Efeu - Die Kulturrundschau

Der Kitzel des Monströsen

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13.06.2015. Die NZZ fragt, wann sich die Performance-Kunst eigentlich von den Museen an die Leine legen ließ. Für die Zeit geht es völlig in Ordnung, dass der Maler Wolfgang Herrndorf nie modern sein wollte. In der Welt meint Klaus Farin, dass man auch antidemokratische Minderheiten aushalten muss, vor allem in der Rockmusik. In der Berliner Zeitung sitzt der Dramatiker Ferdinand Schmalz am liebsten vor dem Brecht-Regal: Das spornt an.

Kunst


Aus der Mappe der Hundigkeit, 1968. Valie Export mit Peter Weibel in Wien.

"Wie lange könnte Valie Export heute, im Jahre 2015, mit Peter Weibel an der Leine auf der Kärntner Straße Gassi gehen?", fragt Gabriele Detterer in der NZZ und blickt kritisch auf den neuen Hype von Performance-Kunst, der schön auf das Museum beschränkt bleibt und perfekt die Mechanismen der Wertschöpfung und Unterhaltung bedient: "Gleich leichtverdaulichen Aktions-Häppchen erfüllen die Aufführungen die Erwartung der Museumsbesucher nach lebendiger, bewegter, abwechslungsreicher Kunst, die den Mitmachimpuls und den Wunsch nach Gemeinschaftserlebnissen befriedigt. Darüber hinaus bestätigt die Ästhetik des Performativen dem Publikum den Impetus des digitalen Zeitalters: obsessiv gesteigerte Körper- und Selbstwahrnehmung ... Abgeschliffen wird scharfe "Kantigkeit" durch Verzicht auf Zufälligkeit und Irritation des Publikums."


Im Literaturhaus Berlin werden die Bilder des 2013 gestorbenen Schriftstellers Wolfgang Herrndorf ausgestellt. Bereits vor einigen Tagen stellte Tillmann Prüfer den Maler Herrndorf im ZeitMagazin vor: Dessen Bilder seien "ein Kommentar zu unserer Zeit, zu unserer Flüchtigkeit und der Sucht, modern sein zu wollen. Herrndorf versuchte nie, zeitgemäß zu sein. Er hatte seine eigene Zeitrechnung." Gerrit Bartels (Tagesspiegel) vermag in der Bildern vor lauter Referenzen an geliebte Meister, Zitaten und Titanic-Pop kaum noch "eine ganz eigene Handschrift zu entdecken", doch "in seinen Bildern und Zeichnungen stimmt jede Linie, jede Krümmung, zeigt sich viel Liebe zum Detail." Ganze 17 Farbschichten hat Dirk Knipphals (taz) auf einem Selbstporträt des Schriftsteller gezählt. Im Freitag schreibt Gerd Haffmans über Herrndorf als Maler. in der SZ schreibt Jens Bisky. (Bild: © Wolfgang Herrndorf)

In der SZ berichtet Catrin Lorch von ihrer Reise mit Documenta-Kurator Adam Szymczyk nach Athen und kommt dabei unter anderem zu dieser Beobachtung: "Die Krise hat, zweifellos, ihre eigene Exotik." Andreas Kilb (FAZ) freut sich über die Anschaffung einer Terrakottafigur von Puget für das Berliner Bode-Museum. Ingeborg Ruthe (Berliner Zeitung), Deike Diening (Tagesspiegel), Ingeborg Ruthe (FR) und Julia Voss (FAZ) gratulieren Christo zum Achtzigsten.

Besprochen werden ein von Andrea Bambi und Axel Drecoll herausgegebener Forschungsband über Alfred Flechtheim (FAZ) und ein am Sonntag im NDR gezeigter Dokumentarfilm über die Kunst von Julius Klingebiel (FAZ).
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Musik

In der Welt wendet sich Klaus Farin, Experte in Sachen Jugendkultur, gegen die "hysterische Ausgrenzung" von rechten Rockbands wie den Böhsen Onkelz und Frei.Wild: "Wo Grenzen verschwinden, werden Gartenzäune gebaut. Die Sehnsucht nach einem autoritär moralischen Wir wächst in der bürgerlichen Mitte - alles, was nicht dazugehören will oder darf, muss weg, egal, ob Deutschrockbands, Muslime oder Neonazis. Bloß nicht darüber nachdenken, bloß nicht mit denen reden. Das zeigt auch die absurde Diskussion über ein Verbot der NPD, dieses traurigen Haufens, der sich ohne seine Gegner schon längst erübrigt hätte. Antidemokratische Minderheiten muss man als Demokrat aushalten können."

Thomas Winkler (taz) plaudert mit Francoise Cactus und Brezel Göring, die seit 22 Jahren ein Paar und die Band Stereo Total sind. Außerdem war Cactus früher einmal taz-Layouterin, was nicht ohne Folgen geblieben ist: "Ich träume noch manchmal von der taz. In habe einen Traum, in dem sprechen die Leute auf den Fotos, mit denen ich die Seite layoute, mit mir. Das ist nicht so schön." Dagegen deutlich schöner: Das aktuelle Video der Band.



Und natürllich tragen die Musikredaktionen Trauer: Zum Tod des Freejazz-Revolutionärs Ornette Coleman schreiben Jens Balzer (Berliner Zeitung), Hans-Jürgen Linke (FR), Kai Müller (Tagesspiegel), Franziska Buhre (taz), Stefan Hentz (ZeitOnline) und Wolfgang Sandner (FAZ). Auf Pitchfork führt Seth Colter Walls mit vielen Hörbeispielen durch Colemans Schaffen. Mehr außerdem in unserer gestrigen Kulturrundschau.

Außerdem: "Ein Albumkünstler war Moroder nie", schreibt Christian Schröder über "Déjà Vu", das neue Album des Disco-Pioniers (mehr dazu hier), etwas missmutig: Die "Tracks folgen beziehungslos aufeinander. Aber es gibt Hits." Mit Mikas neuem Album "No Place in Heaven" ist der "Sommer-Soundtrack" gefunden, freut sich Julia Bähr (FAZ). Franziska Seyboldt (taz) klickt sich durch die diversen Social-Media-Accounts des deutschen Rap-Poppers Casper. Kerstin Holm (FAZ) berichtet von Valery Gergievs Festival "Sterne der Weißen Nächt" in St. Petersburg.

Besprochen werden ein Konzert von Holly Herndon (Berliner Zeitung, Tagesspiegel), ein von Roger Norrington dirigiertes Haydn-Konzert des Deutschen Symphonie-Orchesters (Tagesspiegel).
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Film



"Muskeln, Monstren, Sensationen": In der taz empfiehlt Thomas Groh den mexikanischen Trashfilm "Der Fluch der aztekischen Mumie" aus den 50ern, den man sich derzeit in der arte-Mediathek ansehen kann. Hanns-Georg Rodek trifft für die Welt die spanische Schauspielerin Laia Costa zum Tischgespräch. Und in der NZZ lässt sich Susanne Ostwald Hollywoods Sommer-Spektakel wie "Jurassic Park" oder "San Andreas" gefallen: "Was hier vor allem zählt, ist die Lust an der Zerstörung, der Kitzel des Monströsen, und diesbezüglich setzen beide Filme visuell neue Standards."

Besprochen werden das Biopic "Love & Mercy" über Brian Wilson (FR, FAZ), die dritte Staffel der Serie "Orange is the New Black" (ZeitOnline), Miriam Jakobs" Depressionsfilm "Das dunkle Gen" über Depression (FR) und die spanische romantische Komödie "Acht Namen für die Liebe" von Emilio Martínez-Lázaro (FAZ).
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Archiv: Film

Literatur

Im Standard feiert Gerhard Melzer Clemens Setz" neuen Erzählband "Glücklich wie Blei im Getreide": "Zwei und zwei ergibt bei Clemens J. Setz natürlich niemals vier." Die taz dokumentiert Michael Kleebergs Dankesrede zum Friedrich-Hölderlin-Preis. Judith von Sternburg (FR) berichtet von den Frankfurter Lyriktagen. Zwei Monate nach dem Tod des Nobelpreisträger hat der Steidl Verlag sein Günter-Grass-Archiv in Göttingen eröffnet, notiert Eckhard Fuhr in der Welt. Michael Braun (Tagesspiegel) gratuliert dem Lyriker Christoph Meckel zum 80. Geburtstag. Lothar Müller (SZ) und Tilman Spreckelsen (FAZ) gratulieren dem Schriftsteller Dieter Forte zum 80. Geburtstag. Außerdem hat die Zeit Nora Bossongs Plädoyer für eine Lyrik, die sich vor Popularität nicht fürchtet, online nachgereicht. Anfang Juni hatte Maria Luise Knott in ihrer Perlentaucher-Kolumne "Tagtigall" darauf reagiert.

Besprochen werden Steffen Kopetzkys "Risiko" (taz, mehr), Katrin Seddigs "Eine Nacht und alles" (taz), Gertraud Klemms "Aberland" (Jungle World, mehr), Kurban Saids "Ali und Nino" (FR), Kristina Gehrmanns Comic "Im Eisland" (Tagesspiegel) und Hans Joachim Schädlichs "Narrenleben" (FAZ, mehr).
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Bühne


Sicherheitshalber zurückgezogen: Tino Hillebrand in "Dosenfleisch". Bild: Reinhard Werner.


Im Gespräch mit Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung erklärt der österreichische Dramatiker Ferdinand Schmalz, dessen Stück "Dosenfleisch" heute die Autorentheatertage in Berlin eröffnet, wie er seine Stücke schreibt: Er berichtet von "drei Phasen": "Zuerst sitze ich in der Germanistik-Bibliothek. Mein Stammplatz ist direkt vor dem Brecht-Regal. Das spornt schon mal an, wenn man sieht, wie viele Fächer der ausfüllt. Dann, wenn ich schon ein bisschen weiter bin, spreche ich die Texte immer leise mit. Das ist dann gerade noch vertretbar für das Kaffeehaus. Und zum Schluss, wenn ich laut lesen muss, weil ich Duktus, Fluss und Melodie der Sprache ausprobiere, dann zieh ich mich sicherheitshalber in meine vier Wände zurück."

Außerdem: Für die Berliner Zeitung spricht Irene Bazinger mit Elisabeth Trissenaar, die am Sonntag in Hans Neuenfels" am Berliner Schiller-Theater aufgeführten Inszenierung der Strauss-Oper "Ariadne auf Naxos" den Haushofmeister spielt. Besprochen werden die deutsche Erstaufführung von Nicolae Bretans 1924 uraufgeführtem "Golem" an der Neuköllner Oper in Berlin (taz) und eine 70 CDs umfassende Opernedition von Herbert von Karajan (SZ).
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