9punkt - Die Debattenrundschau

Keine Inuit, keine Tschuktschen oder Itelmenen

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
03.11.2015. Was ist das für eine Welt, in der Verschwörungstheoretiker als Heroen der Wahrheit und Journalisten als Lügner gelten, fragt Caroline Fourest in der Huffpo.fr. Wolfgang Tischer erklärt in Literaturcafé, warum eine Zensur von Hasskommentaren bei Facebook falsch wäre. Der Guardian zeigt die trüben Datenschutzbedingungen der großen Internetkonzerne auf. taz und Welt schauen betrübt auf die türkischen Wahlergebnisse. In der SZ hofft die Kuratorin Anda Rottenberg, dass die neue Regierung die kulturelle Blüte Polens nicht kaputt macht.

Europa

Nur ein starkes Europa könne helfen, im Nahen Osten jene Probleme zu beheben, die jetzt die Flüchtlinge zu uns führen, schreibt Thomas Schmid in einem langen Essay in der Welt: "Wir - wie die USA - können uns daraus nicht zurückziehen. Denn die Dramen, die sich dort abspielen, sind immer noch eine direkte Folge des Zusammenbruchs des Osmanischen Reichs, in den durch den Ersten Weltkrieg ganz Europa verwickelt war. Die Zuwanderung aus Syrien und anderen Staaten der Region lehrt uns: Offenbar ist die Zeit gekommen, wo wir gewahr werden müssen, dass die Probleme dort auch unsere Probleme sind."

Die Opposition ist am Boden, kommentiert Jürgen Gottschlich bitter den Wahlausgang in der Türkei: "Der undemokratische Angstwahlkampf der AKP hat sich ausgezahlt."

"It's the religion, stupid", ist Deniz Yücels Erklärung in der Welt für den Erfolg der AKP: "Nein, ihre Wähler sind nicht doof. Sie sind gläubig. Deswegen entzieht sich ihr ultimatives Argument auch jeder rationalen Argumentation: Sie wählen die Gläubigen gegen die Ungläubigen." Das hat für sie aber auch einen Vorteil: "Die AKP von heute, das ist, um es frei nach Lenin auszudrücken, Islamismus plus Straßenbau."
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Urheberrecht

Der Rechtswissenschsftler Theodor Dreier gehört zu den Unterzeichnern der "Hamburger Note zur Digitalisierung des kulturellen Erbes". Dort wenden sich erstmals Archivare und Bibliothekare gemeinsam an den Gesetzgeber, um eine Anpassung des Urheberrechts an das digitale Zeitalter zu fordern. Bisher können Einrichtungnen nicht mal - als Beispiel - alte Filme digitalisieren, ohne sämtliche Rechteinhaber zu ermitteln, erläutert er bei irights.info. Obwohl sie im öffentlichen Interesse liegt, wäre die Digitalisierung unmöglich, denn "das käme erstens nicht gut in den Medien an, zweitens müsste der Museumsdirektor die Kosten für den Rechtsstreit aus seinem öffentlichen Budget nehmen. Drittens müsste er dem jeweiligen Kultusministerium klar machen, dass er Gelder für eine eigentlich illegale Tätigkeit benutzt hat. Das alles zusammengenommen hätte wohl einen abschreckenden Effekt."
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Gesellschaft

Mit Verweis auf Stefan Niggemeiers gestriges Blog-Posting (unser Resümee) lehnt Wolfgang Tischer von Literaturcafé den Boykott unverfänglicher Bücher von Akif Pirinçci ab. Und er spricht sich gleich auch gegen die Unterdrückung von Hasskommentaren auf Facebook aus: "Ich möchte das nicht. Ich will auf Facebook und in anderen Netzwerken sehen, dass jemand ein Nazi ist. Ich will nicht, dass auf Hitlers Facebook-Profil 'Erbauer der Autobahnen' gestanden hätte, weil man die bösen hasserfüllten Sachen mit den Juden auf Wunsch der Nutzer rausgefiltert hat. Wenn jemand hasserfüllten Scheiß ins Netz kippt, dann möchte ich das wissen. Denn das Internet ist kein rechtsfreier Raum. Wer dort volksverhetzende oder andere strafrechtlich relevante Dinge postet, der kann dafür belangt werden."

Was hat FAZ-Autor Paul Ingendaay nur zu den "Ersten Weltspielen der indigenen Völker" in Brasilien getrieben (über die neulich auch schon die NZZ berichtete, unser Resümee)? "Der volltönende Begriff 'Erste Weltspiele der indigenen Völker' ist allerdings problematisch. Da es allein in Neuguinea an die tausend indigene Völker gibt, von denen kein einziges zwischen dem 23. und 30. Oktober in Palmas an den Start ging, und Afrika so gut wie gar nicht vertreten war, muss man bei diesen 'Weltspielen' von einer winzigen, ziemlich willkürlichen Auswahl sprechen. Keine Inuit, keine Tschuktschen oder Itelmenen, keine Ewenen oder Ewenken."
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Politik

Lawrence Lessig gibt seine Präsidentschaftskandidatur auf, melden Netzpolitik (hier) und viele andere Medien. Der Erfinder der "Creative Commons" war in den Wahlkampf eingestiegen, um das System der Politikfinanzierung in den USA anzuprangern - eine realistische Chance hatte er nie. Leonhard Dobusch schreibt: "Voraussetzung für die Teilnahme an den Debatten war jedoch ein Mindestmaß an Zustimmung in nationalen Umfragen. Nachdem die Demokratische Partei die Regeln für die Teilnahme an den Debatten neuerlich verschärft hatte, verkündete Lessig heute via Videobotschaft das Ende seiner kurzen Kandidatur."

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Medien

Auch in Frankreich wird über Medien, Internet und Hasskommentare diskutiert. Sollten sich Medien im Zeitalter des entfesselten Geredes nicht gerade durch Gemessenheit und Klugheit auszeichnen?, fragt Caroline Fourest. Statt dessen konstatiert sie in Huffpo.fr, dass sich die Medien zumindest im Frankreich dem Overkill anzupassen zu versuchen - und die Folge: "Wir leben in einer Zeit, in der Antisemiten als Antirassisten gelten, Rassisten als Laizisten, Souveränisten als Verteidiger des russischen Rechts einmarschieren, Progressisten als obskurantistische Kritiker der Aufklärung erscheinen, Verschwörungstheoretiker als Heroen der Wahrheit - und Journalisten als Lügner."
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Internet

Im Guardian berichtet Sam Thielman von einem Datenschutz-Ranking des Think Tanks New America Foundation, bei dem sämtliche Internet-Giganten, von Facebook über Google bis Microsoft, kläglich abschnitten. Ein Konzern bot die Nutzungsbedingungen nicht einmal in der richtigen Sprache an. "'Es ist nicht so, dass sie überhaupt nichts tun', erklärt Rebecce MacKinnon, die das Ranking-Projekt leitete, 'aber der Konzern, der am besten abschnitt, bekam eine vier'."

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Kulturpolitik

Die Kuratorin Anda Rottenberg hofft in der SZ, dass die neue PiS-Regierung nicht die polnische Kulturlandschaft verheert, die in den vergangenen Jahren von den liberalen Kulturpolitikern so zum Blühen gebracht wurde: "Gemäß dem ärztlichen Prinzip des primum non nocere - erst einmal nicht schaden - ließen sie den Institutionen freie Hand. Die relativ üppigen staatlichen Fördermittel wurden von kompetent besetzten Fachkommissionen in einem transparenten Antragsverfahren vergeben. Gefördert wurden so vor allem Projekte von künstlerisch hohem Anspruch. Die Ergebnisse konnten sich sehen lassen: Die Neubelebung des polnischen Kinos - man denke nur an Paweł Pawlikowskis Oscargewinner 'Ida' -, spannende Opernproduktionen wie Elżbieta Sikoras 'Marie Curie', neue Theaterarbeiten von Krzysztof Warlikowski und Zbigniew Jarzyna, herausragende Ausstellungen in polnischen Museen und Galerien sowie die gefestigte internationale Position der polnischen Kunst."