Efeu - Die Kulturrundschau

Die Macht sozialutopischer Ideengebäude

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24.10.2015. Die Kritiker ziehen den Hut: Auch in Stuttgart geht Frank Castorf aufs Ganze mit seiner Inszenierung von Platonows Revolutionsroman "Tschewengur". In der Welt beschreibt Sergej Lebedew die Stimmung in Russland und die Fehler der Perestroika. In der FAZ erklärt uns Raoul Schrott, warum wir die Ilias bisher falsch verstanden haben. Die taz steht staunend im Diskursraum der Malerin Amelie von Wulffen.

Bühne


Szene aus Andrej Platonows "Tschewengur" in der Inszenierung von Frank Castorf, Stuttgart. Foto: Thomas Aurin

Mit Andrej Platonows 1927 erschienenem Revolutionsroman "Tschewengur" im Gepäck debütiert Frank Castorf am Staatstheater Stuttgart "und erklärt den Schwaben die Revolution", schreibt Verena Großkreutz bei der Nachtkritik und liefert auch gleich die Eckdaten dazu: Der Abend dauert mit Pause knapp sechs Stunden und verprellt etwa ein Drittel des Publikums, dessen verbliebener Rest die Darbietung allerdings feiert. Doch "gefällt's? Versteht man's? Ist es zu lang? Wie immer bei Castorf sind das nicht die zentralen Fragen. Sein Theater denkt. Und deshalb ist es."

In der Welt liefert Jan Küveler seine Kritik in Form eines "bolschewistischen Breviers", dem wir entnehmen, dass er sich amüsiert hat. Unter dem Stichwort "Utopie" heißt es jedenfalls: "Castorf gesteht zwar bei jeder Gelegenheit, dass er, weil er auch nicht weiß, was er sonst machen soll, gern in Paris Austern schlürft. Aber im Gegensatz zu den vielen müden Postmodernen unter den Regisseuren, die immer noch im Ende der Geschichte festhängen, geht Castorf in seinen Stücken aufs Ganze. Die Figuren sind windige Jämmerlinge, selbstdenunziatorische Monster, die sich nicht ohne Grund Kakerlakenkostüme anziehen. Aber wie bei den Ärzten ist ihre Gewalt nur ein stummer Schrei nach Liebe und einer gerechten Welt. Außerdem ist sie immer wieder ein absoluter Hingucker."

Jürgen Berger von der SZ hätte sein Bett gern eine Stunde früher erreicht. Doch "bevor der neueste Castorf-Abend derart zerfasert, ist man aber immer wieder ganz nah an einem Roman, den man wegen seiner lyrischen Sprachmacht gelesen haben sollte, und nicht selten wirkt er, als würden heutige, ganz aktuelle Problemlagen kommentiert. ... Castorf akzentuiert vor allem die Macht sozialutopischer Ideengebäude, die dem Wohl des Volkes dienen sollen, tatsächlich aber nur Diktaturen fördern und massenhaft Armut erzeugen." Christian Gampert, der verbal wahrscheinlich energischste Castorf-Kritiker hierzulande, bekundet im Deutschlandfunk, sich schrecklich gelangweilt zu haben und fordert den Kopf des Regisseurs: "Es wird Zeit, dass dieser Spuk ein Ende findet."

Weiteres: Heute wäre Christoph Schlingensief 55 Jahre alt geworden. Die Spex hat aus diesem Anlass nochmals das von Max Dax 2010 kurz vor Schlingensiefs Tod geführte Gespräch mit dem Film- und Theaterregisseur online gestellt.

Besprochen werden Andreas Kriegenburgs Inszenierung von Maxim Gorkis "Wassa Schelesnowa " am Theater Wien (Nachtkritik, FAZ), Vasily Barkhatovs Inszenierung von Modest Mussorgskys "Chowanschtschina" am Theater Basel (NZZ, FAZ), Valérie Lemerciers Ein-Frau-Schau im Pariser Théâtre du Châtelet (NZZ), Jeremy Wades im Berliner HAU aufgeführte Choreografie "Drawn Onward" (taz), der an John Cassavetes orientierte Projektabend "Opening Night :: Alles über Laura" am Münchner Residenztheater (Nachtkritik) und der Saisonauftat am Staatsballett Berlin (Tagesspiegel).
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Architektur

Bernhard Schulz (Tagesspiegel) und Elmar Schütze (Berliner Zeitung) stellen Volker Staabs Entwurf für die Erweiterung des Berliner Bauhaus-Archivs vor. Außerdem jetzt online bei der FAZ: Timo Johns Bericht seines Besuchs der neuen, gleißend-glänzenden Universitätsbibliothek in Freiburg.

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Stichwörter: Bauhaus, Freiburg, Volker Staab

Literatur

Der russische Schriftsteller Sergej Lebedew spricht im Interview mit der Welt über seinen neuen Roman "Menschen im August", der in Russland nicht erscheinen konnte, über die neue Angst der Menschen vor der Macht und über die Fehler der Perestroika: "Es ist erstaunlich, wie oft man damals über Gulag geschrieben hat. Aber der Ton dieser Texte war meistens missionarisch, man hat die Wahrheit auf eine sehr sozial-realistische Art verstanden. Es hieß: Die Wahrheit ist nun da, du musst sie akzeptieren und dich dadurch selbst erneuern! Diese Herangehensweise ist zwar moralisch richtig, aber auch sehr naiv. Denn die Wahrheit, mit der man da konfrontiert wurde, war nun einmal sehr unangenehm, und selbstverständlich gibt es einen Impuls, sie zu verdrängen. Ein Mensch, der dieser Wahrheit begegnet, ist nie zum Objekt der Literatur geworden."

In der FAZ wirft Lyriker und Mythenübersetzer Raoul Schrott mal wieder Jahrtausende europäischer Kulturgeschichte um und das anhand einer einzelnen Verszeile, die nach Schrotts Bekunden bis heute - auch von ihm - falsch übersetzt wurde: Nicht Achilles sei demnach im Einstieg von Homers "Ilias" zornig und der griechische Dichter kommandiere auch keine Muse oder Göttin; vielmehr sei mit "Göttin" tatsächlich Themis gemeint, die ihrerseits Groll auf Achilles hege: "Damit gibt das Epos keinen Musengesang wieder, sondern ist an Themis adressiert. Homer wendet sich nicht mit einer gebieterischen Aufforderung an sie; er gibt vielmehr - einem Priester der Themis gleich - ihren Groll und seine Ursache wieder. Was er mit seinem Epos vorlegt, ist letztlich eine gegen Achilleus, Zeus' Plan und den Krieg gerichtete Anklage." Schrotts Vorschlag einer Revision der ersten Zeilen lautet daher:

"Groll verkünde, Themis, über Peleus' Sohn Achilleus und seinen Zorn:
richte ihn zugrunde, da er unsägliches Leid über die Achaier brachte
..."

Weiteres: In Telepolis versucht Ramon Schack vergeblich, Akif Pirinçci im Interview ein Wort des Bedauerns zu seinen kruden Thesen zu entlocken. Die FAZ hat Juli Zehs Plädoyer für Privatsphäre vom letzten Samstag online nachgereicht. Und mit Umberto Ecos neuem Roman "Nullnummer" geht der Online-Lesesaal der FAZ in die nächste Runde.

Besprochen werden Robert Schindels Gedichtband "Scharlachnatter" (NZZ), eine Neuauflage von Hugo Pratts Comicklassiker "Corto Maltese" (taz), Serhij Zhadans "Mesopotamien" (FR), Zeruya Shalevs "Schmerz" (taz), Harry Crews' "Florida For­ever" (taz), Otto Jägersbergs Lyrikband "Keine zehn Pferde" (FAZ), das Weltkriegs-Tagebuch von Astrid Lindgren (SZ, mehr) und ein Film über Feridun Zaimoglu in Istanbul, den das ZDF am Sonntag ausstrahlt (FAZ).

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Archiv: Literatur

Film

Das Kuratorium der Berliner Filmhochschule dffb hat sich für Ben Gibson als neuen Direktor entschieden, meldet Jan Schulz-Ojala im Tagesspiegel. Für den Tagesspiegel spricht Jana Demnitz mit Archil Khetaguri, dem Direktor des Internationalen Dokumentarfilmfestivals in Tiflis. Besprochen wird Michal Rogalskis "Unser letzter Sommer" (Tagesspiegel).
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Musik

In der Welt porträtiert Manuel Brug den Sänger Valer Sabadus und staunt, wie umstandslos man heute Countertenor wird: "Valer Sabadus begann seine musikalische Ausbildung zunächst mit Geige und Klavier, nahm aber bereits als 17-Jähriger sein Countertenor-Studium auf, wiederum in München, wo man damit eigentlich sonst wenig zu tun hat. 'Ich wollte so singen wie Andreas Scholl, den ich auf Platte gehört hatte, und ich merkte, dass ich ziemlich einfach in dessen Höhenlage kam, und sogar noch darüber hinaus.' So einfach erklärt heute ein junger Sänger eine solche nach wie vor nicht ganz alltägliche Entscheidung für ein Stimmfach von vieren für einen Mann, die früher noch Irrungen und Wirrungen, Stirnrunzeln und Zweifeln erzeugte, höchstens in Basel oder an einem anderen Hort der Alten Musik gelitten war."

Hier ist er mit Hasse zu hören:



Weitere Artikel: Für die taz spricht Julian Weber mit der Popmusikerin Joanna Newsom (mehr zu deren neuem Album "Divers" hier und hier). Im Rolling Stone giftet Wolfgang Zechner schön böse gegen den Konsens-Austro-Hype Wanda: Deren Musik sei "die Kirche von Satan". Für The Quietus holt Matt Evans das vor 20 Jahren veröffentlichte Album "Disco Volante" von Mike Pattons Avantgarde-Projekt Mr. Bungle nochmal aus dem Plattenschrank. In der SZ porträtiert Harald Eggebrecht den Cellisten Matt Haimovitz.

Besprochen werden der von Dagmar Brunow herausgegebene Reader "Stuart Hall: Aktivismus, Pop und Politik" (Skug), ein Konzert der Melvins (The Quietus) und diverse neue Popveröffentlichungen, darunter das neue Album von Deerhunter (ZeitOnline).

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Kunst


Amelie von Wulffen "Ohne Titel", 2003

Die Ausstellung von Amelie von Wulffens Bildern in der Münchner Pinakothek der Moderne in München versetzt tazlerin Annegret Erhard in eine Erzählkapsel zur Geschichte der Malerei Wulffens: "Der große Saal, in dem die Bilder und Zeichnungen, die Objekte und Rauminstallationen, die Filme versammelt sind, kann auf ideale Weise - und auf Anhieb - als schon auch provozierender, schwer zu kontrollierender Diskursraum verstanden werden. Dem Aufmerksamen wird er zur Erzählkapsel. Die Werke zeichnen einen Weg nach, der von der Fotografie und Malerei verbindenden Collage über die Zeichnung wieder zur Malerei führt, mit Überkreuzungen, die von Skepsis, Rückbesinnung und steter Suche erzählen."

Ralf Hanselle von der taz staunt beim Besuch der Ausstellung im Martin-Gropius-Bau in Berlin, dass die Fotografin Germaine Krull im Lauf ihres Lebens "immer dort [war], wo die Geschichte spielte." Wobei diese Anekdoten das ästhetische Werk dann offenbar doch an Glanz überstrahlen. "Von der Größe der Fotografin [spürt man] vergleichsweise wenig. ... Der esprit moderne, mit dem die französische Presse damals die 'verwirrende Schönheit der elektrischen Stromabnehmer' und die 'zauberhaften Kugellager' in den Himmel gelobt hatte, will sich in den drei Ausstellungsräumen nicht recht entfalten." (Bild: Germaine Krull: Alte Architektur: Druck der Uhrzeit, 1928. © Estate Germaine Krull, Museum Folkwang, Essen)

Weitere Artikel: In der Welt berichtet eine beeindruckte Inga Pylypchuk von der Kiew-Biennale: "Es hat in letzten Jahren in der Ukraine kaum eine andere Ausstellung gegeben, die in dem Umfang und mit so viel Intervention im öffentlichen Raum der Krise ins Gesicht geschaut hätte." Robert Misik berichtet in der taz, wie die Spielstätte des Wiener Urbanize-Festivals kurz vor Beginn zur Flüchtlingsunterkunft umgewidmet wurde, das Festival aber dennoch stattfand: Das Resultat war "eines der eigentümlichsten Projekte in diesen Wochen der 'Flüchtlingswelle' - ein Flüchtlingshaus, in dem Stadttheorie, Kunst, architektonische Praxis und humanitäre Hilfe zusammenwuchsen." Für die SZ porträtiert Thomas Steinfeld den italienischen Kunsthistoriker Tomaso Montanari, der sich energisch gegen die Dienstbarmachung der Kunst durch staatliche und kommerzielle Interessen ausspricht.

Besprochen werden eine Ausstellung zum Werk des Architekten und Set-Designers Chaim Heinz Fenchel im Centrum Judaicum in Berlin (NZZ), die Ausstellung "Das St. Galler Altmeisterwunder" im Kunstmuseum St. Gallen (NZZ), die Zurbarán-Ausstellung in Düsseldorf (online nachgereicht von der FAZ) und die Ausstellung "Global Games" im ZKM Karlsruhe (FAZ).
Archiv: Kunst