Efeu - Die Kulturrundschau

Master-Narrative der Macht

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30.06.2015. Wird immer noch gefeiert: "Mount Olympus", Jan Fabres 24stündiger Ritt durch die griechische Mythologie, lässt das Fleisch der taz vibrieren, Zeit online bekommt Lust auf Leben. Die NZZ feiert den italienischen Schriftsteller Ippolito Nievo. Die FAZ bewundert Humor und Leichtigkeit der Künstlerin Lea Lublin. Endlich wieder historische Fassaden in der Architektur statt der Hungerstil der Moderne, freut sich die Welt.

Bühne


Troubleyn / Jan Fabre: "Mount Olympus" to glorify the cult of tragedy (a 24h performance). Antony Rizzi, Mélissa Guérin, Gillet Polet. Foto: © Wonge Bergmann

Nach einer Mütze Schlaf setzt jetzt der zweite Schwung von Theaterkritikern nach, die Jan Fabres monumentale 24-Stunden-Aufführung "Mount Olympus" in Berlin (erste Kritiken in unserer gestrigen Kulturrundschau) gesehen haben. Der Tour-de-Force-Ritt durch die griechische Mythologie zehrte mit dionysischen Ausschweifungen an den Kräften: Katrin Bettina Müller (taz) etwa steht, jubelt und klatscht euphorisch auf, wenn die prächtig funkelnden Tänzer "in einem letzten wilden Beat das Fleisch vibrieren lassen" und schlicht großartig fand sie es, wie die Performer "das Wildwerden der von Dionysos in die Wälder gelockten Menschen umsetzen, wie sie Wald werden".

Ekstase ist längst eine Lifestyle-Werbevokabel geworden, hier aber lernt man, was die Griechen mit dem Wörtchen wirklich meinten, belehrt uns Eva Biringer auf ZeitOnline, nämlich: "tanzen, lieben, sich verzehren. Ihnen verdanken wir ein Theater, das menschliche Abgründe durchlebt und die Zuschauer durch bloßes Zusehen von ihren eigenen erlöst." Wenn sie es denn aushielten. Viele strömten offenbar weg aus dem Saal hin zur Schnapsbar. Aber das war auch okay, meint Biringer: "Paradoxerweise ist das Verhältnis der griechischen Tragödie zum menschlichen Dasein ein affirmatives: Das Leid macht Lust auf Leben."

In der FAZ dankt Simon Strauss für "die besondere Mischung aus Archaik und Sinnlichkeit", die diesen schlicht "großartigen" Abend kennzeichnete. Und im Blog der Berliner Festspiele hat Jochen Werner, nebenbei auch Perlentaucher-Filmkritiker und mittlerweile erprobt, was Langzeitexperimente solchen Unfangs betrifft, wieder ein buchstäblich minutiöses Tagebuch geführt: Zum Ende hin bezeugt er "Euphorie und müde, glückliche Gesichter allüberall".



Von Griechenland nach Afrika: In Berlin fand der zweite Teil von Milo Raus "Kongo-Tribunal" statt. Dirk Pilz (FR) und Elise Graton (taz) berichten sachlich in guter Chronistenpflicht über den als Theater getarnten Prozess über Schuld und Verantwortung an der menschgemachten Katastrophe der letzten 20 Jahre in Kongo. Peter Laudenbach (SZ) sieht die zweitägige Veranstaltung im größeren Zusammenhang jüngeren künstlerischen Schaffens, das politischen Aktivismus mit Kunst verschmilzt: "Die schwächeren dieser Arbeiten (...) demonstrieren vielmehr, dass sie zur Wirklichkeit eher ein parasitäres als ein an Aufklärung interessiertes Verhältnis haben." Michael Wolf, der für die Welt das Kunst-Protest-Festival "48 Stunden Neukölln" besucht hat, sieht das ähnlich.

Weitere Artikel: Patrick Wildermanns Bilanz der Autorentheatertage in Berlin fällt im Tagesspiegel sehr positiv aus: Der "gute Festivaljahrgang" bot mit Tugsal Moguls am Theater Münster entstandenem NSU-Stück "Auch Deutsche unter den Opfern" zudem eine beeindruckende Entdeckung. Michaela Schlagenwerth (Berliner Zeitung) porträtiert die Theatermacherin Angelíca Liddell, die an einem "persönlichen, obsessiven Theater der Grausamkeit" arbeitet. Sylvia Staude (FR) berichtet vom Stuttgarter "Colours"-Tanzfestival. In der Berliner Zeitung stellt Abini Zöllner die Schweizer Theatergruppe Mummenschanz vor, die mit ihren stummen Aufführungen demnächst an der Komischen Oper in Berlin gastiert.

Besprochen werden die Tino-Sehgal-Schau im Berliner Gropiusbau (SZ), Christiane Pohles Inszenierung von Claude Debussys "Pelléas et Mélisande" für die Münchner Opernfestspiele (SZ, FAZ) und John Neumeiers in Hamburg aktualisierte Choreographie "Peer Gynt" (FAZ).
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Design

Für die FAZ hat Wilhelm E. Opatz im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt am Main die Ausstellung von Galina Balaschowas Entwürfen für sowjetische Raumschiffe besucht (mehr dazu in unserer gestrigen Kulturrundschau).
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Literatur

Die Lektorin Katharina Raabe, die uns mit osteuropäischen Autoren wie Juri Andruchowytsch, Joanna Bator, Katja Petrowskaja und Andrzej Stasiuk bekannt gemacht hat, wird mit dem Deutschen Sprachpreis ausgezeichnet. Im Interview mit der FAZ erzählt sie, wie sie Autoren auswählt - nicht, weil sie etwas über ihr Land erzählen, "es ist andersherum. Ich suche Autoren, die uns etwas über uns erzählen, aber so, dass wir uns daran erinnern, dass wir eine weit längere, vertracktere Geschichte in uns tragen, als es den Anschein hat. Die Arbeit dieser Autoren muss sich in unsere literarischen Kontexte einfügen lassen. Wenn sie dann noch, wie zum Beispiel die Ukrainer, viel über ihr kaum bekanntes Land zu sagen haben, ist das ein Glücksfall."

Wolfgang Tischer eröffnet sein jährliches Literaturcafé-Videopodcast vom Bachmann-Wettbewerb mit einem Vorbericht, den wir hier einbetten:



In der NZZ feiert Maike Albath die Erzählungen des italienischen Klassikers Ippolito Nievo, die jetzt in der Sammlung "Am Ufer des Varmo" erschienen sind: "In einem Land, das die meisten Analphabeten und die höchste Zahl von Universitäten in ganz Europa aufwies, sah er unter den Bauern und Handwerkern ein Potenzial für gesellschaftliche Erneuerung. Das Volk aktiv in den Prozess der Einigung mit einzubeziehen, sei Aufgabe der aufgeklärten Demokraten. Seine Position war für damalige Verhältnisse radikal, denn die Überwindung sozialer Spaltungen stand für ihn an erster Stelle."

Weitere Artikel: Amos Oz und seine Übersetzerin Mirjam Pressler erhalten für den Roman "Judas" den Internationalen Literaturpreis Berlin, was Gerrit Bartels (Tagesspiegel) für "eine sehr naheliegende, aber keine richtig gute Entscheidung" hält: Nicht, weil der Roman dies qualitativ nicht hergebe - ganz im Gegenteil -, sondern weil die anderen Kandidaten den mit dieser Auszeichnung einhergehenden Aufmerksamkeitsschub sicher nötiger gehabt hätten als Oz" Bestseller. Ein israelisches Gericht hat jetzt in zweiter Instanz entschieden, dass der Nachlass von Max Brod an die Jerusalemer Bibliothek gehen soll, meldet der Standard. Milo Rau gratuliert in der NZZ dem Schweizer Dichter, Übersetzer und Essayist Philippe Jaccottet zum 90. Geburtstag.

Besprochen werden unter anderem Ed Brubakers Comic "Velvet" (Tagesspiegel), Andre Wilkens" Buch "Analog ist das neue Bio" (dem Mia Eidlhuber im Standard eine ausführliche Besprechung widmet) sowie Anton Tantners Band über Adressbüros und George Dysons Buch über den ersten programmierbaren Großcomputer (Standard).
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Musik

Felix Zwinzscher unterhält sich für die Welt mit den Rappern von K.I.Z. über deren neues Album. Manuel Brug macht in der Welt noch einmal deutlich, dass er sich wirklich auf Kirill Petrenko als neuen Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker freut.

Besprochen werden das große, in der RBB-Mediathek abrufbare Waldbühnenkonzert der Berliner Philharmoniker (Tagesspiegel, Berliner Zeitung), ein Konzert Bob Dylans im Burgenland (Standard), das Konzert des Pianisten Andras Schiff in der Zürcher Tonhalle (NZZ), das Freiluftkonzert des Deutschen Symphonie-Orchesters auf dem Gelände des BER-Flughafens (Tagesspiegel) und das neue Album von Dawes (FAZ).
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Kunst

In der ersten Lea-Lublin-Retrospektive überhaupt, die derzeit im Lenbachhaus in München zu sehen ist, gilt es eine beeindruckende, politische, sehr selbstbewusst auftretende Künstlerin wiederzuentdecken, schwärmt Brita Sachs in der FAZ: "Enttäuscht von der politischen Unwirksamkeit ihrer kriegs- und nuklearkritischen, aber in den Gemächern der Sammler zahnlos dämmernden Bilder, gab sie die Malerei auf. Ab jetzt wird sie immer versuchen, den Betrachter aus seiner passiven Rolle zu locken und aktiv einzubeziehen. Mit Handpumpe und Scheibenwischer an Reproduktionen von Kultbildern wie der Mona Lisa befestigt, fordert Lublin ihn zur Bildwäsche auf, er soll sich Klarsicht verschaffen, um den Ikonenstatus aufzubrechen und Bildinhalte zu hinterfragen. An Humor und Leichtigkeit fehlt es dieser äußerst femininen Feministin (...) wahrlich nicht. "

In der taz unterhält sich Ingo Arend mit Katerina Gregos, der Kuratorin der fünften Thessaloniki-Biennale, über die Griechenland- und Schuldenkrise. Die Rolle der Kunst in dieser Situation deutet sie so: "Kunst ist vielleicht der letzte Ort nicht regulierten Denkens und Handelns in einer Zeit, wo alles kontrolliert und überwacht wird. Ich bevorzuge politische Kunst, die Ungleichheit beleuchtet, problematisches Handeln herausfordert, sich als Korrektur versteht. Die Frage ist: Wer setzt den dominierenden Master-Narrativen der Macht etwas entgegen?"

Besprochen werden eine Ausstellung zum Dichter, Ethnologen und Kunstkritiker Michel Leiris im Centre Pompidou-Metz (NZZ), eine Ausstellung von Johannes Gachnang in der Kienzle Art Foundation in Berlin (NZZ), die Ausstellung "Individual Stories. Sammeln als Porträt und Methodologie" in der Kunsthalle Wien (Standard) und die Ausstellung "Uneven Growth" im Wiener MAK (Standard).
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Architektur

Nach dem Krieg wollte man die zerstörten alten Städte gern ganz plattmachen, um mit breiten Straßen endlich Platz für all die neuen Autos zu schaffen. Heute hat sich der Trend umgekehrt, meldet hochzufrieden Dankwart Guratzsch in der Welt mit Blick auf Lübeck, wo eine Ausschreibung für neue Häuser in der Altstadt lauter historisierende Fassaden hervorgebracht hat: "Lange war behauptet worden, der "Hungerstil" der Nachkriegsjahre sei den erbärmlichen Lebensbedingungen der Enttrümmerungsjahre und der finanziellen Ausblutung Deutschlands geschuldet gewesen. Nichts davon ist wahr. "Sie jubelten die Zerstörung hoch und hielten sie für ein Menetekel dafür, dass wir alle sozialen Schäden, die wir durch die Städte bekommen hatten, nicht wieder bekommen dürften", gestand 1981 einer, der selbst dazugehört hatte: Rudolf Hillebrecht, dem Hannover die Auslöschung der Innenstadt verdankt."
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Film



So hervorragend kann der deutsche Fernsehkrimi sein, wenn man nur amerikanische Mavericks auf den Regiestuhl lässt und den Soundtrack an die Krautrocker von Can deligiert: Das Filmfest München zeigt Sam Fullers in den 70er Jahren in Bonn entstandenen "Tatort"-Film "Tote Taube in der Beethovenstraße" in der amerikanischen, rund eine halbe Stunde länger dauernden amerikanischen Fassung, die in SZ-Kritiker Fritz Göttler einen großen Bewunderer findet: Dieser Film sei "Erzeugung eines Raums, den keine Sprache zusammenfassen oder begreifen kann. Komprimierte Jahrzehnte Geschichte und Kinogeschichte - quasi der Höhepunkt der Nouvelle Vague, man könnte sagen: Fullers "Außer Atem"." Immerhin die deutsche Fernsehfassung gibt es, wenn auch nicht einbettbar, auf Youtube.

Außerdem: Gunda Bartels (Tagesspiegel) trifft sich mit der Regisseurin Neleesha Barthel, deren neuer Film "Marry Me" diese Woche anläuft.
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