Efeu - Die Kulturrundschau

Spuren, Splitter, Spiegelungen

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18.06.2015. Die SZ fragt: Wer verdient an Streamingdiensten? Der Kunstwissenschaftler Wolfgang Ullrich fragt sich, warum seine Kollegen ihre Freiheit zum Urteil so selten nutzen. Die Zeit - ein Häuflein Fleisch, Knochen, Träume, Geldsorgen und Fußpilz - besucht das Kunstfestival Globale im ZKM. Herbert Fritschs Oper "Ohne Titel Nr. 1" ist ein Knaller - vorausgesetzt, man mag Nonsense, erklärt die Wiener Presse. Der taz missfällt der heteronormativ-männerbündnerische Ton in Dominik Grafs Doku über den Filmkritiker Michael Althen. Und der Dichter Charles Simic stromert in Gedanken noch einmal als Sechsjähriger durch das besetzte Belgrad.

Musik

Kritik am Internet im allgemeinen und an Streamingdiensten im besonderen ist ja mittlerweile so etwas wie ein eigenes, regelmäßig bedientes Genre im Feuilleton. Heute ist es an Johannes Boie, für einen Aufmacher des SZ-Feuilletons die schlechte Stimmung bei Musikern zu erkunden. Immerhin dabei nicht unerwähnt bleibt, dass es nicht alleine an Spotify liegt, dass bei diesen oft ein nur mehr als symbolisch zu bezeichnender Betrag ankommt, nachdem der Service seine Betriebskosten plus Gewinn vom erzielten Umsatz abgezogen hat: "Spotify hat 300.000 Verträge mit Rechteinhabern. Die nehmen sich, als nächstes Glied der Kette, dann auch noch ihren Teil. Erst dann kommen die Labels an die Reihe (...) Und dann, nachdem sich die Label ihren Teil vom Kuchen genommen haben, der zu diesem Zeitpunkt oft nur noch aus Brosamen besteht, sind die Künstler dran. Dabei dauert es oft Monate, bis das Geld schlussendlich an seinem Ziel ankommt."

Dietmar Dath philosophiert in einem Essay für das VAN Magazin über Musik und Zeit: "Musik hält die Zeit an, um sie zu verbrauchen. Während man sie spielt oder hört, passiert alles andere nicht, insofern handelt sie von Ewigkeit als Ereignis- und Tatenlosigkeit."

Weitere Artikel: In der taz berichtet Jens Uthoff von seinem Treffen mit dem Rapper Romano. Für The Quietus wirft Joe Banks einen Blick zurück auf Black Sabbaths schwieriges sechstes Album "Sabotage", das vor 40 Jahren veröffentlicht wurde.

Besprochen werden ein Grönemeyer-Konzert in Wien (Presse), das neue Album von James Taylor (Standard), ein Konzert in Wien mit Trios von Schumann, Brahms, Tschaikowsky gespielt von Julian Rachlin, Mischa Maisky und Itamar Golan (Presse), neue Hiphop-Tapes (The Quietus), das Album "Wanderjahre" von Lüül & Band (taz), ein Konzert von Anne-Sophie Mutter (Tagesspiegel), ein Frankfurter Liederabend mit Annette Dasch und Daniel Schmutzhard (FR) und der Berliner Auftritt der ohne ihren ursprünglichen Sänger Jello Biafra allenfalls untoten Dead Kennedys in Berlin (FAZ).
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Bühne


"Ohne Titel Nr. 1" - Foto: Wiener Festwochen

Bei den Wiener Festwochen versucht Helmar Dumbs, der Herbert-Fritsch-Oper "Ohne Titel Nr. 1" eine Interpretation abzuringen. Vergeblich, notiert er in der Presse, "das Subversive ist hier das Fehlen jeglicher Subversivität. Der einzige Weg, dem Stück beizukommen: Hirn ausschalten, Ohren auf Durchzug (die von Ingo Günther komponierte und unter seiner Leitung höchst präzise exekutierte Musik, die das Spektrum vom Knarzen bis zur Arienparodie abschreitet, verlangt keine Konzentration) - und eineinhalb Stunden in geballtem Nonsense baden."

Margarete Affenzeller dagegen erklärt im Standard: "Wer an der Komik der Einzelteile keinen Gefallen findet, wird die hinter dem Ganzen stehende Tragik nicht verstehen. Erst das zusammengefügte Puzzle aus den stets in szenische Not geratenen Sängern/Akrobaten/Schauspielern bringt die Wirkung hervor: Die Nuschelrede, die ausgeschlagenen Zähne oder das Durchfallkonzert (mit Flatulenzprolog) machen nur Sinn im perfekt sitzenden Anzug und neben der großen, alles überragenden Sängergeste. Fritsch lässt den letztklassigen Zaubertrick, den billigsten Witz, die Antisensation, den vergeigten Ton triumphieren. Das ist subversiv und macht Spaß."

Weitere Artikel: Hans-Christoph Zimmermann resümiert im Freitag die Ruhrfestspiele in Recklinghausen. Isabella Wallnöfer unterhält sich für die Presse mit der Tänzerin und Choreografin Saskia Hölbling über deren Arbeit.

Besprochen werden Strauss" "Ariadne auf Naxos" in der Inszenierung von Hans Neuenfels (NZZ), Arila Siegerts Inszenierung der Gluck-Oper "Iphigenie auf Tauris" in Karlsruhe (NZZ), eine Mainzer Bühnenbearbeitung von Anna Seghers" Roman "Kopflohn" (FR) und Hans Neuenfels" Berliner Inszenierung von Richard Strauss" "Ariadne auf Naxos" (Zeit).
Archiv: Bühne

Kunst

Uwe Wittstock hat in seinem Blog ein Interview mit dem Kunstwissenschaftler Wolfgang Ullrich veröffentlicht. Es geht um die Erwartungen an die Kunst, ihre ungeheure Aufwertung in den letzten Jahren. Ullrich sieht das ebenso kritisch wie auch die Rolle der Kunstwissenschafler dabei: Sie sind "fast die Einzigen im Kunstbetrieb, die auch die Freiheit haben, differenziert zu werten und Schwaches schwach zu nennen. Museumsdirektoren müssen die Bedeutung ihrer Sammlung herausstreichen, das ist ihre Aufgabe. Autoren von Auktionskatalogen sind dazu gezwungen, die angebotene Kunst zu loben und für bedeutsam zu erklären. Der staatlich bestallte und bezahlte Kunsthistoriker jedoch ist frei im Urteil - und mich wundert, weshalb diese Freiheit so selten genutzt wird."


Ryoji Ikeda: micro | macro. Bild: ZKM

Ganz schwindlig wird Jörg Scheller (Zeit) beim Blick aufs Programm des am Sonntag im Karlsruher ZKM eröffnenden Kunstfestivals Globale: "Man taucht in die immersiven Klang-Bild-Welten von Ryoji Ikeda ein, die mit Wissenschaftlern der Europäischen Organisation für Kernforschung entwickelt wurden..., wohnt einem Symposium über die Bedeutung des Theoretikers Vilém Flusser für die Künste bei und reist in der Ausstellung "Allahs Automaten" zurück ins technologisch-kulturell avancierte Mesopotamien der Zeit vom 9. bis zum 13. Jahrhundert - und dazwischen man selbst, ein Häuflein Fleisch, Knochen, Träume, Geldsorgen und Fußpilz."

Eine allerwärmste Empfehlung spricht Alf Mayer im CulturMag für Ingrid Mylos und Felix Hofmanns "100-Tagebuch" aus, für das die beiden Autoren 2012 täglich zur 13. Documenta gingen: "In einer gerechten Welt würde es Preise regnen auf dieses Buch ... Was das 100-Tagebuch geradezu mustergültig einlöst, ist die Verbindung von Kunst und Alltag. Es ist eine, wie Georg Seeßlen es nennt, "anti-fetischistische Art, über Kunst zu schreiben". Etwas, was Schwellenangst nimmt, ohne an intellektuellem Maß zu verlieren, auch nicht an Respekt den Schöpfern der Werke gegenüber, und dem, was die Geistesgeschichte der Menschheit ist."

Weitere Artikel: In der FR berichtet Alexandra Wach von der Art Basel. Im CulturMag schreibt der Schriftsteller Michael Zeller über Veit Stoß" Holzplastik "Der englische Gruß".

Besprochen werden die Ausstellung "Das Barcelona von Picasso und Gaudí" im Palazzo dei Diamanti in Ferrara (Welt), Sidsel Meineche Hansens Ausstellung "One-self" im Bremer Künstlerhaus (taz), eine Ausstellung über Gewalt und Ästhetik in den Kunst-Werken Berlin (Tagesspiegel) und Peter Pillers Retrospektive in den Kunsthallen Nürnberg ("Welch fremde, seltsame, unheimliche Welten", staunt Gabriele Mayer in der FAZ aus).
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Film


Fehlt allen: Filmkritiker Michael Althen. Bild: Zorro Filmverleih.

Mit dem Dokumentar-/Essayfilm "Was heißt hier Ende?" würdigt Dominik Graf seinen Freund, den 2011 gestorbenen FAZ-Filmkritiker Michael Althen. Im Perlentaucher kann Andrey Arnold die Wehmut des Films, was den Zustand der deutschen Filmkritik nach Althen und seiner einstigen SZ-Kritikerclique anbelangt, nur bedingt nachempfinden: In Grafs Doku "mischt sich Nostalgie mit einer paradoxen Art von zornigem Defätismus, in einer sich zuspitzenden Meinungsmontage, die wunde Punkte trifft, der man in vielerlei Hinsicht zähneknirschend beipflichten muss, die aber den sogenannten "Nachwuchs" nicht zu Wort kommen lässt (und so zwangsläufig den Eindruck vermittelt, dass es gar keinen gibt oder dass er ohnehin nichts zu sagen hat). Dann schlägt Wehmut in Wut um, und vielleicht ist das gut so."

Ganz ohne Zweifel vermisst Ekkehard Knörer Althen, den Film über ihn hält er aber - bei Graf allemal eine Überraschung - für "eher missraten", erklärt er in der taz, was mitunter auch am ziemlich satt gewordenen Milieu liegt, aus dem Althen kam und dessen Protagonisten hier ausgiebig zu Wort kommen: "Der antiintellektuell-sentimentale, heteronormativ-männerbündnerische Ton der Subjektivisten-Kohorte sticht doch etwas unangenehm hervor. Graf lässt hier und da andere Stimmen sprechen, aber sein inzwischen leider auch ziemlich ausgewachsener Hang zur kulturkritischen Nostalgie arbeitet den entwickelten Verfallstheoremen nicht gerade entgegen. Das ist sehr schade."

Weitere Stimmen: Patrick Wellinski (kino-zeit.de) freut sich über "Vignetten der Annäherung an einen Mann, der das Kino liebte." Manon Cavagna (critic.de) sah "eine Suche nach Spuren, Splittern und Spiegelungen von Althens Schaffen." Im Februar berichtete Rüdiger Suchsland auf Artechock von dem als Berlinale-Premiere des Films getarnten Treffen einstiger Weggefährten und Filmkritik-Veteranen. Weitere Besprechungen in Tagesspiegel, Zeit und der SZ.

Außerdem: In der Berliner Zeitung berichtet Jens Balzer von der im Berghain abgehaltenen Berliner Premiere des Dokumentarfilms "Der Papst ist kein Jeansboy" über den österreichischen, in den 90ern gefeierten Talkmaster Hermes Phettberg, der sich bei dieser Gelegenheit im Anschluss noch gleich öffentlich auspeitschen ließ. Klaus Ungerer malt sich im Freitag aus, wie die in Berlin gedrehte Staffel von "Homeland" aussehen könnte.

Besprochen werden Christoph Hochhäuslers Journalistenthriller "Die Lügen der Sieger" (Freitag, taz, Zeit), Jalmari Helanders "Big Game" (Perlentaucher), Stephen Daldrys Film "Trash" (Welt), Tomasz E. Rudziks "Agnieszka" (FAZ) und der Dokumentarfilm "An Open Secret" über Pädophilie in Hollywood (SZ).
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Literatur

Im Blog der New York Review of Books erinnert sich Charles Simic, wie seine Liebe zum Flanieren und Herumstromern geweckt wurde. Das war in Belgrad, in den letzten Kriegsjahren. Die Freiheit für einen Sechsjährigen war grenzenlos: "Our parents and relatives were busy or away and our grandmothers were often out trying to find something for us to eat. So, who kept an eye on us in the street? I asked myself recently, and remembered it was the other women in the neighborhood who knew when we were up to no good and came to our rescue. Of course, we hated them butting in and interrupting our fun, like that time when one of the older boys was passing around a German military pistol he found somewhere, but today these women"s worried and caring faces mean more to me than the memory of holding that gun in my hand."

Anlässlich des Todes von Harry Rowohlt (mehr dazu hier) hat der Bayerische Rundfunk ein Radiogespräch von 2009 online gestellt. Sehr unterhaltsam ist auch dieses Interview aus dem Jahr 1996, das sich im Spiegel-Archiv findet. Im Freitag verabschiedet sich Ekkehard Knörer von Rowohlt: "Er [schoss] schneller als sein vollbärtiger Schatten und er hat, so gemütlich er äußerlich schien, mitunter tödlich getroffen."

In der Zeit unterhält sich Konstantin Ulmer mit dem Lyriker Uwe Kolbe und dessen Sohn, dem Berliner Rapper Mach One, über die Unterschiede zwischen den Sphären von Lyrik und HipHop. Zur Steigerung der Öffentlichkeitswirksamkeit hat Mach One ein paar Tipps für seinen Vater: "Mehr Battle! Vielleicht solltest du dir eine Maske aufsetzen, wie Sido. Das wäre krass. Und dann ein paar Skandale provozieren, Leute dissen und so." Da kann Kolbe ihm nur beipflichten: "Wir leben, was mein Metier angeht, in einer maßstablosen, weichgespülten Welt."

Weitere Artikel: Für das CulturMag bereist Peter Muender diverse Veranstaltungen und Seminare zum Andenken an William Butler Yeats. Jürg Altwegg (FAZ) schreibt zum Tod des Goncourt-Preisträgers Jean Vautrin. Außerdem bringt der Freitag die neueste Lieferung von Erhard Schütz" Literaturempfehlungen, darunter auch ein Band mit Uwe Nettelbecks Gerichtsreportagen aus den 60ern (zwei davon in dieser Leseprobe als pdf).
Archiv: Literatur

Architektur


Engelbert Kremsers Vision des West-Berliner Europa-Centers, 1969. © Berlinische Galerie

"Stundenlang" wandert Lennart Laberenz für den Freitag durch die Ausstellung "Radikal Modern" in der Berlinischen Galerie über die moderne Architektur in Ost- und Westberlin. Am meisten faszinieren ihn die gleich zu Beginn ausgestellten, riesigen Luftaufnahmen der zertrümmerten Stadt: "Ausgehend von diesen Bildern spinnt sich der Gedanke des Aufbaus: als Notwendigkeit, als Möglichkeit, als Spielfläche politischer Positionen, als utopischer Wurf, aber auch als Unvermögen und Fehlgriff. Nach vorn schauen, könnte man einen Teil der Erzählung dieser Schau zusammenfassen. Nicht viel zurückdenken, vielleicht den anderen." In der SZ bespricht Jens Bisky die Ausstellung.

Außerdem bringt der Freitag eine Übersetzung von Owen Hatherleys ursprünglich im Guardian veröffentlichter Besprechung von Wade Shepards Buch "Ghost Cities of China". Roman Hollenstein besichtigt für die NZZ im Helsinki-Turm in Basel den architektonischen "Nachlass" von Jacques Herzog und Pierre de Meuron. Besprochen wird eine Ausstellung zu den Bauten des Wiener Architekturbüros Coop Himmelb(l)au im Deutsche Architekturmuseum (DAM) in Frankfurt (NZZ).
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Design



Stellt man als Museum Modedesignern bloß Räumlichkeiten zur Verfügung und lässt ihnen ansonsten freie Hand, verkommt das Museum zu nurmehr einem weiteren Showroom, beklagt sich Lena Bopp (FAZ) nach einem Besuch der Karl-Lagerfeld-Ausstellung in Bonn. Weder Ausstellungsbesucher, noch Museum oder Modedesigner können das wollen, meint sie in ihrem Plädoyer für gezieltes Kuratieren: "Natürlich garantiert diese Arbeit noch nicht, dass ihr Ergebnis vom Publikum und der Kritik automatisch auch als gelungen wahrgenommen wird. Aber sie verhindert doch mit Sicherheit zweierlei: nämlich zum einen, dass beim Besucher der Eindruck entsteht, dem Personenkult und der Effekthascherei ausgesetzt zu sein. Und zum anderen, dass die Museen über diesen Verdacht von ihrer Glaubwürdigkeit verlieren."
Archiv: Design