9punkt - Die Debattenrundschau

Eine Institution schafft sich ab

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
22.10.2015. Tut uns leid, Einstein, aber Quantenspuk existiert, meldet die New York Times. Der Kollaps der Volkskirche ist eine Sache von Jahren, meint die FAZ (aber finanziell geht's der katholischen Kirche prächtig). In Hundertvierzehn.de macht sich Yu Hua Sorgen um seine Lunge. In der SZ verweist Okwui Enwezor auf die Hard Power der Soft Power im Kunstbetrieb. In New Eastern Europe erklärt der ehemalige Putin-Berater Andrei Illarionow, warum Putin in Europa so beliebt ist.

Europa

Scharf kritisiert Kenan Malik in seinem Bog die "Counter Extremism Strategy" der britischen Regierung, der er vorwirft, bloße Ansichten bestrafen zu wollen: "Die Regierung schlägt vor, Menschen nicht erst wegen eines Verbrechens oder der Anstachelung zur Gewalt einzusperren, sondern schon, weil sie Werte verfechten, die die Regierung verabscheut. Um Demokratie, Meinungsfreiheit und Toleranz zu verteidigen, schränkt sie Demokratie, Meinungsfreiheit und Toleranz ein."
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Ideen

"Tut uns leid, Einstein, Quantenspuk existiert", berichtet John Markoff in der New York Times: "In einer wegweisenden Studie haben Wissenschaftler der Technischen Universität Delft ein Experiment durchgeführt, das nach ihrer Aussage eine der wesentlichen Behauptungen der Quantentheorie belegt - nämlich dass Objekte in großer Entfernung unmittelbar aufeinander einwirken können."

Weiteres: Bei seiner Festrede zum erstmals vergebenen Schirrmacher-Preis extemporierte Preisträger Hans Magnus Enzensberger über den Begriff des Schwarms: Nachzulesen in der NZZ. In der SZ stellt Joseph Hanimann jüngste Untergangsszenarien französischer Intellektueller vor.
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Internet

Google wird mit Youtube Red Streamingdiensten wie Netflix Konkurrenz machen, berichten Golem und viele andere Medien: "Der werbefreie Zugang zu Youtube wird auch Downloads der Videos erlauben. Das gab die Google-Tochter am 21. Oktober bekannt. Der Dienst wird 10 US-Dollar im Monat kosten. Youtube werde eigene Serien und Filme anbieten, die zuerst auf Youtube Red laufen."
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Religion

Der Staat unterhält mit Abermillionen von Euro (die nicht aus Kirchensteuern stammen) theologische Fakultäten an den Unis, wo sich eine ganze Menge Professoren tummeln, aber es mangelt an Nachwuchs in der katholischen Kirche, konstatiert Daniel Deckers in der FAZ: "Der Kollaps der vertrauten, um die Pfarrkirche zentrierten Volkskirche ist mittlerweile nicht mehr eine Frage von Jahrzehnten, sondern von Jahren. Nicht nur das: Inzwischen fehlt es überall an Geistlichen, die nur annähernd geeignet sind, die wenigen Führungspositionen in der Verwaltung oder Leitung eines Bistums auszufüllen, die Klerikern vorbehalten sind - Bischofsämter eingeschlossen. Eine Institution schafft sich ab." Dafür ist das Kirchensteueraufkommen der katholischen Kirche inzwischen auf prächtige 5,5 Millarden Euro gewachsen, wie Deckers vergisst zu erwähnen.
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Politik

Andrei Illarionow, von 2000 bis 2005 Wirtschaftsberater Putins, heute am Cato Institute in Washington, erklärt im Interview mit dem Magazin New Eastern Europe, warum Putin in Europa doch erstaunlich viele Freunde hat: Von Marine Le Pen bis Gerhard Schröder. "Anders als der Kommunismus, der der europäischen Kultur eher fremd war, auch wenn er seine Wurzeln in der europäischen Geschichte hatte, ist Putins sizilianische Herrschaftsweise Europa viel vertrauter. Das ist auch der Grund, warum sie so schwer zu bekämpfen ist. Die sizilianische Mafia ist bis jetzt nicht niedergekämpft worden. In Italien ist sie sehr lebendig. Wir sehen diese Verhaltensweise in vielen europäischen Staaten wie Griechenland, Bulgarien oder Ungarn. Selbst in den baltischen Staaten gibt es Elemente dieser Haltung. Sie ist also nicht nur bezeichnend für Russland oder die russische Psyche."

Kristin Helberg trägt für die taz zusammen, was man über Wladimir Putins segensreiches Wirken in Syrien bisher sagen kann, ein kleines Detail: "Im Norden (Aleppos) feuerte Russland Raketen auf vier von den Rebellen kontrollierte Orte ab und vermied es dabei, die nahe gelegenen Stellungen des 'Islamischen Staats' (IS) zu treffen. Sowohl das Regime als auch die Dschihadisten konnten daraufhin auf Aleppo vorrücken. Russland stelle dem IS eine Luftwaffe, urteilten internationale Beobachter, und übernehme damit Assads Strategie. Dessen Kampfjets bombardierten bereits mehrfach Orte, die gleichzeitig vom IS am Boden angegriffen wurden." Ein Reuters-Bericht bestätigt diesen Eindruck: "Vier Fünftel dr russischen Angriffe in Syrien gelten nicht dem Islamischen Staat."

Yu Huas Lunge sieht nicht so gut aus. Bei hundertvierzehn.de schreibt der chinesische Autor über Luftverschmutzung und das Aufsehen, das amerikanische Berichte über Feinstaub in China 2012 erregten: "Die Messwerte, die die amerikanische Botschaft in Peking und die diversen amerikanischen Konsulate in China veröffentlichten, sorgten damals in der Bevölkerung für Unmut. Daraufhin beschuldigte der stellvertretende Umweltminister Wu Xiaoqing die amerikanische Botschaft, ihre Messungen hätten internationale Übereinkommen und chinesisches Recht verletzt."

Trotz des Fehlschlags der ägyptischen Revolution unter den Muslimbrüdern und der nachfolgenden Normalisierung unter Präsidenten Abdel Fattah al-Sisi will Alaa al-Aswani im Gespräch mit Andrea Backhaus von der Welt die Hoffnung nicht aufgeben: "Das ist auch eine Generationsfrage. Die Jüngeren sind viel kritischer dem Staat gegenüber. Sie waren Teil der Revolution, sie sind mutiger. Sie wollen keine Kompromisse mehr. In jedem Haus in Ägypten findet man heute diesen Generationskonflikt. Außer in meinem Haus, denn ich bin ein Revolutionär und meine Kinder sind es auch."
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Kulturpolitik

Catrin Lorch zieht mit Okwui Enwezor in der SZ Bilanz der Biennale von Venedig. Er sagt einige interessante Dinge über Kunstmarkt und Kulturpolitik: "Der Markt ist tatsächlich weniger involviert als viele andere Förderer, die man aber fraglos akzeptiert: Wer hat denn das britische Kunstwunder begründet? Das British Council mit seiner klugen Förderpolitik. Hinter dem Nordic Miracle stehen Sponsoren, die ein Interesse an der Kunst hatten. Das Goethe-Institut ist einer der einflussreichsten Mitspieler überhaupt. Wir überschätzen den Einfluss des Marktes und schauen nicht auf diese Soft Power, die eben zuweilen auch Ideologie im Gepäck hat."

Außerdem befassst sich Andreas Kilb in der FAZ kritisch mit dem in Berlin tagenden CyArk-Projekt, einer Non-Profit-Organisation, die antike Stätten scannen und die Informationen für das Gedächtnis der Menschen erhalten will.