9punkt - Die Debattenrundschau

Macht mit allen Mitteln

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
02.11.2015. In der FR erklärt die Gezi-Ikoni Mücella Yapici, warum die AKP der Mafia ähnelt. Die NZZ stellt eine neue Generation kapitalismuskritischer Intelllektueller in Tschechien vor. New York Times und FR blicken mit Sorge auf Bangladesch, wo schon wieder säkulare Intellektuelle umgebracht wurden. Im Guardian verteidigt Nick Cohen die BBC gegen die britische Rechte - aber auch gegen die schottische Nationalisten und die englische Linke.

Ideen

In der NZZ stellt Alena Wagnerová die junge Generation kapitalismuskritischer Intellektueller in Tschechien vor, zu denen sie neben dem hierzulande bekannten Tomás Sedlácek unter anderem auch Petr Drulák, Jakub Patocka und Ilona Svihlíková zählt: "Sie fühlen sich nicht befreit von einem totalitären Regime, so wie die älteren Generationen der Tschechen, womit diese schon alles erreicht zu haben meinten. Die neu gewonnene Freiheit wurde zu einem Wert an sich, ohne Einbindung in die gesellschaftlichen Zusammenhänge - darin dem individualistischen Freiheitsverständnis der Marktradikalen nahe. Die Jungen sind 'frei für', und diese 'Freiheit für' stellt eine Perspektive dar, die auch Verantwortung für das Gemeinwesen einschließt."
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Politik

In Bangladesch sind wieder einmal zwei Säkularisten - Verleger, die die Texte eines Religionskritikers veröffenlichen wollten - mit Messern angegriffen worden. Einer ist gestorben, der andere schwer verletzt, berichten Ellen Barry und Julfikar Als Maink in der New York Times: "Angesichts der 'Todeslisten' im Internet zögern immer mehr Autoren und Journalisten, Texte zu veröffentlichen, die die Aufmerksamkeit von Islamisten auf sich ziehen könnten. Und immer mehr Akivisten suchen in westlichen Ländern um Asyl nach."

Willi Germund beobachtet in der FR nach den beiden Attentaten Ähnliches und schreibt: "Das Ergebnis einer ähnlichen Einschüchterung lässt sich gegenwärtig in Pakistan besonders gut studieren. Nach Jahren des Terrors wagt in dem Land kaum noch jemand öffentlich Kritik an Extremisten und ihren Unterstützern. Die Medien des Landes sind nach massiven Drohungen nicht einmal mehr bereit, die radikalislamischen Talibanmilizen mit Namen zu nennen."
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Europa

Im FR-Interview mit Frank Nordhausen erklärt die Architektin und Gezi-Ikone Mücella Yapici, warum die AKP - die nun gerade wieder die absolute Mehrheit bekommen hat - unbedingt an der Macht bleiben musste: "Die AKP errang (2002) die absolute Mehrheit und nutzte sie, um das islamische Kapital im Land zu stärken, indem sie ihm nach und nach alle Großprojekte und die Bau- und Energiewirtschaft zuschanzte. Damit einher ging ein nie gekanntes Maß an Korruption, Gewalt, staatlichen Rechtsbrüchen. Das begangene Unrecht zwingt die AKP nun, die Zügel in der Hand zu halten, weil ihre Verbrechen sonst geahndet werden. Da der Wahlausgang vom 7. Juni keine Alleinregierung mehr ermöglichte, versuchen sie nun, ihre Macht mit allen Mitteln zu sichern. Dafür nutzen sie Terror, schließen kritische Medien und setzen mafiaartige Methoden ein."
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Gesellschaft

In dieser Woche wird im Bundestag abgestimmt. Die FAZ macht nochmal kräftig Kampagne für eine Sterbehilfe, die die letzte Entscheidung allein den Autoritäten lässt. Stephan Sahm stellt im Feuilleton (an sich wenig überraschend) fest, dass "die Netto-Suizidrate in den Staaten, die die Suizidhilfe durch Ärzte legalisierten, konstant steigt, und zwar nicht wenig: bei Personen, die älter als 65 Jahre und ohnehin am meisten gefährdet sind, um annähernd fünfzehn Prozent". Und im politischen Teil stellt die FAZ dem Chefarzt Sahm (der nebenbei Musik für geistliche Schauspiele komponiert) nochmal eine ganze Seite zur Verfügung.

Eine entgegengesetzte Ansicht zum Thema vertrat im September Gian Domenico Borasio im Zeit-Magazin.

Jan Kedves bemerkt in der SZ - mit Verweis auf einen Artikel von Lisa Rank in Wired -, dass junge Leute zwar alle mit einem Smartphone herumlaufen, aber eigentlich nicht mehr telefonieren. Ein Anruf, der unmittelbare Performance erfordere, werde geradezu als Übergriff empfunden: "Je smarter unsere Phones werden, desto anstrengender, unberechenbarer und angstbesetzter wird das Telefonat. Das erscheint paradox, könnte aber erklären, warum fast niemand mehr rangeht."
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Medien

In einem flammenden Leitartikel verteidigt Nick Cohen im Guardian die BBC, deren Budget von den Tories arg angekratzt wird. Das Dumme, so Cohen, ist dass die anderen politischen Lager auch nichts für die BBC tun. Die Scottish National Party hasst den öffentlich-rechtlichen Sender. Und Jeremy Corbyn? Der "ernennt immer mehr Linksradikale in seinem engsten Umkreis. Den meisten muss jetzt klar sein, dass er eine Richtung linken Denkens verkörpert, die genauso verschwörungstheoretisch und illiberal ist wie die Daily Mail. Die Linke glaubt nicht mehr an die freie Rede und die freie Presse oder irgendeine andere Freiheit. Sie denunziert alle legitimen Fragen der BBC als Schmutzkamapagne."

In Paris hat ein Dokumentationskanal nach dem Vorbild von Netflix eröffnet, berichtet das Blog der World Association of Newspapers and News Publishers, Titel: Spicee: "Mit dem Ziel eine Art 'Vice but with virtue' zu sein, bringt Spicee vor allem internationale Dokumentarfilme über schwierige Themen, von Polizeibrutalität in den USA über die Folter an Immigranten in Australien bis hin zum Drogenhandel im Nahen Osten. Es gibt auch leichtere Features über einen Tänzer in Indonesien und Mode in Afrika. Das populärste Video ist bisher ein 57-minütiger Film über Dschihadisten in Syrien."

Die meisten Medien haben Akif Pirinçci wissentlich falsch zitiert, schreibt Stefan Niggemeier in seinem Blog und liefert eine erschöpfende Anzahl von Belegen: "Ich habe keinerlei Sympathien für Pirinçci und seine von Menschenverachtung getriebenen Texte voller Hass und Kot. Ich halte das KZ-Zitat in dem von ihm gemeinten Sinne, in dem er Gegner der Asylpolitik wie sich selbst mit den Juden im Dritten Reich vergleicht, für ähnlich unsäglich wie die entstellte Version... Das ändert nichts daran, dass die - von einigen Ausnahmen abgesehen - fast flächendeckend irreführende oder falsche Berichterstattung über Pirinçcis Worte in Dresden ein Armutszeugnis ist für die deutsche Medienlandschaft."

Die Zeit hat endlich das Interview mit Bettina Reitz online gestellt, in dem die frühere Fernsehdirektorin des br differenzierte, aber harte Kritik an den Öffentlich-Rechtlichen übte. Etwa: "Warum ist Sport fester Bestandteil der Nachrichtensendungen, Kultur aber nur in Ausnahmefällen?"
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Internet

In der FAZ am Sonntag beschreibt Mark Siemons Google als politischen Akteur, der in immer mehr Bereiche des politischen Lebens eingreift - neuerdings betreibt der Konzern auch ein "Government Innovation Lab": "Um immer mehr Probleme lösen zu können, müssen also immer mehr Daten gesammelt werden. Und je mehr Daten gesammelt und Probleme gelöst werden, desto mehr fällt die Welt, die Google verändern will, mit der Google-Welt zusammen. Es ist ein wechselseitiger Prozess." Dass Google mit der "Digital News Initiative" seine Tentakel auch in Richtung Zeitungen austreckt, bleibt diesmal unerwähnt.

In der SZ bemerkt Michael Moorstedt, dass dank der ganzen Sprachsoftware künftig auch das gesprochene Wort ins Netz übergeht und Robert Gernhardts Diktum überholt wird: "Wer schreibt, bleibt. Wer spricht, nicht."
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