Efeu - Die Kulturrundschau

Die wildschöne Volksbühnenzeit

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09.11.2015. Die Volksbühne lebt: vom Keller bis aufs Dach, notieren die Theaterkritiker nach sechseinhalb Stunden "Brüder Karamasow". Verhaltenes Lob gibt's von den Opernkritikern für Jürgen Flimms großväterlich verständigen "Figaro". Absolut nicht amüsiert hat sich die SZ beim Open-Mike-Wettwerb in Berlin. Die Welt feiert die selbstbewusste Malerin Élisabeth Vigée Le Brun in Paris. Im Deutschlandradio denkt Wolfgang Ulrich über das Kunstmuseum im Zeitalter von Social Media nach.

Bühne


Bert Neumanns letzter Bühnenraum © Volksbühne via Twitter

Dieser Abend ist "auch ein Schauspielerfest. Doch zuallererst ist er ein Epitaph für Bert Neumann", schreibt Esther Slevogt in der nachtkritik über die "Brüder Karamasow" an der Berliner Volksbühne. Der Saal ist leergeräumt, schwarze Sitzsäcke fürs Publikum sind auf dem Boden verteilt, und siehe da: Die Volksbühne "lebt", jubelt Ulrich Seidler von der Berliner Zeitung, "das ganze Haus, vielleicht am wenigsten der eigentliche Bühnenraum, wird bespielt, vom Keller bis hinaus aufs Dach und von hier aus hinüber in die Gegenwart des anbrandenden neuen Berlins − das Geschehen wird in den Zuschauersaal übertragen. Die Volksbühne vibriert, knirscht, brummt und klingt, wird selbst zur Beton-Fleisch-Skulptur, zur Kirche, zur Welt." Regisseur Frank Castorf "schaltet in dieses 19. Jahrhundert-Monument von Gewissens-, Gerechtigkeits- und Glaubensfragen die blutigen und dreckigen Texte des russischen anarchistischen Autors mit dem Pseudonym DJ Stalingrad und verfrachtet Dostojewski so in die Putin-Gegenwart, mitten hinein in die moralische Gegnerschaft zur westlichen demokratischen Zivilgesellschaft."

In all dem Toben und Brummen bemerkt taz-Kritikerin Katrin Bettina Müller einen Wandel im Tonfall von Castorfs Dostojewski-Adaptionen: Früher kam ihr die immer zweifelnden, unentschlossenen Figuren "auch vor als ein Widerstand gegen die Tugenden des Liberalismus, gegen das Smarte, Tüchtige und Angepasste, gegen das rückstandslose Aufgehen in der Identität des vereinigten Deutschland. Jetzt dagegen ist in der Bearbeitung des Romans das Erschrecken viel größer über das Wiedererkennen der vergangenen Muster in der Gegenwart. Was Markierungen des eigenen Widerstands waren, ist besetzt von neuen Ideologien."

Tagesspiegel-Kritiker Rüdiger Schaper sieht in dem Abend ein letztes Aufbäumen von Castorf und den Seinen: "Sie könnten einem leidtun. Wenn es nicht so viel Selbstgerechtigkeit gäbe in der Volksbühne, Bunkermentalität. Ihr werdet uns bitter vermissen: Das Gefühl wird groß inszeniert. Es stimmt ja auch. Man vermisst sie, die wildschöne Volksbühnenzeit. So wie man eine Jugend vermisst, eine Liebe oder eine langjährige Freundschaft."


Mozart, "Le nozze di Figaro", Foto: Staatsoper Berlin

Eher milde ging es zu in Jürgen Flimms Inszenierung des "Figaro" an der Berliner Staatsoper. Eine "Mittsommernachts-Sex-Komödie" und "dreieinhalb Stunden Alltagsflucht" erlebte Frederik Hanssen vom Tagesspiegel, der überdies viel Freude hatte am 30er-Jahre-Look der Produktion: "die reinste Retro-Modenschau". Auch taz-Kritiker Niklaus Hablützel ging gerne in diese "Schule der Liebenden": Denn "bei Flimm ist die Lektion wunderbar heiter, in ein mildes, ein bisschen großväterlich verständiges Licht getaucht". Und "weil Flimm den ganzen Mozart so tief aufschließt, ist auch die ganze Wahrheit des Meisterwerks zu sehen. Sex mag komisch sein, lustig ist er nicht."

Dass dies bereits Flimms dritter "Figaro" ist, daran erinnert uns Eleonore Büning in der FAZ: "Aber: alter Witz, gut erzählt, wirkt wie neu." Vor allem aber liebt sie die Sänger, allen voran Anna Prohaska als Zofe Susanna: "Es sind die Frauenstimmen, die gemeinsam die Bank sprengen in diesem bezaubernd leichten, alt-jungen Ferien-Figaro." Lob für die Inszenierung auch von SZ-Kritiker Wolfgang Schreiber, dem die Musik unter Dirigent Gustavo Dudamel weit weniger gefiel: "Das Orchester bleibt Begleitung, geglättet, in den Klangfarben unklar vermischt, oft zu laut in den Raum dröhnend." Wenig Begeisterung bei Peter Uehling von der Berliner Zeitung: Von Mozarts "Kälte, Rhetorik, Witz und Anarchie" wolle man in dieser Inszenierung nichts wissen. Er "tut nicht weh", dieser Mozart, versichert Elmar Krekeler in der Welt. (Arte überträgt die Inszenierung am 13.11. live)

Besprochen werden außerdem Joël Pommerats Stück "Ça ira (1). Fin de Louis" im Theater Nanterre-Amandiers bei Paris (NZZ), Ibrahim Amirs "Stirb, bevor du stirbst" am Schauspiel Köln (SZ, FAZ), die aktuelle Londoner Inszenierung von Shakespeares "Wintermärchen" mit Judi Dench und Kenneth Branagh (SZ) und eine Ausstellung über "Die Welt des Schattentheaters" im Linden-Museum in Stuttgart (FAZ).
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Film

Der Regisseur Jameel Alabiad, Mitbegründer des syrischen Künstlerkollektiv "Masasit Mati", beschreibt im Interview mit der NZZ Strategien des künstlerischen Widerstandes. Im Tagesspiegel porträtiert Gunda Bartels den Schauspieler Heiko Pinkowski, der in den Filmen von Axel Ranisch einem größeren Publikum bekannt wurde.

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Literatur

Recht missmutig berichtet Jörg Magenau in der SZ vom Open-Mike-Wettwerb, der sich gerade zum 23. mal in Berlin ereignet hat. Konnte man dort früher noch den literarischen Nachwuchs bei seinen ersten Schritten beobachten, hat die Veranstaltung mittlerweile ziemlich abgewirtschaftet, meint er: "Rund sechshundert Einsendungen gibt es alljährlich, aus denen sechs professionelle Lektorinnen und Lektoren die Auswahl der zwanzig Eingeladenen treffen. Das ist harte Arbeit; und wenn dabei tatsächlich die zwanzig Besten zum Vorschein kommen, dann will man die übrigen 580 wahrlich nicht gelesen haben müssen."

Weiteres: Die FAZ hat Martin Walsers Dankesrede zum Internationalen Friedrich-Nietzsche-Preis online gestellt. Im SWR-Gespräch erinnern Krimiautor Frank Göhre und -experte Alf Mayer an den US-amerikanischen Krimimeister und "Vögel"-Drehbuchautor Ed McBain. Beim Bayerischen Rundfunk liest Wolfgang Prengler aus Jenny Erpenbecks Flüchtlingsroman "Gehen, Ging, Gegangen". Monique Schwitter erhält für ihren Roman "Eins im Andern" den Schweizer Buchpreis, meldet die NZZ.

Besprochen werden Jens Andersens Biografie über Astrid Lindgren (SZ), die Ausstellung über gebrauchte Bücher im Literaturmuseum der Moderne in Marbach (online nachgereicht von der FAZ) sowie eine Doku und Mini-Serie über James-Bond-Autor Ian Fleming (FR, hier die Doku, dort die Serie in der Mediathek).

In der online nachgereichten Frankfurter Anthologie der FAZ schreibt Angelika Overath über Edna St. Vincent Millays Gedicht "Sonett XIV".

"Sie fürchtete, er stürbe in der Nacht.
Und fing das Tageslicht zu schwinden an,
dann konnte sies nicht lassen zu betrach-
..."

Mehr aus der Welt der Literatur finden Sie in Lit21, unserem mehrfach täglich aktualisierten Meta-Blog zur literarischen Webszene.
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Architektur

Für die FAZ besucht Niklas Maak die Ausstellung "Wohnungsfrage" im Berliner Haus der Kulturen der Welt, die sich damit befasst, welche Antworen die Architekturen auf Fragen des Zusammenlebens im Zeitalter sozialer Ausdifferenzierung und neuer privater Konstellationen in Arbeit und Alltag formulieren könnte.

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Musik

Besprochen werden das Hamburger Konzert von Kamasi Washington (taz), Achim Kaufmanns neue CD "Later" (Zeit) und die neue CD von Daniil Trifonov mit Rachmaninow-Aufnahmen (FAZ). Und Das Filter empfiehlt diverse Neuerscheinungen, darunter das sehr schöne Ambientalbum "A Fragile Geography" des Komponisten Rafael Anton Irisarri.
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Stichwörter: Kamasi Washington

Kunst



In der Welt feiert Tilman Krause die Gemälde der Élisabeth Vigée Le Brun, die gerade in einer Ausstellung im Grand Palais in Paris zu sehen sind. Sie malte die Aristokratinnen des 18. Jahrhunderts mit frischer Haut, herabgelassenen Haaren, und fließenden Stoffen: "Der Gesichtsausdruck wiederum spricht in den unzähligen Bildnissen der Vigée Le Brun eine Sprache, die dazu passt. Der leicht somnambule Heiligenblick nach rechts oben mit verschwimmendem Auge weicht zunehmend dem frontalen Herausschauen aus dem Porträt. Die Frauen der Vigée Le Brun sind selbstbewusst und wach. Sie fixieren das Gegenüber. Sie zeigen sich, darauf verweist der meist leicht geöffnete Mund, zu vielem bereit. Immer aber zum Gespräch."

Nachhören und nachlesen kann man beim Deutschlandfunk einen Radioessay des Kunsthistorikers Wolfgang Ullrich über das Kunstmuseum im Zeitalter von Social Media. Möglichkeiten und Risiken einer neuen, sich vom Museum als Ort der Kunstanschauung entfernenden Kultur der Kunstvermittlung, bei der Besucher gerade dazu angehalten werden, ihren Museumsbesuch fotografisch auf Instagram zu dokumentieren und die Kunst damit von diesem Ort hinauszutragen, werden klar umrissen: "Es ist noch nicht absehbar, wie es Wahrnehmung und Status von Kunst verändert, dass sie zu einem Sujet unter vielen wird, mit dem in der Welt des Internet kommuniziert und soziales Kapital erzeugt wird. Klar ist nur, dass sich der Umgang mit ihr grundlegend von allem unterscheidet, was in der Moderne üblich und programmatisch war. So wie das Museum von einem hermetischen Ort des Sammelns zu einem offenen Ort des Inszenierens und Vermittelns geworden ist, spielt auch die Kunst darin eine gänzlich andere Rolle. Sie hat den Menschen vielleicht so viel zu sagen wie noch nie. Aber sie ist vielleicht auch so stark vermittelt, dass sie bis zur Unkenntlichkeit im alltäglichen Leben aufgeht."

Weiteres: Für die FR trifft sich Arno Widmann mit Alessandro Nova, der gerade die Herausgabe von Giorgio Vasaris stattliche 45 Bände umfassende Reihe "Lebensbeschreibungen der berühmtesten Maler, Bildhauer und Architekten" abgeschlossen hat (mehr dazu auch von Susanne Mayer in der Zeit).

Besprochen werden Goyas Porträts in der National Gallery in London (NZZ), eine Ausstellung über "Toulouse-Lautrec und die Fotografie" im Kunstmuseum Bern (NZZ), die Germaine-Krull-Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau (online nachgereicht von der FAZ),die Omer Fast gewidmete Ausstellung im Jeu de Paume in Paris (SZ) und die Ausstellung "Der Löwen-Kuhnert: Afrikas Tierwelt in den Zeichnungen von Wilhelm Kuhnert" in der Alten Nationalgalerie in Berlin (FAZ).
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