9punkt - Die Debattenrundschau

Dieses Messer schneidet immer auf zwei Seiten

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
31.10.2015. David Remnick würdigt im New Yorker die heroische Arbeit des Bürgerjournalistenteams Raqqa is Being Slaughtered Silently. Zwei seiner Journalisten wurden von den IS-Milizen in dieser Woche umgebracht. Die NZZ bringt ein großes Dossier zur Flüchtlingskrise. Zu den Autoren gehören Colm Toibin, Abdelkader Benali und Wolfgang Sofsky. Die taz erkundet die "Neue Rechte", die der Pegida-Bewegung ein intellektuelles Cachet geben will. In der Welt macht sich die Autorin Ece Temelkuran Hoffnungen auf eine breite Demokratiebewegung in der Türkei. In der Wiener Zeitung hat Isolde Charim keine Angst vor der Angst vor der Angst.

Politik

David Remnick würdigt im New Yorker die heroische Arbeit des Bürgerjournalistenteams Raqqa is Being Slaughtered Silently aus der Stadt Rakka, die mitten im Herrschaftsgebiet der IS-Milizen liegt. Die anonymen Reporter des Kollektivs dokumentieren in den sozialen Medien die Untaten der religiösen Schergen und werden von diesen mit tödlichem Hass verfolgt. Nun sind zwei der Journalisten in der türkischen Stadt Urfa ermordet worden: "Beide wurden mit Schüssen in den Kopf ermordet und dann geköpft. Isis feierte das Blutbad in den sozialen Medien und postete Fotos der beiden mit dem Spruch 'Ein Selfie vor der stillen Schlachtung'. IS-Unterstützer jauchzten über die Köpfung und verhöhnten die 'Bakterien', die glaubten jenseits der türkischen Grenze sicher zu sein."



Trotz des ungemütlichen Klimas in der Türkei vor den Wahlen und immer schärferer Zensur (die in einem zweiten Artikel thematisiert wird) will die Autorin Ece Temelkuran im Gespräch mit Cigdem Toprak in der Welt die Hoffnung auf eine breite Demokratiebewegung nicht aufgeben: "Wir brauchen eine Koalitionsregierung, um unsere Gesellschaft zu motivieren, wieder eine demokratisches und pluralistisches Land zu werden. Der Wunsch nach einer Koalition wurde ja deutlich in den letzten Wahlergebnissen. Die Gezi-Park-Proteste haben auch gezeigt, dass mehr als die Hälfte der Gesellschaft das Gefühl hat, von dieser Regierung ignoriert zu werden." Deniz Yücel beschwört den "Geist von Gezi" im politischen Teil der Welt.
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Gesellschaft

Die NZZ hat heute einen großen Schwerpunkt zu Flüchlingen. Beklommen beschreibt der irische Schriftsteller Colm Toibin, wie schlecht die Iren die Flüchtlinge behandeln: "Manche Asylsuchende warten mehr als fünf Jahre nach ihrer Ankunft noch immer auf den Entscheid über ihren Antrag; arbeiten dürfen sie nicht, und bis vor kurzem war ihren Kindern der Besuch einer irischen Hochschule nicht gestattet. Wenn ich die syrischen Flüchtlinge auf ihrer beschwerlichen Flucht durch Europa sehe, wenn ich sehe, wie Grenzen dichtgemacht werden, dann fällt es mir schwer, nicht an die zahllosen Menschen zu denken, die während der großen Hungersnot der 1840er Jahre aus Irland flohen - ausgemergelte Horden auf den Schiffen nach Liverpool oder unterwegs über den Atlantik nach Amerika. Binnen einer Generation waren sie mit der dortigen Bevölkerung verschmolzen und machten ihr neues Umfeld reicher, interessanter und farbiger."

Auch der niederländisch-marrokanische Schriftsteller Abdelkader Benali erinnert sich sich an seinen Vater, "der sein marokkanisches Heimatdorf als Siebzehnjähriger verließ in der Hoffnung, ein besseres Leben zu finden. 'Mit siebzehn ging ich weg', sagte er einmal. In diesem Alter darf man in den Niederlanden noch nicht Auto fahren, auch nicht heiraten oder wählen. 'Warum gingst du fort?', wollte ich von ihm wissen. 'Weil es nicht genug Wasser für alle gab.' Der Flüchtling wird geboren, wenn er entscheidet, überzählig zu sein. Er räumt das Feld zugunsten der anderen. Dieses Messer schneidet immer auf zwei Seiten."

Außerdem in der NZZ: Wolfgang Sofsky erklärt in einer Anthropologie der Migration, wie sich Flucht von Auswanderung unterscheidet. Mona Sarkis hat sich mit syrischen Flüchtlingen über die Dinge unterhalten, die sie mitnehmen konnten. Der palästinensische Journalist und Schriftsteller Atef Abu Saif erzählt vom Flüchtlingslager Jabaliya, wo seine Familie seit 1948 in einem "Zustand ewiger Vorläufigkeit" lebt. Der Historiker Michael Brenner beschreibt Flucht als Existenzform des Judentums, die ihm Streit darüber gipfelt, ob der Zionismus "wirklich die jüdischen Grundwerte repräsentiere".

Und: In der SZ erzählt Ann-Kathrin Eckardt in einer unsentimentalen Reportage von dem Togoer Antony, der in Deutschland lebt, einmal straffällig wurde, und seine Abschiebung immer wieder hinausschieben konnte, während er seine Mittlere Reife machte und eine Lehrstelle fand. Nützen wird ihm das möglicherweise nichts.
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Geschichte

Der Holocaust begann mit einer Flüchtlingskrise, sagt Timothy Snyder im Gespräch mit Thomas Seifert von der Wiener Zeitung. Und mitverantwortlich waren einige jener Länder, die sich heute am lautesten gegen Flüchtlinge wehren: "Die Juden wurden erniedrigt, sie wurden enteignet und gezwungen, das Land zu verlassen. Nachdem die Tschechoslowakei zerstört war, machte die Slowakei Juden zu Bürgern zweiter Klasse. Ungarn gestand ihnen überhaupt keine Staatsbürgerschaft zu. Und was passierte mit den slowakischen Juden? 50.000 wurden später nach Auschwitz geschickt. Was passierte mit den ungarischen Juden? Sie wurden über die Grenze in die Sowjetunion geschickt und dort von den Deutschen erschossen."
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Europa

Konrad Litschko und Andreas Speit erkunden für die taz die "Neue Rechte", eine lose Gruppe von Vordenkern der Pegida um Götz Kubitschek, herausgeber der Postille Sezession: "Es sind fast nur Männer, die die 'Neue Rechte' bilden. Dieter Stein etwa, der Junge-Freiheit-Herausgeber. Felix Menzel, der Burschenschaftler. Oder Erik Lehnert, der Philosoph. Die 'Neue Rechte' eint, dass sie zwar NS-Nostalgie ablehnt - genauso aber Pluralität, die multikulturelle Gesellschaft oder Feminismus. Und momentan eint sie: der Kampf gegen Flüchtlinge. Pegida ist für Kubitscheks Leute eine Genugtuung: Ihre Theorie verlässt den Salon, wird von den 'Unverbildeten', wie sie sagen, auf die Straße getragen: der Beginn einer 'Volksbewegung'."

Das Bezirksgericht Krakau hat die Auslieferung Roman Polanskis an die USA abgelehnt, berichtet Jens Mattern in der Welt: "Die polnische Staatsanwaltschaft hat sich noch nicht entschieden, vor das Berufungsgericht zu gehen. Sollte diese das Urteil kippen, hätte der polnische Justizminister das letzte Wort. Dann wäre Polanski, der seit einigen Jahren eine Wohnung in Krakau hat, in Polen nicht mehr sicher. Denn das rechte Milieu Polens, das in ihm vor allem den unbestraften 'Pädophilen' sieht, will ihn verurteilt sehen."
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Ideen

Wo sind die Linksintellektuellen geblieben, fragt sich mal wieder Libération angesichts vieler Intellektueller, die sie inzwischen als "rechts" verortet (etwa Alain Finkielkraut, der mit Michel Onfray in einen Topf gesteckt wird). Michel Wieviorka, einer der wenigen verbliebenen "linken", wenn auch wacker sozialdemokratischen Intellektuellen in Frankreich, setzt seine Hoffnung auf einen neuen Typus: "Das sind die Forscher, die Universitätsleute, deren Erkenntnisse auf Belegen beruhen. Sie wissen, was wissenschaftliche Strenge, Grundlagenforschung, Debatte unter Kollegen, Konfrontation mit den Studenten und Veröffentlichung mit Peer Reviews sind." Nur leider hört man nichts von ihnen.

Angst hat Konjunktur, schreibt Isolde Charim in der Wiener Zeitung - da ist die Angst der Flüchtenden und da sind die Ängste in den Gastländern. Am schlimmsten aber sei die Angst vor Angst: "Sie ergreift jene, die sich selbst als wohlwollend und gutmeinend verstehen, die aber die Angst, die sie den anderen unterstellen, zu den wildesten apokalyptischen Untergangsszenarien verleiten: Sie sehen blutige Auseinandersetzungen, Aufstände, den Durchmarsch der Rechten, die Orbanisierung Europas, das Ende der Europäischen Union kommen. Zum Schluss ist dann nicht mehr klar, was die Apologeten des Untergangs des Abendlandes von den Apokalyptikern der blutigen Konfrontation unterscheidet."
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Kulturpolitik

In der taz porträtiert Christian Schneider Bundeskulturministerin Monika Grütters für die Reihe "Frauen an der Macht", und sie verspricht, in ihrem Kampf für ihr Kulturgutschutzgesetz nicht nach zu lassen. In der Welt erklärt Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff, der ehemalige Kulturdezernent von Düsseldorf, warum dies Gesetz seiner Ansicht nach ein Angriff auf die Sammler ist. Ebenfalls in der Welt erzählt Sven Felix Kellerhoff die komplizierte Geschichte des in Berlin ausgestelten Welfenschatzes, um den es Stret zwischen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und Erben jüdischer Künsthändler gibt. Auch Patrick Bahners erläutert in der FAZ den Streit.

Medien

SZ.de-Geschäftsführer Johannes Vogel wirft den Adblockern der Firma Eyeo in Meedia vor, die Zeitungen zu zensieren, weil sie nicht nur Werbung unterdrücken, sondern auch die Ansprache der Zeitungen an die Leser, die über die Auswirkungen von Adblockern informieren. Für die Lösung der Probleme appelliert er aber irgendwie ohnmächtig an die Werbebranche: "Die Werbebranche muss zusehen, dass Werbung besser wird. Wir als Publisher haben leider keinen großen Einfluss auf die Kreativleistung der Werbetreibenden und Mediaagenturen, und leider sind auch die Möglichkeiten unseres Vermarkters eher begrenzt. Dies ist ein Appell an die Werbe- und Mediaagenturen sowie die Marketingverantwortlichen der Werbetreibenden, akzeptable Displayformate zu entwerfen, Datengrößen zu minimieren und transparenter mit dem Thema BigData umzugehen." Wäre es nicht erstmal ein Schritt, wenn Medien inakzeptable Displayformate nicht akzeptieren?
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