9punkt - Die Debattenrundschau

Mit Dynamit und Kalaschnikow

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
06.11.2015. In der Welt erklärt Stefan Chwin, warum polnische Fremdenfeindlichkeit anders ist als die im Westen, irgendwie von der Geschichte geadelt. Slate.fr macht sich unangenehme Gedanken über den Aktionsradius des "Islamischen Staats". taz und Spiegel online argumentieren gegen eine Kriminalisierung der Beihilfe zum Suizid. Die FAZ bleibt in dieser Frage strikt konservativ. MobyLives schreibt über die Redaktion der Zeitschrift Lingua, die wegen der exorbitanten Abo-Preise von Elsevier zurückgetreten ist.

Europa

Stefan Chwin verteidigt in der Welt die polnischen Affekte gegen Flüchtlinge mit einem Blick auf die Geschichte: "Die polnische Fremdenfeindlichkeit ist eine andere als im Westen. Ihr Fundament ist die Angst vor der Auslöschung. Keine westliche Gesellschaft hat jemals die Gefahr ihrer völligen Vernichtung erlebt. Weder Frankreich noch Deutschland noch England sind je von der Landkarte der Welt verschwunden." Und das soll ein Argument gegen die Aufnahme von Bürgerkriegsflüchtlingen sein? Und das Problem haben ja sowieso die Amerikaner geschaffen, so Chwin in einer eher bestürzenden Wendung seines Textes: "Jahrelang hat die US-Popkultur daran gearbeitet, die Araber als 'Bestien' mit Dynamit und Kalaschnikow in der Hand darzustellen und der Welt Angst einzujagen. Die Botschaft war klar: Der zivilisierte Westen hat ein Recht auf die Ölfelder, weil dort fanatische, kulturell fremde Muslime leben."
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Politik

Bérengère Viennot geht in Slate.fr der unheimlichen Meldung nach, dass die IS-Milizen das russische Flugzeug über dem Sinai abgeschossen haben: "Man karikierte die Schergen des Islamischen Staats bisher als Fanatiker mit aufgerissenen Augen, die entschlossen sind, die Welt zu erobern, indem sie massakrieren, vergewaltigen und jeden versklaven, der ihnen über den Weg läuft. Diese Karikatur entspricht der Reslität, nur leider mit einer Ausnahme: Bei all ihrer Brutalität war der Aktionsradius der IS-Milizen bisher noch recht begrenzt."
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Stichwörter: Islamischer Staat

Überwachung

Da die Bundesregierung keine Auskunft über die Überwachung deutscher Unternehmen durch die NSA gibt, ruft Kai Biermann in Zeit digital die Unternehmen auf sich zu wehren: "Indem die Namen der Firmen verschwiegen werden, nimmt die Bundesregierung ihnen die Chance, ihr Recht einzuklagen. Sie macht sie rechtlos. So etwas sollte niemand hinnehmen. Jedem Unternehmen hierzulande, das Beziehungen zum Ausland hat, kann man daher nur raten, sofort beim BND nachzufragen. Sie sollten ihr Auskunftsrecht nutzen, Druck beim Bundesnachrichtendienst machen und notfalls vor Gericht ziehen."
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Ideen

Die gesamte Redaktion der linguistischen Zeitschrift Lingua ist zurückgetreten, weil der Elsevier-Verlag keiner Open-Access-Politik zustimen wollte, schreibt Chad Felix in MobyLives. "Elsevier verkauft wie viele andere wissenschaftliche Verlagshäuser seine Zeitschriften in Bündeln über den Weg monumental teurer Abonnements und zwingt Institutionen überdies, Titel mit zu abonnieren, an denen sie nicht interessiert sind." Das Lingua-Abo kostet eine kleine Universität laut MobyLives über 2.200 Dollar jährlich für einen elektronischen Zugang.

In der NZZ schreibt Dieter Thomä einen Nachruf auf den französischen Kulturanthropologen und Literaturwissenschafter René Girard.
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Geschichte

Russland sucht nach einem Verhältnis zur Oktoberrevolution, die in zwei Jahren ein rundes Jubiläum hat, schreibt der Historiker Jan Plamper in der FAZ. In der Historikerzunft dagegen habe "überhaupt das Interesse an der Revolution seit der Zeitwende 1989-91 stark nachgelassen. Was früher das Allerheiligste der Sowjetgeschichte war und Gegenstand von Grabenkämpfen in studentischen Wohngemeinschaften des Westens, beschäftigt heute weltweit gerade einmal ein halbes Dutzend Doktoranden - mehr promovieren derzeit nicht zu einschlägigen Themen."

Außerdem: Im FAZ.net schreibt Patrick Bahners zu Tod des Historikers Hans Mommsen. In der SZ schreibt Franziska Augstein.
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Gesellschaft

Heute geht's im Bundestag um Sterbehilfe. Die größten Chancen werden einem interfraktionellen Gesetzentwurf gegegeben, der "jede Beihilfe zum Suizid, sobald sie auf Wiederholung angelegt ist, mit bis zu drei Jahren Gefängnis bestraft", schreibt Heike Haarhoff in der taz und kommentiert: "Eine der intimsten Fragen, die Selbstbestimmung über das eigene Lebensende, wird kriminalisiert - und damit zum Fall für die Strafjustiz, öffentlich verhandelt, staatsmoralisch bewertet. Und das ist keine groteske Übertreibung, das ist real." Cornelia Schmergal informiert in Spiegel online, dass dieses Gesetz einer bestehenden liberaleren Praxis widersprechen würde, denn "bislang ist die Beihilfe zum Suizid nicht verboten."

Gegen den Tod kann man sowieso nichts machen, warum sollen die Menschen dann ihr Lebensende selbst bestimmen wollen, schreibt dagegen Oliver Tolmein in der FAZ, die bei ihrer strikt konservativen Linie bleibt: "Sie können den Tod annehmen, sich widersetzen, versuchen, was ihnen geschieht, zu ignorieren oder eben zu erdulden. Dass eine dieser Haltungen stärker selbstbestimmt wäre als eine andere, dürfte schwer zu begründen sein."


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Internet

Wenn "Facebook, Twitter und Apple zunehmend versuchen, Inhalte so in ihre Dienste zu integrieren, dass Nutzer diese Dienste gar nicht mehr verlassen müssen", dann stirbt auch der Link, schreibt Dirk von Gehlen in der SZ, der sich auf einen Artikel Mathew Ingrams bezieht. Und das würde nicht nur Google schädigen, dessen Algorithmen auf diesen Vernetzungen beruhen - sondern die Struktur des Netzes insgesamt.
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Stichwörter: Internet, Links, Algorithmen