Efeu - Die Kulturrundschau

Kurven-Wunder

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18.12.2015. Die NZZ besucht das mit viel Kapital und gutem Willen für eine sozial-sakrale Mission ausgestattete Kulturzentrum "The River" nahe New York. Die Welt lotet das Tiefsinnsversprechen Anselm Kiefers aus. Der Freitag verliebt sich in Star-Wars-Imitate. Die taz porträtiert den Musiker und Philosophen Steve Goodman.

Architektur


"The River". Image Courtesy of Grace Farms and SANAA

Connecticut hat nahe New York mit "The River" ein großartiges neues Kulturzentrum, erbaut vom japanischen Architekturbüro Sanaa. Seine Bestimmung - es soll als Kultur- und Freizeitzentrum mit überkonfessionellem Gotteshaus der Grace Farms Foundation dienen - ist noch etwas vage, berichtet Andrea Köhler in der NZZ. "Selbst die Architekten wussten anfangs nicht wirklich, welchem Zweck das von ihnen geplante Gebäude dienen sollte, doch kam die formale Direktive ihren ästhetischen Vorlieben entgegen: Die Architektur sollte sich in die Landschaft einfügen, ja nachgerade in ihr verschwinden... Das spirituelle Potenzial der Natur spielt in der Vision von Kunst, Moral und Gerechtigkeit der Stiftung jedenfalls eine große Rolle; auch das rundum verglaste Auditorium, wo sonntags ein überkonfessioneller Gottesdienst stattfindet, ist der Andacht gewidmet."

Ebenfalls in der NZZ stellt Roman Hollenstein kurz Santiago Calatravas Tram-Brücke in Jerusalem vor, der gerade eine kleine Ausstellung im Jüdischen Museum in Hohenems gewidmet ist.
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Stichwörter: Sanaa, New York

Kunst

In der großen Kiefer-Ausstellung im Centre Pompidou stehend, versucht Hans-Joachim Müller (Welt) zu fassen, was die Franzosen so an Anselm Kiefer anzieht: "Es gibt keinen wohl erwogenen Grund, die Angerührtheit des Kiefer-Publikums nicht ernst zu nehmen. Vielleicht hat es ja jetzt nach der Pariser Mordnacht nicht so viel Lust auf das dumpfe Moll an den Wänden. Vielleicht ist es gerade jetzt besonders empfänglich für das Tiefsinnsversprechen, das der frankophile Deutsche mit singulärer Verlässlichkeit erneuert. Und es ist sehr gut möglich, dass der stupende Erfolg des Werks auf zwei sehr soliden Beinen steht, auf den Erschütterungsqualitäten, die von der Delikatesse und Subtilität der Ausdrucksmittel ausgehen und auf den subtilen Strategien, die jede Arbeit mit Aura laden und sie ins Unsagbare, Unbenennbare heben."

Weitere Artikel: Im Tagesspiegel flanieren Nadine Lange und Tilmann Warnecke mit Kurator Wolfgang Theis durch die Jubiläumsausstellung zum 30-jährigen Bestehen des Schwulen Museums in Berlin. Tutanchamuns Bart ist wieder dran, meldet Marin Gehlen in der FR. Der Louvre bietet mit seiner Petite Galerie künftig auch ein Angebot für Kinder, berichtet Andreas Platthaus in der FAZ. In der FAZ schreibt Gina Thomas zu Neil MacGregors heutigem Abschied vom British Museum,

Besprochen werden die Ausstellung "Agrippina - Kaiserin aus Köln" im Römisch-Germanischen Museum in Köln (FR), Peter Märkers Monografie über den Maler Carl Philipp Fohr (FAZ) und eine Ausstellung über das Mola, ein aus mehreren Stoffschichten genähtes rechteckiges Textilbild mit Ornamenten, das für die Guna in Panama auch eine spirituelle Bedeutung hat, im Völkerkundemuseum der Universität Zürich (NZZ). Bild: Zwei Guna-Frauen auf der Insel Ogobsuggun in Gunayala, Panama, in der seit Anfang des 20. Jahrhunderts typischen Kleidung: die selbst genähte Mola-Bluse, ein Wickelrock, Kopftuch und Schmuck aus gewickelten Perlenschnüren. Foto: Margherita Margiotti 2003.
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Film

Aktuell hat J.J. Abrams gerade den allerersten "Star Wars"-Film von 1977 in einer aktualisierten Version neugedreht (unsere Kritik hier) und lässt damit auch eine besondere filmhistorische Tradition der siebziger und achtziger Jahre wiederaufleben, die Lukas Foerster im Freitag eines genaueren Blickes würdigt: Angeregt vom Erfolg des ersten "Star Wars"-Films hatten seinerzeit die internationalen Billigfilmer den Markt mit kaum verhohlenen Imitaten geschwemmt, die heute durchaus reizvoll sind. Vor allem "Turkish Star Wars" genießt heute Legendenstatus, was auch an der hemdsärmeligen Arbeitsweise der türkischen No-Budget-Filmindustrie liegt: "Der technisch hochgerüsteten Hollywoodkonkurrenz (...) setzten die türkischen Produktionsfirmen das kreative Potenzial ewiger Improvisation entgegen. Wir wollen die Kamera bewegen, haben aber kein Geld für einen Dolly - dann kleben wir einfach Seifenstücke an Tischbeine und setzen das Set unter Wasser!" Hier der legendär-berüchtigte "Turkish Star Wars" in voller Länge - machen Sie sich auf was gefasst.



Weitere Artikel: Für das ZeitMagazin porträtiert Christoph Amend die Schauspielerin Cate Blanchett, die gerade in Todd Haynes' "Carol" zu sehen ist. Nacho García Velillas Komödie "Perdiendo el norte", die von zwei jungen Spaniern in Berlin handelt, kommt in Spanien enorm gut an, meldet Thomas Urban in der SZ. In der Welt fragt sich Christian Meier nach dem Flop von "Deutschland 83", warum gute Serien in Deutschland keine Chance haben.

Besprochen werden Hirokazu Kore-Edas "Unsere kleine Schwester" (Welt, Artechock, Tagesspiegel) und die Ausstellung "Best Actress" im Filmmuseum in Berlin (FR).
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Literatur

Die Jury der KrimiZEIT kürt die zehn besten Krimis des Jahres. Anlässlich des Abschlusses der großen Thomas-Bernhard-Werkausgabe unternimmt Willi Winkler für die Seite 3 der SZ eine Reise auf den Spuren Bernhards. Besprochen werden Fuminori Nakamuras "Der Dieb" (taz), Durs Grünbeins "Die Jahre im Zoo" (Zeit) und Mirna Funks "Winternähe" (SZ).

Mehr aus dem literarischen Leben in Lit21, unserem fortlaufend aktualisierten Meta-Blog.
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Musik

Für die taz porträtiert Philipp Rhensius den britischen Produzenten, Labelbetreiber und lange Zeit auch akademischen Philosophen Steve Goodman, der unter dem Namen Kode9 gerade sein Album "Nothing" veröffentlicht hat und sich darauf "mit philosophischen und mathematischen Fragen des Nichts" beschäftigt. Uli Krug wünscht sich in der Jungle World zum 70. Geburtstag von Lemmy Kilmister, dass der Motörhead-Barde zur Gestaltung des restlichen Lebensabends die Methode Johnny Cash wählt: Er soll bitte "mit angegriffener Stimme zur akustischen Gitarre Blues-Klassiker wie 'Hoochie Coochie Man' ebenso wie seine eigenen Rock-Ungetüme à la 'Ace of Spades' interpretieren". Sascha Ehlert schaut für die taz das neue Haftbefehl-Video.

Besprochen werden eine große Kollektion mit Aufnahmen der Pianistin Dinorah Varsi (Zeit), David Bowies neues Album "Black Star" (NZZ), R. Kellys Album "The Buffet" (Welt), das Musikerinnen-Buch "Giving birth to sound" (NZZ) und die neue Alben von Bernd Begemann & die Befreiung (Spex) und Locas in Love (taz).

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Bühne


'anˌ kɔmən. Unbegleitet in Hamburg. Regie Gernot Grünewald, Thalia Theater. Foto: Fabian Hammerl

Joachim Güntner sieht sich für die NZZ in deutschen Theatern um, die sich zum Teil wirklich eindrucksvoll für Flüchtlinge engagieren. Doch dass die Produktionen davon beeinflusst sind, glaubt er eher nicht: "Theaterproduktionen benötigen Vorlauf. Darum wäre es irrig zu glauben, die Bühnen seien zurzeit daran, die gegenwärtige Flüchtlingskrise auf die Bretter zu bringen. Wenn sie mit ihren Stücken gleichwohl die Nase im Wind haben, so liegt das daran, dass das derzeitige Thema für sie kein neues ist. Am Thalia zum Beispiel mit 'Ankommen', einer 'begehbaren Installation' mit acht Jugendlichen aus Somalia, Afghanistan, Pakistan und Benin, die von ihren Fluchtgründen, ihrer Ankunft in Deutschland und der Unsicherheit ihres Bleibenkönnens erzählen. Diese Jugendlichen sind aber alle schon länger da."

Manuel Brug, der gerade eine "radikal gegenwärtige Opernsaison" in Paris erlebt, die er vor allem dem Leiter der Bastille-Oper Stéphane Lissner anrechnet, hat dagegen die Nase voll vom Aktivismus deutscher Bühnen, bekennt er in der Welt: "Nein, in Paris muss die Oper in diesen Tagen nicht mit fragwürdigen Flüchtlingsaktionen auf sich aufmerksam machen und auch nicht Terrorwunden lecken. Hier überzeugt sie gegenwärtig einfach - durch Qualität. Auch das ist schließlich eine gesellschaftspolitische Währung."

Weitere Artikel: Daniel Müller begrüßt in der Zeit die Entscheidung des Berliner Kammergerichts, Falk Richters "Fear" an der Schaubühne weiterlaufen zu lassen. Frederik Hanssen (Tagesspiegel) und Jan Brachmann (FAZ) schreiben zum Tod der Mezzosopranistin Stella Doufexis.

Besprochen werden Kay Voges' "Freischütz" an der Staatsoper Hannover (SZ) Felix Rothenhäuslers Münchner Inszenierung von Reinhard Jirgls "Nichts von euch auf Erden" (FAZ) und eine semikonzertante Aufführung von Debussys Oper "Pelléas et Mélisande" in der Berliner Philharmonie ("Wer kann, sollte hingehen", rät Eleonore Büning begeistert in der FAZ)
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