit gefallen. ... Man kann die Patina dieser Musik mögen, weil sie an das Kino der Sechziger und Siebziger erinnert, und weil sie zu Tarantinos Vintage-Western-Bildern passt. Weil sie so tut, als hätte es in der Zwischenzeit nicht die computergestützten Stahlgewitter gegeben, die Hans Zimmer durch die Kinos brechen lässt." Hier eine Hörprobe.

Weitere Artikel: Die Spex kürt ihre Lieblingsplatten 2015. In der Welt blickt Michael Pilz zurück auf das musikalische Jahr 2015. Und in der Presse stellt Samir H. Köck die vor fünf Jahren verstorbene japanische Chansonnière Maki Asakawa vor, der das Londoner Label Honest Jon's gerade eine Anthologie gewidmet hat. Hier eine Hörprobe:


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