9punkt - Die Debattenrundschau

Entsprechende Diskurse

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
09.11.2015. In der taz sucht Micha Brumlik einen dünnen Begriff der Integration. In der NZZ am Sonntag fühlt sich Rüdiger Safranski von Millionen umschlungen. Die FAZ ist zufrieden, das die Selbstbestimmung der Lebensmüden nun nicht mehr das Recht überstrahlt. Und nun auch exklusiv im Perlentaucher: Guido Westerwelle ist geheilt.

Europa

Eine gewisse Furore hat der Economist mit seinem Titel gemacht, in dem er Angela Merkel als unverzichtbarer Europäerin huldigt. Nur mit Holland und Cameron stünde der Kontinent schlecht da: "Merkel dagegen ist in den vergangegen zehn Jahren mit jeder Verwerfung gewachsen. In der Schuldenkise begann sie zaudernd, am Ende hielt sie die Eurozone zusammen; bei der Ukraine brachte sie die Europäer dazu, über Russland Sanktionen zu verhängen (Wladimir Putin redet überhaupt nur noch mit ihr); und in der Flüchtlingsfrage hat sie mit Nachdruck europäische Werte hoch gehalten, indem sie die Flüchtlinge willkommen hieß.""

In der taz versucht Micha Brumlik in einem theoretischen Essay eine Definition von Integration zu finden, die den Staat nicht als Tugendgemeinschaft vereinnahmt. Für ihn ist der Staat eine territorial begrenzte Rechtsgemeinschaft, dessen Angehörige gleichermaßen Gestaltungsrechte besitzen: "Damit wäre, sofern man die Definition von Nation als Rechtsgemeinschaft akzeptiert, ein 'dünner' Begriff von Inte­gration gewonnen: Integriert ist, wer nicht gegen die herrschenden Gesetze verstößt, die jeweilige Umgangssprache beherrscht und in der Lage ist, sich an entsprechenden Diskursen zu beteiligen."

In der FAZ schreibt Claus Leggewie über die fremdenfeindliche Stimmung in Tschechien. Und Patrick Bahners mokiert sich milde über die Münchner Stadtverwaltung, die Demos der Pegida am heutigen Tage mit Hinweis auf Nazi-Symbolik (die von Pegida gar nicht bemüht wird) verbieten will - und die mit solchen Ansinnen schon häufig vor Gericht gescheitert ist.

In der Berliner Zeitung weiß Nikolaus Bernau nicht genau, ob er die Fremdenfeindlichkeit, den kulturellen Kleinmut oder das üble Deutsch schlimmer finden soll, mit dem der Philologenverband in Sachsen-Anhalt warnt: Eine "Immigranteninvasion überschwappt Deutschland".
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Geschichte

In der taz erzählt Richard Rother, wie er noch im September 1989 mit seiner Freundin über Ungarn in den Westen floh: "Am nächsten Morgen sind wir in Budapest. 'Tschüss', sagen wir im Abteil - und ernten verständnisvolle Blicke. Am Bahnhofsvorplatz steigen wir in ein Taxi. 'Zur Deutschen Botschaft, bitte!" Der Taxifahrer antwortet: 'Ihr wollt bestimmt in den Westen. Da müsst ihr nicht zur Botschaft, sondern zum Auffanglager. Ich bringe euch dorthin.'"

Der Historiker Stephan Stach erinnert in der FAZ an Gedenkveranstaltungen der DDR-Bürgerbewegung zum 9. November 1938 schon in den frühen achtziger Jahren, die ein Keim für die Wende gewesen seien: "Damit wurde nicht nur der Opfer der Pogromnacht gedacht. Die Demonstranten wehrten sich auch gegen den einseitigen Umgang mit der Geschichte des nationalsozialistischen Deutschlands. Sie protestierten gegen das Verschweigen von Antisemitismus, gegen Rassismus in der DDR und schließlich gegen das feindselige Verhältnis zum Staat Israel."

Franziska Augstein begutachtet in der SZ zwei neue internationale Museumsprojekte, das Haus der europäischen Geschichte in Brüssel und das Museum des Zweiten Weltkriegs in Danzig. Der internationale Ansatz gefällt, aber nicht der pädagogische. Sie zitiert Volkhard Knigge, den Direktor der Gedenkstätte Buchenwald: "Zunehmend würden historische Museen konzipiert als 'eine Zeitreise, die nicht wehtut'. Als mediales Rambazamba."

Rudolf Walther schreibt in der taz den Nachruf auf den Soziologen Helmut Dubiel.
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Gesellschaft

Nun hat der Bundestag in der Frage der Beihilfe zum Suzid schon ganz im Sinne der FAZ-Kampagne entschieden, aber Christian Geyer ist in seinem jetzt online gestellten Kommentar von Samstag immer noch nicht zufrieden: "Mit welcher Verve wurde gestern im Bundestag die Selbstbestimmung des Lebensmüden nochmals als der alles Recht überstrahlende Wert beschworen!"

Heike Haarhoff ist in der taz anderer Meinung: "10.000 Menschen jährlich begehen in Deutschland Suizid. 200, vielleicht 300 von ihnen bitten deswegen ihnen nahestehende Menschen um Beihilfe. Bald 150 Jahre lang waren sich Politik wie Zivilgesellschaft in Deutschland darüber einig, dass dies zwar in jedem Einzelfall zu bedauern, aber als individuelle Entscheidung mündiger Bürger auszuhalten und zu respektieren sei. Konsens war: Weil der Suizid straffrei ist, konnte die Beihilfe zum Suizid auch nichts anderes als straffrei sein... Diesen Konsens hat eine Mehrheit der Parlamentarier am Freitag ohne Not aufgekündigt."

Rüdiger Safranski hat in der NZZ am Sonntag keine Lust, über Schiller zu reden. Auf die Frage, was Schiller mit dem Satz "Seid umschlungen, Millionen" gemeint habe, antwortet der beliebte Philosoph im Gespräch mit Martin Helg: "Das war abstrakt und erhaben, im Reich des Gedankens. Heute kann es uns passieren, dass nicht wir die Millionen umschlingen, sondern die Millionen uns. Sie stehen zum Beispiel als Flüchtlinge vor der Tür. Sie kennen uns durch die Bilder. Wir sind das Paradies für sie. Es ist jetzt alles miteinander vernetzt. Nicht nur virtuell."
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Archiv: Gesellschaft

Religion

Kinder von gläubigen Menschen sind keine besseren Menschen, hat laut Matthias Matting eine in Telepolis Studie in Current Biology herausgefunden: "Die religiösen Kinder setzten sich dabei auch für härtere Strafen ein als ihre Kameraden. Die Wissenschaftler schließen daraus, dass es offenbar nicht schadet, die Religion aus dem öffentlichen moralischen Diskurs und der Erziehung herauszuhalten. 'Säkularisierung wird den freundlichen Umgang der Menschen miteinander nicht verringern', sagen sie - 'ganz im Gegenteil'."

Daniela Segenreich porträtiert in der NZZ Israel Meir Lau, der mit achtzig Jahren zum zweiten Mal Oberrabbiner von Tel Aviv wurde.
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Medien

Haben Sie schon gehört? Guido Westerwelle ist geheilt! Meedia zählt auf: "Nur wenige Stunden nach dem Aufmacher der Bild versandte der Spiegel seine Vorabmeldung, dass auch das Nachrichtenmagazin Exklusives zu Westerwelle im Heft habe: 'Zum ersten Mal spricht er ausführlich über seinen Kampf gegen eine akute Leukämie und deren Folgen.' (...) Nur zwei Stunden nach der Spiegel-Vorabmeldung schickte auch die Redaktion von 'Günther Jauch' ihre Vorschau auf den Sonntagsabend-Talk in der ARD. Einziges Thema: 'Schockdiagnose Krebs: Guido Westerwelle bei Günter Jauch'."

Jetzt auch online: Michael Hanfeld von der FAZ unterhält sich mit Günter Wallraff über dreißig Jahre "Ganz unten".
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