9punkt - Die Debattenrundschau

Dass wir Atheisten sind

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
17.11.2015. Die meisten deutschen Autoren sind sich einig: Bloß nicht von Krieg sprechen. Die SZ warnt auch vor dem Begriff der Werte. Die Franzosen sind ohnehin die einzigen die den "Islamischen Staat" als ihren Hauptfeind betrachten, schreiben Scott Atrana und Nafees Hamid im NYRBlog. Im Guardian rät Nicolas  Hénin, einst Geisel der IS-Milizen, den Hauptfeind Assad nicht aus den Augen zu verlleren. In der Welt benennt Yannick Haenel die eigentliche Provokation des Islamismus: Gesellschaften, in denen Gott tot sein darf.

Europa

Als Hauptdebatte scheint sich nach den Attentaten herauszuschälen, ob wir im Krieg sind und was genau das zu bedeuten hätte. Michael Hirsh ist in Politico.eu skeptisch: "Ok, wir sind also wieder im Krieg... Aber den vielköpfigen Feind zu benennen und eine Strategie gegen ihn zu entwickeln - auch ein sogenanntes Gegennarrativ gegen die Attraktivität des Dschihad - bleibt unser größtes Problem, so wie schon vor 14 Jahren nach den Anschlägen vom 11. September."

Vor dem Begriff "Krieg" warnen außerdem Andrea Backhaus bei zeit.de (hier) und Jakob Augstein bei Spiegel online (hier). Der Politikwissenschaftler Herfried Münkler erklärt im Interview mit der SZ, dass Terrorismus die Binarität von Krieg und Frieden aufhebt.

Gustav Seibt findet in der SZ nicht nur die Rede vom Krieg unglücklich, sondern auch die von den "Werten": Ist 'Aufklärung' ein 'Wert', für den wir kämpfen sollten? Das mag man redensartlich so sagen, aber genauer wäre doch: Aufklärung ist ein Prinzip (Gebrauch des eigenen Verstandes, öffentlicher Vernunftgebrauch, Anzweifeln von Autoritäten), im Zweifelsfall eines, mit dem man auch 'Werte' überprüft. Dann aber müsste man sagen: Einer der Werte, für die wir kämpfen, ist auch der Werterelativismus, also das Eingeständnis, das Ziel der Geschichte nicht zu kennen, und die Erlaubnis, sein eigenes Leben jeweils eigenen Werten zu unterwerfen."

Gilles Kepel sagt im Gespräch mit Le Monde: "Im Gegensatz zur Kritik Emmanuel Todds und anderer an der Demonstration vom 11. Januar, glaube ich bei allen Widersprüchen, dass die nationale Einheit die einzige adäquate Antwort ist, weil die Terroristen genau darauf abzielen, die Republik ins Wanken zu bringen."

Jetzt sollen Frankreichs Militärschläge schuld sein am Terror, stöhnt Caroline Fourest in der HuffPo.fr, vor nicht einmal einem Jahr waren die pazifistischen, aber blasphemischen Zeichner von Charlie Hebdo schuld an ihrer eigenen Ermordung: "Solches Reden sind nicht nur unmoralisch. Sie sind das Rüstzeug der Terroristen. Sie erleichtern ihnen die Rekrutierung. Sie machen uns zu Zielscheiben."

Eins hat sich jedenfalls ganz klar gezeigt, meint Dorian Lynskey im Guardian: Die Vorstellung, die Karikaturisten von Charlie Hebdo seien irgendwie mit Schuld an ihrer Ermordung gewesen, ist hanebüchener Unsinn. "Die Erklärung des Islamischen Staats spricht von 'Hunderten von Heiden bei einer Prostitutionsparty' in der 'Hauptstadt der Prostitution und Obszönität'. Die waren weder Repräsentanten des Staats noch der Armee. Sie hatten sich nicht über den Propheten lustiggemacht. Sie waren junge, linke, kosmopolitische Leute, deren einziges Verbrechen es war, Spaß zu haben."

Im Guardian schreibt Nicolas Hénin, eine ehemalige Geisel der IS-Milizen: "Mit ihrem Interesse an den Medien und den sozialen Netzen, werden sie alle Reaktionen auf ihre mörderischen Pariser Anschläge verfolgen, und im Moment werden sie in Triumphgesänge ausbrechen: 'Wir gewinnen.' Sie werden sich durch jedes Zeichen einer Überraktion, einer Spaltung, der Angst, des Rassismus, der Fremdenfeindlichkeit bestärkt fühlen." Hénin warnt vor mehr Bomben auf Rakka und hält "nach wie vor Assad für die Priorität. Der syrische Präsident hat den Aufstieg der IS-Milizen zu verantworten."

Im New Statesman, dessen neuer Titel bereits vor Paris dem Islamischen Staat gewidmet war, beschreibt Shiraz Maher in einem langen Hintergrund die Terrorgruppe als eingeschworene Bruderschaft, die ein wenig an den Ku-Klux-Clan erinnert.

Und in der Presse ruft Anne-Catherin Simon mit Baron Haussmann: "Fluctuat nec mergitur."
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Medien

Für die taz beobachtet Anne Fromm auf Spiegel Online, welch absurde Formen die Liveticker der Onlinemedien inzwischen angenommen haben: "11.33 Uhr: Vor dem Bataclan in Paris bereiten sich die Trauernden auf die Schweigeminute um 12 Uhr vor. 11.47 Uhr: Zeichen gegen den Terror: Für 12 Uhr haben die Staats- und Regierungschefs der EU zu einer Schweigeminute aufgerufen."
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Stichwörter: Bataclan, Liveticker

Religion

Necla Kelek reicht es in der NZZ nicht, dass sich die Muslime von den Attentaten in Paris distanzieren, aber sie spart auch nicht mit Kritik an der deutschen Öffentlichkeit: "Es herrscht in den Medien und in der Politik eine Gesinnungsethik, die einerseits dem eigenen Volk nicht über den Weg traut, anderseits aber von Fremden, die nie auch nur die Spur von religiöser Freiheit erlebt haben, die Heilung des eigenen Schuldgefühls erwartet. Selbstredend ist man gegen den Terror-Islam des IS. Aber praktisch etwas dagegen zu tun, ist nicht angesagt. Im Kern vollzieht die intellektuelle Öffentlichkeit für mich nur das, was Michel Houellebecq in seinem Roman mit 'Unterwerfung' beschrieben hat."

Lena Bopp empfiehlt den Franzosen in der FAZ das deutsche Modell der Domestizierung der Religion durch Einbindung in die Institutionen und nennt etwa die Ausbildung von Imamen an Universitäten zur Verkündung einer staatlich geprüften Dogmatik im Religionsunterricht: "Indem man nämlich den Raum für diese Ausbildung zur Verfügung stellt, lässt sich leichter darauf hinarbeiten, dass in den Moscheen Vorbilder tätig sind, die sowohl die Sprache als auch die Kultur des Landes gut kennen - und diese nicht als sogenannte Import-Imame ablehnen."
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Politik

Deprimierend liest sich Scott Atrana und Nafees Hamids Analyse im NYRBlog. Sie arbeiten heraus, dass einzig und allein Frankreich die IS-Milizen als ihren Hauptfeind betrachten und bekämpfen wollen - alle anderen Akteure vor Ort von den Türken über die Kurden bis zu den Iranern und Saudis haben andere Prioritäten. Allerdings gilt das auch für den "Islamischen Staat": "Die Attacke gegen die Hisbollah in Beirut, gegen die Russen in Sharm El Sheikh und in Paris hatten dassselbe Ziel: Terror. Aber so wie die Exekution des jordanischen Piloten nur Patriotismus in einer heterogenen Bevölkerung auslöste, werden die Attacken in Paris die Schlacht gegen die IS-Milizen zu einem nationalen Ziel machen. ISIS wird an dieselbe Grenze stoßen wie Al Qaida: Globalisierter Terror ist nicht effektiver als Luftschläge ihne Bodentruppen."

Im Esquire Magazine fordert Charles Pierce, endlich die Oligarchien des Mittleren Ostens, Saudia-Arabien und Katar, zur Rechenschaft zu ziehen für ihre Unterstützung des Terrorismus: "Es ist an der Zeit, gegen all die Finanziers vorzugehen, die in das Morden investieren, um ihr eigenes Überleben an der Macht abzusichern. Im ganzen Westen sollten die Vermögen aus diesen Staaten eingefroren werden. Wir folgen den Spuren des Geldes, wohin sie auch führen. Menschen sollten ins Gefängnis gehen müssen, in jedem Land der Welt. Staat für Staat. Stoppt die Finanzierung des Mordens und ihr könnt euer Geld wiederhaben. Vielleicht. Wenn uns reicht, was ihr getan habt. Und eigentlich sollte das gar nicht mehr erwähnt zu werden brauchen, wir tun es aber trotzdem: Wir verkaufen euch keine einzige Kugel mehr, ganz zu verschweigen von Flugzeugen."

Götz Aly erhebt in seiner Kolumne Putin mit Blick auf Syrien zu einer Art "Friedenstaube mit eisernen Flügeln": "Fest steht: Nicht Paris, sondern die militärische Intervention Russlands hat die Kriegsparteien zu Verhandlungen bewegt."
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Ideen

Trotz allen Tumults denkt Bernard-Henri Lévy in La Règle du Jeu noch einmal an einen Moment vor den Attentaten zurück und schreibt über die Trauerfeier für André Glucksmann und die höchst vielfältigen und internationalen Freunde, die ihn auf dem letzten Weg begleitet haben: "Was all diese disparaten und vielleicht widersprüchlichen Gefühle der Trauer gemein haben, ist das Gefühl, hier eines der letzten Exemplare jener schönen und edlen Gattung kosmopolitischer französischer Intellektueller gehen zu sehen, der sich ganz aus sich selbst heraus, ohne Mandat und gegen alle Provinzialismen und Interessen ermächtigte, sich an die Seite der Leidenden aller fünf Kontinente zu stellen."

Der Tod Gottes ist das wahre Ziel des Islamismus, schreibt der Autor Yannick Haenel in der Welt: "Nicht der Gott der Christen stört sie, sondern die Tatsache, dass wir es gewagt haben, ihn zu töten. Dass wir Atheisten sind. Den Tod Gottes, von dem Nietzsche mehrmals erzählt hat, gibt es im Islam nicht, es kann ihn nicht geben. Weil die westliche Welt die Herrschaft der Religion abgewählt hat, sieht die islamische Welt sie als ihren Feind an."

Vehement wendet sich Najem Wali im Spiegel gegen die Idee, dem syrischen Dichter Adonis den Remarque-Friedenspreis zu verleihen. Er wirft ihm vor, Khomeini unterstützt zu haben und sowohl gegenüber Assad als auch gegenüber dem Islamismus höchst bedenkliche Positionen vertreten zu haben: "Adonis soll durchaus einen Verbrecher wie Assad in Schutz nehmen können, ihn als gewählten Präsidenten bezeichnen, obwohl es keine demokratischen Wahlen waren... Aber wie kann man auf den Gedanken kommen, diesen Dichter mit Erich Maria Remarque in Verbindung zu bringen?"
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Urheberrecht

Der Anne Frank Fonds versucht derzeit, das Copyright auf Anne Franks Tagebuch bis ins Jahr 2050 zu verlängern, indem er Anne Franks Vater Otto als neuen Mitautor des Tagebuchs installiert, meldet Rachel Vorona Cote auf Jezebel: "Falls Ihnen diese Entwicklugn nicht passt, sind Sie nicht allein. Die Parise rAnwältin Agnès Tricoire sagt der Times: 'Wenn man den Argumenten der Stiftung folgt, heißt das, dass sie seit Jahren gelogen hat mit der Behauptung, Anne Frank habe die Tagebücher allein geschrieben' Für eine Organisation, die beansprucht, Annes Erbe zu erhalten, ist es schon komisch, wenn sie in der Frage der Autorschaft so unklar ist."
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