9punkt - Die Debattenrundschau

Die Entscheidung liegt bei uns allen

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
10.11.2015. Frisst die Revolution auch ihre Kinder - die Online-Medien?, fragt John Hermann von The Awl in Medium.  Auch im Scheitern hat  die Arabellion noch ihr Gutes, sagt die ägyptische Schriftstellerin Mansura Eseddin in der NZZ. In der taz kritisiert  Medizinethiker Urban Wiesing den Bundestag, der den Bürgern selbst in ihren letzten Momenten Vorschriften machen will. Zum Tod André Glucksmanns verlinken wir noch einmal auf seine Hommage auf Voltaire, den letzten Text, den er auf Deutsch bei uns publizierte.

Ideen

Der französische Philosoph André Glucksmann ist gestorben. Sein Sohn Raphael Glucksmann schrieb heute in einer Erklärung, die auf Twitter zirkuliert: "Mein erster und bester Freund ist nicht mehr. Ich hatte das unglaubliche Glück, einen so guten und genialen Menschen zu kennen, mit ihm zu lachen, zu diskutieren, alles und nichts zu tun. Mein Vater ist gestern Abend gestorben." Hier die Meldung in Le Monde. (Das Bild zeigt Glucksmann im September 2009. Foto: Daniil Taimyr, CC.)

Die Meldung ist so frisch, dass noch keine Nachrufe zu zitieren sind. Wir verweisen auf den letzten Text den uns André Glucksmann im Mai für den Perlentaucher gab, eine Hommage auf Voltaire, ein Auszug aus seinem letzten Buch "Voltaire: contre-attaque". Der letzte Absatz daraus: "Der Fanatiker taucht nicht überall und jederzeit auf. Er ist eine Antwort in Zeiten, in denen die Ordnung aus dem Gleichgewicht geraten ist und der Muff traditioneller Gesellschaften die Oberhand gewinnt. Der Fanatismus ist Zeichen für eine Krise der Globalisierung und für ein Unbehagen an der Kultur... Die großen Umwälzungen ermöglichen die Freiheit. Zugleich lassen sie eine grenzenlose Infamie zu. Die Entscheidung liegt bei uns allen." Hier seine weiteren Essays im Perlentaucher.
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Politik

Die Tragödien in Libyen, Irak und Syrien haben den Ägyptern den revolutionären Geist gründlich ausgetrieben worden, bemerkt die Schriftstellerin Mansura Eseddin im Gespräch mit Angela Schader in der NZZ. Nur in Ägyptens Sozialen Netzwerken tobe noch ein wilder Kampf: "Alle sind wütend und hacken aufeinander herum. Aber man kann sogar darin noch etwas Positives sehen. Vor der Revolution hatte ich das Gefühl, dass alle genau wie die andern sein wollten, man war Ägypter, man war Teil der Nation. Die Revolution ließ die Menschen gewahr werden, dass das eine Illusion ist; sie zwang die Leute, die anderen zu sehen, wie sie sind, und all die Brüche in der Gesellschaft zu erkennen. Für mich ist das eine aufklärerische Erfahrung; es ist das Wertvollste, was wir von der Revolution bewahren konnten."

Die arabische Welt sollte aufhören, ihre Misere anderen anzulasten, meint der ägyptische Schriftsteller Alaa al-Aswani im Interview mit dem Standard. "Die schreckliche Situation, in der sich die arabische Welt derzeit befindet, dem Kolonialismus anzulasten, wäre nicht fair. Wir sollten anderen nicht die Schuld geben für unsere Fehler. Ägypten ist seit vielen Jahren unabhängig. Ursache für den Rückfall sind die Diktatoren, die wir hatten... Ein Diktator vertritt nicht die Interessen der Menschen des Landes, sondern nur seine eigenen und die der Eliten, die ihn stützen. Es ist ein Fehler westlicher Regierungen, sich gegenüber einem Diktator zu verhalten, als wäre er ein gewählter Präsident."
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Internet

(Via Jay Rosen) "Tech Is Eating Media - Now What?" fragt John Hermann in Medium. Der Chefredakteur der Zeitschrift The Awl beschreibt, dass der Medienwandel nun auch Online-Medien zu fressen droht: "Einerseits erreichen sie potenziell immer mehr Menschen. Andererseits erreichen sie sie und auch ihre alte Leserschaft immer mehr über Instrumente, die anderen, weit größeren Firmen gehören." Den Internetgiganten nämlich.

Gleichzeitig meldet Digidays, dass der Traffic, den Facebook den Medien verschafft, seit Januar um 32 Prozent gesunken ist.
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Gesellschaft

In der NZZ beschreibt Adrian Lobe, wie Europas Städte unter dem Massentourismus ächzen; Venedig, Amsterdam und Barcelona sind dem Ansturm von Sauftouristen, Kreuzfahrern und Luxus-Shoppern nicht mehr gewachsen. Es kann aber noch schlimmer kommen, fürchtet Lobe mit Blick auf London, wo der öffentliche Raum zunehmend privatisiert und zur Sponsorenzone wird: "Simon Kuper, Journalist der Financial Times, hat im Artikel 'How tourists took over the world' die These formuliert, dass Tourismus ein Privileg der Elite werden könnte, so wie 1950, als nur 25 Millionen Menschen ins Ausland reisten. Paywalls, wie sie in Venedig erwogen werden, würden europäische Städte in eine Art 'gated communities' für Superreiche verwandeln. Die City als VIP-Bereich, reserviert für zahlende Gäste."

In der Debatte um die Sterbehilfe wurde allenthalben das Gewissen der Parlamentarier bemüht, deren Aufgabe aber in politischen Entscheidungen liege, kritisiert der Medizinethiker Urban Wiesing in der taz. "Anstatt Gewissensentscheidungen der Bürger durch Vorsichtsmaßnahmen zu ermöglichen, hat man Gewissensentscheidungen der Bürger verhindert. Die organisierte Beihilfe zum Suizid hätte das Parlament regeln müssen, aber nicht verbieten dürfen, denn es ist eine Gewissensentscheidung des Bürgers, an wen er sich beim Sterben wenden möchte."
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Europa

Einer der Gründe, warum die Briten womöglich gegen die EU stimmen werden, liegt bei den Medien, meint Denis MacShane in politico.eu: "Nur Britannien erlaubt, dass seine Zeitungen Männern gehören, die in Britannien keine Steuern zahlen und die EU nicht mögen. Das ist ihr gutes Recht, aber im Ergebnis war die Berichterstattung über Europa 25 Jahre lang fehlerhaft und propagandistisch. Selbst der Guardian bringt regelmäßig pro-Brexit-Kolumnen seiner Stars wie Simon Jenkins und Owen Jones, des aufsteigenden junglinken Schreibers. Die BBC hat Nigel Farage zu einem Volkshelden gemacht, indem sie ihm Zugang zu allen großen politischen Diskussionsrunden verschaffte."

Aldo Keel resümiert in der NZZ ein Interview, mit dem sich Karl Ove Knausgard in die schwedische Einwanderungsdebatte eingeschaltet hat. Knausgard moniert, dass allein in Schwarz-weiß gedacht wird: "'Der löbliche Wunsch, anständig zu sein, bewirkt Berührungsängste gegenüber den Problemen der Integration.' Weil über heikle Aspekte nicht offen diskutiert werde, lägen die fremdenfeindlichen Schwedendemokraten in Umfragen bei zwanzig Prozent."

Aram Lintzel betrachtet in der taz den Flüchtling mit Agamben und Arendt als "Schlüsselfigur der Moderne", respektive als Objekt humanitärer Zuwendung.
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Medien

(Via turi2) In den Medien wird nur verhalten darüber diskutiert, in den Branchenmedien schon eher - Internetwerbung macht vielen Sorgen, weil sie nichts mehr bringt und die Leute sie mit Adblockern unterdrücken. Der sueddeutsche.de-Geschäftsführer Johannes Vogel äußerte sich neulich dazu, als wären die Medien der Werbung einfach ausgesetzt (unser Resümee). Nun sprach Agentur-Urgestein Thomas Koch auf einem Kongress über das Thema, und auch über die Rolle der Mediaagenturen, die die Werbung auf die Medien verteilen und dabei allzu kräftige Provisionen einstecken: "Es gibt ein Thema, das auf der Tagungsagenda offenbar nicht angesprochen wird und zu dem sich die 'Organisation Werbungtreibende im Markenverband' überraschend schmallippig äußert. Während die US-Kollegen der ANA (The Association of National Advertisers) inzwischen gegen die Machenschaften der Mediaagenturen mit Hilfe ehemaliger FBI-Agenten vorgehen, verhalten sich die deutschen Kunden extrem 'verhalten'."

Ein exotisches Kapitel deutscher Mediengeschichte erzählt bei Carta Franz Sommerfeld, der ehemalige Chefredakteur der von der DKP betriebenen, ein wenig freien Volkszeitung, aus der sich später der heute immer noch altlinke Freitag entwickelte. Immerhin hatte die Zeitung auch einen Technikvisionär, der früh über Computer schrieb, Michael Charlier. "Recht behielt Charlier mit seiner Prognose, dass die DDR wegen ihrer technischen Rückständigkeit keine Zukunft habe. Den von der DDR stolz propagierten Mega-Chip hielt er für überholt, bevor er wirklich industriell produziert wurde. Diese These diskutierten wir heftig, trauten uns aber nicht, sie in der Zeitung zu veröffentlichen."

Außerdem: "Robert Menasse kettet sich an Funkhaus", meldet die Presse. Der Autor unterstützt damit die Initiative "Radio muss im Funkhaus bleiben", die gegen den Verkauf des Funkhauses eintritt.
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Geschichte

Im FR-Interview mit Arno Widmann stellt der Historiker Michael Borgolte klar, dass es damals wie heute keine "Völkerwanderung" gegeben hat. Und: "Das Römische Reich brach nicht an den Migranten zusammen, sondern umgekehrt: Es war zusammengebrochen und darum unfähig geworden, die Migranten zu integrieren. Im Römischen Reich gab es ein politisches Vakuum. In das stießen die Immigranten, sie füllten es aus. Die einzelnen gentes umfassten nicht mehr als einige Tausend Menschen. Diese Stämme ließen sich irgendwo nieder. Dann brachen einige von ihnen wieder auf. Ihnen schlossen sich andere an."

Die FAZ bringt die Rede von Raphael Gross zum Gedenken an den 9. November 1938 und Gross zeigt mit einer Zahl, dass das jährliche Gedenken immer noch Sinn hat, und sei es durch die Korrektur einer Zahl: "Fälschlich hat sich die Zahl von 91 Toten und 267 zerstörten Synagogen und Gebetsräumen eingeprägt - wir wissen dabei, dass es mehr als 1300 Tote gab und mindestens 1400 zerstörte Synagogen und Gebetsräume. Die verharmlosenden Zahlen, die der Sicherheitsdienst der NSDAP ausgab, finden sich selbst häufig in der Kommemoration dieses Verbrechens."

Und in der Welt berichtet Berthold Seewald über das Vorhaben, den Koloss von Rhodos zu rekonstruieren.
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