9punkt - Die Debattenrundschau

Für uns Kinder aus dem Internet

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.10.2015. Ohne Flüchtlinge aus Nordsyrien hätten wir keinen Ackerbau, schreibt Raoul Schrott in der Welt. Die NZZ bringt eine Hymne auf die Papyrologie. Niemanlab fragt sich, "warum Google seit neuestem so viel  Zeit und Geld investiert, um Journalisten zu überzeugen, dass man ein Freund ist". Den Hass, der in Rechtsextremismus münden kann, gibt es nicht nur in Sachsen, meint die taz. Und der Spiegel trauert Frank Schirrmacher nach.

Geschichte

"Europa ist und war ein Einwanderungsland", schreibt Raoul Schrott in einem wunderschön mäandernden Text über Migration in der Welt: Vor 9000 Jahren brauchten uns Bauern aus Nordsyrien den Ackerbau. Und "vor 4500 Jahren wiederum immigrierten nomadische Viehhirten aus den kasachischen Steppen, die sich zu 75 Prozent mit den norddeutschen Schnurkeramikern und den zentraleuropäischen Glockenbecherleuten vermischten und bis nach Griechenland zogen. Ihre ebenfalls indoeuropäische Sprache setzte sich in unseren Breiten durch; sie brachten uns das Rad, Wagen und Reitpferde; ihren Genen haben wir es zu verdanken, dass wir schließlich ganz weißhäutig wurden und die meisten von uns auch im Erwachsenenalter Milch verdauen können."

In der NZZ erklärt Stefan Rebenich die historischen Erkenntnismöglichkeiten, die uns die Papyrologie eröffnet. Und man kann immer noch was finden! "Welche literaturgeschichtlichen Impulse könnten von neuen Fragmenten der griechischen Tragödien- und Komödiendichter ausgehen! Was gäben wir darum, wenn wir in der ursprünglichen Sammlung von 158 Verfassungen, die Aristoteles als Fundament für weitere politikwissenschaftliche und verfassungstheoretische Untersuchungen anlegen ließ, weitere umfangreiche Papyrusreste fänden!"
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Religion

Wolfgang Huber, der ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche, fordert in der SZ eine klare Haltung der Gesellschaft in religiösen Dingen: "Wer einen Islam will, der zu Deutschland gehört, kann nicht alle Haltungen hinnehmen, für die der Islam in Anspruch genommen wird. Er muss mit Muslimen über das Verständnis der Freiheit und die Voraussetzungen der Freiheit sprechen. Weder das Faustrecht noch eine rechtliche Subkultur, die sich an der Scharia orientiert, verträgt sich mit dem Ziel der Integration."
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Kulturpolitik

Die Kritiker des neuen Kulturgutschutzgesetzes, dass die Abwanderung national bedeutender Kunst ins Ausland kontrollieren soll, erinnert Norbert Lammert in der Welt daran, dass der Staat jährlich über zehn Milliarden Euro für die Kultur ausgibt, gerade weil er sich dem Schutz der Kultur verpflichtet fühlt: "Ohne diese Überzeugung, dass Kunst etwas mit der Identität und dem Selbstverständnis einer Gesellschaft zu tun hat, fällt es sehr schwer zu begründen, warum der Staat Milliardenbeträge zur Kunst- und Kulturförderung zur Verfügung stellen und keineswegs allein dem Markt zwischen Angeboten und Nachfragen überlassen sollte, obwohl ein beachtlicher Teil derjenigen, deren Steuergelder dafür in Anspruch genommen werden, von den öffentlich subventionierten Angeboten bekanntlich keinen Gebrauch macht."
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Medien

"Seit neuestem investiert Google eine Menge Zeit und Geld, um Journalisten zu überzeugen, dass man ein Freund ist", schreibt Justin Ellis im Niemanlab, der mit Ludovic Blecher, dem Chef des Google-Innovationsfonds, gesprochen hat. Und der freut sich natürlich sehr, "dass Gogle nun an der Seite der Verleger arbeitet, statt sich mit ihnen zu überwerfen. Wenn man bedenkt, dass die Beziehung vorher Drohungen, Prozesse und Bitterkeit einschloss, ist Zusammenarbeit eine deutliche Verbesserung. 'Es geht nicht nur um Geld', sagt Blecher, 'es geht darum, mit Verlegern zu diskutieren.'"

Im aktuellen Spiegel rechnet der ehemalige FAZ-Redakteur Geor Diez ausführlich mit dem Feuilleton der FAZ ab, das sich des großen Frank Schirrmacher nicht errinnere oder gar würdig erweise: "Das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung galt einmal als das führende dieses Landes. Seit Schirrmachers Tod sind Inspiration, Neugier, Mut verschwunden. Wo vor ein paar Jahren die Geheimnisse des menschlichen Genoms diskutiert wurden und die Gefahren des digitalen Kapitalismus, geht es heute um gesundes Essen und das Leben auf dem Land."
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Internet

Und dann noch dies:


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Europa

Im Gespräch mit Sabine am Orde von der taz befürchtet der Terrorismusexperte Peter Neumann eine neue Welle des Terrors in Europa - und Gegenreaktionen der Rechtsextremen: "Das europäische Gesellschaftsmodell steht auf dem Spiel. Mit den IS-Schergen, die aus Deutschland in den Irak gingen, kommuniziert Neumann offen übers Netz: "Wir haben inzwischen einen Datensatz von 700 Onlineprofilen von Kämpfern aus dem Westen, mit 100 von ihnen stehen wir über Skype, Facebook, Whatsapp und anderen Messengerdiensten in Kontakt. Diese Online-Kommunikation hat einen Vorteil: Sie dauert oft über Monate, da kann ein Vertrauensverhältnis entstehen."

Den Hass, der in Rechtsextremismus münden kann, gibt es nicht nur im Osten, meint Martin Kaul ebenfalls in der taz: "Auch jenseits von Sachsen gibt es kaum eine politische Sphäre, in der der hassgetriebene Nationalismus nicht offenbar ist. Auf der Ebene des Terrors: Brand­anschlä­ge, Mordversuche, Mord. Auf der Straße: Pegida und all ihre Ableger. In der Opposition: die AfD. An der Regierung: Männer wie Horst Seehofer, der Zonen und Zäune fordert und sich, als Ministerpräsident, auf 'Notwehr' beruft. Notwehr, das ist die Gewissheit, affektiv handeln zu können, ohne bestraft zu ­werden."

Große Sorgen macht man sich in Polen um die Flüchtlinge und - die Deutschen, berichtet Gerhard Gnauck in der NZZ. "Bekannte Publizisten schreiben, etwa in der Beilage der Zeitung Rzeczpospolita, in Deutschland sei etwas faul: Der VW-Skandal und die Flüchtlingskrise seien Anzeichen dafür, 'dass die fünf Jahre währende Dominanz Berlins in der EU zu Ende geht'. Dass Bundeskanzlerin Merkel in dieser Frage auf Widerstand gestoßen sei, sei die erste 'spektakuläre Niederlage' Deutschlands. Ein Warschauer Juraprofessor sieht für Polen ein 'Fin de Siècle' heraufziehen, die Ablösung der kulturell fast homogenen Gesellschaft durch eine von Konflikten zerrissene. Nur eine 'dosierte und selektive Einwanderung' ermögliche es den Neuankömmlingen, 'ohne Konflikte in der vorgefundenen Kultur aufzugehen'. Die brennenden Vorstädte im Frankreich des Jahres 2005 werden häufig angeführt."

In der Wiener Zeitung spürt Isolde Charim den Potenzialen eines linken Populismus nach: "In Frankreich zeigt sich gerade dieser Tage wie sich ein linker Populismus als Allianz der 'Souveränisten', als nationale Anti-EU-Allianz formiert. Vielleicht nicht der Königsweg aus der Krise. Wofür aber ist diese Tendenz ein Indiz? Dafür, dass das Versprechen der Sozialdemokratie, einen 'passiven popularen Konsens' (Stuart Hall) herzustellen, nicht mehr greift."
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