Efeu - Die Kulturrundschau

Dickster Festivalbetriebsvogel

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29.06.2015. Die SZ schwelgt in den moosgrünen, taubenblauen und senfgelben Raumschiffen, die Galina Balaschowa für die sowjetischen Astronauten entworfen hat. Die Welt sieht China durch die Augen westlicher Künstler. Tagesspiegel und Berliner Zeitung durchsitzen 24 Stunden Jan Fabres Performance "Mount Olympus". Die NZZ feiert finnische Architektur.

Design


Wohnlich im All: Entwurf aus dem Jahr 1980. © Archiv Galina Balaschowa.

Wenig Hi-Tech, aber sehr viel 60s-Zeitgeist ist in den von Galina Balaschowa entworfenen Räumlichkeiten im Innern der sowjetischen Raumschiffe zu sehen. In Frankfurt gönnt man der Architektin nun eine große Ausstellung, die Laura Weißmüller (SZ) mit reger Freude durchwandert: "Wer Balaschowas Aquarelle und technische Zeichnungen studiert, (...) sieht, wie hier jemand unermüdlich versucht hat, den Weltraum wohnlich zu machen ... Sanfte Farben wie moosgrün, taubenblau und senfgelb dominieren und nehmen dem Sujet alles Bedrohliche. Denn obwohl die Technik ursprünglich militärische Zwecke hatte und das Wettrennen um die Vorherrschaft im All ein offensiv ausgetragener Schaukampf des Kalten Krieges war, wirkt das Dargestellte in Balaschowas hingetupften Aquarellen harmlos, fast gemütlich. Als könnten die kugelrunden Räume im nächsten Moment auch von fröhlichen Campern bezogen werden statt von Kosmonauten." Für DeutschlandradioKultur hat sich Rudolf Schmitz die Ausstellung angesehen.

Ein hingerissener Hannes Stein besucht für die Welt die Ausstellung "China: Through the Looking Glass" im New Yorker Metropolitan Museum, die unbekümmert kostbare alte Objekte aus China mit westlichem Kunsthandwerk mischt - Bulgari-Juwelen, pseudochinesische Kleider von Chanel und Dior, Delfter Porzellan, Mao-Anzüge von Galliano - das zeigt, wie wir China sehen. Dazwischen immer wieder Ausschnitte aus westlichen Filmen über China, die Wong Kar-Wai für die Ausstellung zusammengeschnitten hat: "Manchmal lohnt es sich, die Aufschriften an den Wänden genau zu lesen. In einem Raum etwa bekommen wir vorgeführt, dass europäische Modeschöpfer sich für chinesische Kalligraphie interessierten - so auch Christian Dior, der 1951 ein hübsches Cocktailkleid entwarf, das über und über mit chinesischen Schriftzeichen bedeckt war. In einer Vitrine sehen wir das Original: den Abrieb von einer Stele aus dem achten Jahrhundert, auf der ein unbekannter Autor sich über Magenschmerzen beklagt." (Bild: Roberto Cavalli (Italian, born 1940). Evening dress, fall/winter 2005-6, Courtesy of Roberto Cavalli. Photography © Platon)
Archiv: Design

Bühne


Troubleyn / Jan Fabre: "Mount Olympus" to glorify the cult of tragedy (a 24h performance) Fabienne Vegt, Gilles Polet. Bild © Wonge Bergmann

Die Tagesspiegel-Kritiker Rüdiger Schaper und Christine Wahl haben beim Festival Foreign Affairs in einer 24-stündigen Aufführung von Jan Fabres "Mount Olympus" denselben bestiegen und beobachten eine "aggressive, kühle Ästhetik mit dem Drang nach dem Göttlichen. ... Fabre sucht das Erhabene, die Schönheit im Schrecken, und er nervt. "Mount Olympus" ist großartig, und es ist grauenvoll. Das kann nicht ausbleiben bei einer solchen Spieldauer. Das Prinzip Erschöpfung ist das Wesen des Kapitalismus." Auch Ulrich Seidler von der Berliner Zeitung kam an seine Grenzen und berichtet davon, nachts für eine paar Stunden Schlaf in die Redaktion gefahren zu sein. Dennoch hagelt es bei ihm Superlative der Begeisterung: "Allein mit dem megalomanischen Zugriff bei gleichzeitiger ästhetischer Konsequenz hat Jan Fabre hier den dicksten und schmucksten Festivalbetriebsvogel abgeschossen"

Keinerlei Sorgen macht sich Peter Kümmel um die Volksbühne post Castorf. Diese sei längst in den Betrieb diffundiert, schreibt er in der Zeit: "Das Volksbühnen-Virus hat sich früh gegen seine Vernichtung gewappnet und längst neue Wirte befallen. Es ist genau genommen überall. ... Carl Hegemann hat schon vor Jahren gesagt, was die Volksbühne heute tue, werde von den übrigen Theatern morgen kopiert; die Volksbühnen-Erfindungen landeten sozusagen in den Ausschüssen."

Bei den Nibelungenfestspielen in Worms wird in diesem Jahr Albert Ostermaiers Stück "Gemetzel" aufgeführt. Im Interview mit der Welt erklärt er, warum er die Nibelungensage von einem Kind erzählen lässt: "Ich halte das Nibelungenlied für ein großartiges Antikriegsepos. Bei der Lektüre ist mir klar geworden, dass durch einen Perspektivenwechsel, durch den Blick des Kindes, diese Mechanismen der Selbstzerstörung plastisch herausgearbeitet werden können."

Weitere Artikel: Der Tagesspiegel spekuliert, ob Anja Kampes Ausstieg als Isolde wenige Wochen vor der Bayreuther Premiere von "Tristan und Isolde" mit einer mutmaßlichen Fehde zwischen Kirill Petrenko und Christian Thielemann hinter den Kulissen zu tun habe. Reinhard J. Brembeck winkt in der SZ allerdings ab, denn er weiß: Kampe wird in Bayreuth auch die Sieglinde in Castorfs wiederaufgeführter "Ring"-Inszenierung singen - und hat wohl vor der Doppel-Herausforderung die Segel gestrichen haben. Für die taz berichtet Regine Müller von den Ludwigsburger Schlossfestspielen. Jan Brachmann war für die FAZ bei den Musikfestspielen Potsdam, wo er sich bei Kaiserwetter eine vom Tschilpen fröhlichen Federviehs unterlegte Aufführung von Mozarts Operette "Bastien und Bastienne" sichtlich munden ließ. Und Irene Bazinger hat die "Lange der Nacht der Autoren" im Deutschen Theater Berlin besucht.

Besprochen werden die Tino-Sehgal-Schau im Berliner Gropiusbau (FR), "En avant, marche!" - ein Choreografie mit Blasmusik von Alain Platel und Frank Van Laecke in Ludwigsburg (NZZ) und Marie Chouinards beim Stuttgarter Colours-Tanzfestival aufgeführte Choreografie "Mouvements" nach Henri Michaux (FAZ)
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Film

Kommt nach dem gefühlt zehnten Serienhype der letzten 15 Jahre nun die endgültige Katerstimmung? Auf ZeitOnline glaubt Fabian Wolff jedenfalls, für die vergangenen Jahre lediglich regelmäßig wiederkehrende Wellen von Aufbruchsstimmung verzeichnen zu können, die aber ebenso schnell wieder verebbten. Und überhaupt sei das mit der vielbeschworenen literarischen Qualität amerikanischer Fernsehserien ohnehin ein grobes Missverständnis, wenn einem klar werde, "wie vielen Serien es an filmischer Vision, einfach an Poesie fehlt. Serien sind zwar von Autoren getrieben, sollten aber trotzdem auch visuell erzählen. Aber das Sehen als Erfahrung steht oft hintenan." Und im Freitag kann auch Barbara Schweizerhof nach der ersten Folge der zweiten Staffel von Nic Pizzolattos Serie "True Detective" noch nicht absehen, "ob sich das Weitergucken lohnen wird." Der Vorspann jedenfalls ist ähnlich klasse wie der zur ersten:



Weiteres: In der taz empfiehlt Claudia Lenssen zwei Berliner Filmreihen zum ukrainischen Kino im Kino Arsenal und im Kino Babylon. Jörg Michael Seewald (FAZ) mischt sich auf dem Filmfest München unter allerlei Fernsehprominenz.

Besprochen werden Christian Petzolds Fernsehkrimi "Polizeiruf 110: Kreise", den man hier ab 20 Uhr in der Mediathek sehen kann (critic.de, FAZ, ZeitOnline, Berliner Zeitung, FR), die britische Krimiserie "Broadchurch" (CrimeMag), Kornél Mundruczós Hundefilm "Underdog" (Zeit), Jerry Rothwells auf dem Filmfest München gezeigte Greenpeace-Doku "How to Change the World" (SZ), Alex Gibneys kritische Scientology-Doku "Going Clear" (SZ) und "Antboy 2" (FAZ).
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Archiv: Film

Literatur

In einer ganzen Reihe von Veranstaltungen des Berliner Poesiefestivals kam die Vielfältigkeit der chinesischen Lyrik zur Geltung, berichtet Hans-Peter Kunisch in der SZ: "Die Spannweite reicht vom formbewussten Experiment in der Nachfolge von T.S. Eliot, alltagssprachlichen Naturgedichten, die John Ashbery und eigene Traditionen verarbeiten, bis hin zu den rhythmischen Langgedichten Jing Taos, die, sprachlich wild-überschäumend, einen individualistischen, aber zugleich sozial präzisen Blick auf die Welt werfen."

Weiteres: Für The Quietus hat sich Aug Stone durch einen ganzen Stapel neuer Comics gelesen. Ijoma Mangold (Zeit) freut sich jetzt auch online über den Friedenspreis für Navid Kermani. Wer wissen will, wie es in Griechenland heute aussieht, muss "Zurück auf Start", den neuen Roman von Petros Markaris lesen, empfiehlt Dirk Schümer in der Welt.

Besprochen werden Don Winslows "Das Kartell" ("Kraftmaxen-Prosa", stöhnt der völlig angenervte Alf Mayer im CrimeMag), Ryan David Jahns Thriller "Der letzte Morgen", an dessen "hochgiftiger Melancholie" sich Thomas Wörtche vom CrimeMag labt), Sergio Ramírez" "Der Himmel weint um mich" (CrimeMag), Maylis de Kerangals "Die Lebenden reparieren" (Tagesspiegel), Ismail Kadares "Die Schleierkarawane" (SZ) und neue Horbücher, darunter eine von Eva Mattes eingelesene Version von Harper Lees "Wer die Nachtigall stört..." (FAZ).
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Kunst

Besprochen werden eine Ausstellung von Marlene Dumas in der Fondation Beyeler (NZZ) und die Ausstellung "Max Gubler. Ein Lebenswerk" im Kunstmuseum Bern (NZZ).
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Musik

Neil Young meldet sich mit dem neuen Album "The Monsanto Years" (hier im Stream) zurück, auf dem er das Dasein als Farmer wider die Interessen des Kapitals besingt. Aus all der folkigen Mundharmonika-Sanftheit hat Christian Schröder (Tagesspiegel) daher auch viel Wut heraus gehört: Young bleibe sich als Hippie zwar treu, doch sei er auch "überzeugter Wertkonservativer. Dem Klischee eines von selbstsüchtigen Managern beherrschten Haifischkapitalismus stellt er das nostalgisch verklärte Bild des guten alten Amerika gegenüber, in dem ehrliche Arbeiter noch ehrlich entlohnt wurden." Unterhaltsam geraten sei der beiliegende Dokumentarfilm, in dem Young in die Rolle eines klischierten Businessman schlüpft: "Kapitalismuskritik kann lustig sein", meint Schröder. Das findet im übrigen auch das bekanntlich strikt unkommerzielle Undergroundlabel Warner Music: Im Promo-Text schwärmt es davon, wie hier "Konzerne, Banken und Ketten wie Starbucks" in die Pfanne gehauen werden.

Karl Bruckmaier findet das unterdessen alles völlig albern. In der SZ zeigt er sich schwer genervt davon, wie Young "auf uramerikanische Art und Weise die Mutter Erde - oder wahlweise: die Natur - mit quasi-religiöser Qualität auflädt, sodass man ihr schließlich nur noch als persönlich Verantwortlicher gegenüberzutreten vermag: my personal Gäa. Jessas!"

Weitere Artikel: In diesem Jahr gibt es Tributalben für Nina Simone und ein Biopic über sie - aber niemand kommt an die große Jazzsängerin der Welt heran, versichert Harald Peters in einer Hommage in der Welt. Mirko Weber (Zeit) trifft sich mit der Pianistin Gabriela Montero. In seinem Blog verweist der Popkritiker Simon Reynolds auf neue Hauntology-Veröffentlichungen. Und die empfindlichste Servicelücke schließt Electronic Beats mit Michael Anisers Test der zehn besten Berliner Clubtoiletten: Wer beim Clubbengehen auch Wert auf angenehmes Von-Sich-Lassen in gepflegtem Ambiente legt, ist demnach mit einem Besuch im SchwuZ am besten beraten, während das Berghain-Personal viel Lob dafür erhält, die legendär zweckentfremdeten sanitären Anlagen auch zu Stoßzeiten in Schuss zu halten.

Besprochen werden ein Konzert des Deutschen Symphonie-Orchesters unter Tugan Sokhiev (Tagesspiegel) sowie Konzerte von Eric Burdon (FR) und Tom Jones (FR, FAZ).
Archiv: Musik

Architektur


Die vom Architekturbüro K2S entworfene Kamppi-Kapelle in Helsinki. Bild © Arkkitehtitoimisto K2S Oy

In der NZZ singt Oliver G. Hamm ein Loblied auf die finnischen Architekten, die in jüngster Zeit vor allem architektonische Meisterwerke aus Holz und Licht abliefern: "Finnische Baumeister sind "Generalisten" - als Architekten und Stadtplaner in einer Person sind sie für alle Bauaufgaben von der Sauna bis zur kompletten Wohnsiedlung gewappnet. Bei allen Unterschieden in der jeweiligen Architekturphilosophie zeichnet sie ein souveräner Umgang mit verschiedenen Materialien aus - und mit dem wichtigsten "Baustoff", dem Licht, dem in einem aufgrund der geografischen Lage vergleichsweise lichtarmen Land eine besondere Bedeutung zukommt."
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