Efeu - Die Kulturrundschau

Europa war ein Grammofon mit Trichter

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25.07.2015. In der Welt erklärt der bulgarische Autor Georgi Gospodinov das Wunder der Literatur. Und Laurence Kardish, Kinokurator des Moma, erklärt, warum das Filmesammeln immer teurer wird. in Parlons Piano spricht der Sieger des Tschaikowsky-Wettbewerbs, Lucas Debargue, über seine klavierlosen Jahre. Die NZZ lernt in der Lausanner Ausstellung "reGeneration", was ein gutes Foto ausmacht. In Bregenz amüsieren sich die Kritiker bei einer maximal mitreißenden Inszenierung von "Hoffmanns Erzählungen".

Kunst


Angelica Dass, Humanae (work in progress)

Wozu braucht man Fotografieschulen, wenn jeder heute mit Hilfe der digitalen Technik gute Bilder machen kann? Was macht heute überhaupt ein gutes Foto aus? Das fragt derzeit die Ausstellung "reGeneration3" im Musée de l"Elysée in Lausanne. Es ist "die Konsequenz, mit der ein Künstler seinen Ansatz verfolgt", lernt NZZ-Kritiker Samuel Herzog aus den 50 dargebotenen Werkgruppen. Ein Beispiel dafür ist Angélica Dass aus Brasilien, die für ihre Serie "Humanae" Menschen aus aller Welt möglichst neutral porträtiert hat: "Dafür aber montiert die Künstlerin hinter jeden Kopf einen monochromen Hintergrund - einen Ton aus dem Farbfächer von Pantone, welcher der Haut der Person entspricht. Damit rückt die Künstlerin die Hautfarbe und folglich die Ethnie der Porträtierten in den Mittelpunkt, hängt die Bilder aber dann so neben- und übereinander, dass sie - theoretisch zumindest - mit der steten Vergrösserung der Serie auch mehr und mehr zu Farbklecksern werden, zu Teilen einer übergeordneten Malerei." (Auf Vimeo erklärt sie ihr Projekt)

Arno Widmann (FR) staunt beim Besuch des Pitt Rivers Museum in Oxford: Die "hölzernen Schaukästen, in denen alles ungeordnet neben allem steht, wirken wie aus dem tiefsten 19. Jahrhundert, in Wahrheit aber sind sie moderner als alle anderen Präsentationsformen in anderen Museen. ... [Sie] sortieren die Welt so eigenwillig wie Borges" chinesische Enzyklopädie."

Weiteres: Werner Spieß besucht für die Welt die Michel Leiris gewidmete Ausstellung im Centre Pompidou in Metz. Alexander Jürgs (Freitag) entdeckt in den aktuellen Ausstellungen in Frankfurt und München über die Malerei und die Subkultur der Achtziger Jahre in der BRD deren "dunkle Seite". Dirk Pilz (FR) bespricht Johannes Rauchenbergers Buch "Gott hat kein Museum: Religion in der Kunst des beginnenden 21. Jahrhunderts". In der FAZ berichtet Thomas Eller von seiner Begegnung mit Ai Weiwei, dem die chinesischen Behörden kürzlich seinen Reisepass wieder ausgehändigt haben. ir
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Literatur

In seiner Poetikvorlesung für die Humboldt-Universität denkt der bulgarische Autor Georgi Gospodinov darüber nach, wozu Literatur gut ist. So lehrt sie Empathie. Das lehrte ihn als Kind sein Großvater, der im Zweiten Weltkrieg als Soldat in Serbien und Ungarn gewesen war: "Eine Handvoll ungarische Wörter hat er von der Front mit nach Hause gebracht. Seine Kriegsbeute, gewissermaßen. Eine Art Grundwortschatz: Brot, Wein, Wasser, Danke, schön, auf Wiedersehen. Szervusz, kenyér, bor, víz, köszönöm, sír, ėg veled. Er hütete diesen Schatz wie einen Satz Silberlöffel. Von den Kämpfen erzählte er nie, obwohl ich ihn als Junge deswegen gelöchert habe. Nein, er erzählte von den Leuten, bei denen er einquartiert war, ihrem Grammofon, auf dem ein Trichter thronte, von der Stille in dem fernen Haus, der Musik, die sie dort hörten. Europa war eine Handvoll wohlbehüteter fremder Wörter. Europa war ein Grammofon mit Trichter."

Weitere Artikel: Dirk Knipphals freut sich in der taz, dass die Märchen der Gebrüder Grimm nun nicht nur komplett ins Englische übertragen, sondern im Zuge in den USA auch erhellend besprochen wurden. Wilhelm von Sternburg erinnert in der FR an die vor 65 Jahren gestorbene Schriftstellrin Elisabeth Langgässer. In der FAZ spricht Lisa Goldmann mit dem Autor John Green unter anderem über achtsame Internetcommunities, die sich auch um seine Youtube-Kolumnen scharen. Und Mara Giese verweist in ihrem Litblog Buzzaldrins, auf ein Feature über Literaturblogs von Sieglinde Geisel im Dradio Kultur.

Besprochen werden Klas Östergrens Erzählband "Ins Licht gerückt" (Jan Koneffke stellt ihn in der NZZ vor), Ulrich Peltzers "Das bessere Leben" (taz), Harper Lees "Gehe hin, stel­le einen Wächter" (taz), Chigozie Obiomas "Der dunkle Fluss" (taz), Olivia Viewegs Comic "Schwere See, mein Herz" (Tagesspiegel) und Lily Kings "Euphoria" (FAZ, mehr).
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Bühne


Jacques Offenbach: Hoffmanns Erzählungen. Foto: Bregenzer Festspiele/ Karl Forster

Burleske Sinnesfreuden, zufriedene Kritiker: Bei den Bregenzer Festspielen stand Stefan Herheims lebenspralle Inszenierung von Offenbachs Oper "Hoffmanns Erzählungen" auf dem Programm. Frederik Hanssen vom Tagesspiegel fühlte sich von diesem "maximal mitreißenden, theatralisch effektvollen und auch noch herrlich anzusehenden" Abend prächtig unterhalten: "Dazu lassen die Wiener Symphoniker unter Johannes Debus Offenbachs Melodien leuchten, sorgen mit französischem Charme dafür, dass auch die wüstesten optischen Exzesse oben auf der Bühne nie ihre spielerische Leichtigkeit verlieren." Im hinzugedichteten Epilog sieht Stephan Hebel (FR) zwar "eine ehrliche, aber vielleicht doch unnötige Kapitulation" und auch wenn Hebel nicht rundum begeistert war, bescheinigt er "einen großen Opernabend und eine genussvolle Strapaze". Eleonore Büning (FAZ) sah ein "wahres Irrenhaus an Assoziationsclustern". "Was ist Schein, was Sein? Keiner blickt mehr durch, aber es macht Spaß", kapituliert Manuel Brug in der Welt. "Zu korrekt und geläufig", kritisiert Daniel Ender im Standard die Inszenierung, um gleich danach den Sängern ein Loblied zu singen.

Ansonsten alles Wagner heute. Anders als Karin Leydecker und Udo Bermbach, die beide in der NZZ die renovierte Villa Wahnfried und die neue Wagner-Ausstellung heftig kritisierten, meint Welt-Korrespondent Manuel Brug: "Kein Zweifel, die neue Wagnergedenkstätte ist gelungen." Das SZ-Feuilleton ist heute fast völlig Wagner gewidmet: Michael Stallknecht spricht mit Katharina Wagner, deren "Tristan und Isolde"-Inszenierung heute die Festspiele eröffnet und die Stallknechts Fragen souverän abperlen lässt. Gesprächiger ist Tenor Stephen Gould, der den Tristan singt: Er verspricht im Interview eine "moderne" Regie (mehr dazu gestern in der Welt). Reinhard Brembeck führt in die klangliche Welt von "Tristan und Isolde" ein. Christiane Lutz trifft sich mit dem Berliner Tenor Tansel Akzeybek, der als Bayreuth-Debütant in der Rolle des Seemanns die Festspiele gesanglich mit hart angeschlagenen Konsonanten eröffnen wird. Kathleen Hildebrand flaniert durch die Bayreuther Werkstatt, wo ihr neben Handwerkern aus ganz Deutschland auch "viele Dutzend Gummi-Rattenschwänze" begegnen. Jens Malte Fischer liest Udo Bermbachs Biografie über Houston Stewart Chamberlain, den Ehemann von Wagners Tochter Eva und Autor seinerzeit populärer Rassekunde-Bücher, die auch Hitlers Menschenbild prägten (mehr in 9punkt). Und der Bamberger Kunst- und Antiquitätenhandel zehrt gut von den Gästen in Bayreuth, hat Dorothea Baumer in Erfahrung gebracht.

Abseits des Grünen Hügels: Eberhard Spreng (Tagesspiegel) resümiert das Theaterfestival Avignon. Das Theater der Migranten bringt in Berlin-Neukölln Josephs Conrads "Herz der Finsternis" mit dem Floß aufs Wasser, berichtet René Hamann in der taz. Besprochen wird zudem der Frankfurter Molièreabend "Der tollkühne Theaterdirektor oder: Die Lieb macht dappisch" (FR).
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Archiv: Bühne

Film

Im Interview mit der Welt erklärt Laurence Kardish, vierzig Jahre lang Kinokurator des MoMa und Spezialist für deutsche Filme, warum das Sammeln neuer Filme immer teurer wird, obwohl der digitale Dreh immer billiger wird. "Mit dem Siegeszug des Digitalen sind viele, die sich früher als "Filmemacher" bezeichnet hätten, zu "digitalen Künstlern" geworden. Viele, die heute zur filmischen Avantgarde zählen, sind mehr daran interessiert, in Galerien als im Kino gezeigt zu werden. ... Dieses Sammeln ist viel teurer als früher. Nehmen Sie einen 16-Millimeter-Film vor zehn Jahren. Den hat das Museum zum dreifachen Preis der Laboratoriumskosten gekauft. Jetzt aber haben wir es mit Kunstwerken zu tun, die von Galerien vermarktet werden und deren Preis bei Versteigerungen bestimmt wird. Das Sammeln ist also zu einer ökonomischen Frage geworden."

Für die taz plaudert Christina zur Nedden mit dem nach zahlreichen Einsätzen mittlerweile sehr routinierten "Tatort"-Mörderdarsteller Florian Bartholomäi, dem es im deutschen Filmschaffen sichtlich an Science Fiction mangelt: "Klar können wir visuell nicht mit den Amerikanern mithalten, aber uns fehlt allein das Gedankenkonstrukt. ... So etwas könnte in Deutschland ruhig mehr gemacht werden, aber hier tendiert man eher zum Realismus."

Weiteres: Im Tagesspiegel porträtiert Gunda Bartels die legendäre Berliner Promi-Fotografin Erika Rabau, über die gerade auch ein Dokumentarfilm im Kino angelaufen ist. Besprochen werden Matthias Wannhoffs Studie "Unmögliche Lektüren" über die Filme Michael Hanekes (Filmgazette) und Marvels neuer Superheldenfilm "Ant-Man" (FAZ).
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Musik

(Via Slipped Disc) Ja, sagt der Sensationssieger des Tschaikowsky-Wettbewerbs, Lucas Debargue im Interview mit Parlons Piano, er hat einmal drei Jahre lang gar nicht Klavier gespielt: "Höchstens mal, wenn ich mich mit Freunden traf, berührte ich ein Kalvier um zu improvisieren, das war sehr selten. Ich habe mit 16 komplett aufgehört, mein Leben hat sich radikal verändert. Ich habe Musik in anderer Weise fortgeführt - ich habe Bass gespielt." Und ja, er hat im Supermarkt an der Kasse gesessen: "Zwei Jahre lang, halbtags." Der Yamaha in dieser Einspielung von Ravels wunderbarem "Gaspard de la Nuit" klingt zwar ein bisschen schrill, aber Debargue spielt unglaublich transparent.



Voller Neid blickt Oliver Tepel (Freitag) nach Großbritannien, wo es anders als hierzulande noch Klassenbewusstsein gebe, wie ihm das neue Album der berüchtigten Gossenrotzer Sleaford Mods offenbart. Deren Schimpftiraden und verbale Mittelfinger entsprächen der prekären Lage politischer Artikulation - ein "bleiern düsteres Eingeständnis: Auf Befreiung gibt es derzeit keine Hoffnung. Die Sleaford Mods rütteln nicht auf, sie spucken Galle. Dass allein diese Tonart der politischen Popmusik bleibt, ist nun schon 30 Jahre so", stellt Tepel unter Verweis auf den niedergerungenen britischen Bergarbeiterstreik im Jahr 1985 fest. Zum Trost: Das aktuelle Musikvideo:



Für The Quietus wirft J.J. Anselmi einen Blick ins Kino, das sich in den vergangenen Jahren wieder zunehmend für Metalfans interessiert. Außerdem verschafft Aug Stone (The Quietus) einen Überblick über walisisch gesungenen Pop.

Besprochen werden die Box "Miles Davis At Newport 1955-1975" (Pitchfork), Andreas Spechtls Solodebüt "Sleep" (Spex, Tagesspiegel), das Album "Love is Free" von Robyn & La Bagatelle ­Magique (taz), das neue Album von James Taylor (FR) und ein Konzert von Van Morrison (Tagesspiegel, Berliner Zeitung).
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