9punkt - Die Debattenrundschau

Buchstaben, Worte, Sätze

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
18.06.2015. Nicht nur im Mittelmeer, auch in der Sahara sterben Tausende Flüchtlinge, berichtet Libération. Die FAZ kritisiert das Zentrum für politische Schönheit, das mit Bestattungen auf das Schicksal der Flüchlinge hinwesen will. In den Verlagsblogs hundertvierzehn und logbuch startet eine neue Diskussion über "Feminismen". Die Zeit beobachtet den Alltag in der dezimierten Charlie-Hebdo-Redaktion. Huffpo.fr erinnert an Charles De Gaulles Rede vom 18. Juni.

Politik

Vor kurzem sind in der Wüste von Niger fünfzig Leichen gefunden worden - viele dieser Flüchtlinge waren mit einem Laster liegengeblieben und dann verdurstet. Etwa 100.000 Menschen versuchen jährlich durch die Wüste zu fliehen, schreibt Isabelle Hanne in Libération und zitiert William Lacy Swing von der International Organization for Migration: "Diese Tragödie wirft ein Licht auf eine gefürchtete, aber kaum wahrgenommene Gefahr, der sich zu viele Migranten stellen müssen, noch bevor sie ihr Leben im Meer riskieren. Die Sahara ist womöglich genauso mörderisch wie das Mittelmeer für die Welle von Migranten. Aber die meisten Toten werden hier nicht bekannt."

Mark Siemons kritisiert in der FAZ die Aktion der Künstlergruppe Zentrum für politische Schönheit, die die Leichen von Flüchtlingen vor dem Kanzleramt bestatten will: "Statt den einzelnen Menschen in seiner Selbstzweckhaftigkeit als Fluchtpunkt der gesamten Politik (und auch der Kunst) in Erinnerung zu rufen, benutzt es ihn als letztes Glied einer langen kunst- und politiktheoretischen Argumentationskette."
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Gesellschaft

Vielleicht auch mit Blick auf die junge Autorin Ronja von Rönne, die mit gerümpftem Näschen in der Welt bekannte, dass Feminismus sie anekle, schreibt Antje Rávic Strubel in einer von den Verlagsblogs 114 und logbuch geführten Debatte über "Feminismen": "Unter Jüngeren scheint eine gefühlte Furcht umzugehen, die Rechte, den Stand oder Lebensstandard, die sie aus eigener Kraft erreicht (sich erkämpft?) haben, allein durch das Bemerken geschlechtsbedingter Ungerechtigkeiten zu verlieren. Als wären sie bisher außerhalb des Geschlechter-Radarschirms gesegelt, hätten sich das Erreichte quasi geschlechtsneutral erstritten, scheinen sie zu glauben, erst das Anprangern ungerechter Ein- und Ausschlussmechanismen oute sie als geschlechtliche Wesen." Thomas Meinecke erklärt sich im Parallel-Text im logbuch zum Feministen und erläutert: "Geschlechtliche Identität ist kein Fixum, sondern eine dynamische Bewegung in einem sehr komplexen Geflecht gesellschaftlicher Verabredungen."

Der evangelische Theologe Reiner Marquard wendet sich in der FAZ gegen Selbstbestimmung am Lebensende: "Was ist eine Selbstbestimmung wert, die am Ende den Arzt braucht? Von der ärztlich assistierten Suizidbegleitung wird ein direkter Weg zur aktiven Sterbehilfe führen, zur Tötung auf Verlangen. Beim Suizid liegt die Tatherrschaft beim Sterbewilligen, bei der Tötung auf Verlangen liegt sie beim Arzt." Dann doch lieber den Pastor holen!

Außerdem in der FAZ: Carolin Schwarz erzählt, wie das Frankfurter Hochbegabtenzentrum "betroffenen" Kindern, unter deren Eltern sicher viele FAZ-Leser sind, am Ende doch noch helfen kann.
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Geschichte

Der 18. Juni ist nicht nur das Datum der Schlacht von Waterloo, sondern auch der legendären Rede Charles De Gaulles, der die Franzosen 1940 aus dem Londoner Exil zum Widerstand aufrief. Der Résistant Jean-Louis Crémieux-Brilhac erzählt in der Huffpo.fr, dass diesem Appell auch die Frustration De Gaulles als General vorausging - denn er war einer der wenigen Verfechter des Panzers als neuer Waffengattung: "Der Appell des 18. Juni hat eine lange Vorgeschichte. Er drückt auch die kaum maskierte Wut des jungen Generals über den französischen Generalstab und die Verantwortlichen der Sklerose aus, an deren Spitze er den Marschall Pétain sah. Pétain, der nicht nur nichts für die Reform der Armee getan hatte, sondern auch noch 1938 ein Buch des Generals Chauvineau mit dem Titel "L"invasion est-elle possible?" eingeleitet hatte, das ein Loblied auf die Maginot-Linie sang und behauptete, dass Panzer nichts taugen."

Im NZZ-Interview mit Martin Zähringer spricht der Publizist Goenawan Mohamad über die Kultur und Geschichte Indonesiens. Dass die politisch motivierten Massenmorde an den Kommunisten im Jahr 1965 aus dem Ausland gesteuert waren, glaubt er nicht: "Es gibt gewisse übertriebene Meinungen, die von einer Manipulation durch die Vereinigten Staaten ausgehen, auch durch China. Ich glaube nicht daran, das haben wir selber verbrochen."
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Kulturpolitik

"Der Machtwechsel an der Berliner Staatsoper kommt als ein weicher Legato-Übergang daher", meint Wolfgang Schreiber in der SZ zur allmählichen Ablösung Jürgen Flimms durch den jungen Matthias Schulz bis 2018. Der Intendantenwechsel ist auch der Anfang vom Ende der Ära Barenboim, glaubt Manuel Brug in der Welt: "Seit 1992 währt die nun, und keiner kratzt an dessen Nimbus. Aber offenbar hat der 72-Jährige im Verein mit seinem 73-jährigen Noch-Intendanten Jürgen Flimm gemerkt, dass selbst ihm irgendwann die Stunde schlägt. Auch wenn sein eigener Vertrag noch bis 2022 reicht. Und er hat sich, anders als etwa die lokalen Theater-GröFaZe Claus Peymann und Frank Castorf, um eine geregelte Nachfolge Gedanken gemacht."

Seit die israelische Kulturministerin Miri Regev kritischen Theatern mit der Streichung von Subventionen drohte und einen Dokumentarfilm über den Rabin-Attentäter Yigal Amir aus dem Programm des Filmfestivals von Jerusalem streichen ließ (mehr hier), wird in Israel erhitzt über Kunstfreiheit und Zensur diskutiert, berichtet Ulrich Schmid in der NZZ: "Dass manche Minister unliebsame Kulturschaffende gerne bestrafen möchten, ist unbestritten, dass sie in ihrem Sendungsbewusstsein die Grenzen aus den Augen verlieren, hat sich deutlich offenbart, und dass sie sich bei alledem vom Volk getragen fühlen, sagen sie oft und gerne. Den undemokratischen, elitären Geist lokalisieren sie - als gewählte Politiker - nicht bei sich, sondern bei einer Schicht, die sie als abgehoben, unpatriotisch, undankbar und gierig empfinden."

Religion

Bereits mit der Seligsprechung Óscar Romeros hat sich Papst Franziskus deutlich zur Befreiungstheologie bekannt (mehr hier). Mit seiner Umwelt-Enzyklika "Laudato Si" beweist er erneut seine Nähe zu der lateinamerikanischen Bewegung, schreibt der Befreiungstheologe Leonardo Boff in der taz: "Viele Ausdrücke und Redensarten gehen auf gedankliche Grundlagen aus Lateinamerika zurück. Die Themen "Pflege des gemeinsamen Hauses", "Mutter Erde", "Schrei der Erde", "Schrei der Armen", Fürsorge sowie die gegenseitige Abhängigkeit aller Lebewesen voneinander - das alles geht auf unsere Kirche in Lateinamerika zurück. Die Struktur der Enzyklika unterliegt dem methodischen Ritual, das von der Kirche in Lateinamerika praktiziert wird und der theologischen Reflexion, die an die Befreiungstheologie anknüpft zu der sich Papst Franziskus bekannt hat."
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Medien

Sehr kritisch bilanziert Blogger Christian Jakubetz die Arbeit der Krautreporter, die nach einem Jahr in eine zweite Finanzierungsrunde gehen: "Personell haben die Krautreporter ihr nächstes Problem. Um eine alte Fußballer-Binse zu bemühen: Elf gute Einzelspieler machen noch kein Team. Bei den Krautreportern zeigte sich das ziemlich schnell: Richard Gutjahr machte nach zwei Geschichten Schluss, Stefan Niggemeiers Anfangselan erlahmte auch vergleichsweise schnell. Und als der Fifa-Skandal gerade auf seinen Höhepunkt zutrieb, las man von Jens Weinreich ziemlich viel, allerdings kaum etwas davon bei den Krautreportern." Ebenso kritisch schreibt Stefan Winterbauer bei Meedia.

Die Krautreporter kontern im Gespräch mit Meedia: "Die 18.000 Menschen, die uns unterstützen, kommen aus den unterschiedlichsten Bereichen und sind in der Masse nicht die, die sich in den sozialen Netzwerken beschweren."

Meedia meldet auch, dass Stefan Niggemeier mit den Krautreportern bricht (Seine Begründung) und eine eigene Plattform gründen will. Und Niggemeier wiederum widmet dem viel diskutierten Abgang Stefan Raabs bei Prosieben einen langen Blogbeitrag. Schließlich noch bei Meedia: Der Spiegel legt ein 15-Millionen-Euro-Sparprogramm auf, Kündigungen nicht ausgeschlossen. Und im Dossier der Zeit schildert Tanja Stelzer, wie sich Solène Chalvon, die einzige seit dem Anschlag vom 7. Februar bei Charlie Hebdo eingestellte Journalistin, in den turbulenten Zeiten in ihren neuen Job einfindet.
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