9punkt - Die Debattenrundschau

Die vielen Ärzte waren oft schwul

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
29.06.2015. Im Tagesspiegel erklärt der Historiker Brendan Simms, wie Europa mit Blick auf die richtigen Vorbilder eventuell doch noch zu retten ist. Lieben muss man es so oder so, findet Richard Herzinger in der Welt. In der taz fragt die Toxikologin Anita Schwaier: Was meinen Sie, weshalb die Lerchen sterben? Slate.fr schildert den Zwiespalt französischer Medien gegenüber dem Front national.

Europa

Griechenland steht vor dem Kollaps, aber der britische Historiker Brendan Simms sieht im Tagesspiegel auch Europa in einer gewaltigen Existenzkrise und will die Vorstellung verabschieden, die EU könnte Schritt für Schritt aufgebaut werden: "Wir müssen begreifen, dass die politische Vereinigung Europas ein Ereignis sein muss und nicht ein Prozess. Wir sollten vom Vereinigten Königreich das Prinzip einer supranationalen Union übernehmen und von den Vereinigten Staaten den Ausgleich zwischen regionalen und föderalen Interessen. Die Eurozone sollte Vertreter für einen neuen Verfassungskonvent wählen, der alle bisherigen Vereinbarungen, einschließlich des deutschen Grundgesetzes, ersetzt. Im Anschluss daran sollte in allen Ländern gleichzeitig ein Referendum abgehalten werden und dann sofort eine vollständige Union - fiskalisch und militärisch - auf dem Kontinent entstehen."

Im Interview mit der Berliner Zeitung glaubt die Politologin Gesine Schwan hinter Schäubles harter Haltung den Versuch zu erkennen, sich ein Kerneuropa zurechtzuzimmern. In der SZ fängt Christiane Schlötzer die Stimmung in Griechenland ein, die zwischen Verzweiflung und "nationalpopulistischer Ekstase" schwanke.

Europabashing ist zur Zeit ja sehr in Mode, aber Welt-Autor Richard Herzinger will da nicht mitmachen: "So mies, fehlkonstruiert und unfähig die EU auch sein mag - sehe ich mir die sozialnationalistischen Gruselgestalten von links und rechts an, die gegenwärtig emsig dabei sind, sie zu demolieren, flammt in mir eine neue zärtliche Liebe zu der vermeintlichen Missgeburt auf."

Lena Bopp hat für die FAZ in Paris den Islamismusforscher Gilles Kepel getroffen, der über die dritte Generation von Muslimen in Frankreich spricht, die Generation der "Söhne", aus der auch die Gewaltbereiten stammen: "Ihr Ziel, so schrieb er damals, sei es gerade nicht mehr, einen Platz in der Gesellschaft zu erobern, in sie integriert zu werden. Sie empfänden Integration vielmehr als Angriff auf ihre Identität und lehnten mit ihr auch die vor allem laizistische Republik als Ganzes ab. Folglich stießen salafistische Ideen bei ihnen auf offenere Ohren. Mehr noch: Es handele sich zwar letztlich nur um eine kleine Gruppe, vielleicht um tausend Personen. Aber Kepel sagt heute: "Sie haben das öffentliche Bild des Islam in Frankreich in ihre Gewalt gebracht.""

Vincent Manilève schreibt bei Slate.fr über die Schwierigkeiten der französischen Medien bei der Berichterstattung über den Front national: Lassen sie die Partei zu oft vorkommen, heißt es, man treibe ihr Spiel. Verschweigt man sie, verdrängt man einen wichtigen Teil der französischen Realität. Das Beste bleibt klassischer Journalismus: "Heute zögern die Journalisten nicht mehr, über die Partei wirklich zu recherchieren, vor allem über ihre Finanzierung, die lange vernachlässigt wurde, wie uns Marine Turchi von Mediapart erklärt: "Der Front national hat immer extreme, leidenschaftliche Reaktionen ausgelöst. Das geeignetste Mittel, damit zurecht zu kommen, ist bei den Fakten zu bleiben: die Programme zu entziffern, die Politik in den Städten zu analysieren, das Abstimmungsverhalten seiner Delegierten, die Finanzen. Fakten, Fakten, Fakten."
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Gesellschaft

Gabriele Goettle bleibt der taz erhalten, wie man hört. In ihrer neuen Reportage porträtiert sie die Toxikologin Anita Schwaier, die von der Brandenburger Schorfheide aus gegen den Einsatz von Pestiziden kämpft: "Was meinen Sie, weshalb die Lerchen sterben? Das sind Bodenbrüter, die vorwiegend von Insekten leben, und die finden nichts mehr zum Fressen. Genauso wie die Schwalben, die nichts mehr finden, um ihre Jungen zu füttern."

In der NZZ schreibt die Kulturanthropologin Eva Fischer über Boliviens Projekt der Dekolonisierung, mit der die indigene Regierung unter Evo Morales das kulturelle Selbstverständnis der Aymara und Quetchua stärken will. Mit zum Teil unerwarteten Folgen: "Die Kategorie der sich als indigen definierenden über 15-jährigen Bevölkerung war von 60 Prozent auf 40 Prozent geschrumpft. Der Verlust von 20 Prozent kann durchaus als Absage der Bolivianer an politisch gelenkte Stereotypisierungen ihrer Identitäten gewertet werden."
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Urheberrecht

Lennart Laberentz berichtet in der SZ, wie sich der Fotograf Harf Zimmermann mit einem Band gewaltigen Ärger einhandelte, weil er auch eine Warschauer Brandmauer mit Street-Art der polnischen Künstlerin Yola Kudela zeigt. ""Soll ich bei jedem Mist, den jemand an eine Wand malt, den Urheber fragen, ob ich das fotografieren darf?", fragt nun der Fotograf Zimmermann. Aus Nachlässigkeit hatte er nicht weiter zu Yola recherchiert. "Er hat es sich leicht gemacht", sagt diese am Telefon, "er wollte ein Bild verkaufen, in dessen Zentrum meine Arbeit steht"."
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Stichwörter: Street Art, Urheberrecht

Geschichte

Nicht nur Berlin, auch Linz war einst in eine westliche und eine sowjetische Zone geteilt. Dankwart Guratzsch bespricht in der Welt eine Ausstellung, die an dies fast vergessene Faktum erinnert.
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Stichwörter: Linz, Österreich

Medien

Fast alle Fernsehserien definieren die Menschen über die Arbeit - Ärzte, Polizisten, bestenfalls Bestatter - , schreibt Stefan Mesch bei Zeit online, das war bei der jetzt eingestellten ARD-Soap "Verbotene Liebe" (Fanbuch) anders - und darum charmant: "Fast 20 Jahre lang führte "Verbotene Liebe" unter bis zu 25 Hauptrollen keinen einzigen Polizisten. Die vielen Ärzte waren oft schwul, nahmen Drogen, knutschten ihre Mitbewohner - und zählten als Menschen, nicht als Funktionen. 4.664 Episoden, erst 25, dann mehr als 40 Minuten lang, erst täglich, dann für 15 allerletzte nur noch freitags, zeigte "Verbotene Liebe" etwas, das in fast jeder anderen Serie zweit- oder drittrangig bleibt: Menschen. Statt Leistungsträger."

Daniel Bouhs stellt in der taz Markus Grill als neuen Chefredakteur des Recherchebüros Correktiv vor, sagt aber nicht, warum David Schraven nach nur einem Jahr aufhört.
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Stichwörter: ARD, Fernsehserien