Efeu - Die Kulturrundschau

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29.05.2015. In der Welt erinnert sich Hellmuth Karasek, warum das erste Literarische Quartett so gut war: Es war wirklich eins zu eins live. Wie sexy eine grüblerische Pose sein kann, lernt Zeit online vom Rock-Gospel Algiers'. In Mailand wandert die SZ beeindruckt durch Rem Koohlhaas' Fondazione Prada. Und: Freundliche Verrisse für Johann Kresniks Zombie-Revue "Die 120 Tage von Sodom".

Literatur

Anlässlich der Meldung, das Literarische Quartett werde mit Volker Weidermann, Christine Westermann und Maxim Biller wiederbelebt, erinnert sich Hellmuth Karasek in der Welt an das Original: "Will man es auf ein einfaches Schema bringen, so wiederholte sich hier der Aufstand der Affen-Urhorde gegen den übermächtigen Silberrücken. Da in der Literatur laut Hamlet nur mit Worten gemordet wird, überlebte er meist oder fast immer glänzend. Dazu war aber nötig, dass die Sendung wirklich eins zu eins live übertragen wurde, anfangs ohne Publikum, später mit Publikum."

Gerade noch mal ausgegraben: Ein Literarisches Quartett von 1991, in dem u.a. über Bücher von György Konrad, Monika Maron und Wolf Biermann und über die DDR und Literatur aus der Ex-DDR im allgemeinen gestritten wird:



Bei einem Übersetzer-Empfang bei Bundespräsident Joachim Gauck präsentierten sich die rund 400 anwesenden Übersetzer in einer "ambivalenten Gemütslage (...) zwischen Melancholie und einem Selbstbewusstsein, das tatsächlich angebracht ist", berichtet Dirk Knipphals in der taz.

In Indonesien, dem Gastland der Frankfurter Buchmesse in diesem Jahr, hat Literatur mit großem L einen schweren Stand, erfahren wir aus Marco Stahlhuts Reportage in der FAZ: "Im 250-Millionen-Einwohner-Land Indonesien gilt ein Nicht-Genre-Roman bereits als großer Erfolg, wenn von ihm 10 000 Exemplare verkauft werden. Zum Vergleich: Religiöse Romane und Erfolgsgeschichten verkaufen sich regelmäßig zu Hunderttausenden."

Weitere Artikel: Für die Berliner Zeitung sprechen Julia Grass und Anne Lena Mösken mit Schriftstellerin Olga Grjasnowa unter anderem über Berlin. In der FR porträtiert Harry Nutt Volker Weidermann, der das "Literarische Quartett" des ZDF wiederbeleben soll. Und Andreas Maier berichtet im Logbuch Suhrkamp weiter von seinem "Jahr ohne Udo Jürgens".

Besprochen werden unter anderem Ricardo Piglias Campus-Roman "Munk" (NZZ), Joseph O"Connors "wilde Ballade vom lauten Leben" (NZZ), die Ausstellung "Der Wiener Kreis - Exaktes Denken am Rande des Untergangs" im Hauptgebäude der Universität Wien (NZZ), Péter Esterházys "Die Mantel-und-Degen-Version" (SZ) und Ralf Konersmanns "Die Unruhe der Welt" (FAZ).
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Bühne


Rot, rot, rot sind alle meine Kleider: Respektable Kapitalismuskritik in Johann Kresniks "Die 120 Tage von Sodom. Bild: Thomas Aurin.

Uff, stöhnt Michaela Schlangenwerth in der Berliner Zeitung: Mit Johann Kresniks Pasolini-Adaption "Die 120 Tage von Sodom" übt sich die Volksbühne in Berlin einmal mehr in ihrer Kernkompetenz: Kapitalismuskritik in nur allerdrastischsten Bildern. Lange dürfte es das am Hause wohl nicht mehr geben, spekuliert die Kritikerin in vorsorglicher Nostalgie, geht dann aber doch auf Distanz zur Darbietung: Kresnik biete, für was Kresnik eben stehe, nur jetzt eben in burlesker Selbstüberbietung mit viel Geschlitze und Gekröse, was "teilweise etwas von einem grotesken Splatter hat. Etwa wenn die Gangman-Girls-Line des Anfangs, jetzt im Helnwein-Outfit blutbeschmiert und in Verbände gewickelt, als Zombie-Revue über die Bühne tanzt. Das ist der eine Moment, wo man denkt, wenn sich jetzt alles ironisch wenden würde, das wäre vielleicht die Rettung. Es könnte vielleicht sogar noch wirklich unheimlich werden. Aber natürlich ist es nicht ironisch gemeint, sondern pur."

Auch in der FAZ fühlt sich Irene Bazinger von Kresnik nicht erfolgreich auf die Barrikaden gedrängt. Dennoch zeigt sie sich beeindruckt von dessen "unendlicher Wut über die globalen Missverhältnisse ... Er fügt sich nicht ins System ein, er will es erledigen. Dass er dabei scheitern muss, weiß er natürlich. Dass Kresnik darüber keineswegs resigniert, verdient trotz der weidlich ausgekosteten Schockästhetik höchsten Respekt."

Weitere Artikel: Mit Inszenierungen von Brechts "Arturo Ui" und Kleists "Zerbrochenen Krug" unternimmt das Nationaltheater Weimar eine Analyse der deutschen Gegenwartsgesellschaft, erklärt Helmut Schödel in der SZ: "Man verlässt dieses Weimarer Projekt über deutsche Kultur alarmiert: Die Rechten wollen weiterkämpfen um Chicago, die Braven setzen auf Biedermeier. Ujui, ujui!" In der SZ stellt Tim Neshitov Milo Raus Projekt "Kongo Tribunal" vor, bei dem die Frage nach der Schuld für die Katastrophe des in Kongo seit 20 Jahren herrschenden Bürgerkriegs performant beantwortet werden soll.

Besprochen werden Yael Ronens am Maxim Gorki Theater in Berlin aufgeführtes Stück "Das Kohlhaas-Prinzip" (Freitag, mehr), Hèctor Parras Oper "Wilde" bei den Schwetzinger Festspielen (NZZ), Joël Pommerats Mini-Beziehungsdramen-Serie "Die Wiedervereinigung der beiden Koreas" in Frankfurt (NZZ), Suna Gürlers Inszenierung des Stücks "Kritische Masse" im Gorki-Jugendclub in Berlin (Tagesspiegel), und Lydia Steiers Inszenierung von Händels "Jephta" in Wien (SZ).
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Film

Ein Internet-Leckerbissen zum Wochenende: Alexander Kluges Sendereihe dctp hat ein umfangreiches Dossier mit Videobeiträgen über Rainer Werner Fassbinder, der kommenden Sonntag 70 Jahre alt geworden wäre, online gestellt.

Besprochen werden "Das Zimmermädchen Lynn" (FR) und Rüdiger Suchslands Dokumentar-Essayfilm "Von Caligari zu Hitler" (FR, mehr hier).

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Musik

Mit einigem Interesse verfolgt Daniel Gerhardt auf Zeit online, wie die amerikanische Band Algiers im Gospel wühlt, diesen mit Rock von einer Punkperspektive her verbindet und damit im kapitalistischen Realismus eine widerständige, aber auch grüblerische Haltung einnimmt: "Auf dem Papier wirkt das Gegenangebot der Band notwendig, aber wenig verlockend: Es beruht auf Ernsthaftigkeit, Zusammenhalt, Glaube und Selbstbeschränkung. Erst in der Verbindung mit ihrem neuartigen Entwurf von Rockmusik wird es auch sexy. Dann zeigt sich: Algiers sind nicht nur rechtschaffen und verkopft, sondern auch großartig." Hier ein aktuelles Video:



Auf seinem Debütsoloalbum "In Colour" (siehe auch unsere gestrige Kulturrundschau) schwelgt Jamie XX in "melancholischer Euphorie", erklärt Philipp Rhensius in der taz in Verbindung mit einem gelehrten Referat über die Geschichte von Dubstep. Doch dieses Album sei "alles andere als der Soundtrack für düstere Clubs und Kopfnicken. Unter den bunten, grellen Popsongs steckt eine Nachdenklichkeit, die gelegentlich von einer kurz aufblitzenden Düsternis gebrochen wird."

Am Ende enttäuscht das kollaborativ von Todd Rundgren, Emil Nikolaisen und Hans-Peter Lindstrøm produzierte Album "Runddans" Detlef Diederichsen (taz) zwar doch, aber zuweilen hat er schon auch seine Freude an der hier gebotenen ganz großen Techno-Sinfonie, die sich mit "viel hilft viel"-Attitüde gegenüber dem Minimal-Konsens in Stellung bringt: Es gibt "Prog-Drama, Harmonie-besoffenes Songwriting, fröhliche Ideenüberfülle, ergebnisoffene Elektronikexperimente", doch am Ende auch "Erschöpfung, wenn man sich wirklich auf das Werk und sein Ideen-Feuerwerk eingelassen hat." Auch auf Pitchfork kam das Album nur halb gut weg. Hier kann man dennoch ein Ohr wagen:



Weitere Artikel: Josa Mania-Schlegel unterhält sich für die Spex mit der experimentellen Black-Metal-Band Liturgy. Jakob Buhre (Berliner Zeitung) spricht mit Róisin Murphy. Harald Eggebrecht erzählt in der SZ die Erfolgsgeschichte der Villa Papendorf bei Rostock, die sich dank einer privaten Initiative zu einem Zentrum für Kammermusik gemausert hat. In der NZZ unterhält sich Hanspeter Künzler mit den Brüdern Mael von den Sparks, die zusammen mit Franz Ferdinand ein neues Album eingespielt haben.

Besprochen werden diverse neue Jazzveröffentlichungen (The Quietus), ein von David Afkham dirigiertes Konzert der Berliner Staatskapelle (Tagesspiegel), Cloud Rats neues Album "Qliphoth" (Pitchfork), das wiederveröffentlichte Swans-Debüt "Filth" aus dem Jahr 1983 (Pitchfork), das neue Album von A$ap (Welt), Nozinjas neues Album "Nozinja Lodge" (Spex) und Róisin Murphys "Hairless Toys" (Skug).
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Kunst

In Dresden wurde im öffentlichen Raum ausgestellte Kunst fremdenfeindlich beschmiert, meldet Nicola Kuhn im Tagesspiegel.

Besprochen werden eine Ausstellung über die Ringstraße im Jüdischen Museum Wien (FAZ).
Archiv: Kunst

Architektur

Sehr faszinierend findet es Laura Weißmüller (SZ), wie Rem Koolhaas den neuen, golden strahlenden Bau der Fondazione Prada in Mailand die Bausubstanz einer alten Schnapsbrennerei ins neue Erscheinungsbild eingegliedert hat: Mitunter lassen sich die Bruchstellen kaum ausmachen. "Die Grenzen verwischen, ohne dass dabei das Gefühl aufkommt, einer Camouflage aufzusitzen. ... Es [gibt] keinen Punkt, von dem aus das gesamte Gelände zu überschauen ist. Ständig überlagern sich Gebäudeteile und zerschneiden Sichtachsen. Was optisch dazu führt, dass manche Durchblicke wie surrealistische Veduten wirken und man das Gefühl bekommt, durch eine Kulisse zu wandern. Das zeugt von Größe - beim Bauherren. Denn Prada ging es offensichtlich nicht darum, ein dreidimensionales Werbebanner mit diesem Gebäude zu bekommen."

Besprochen wird die "auffallend schön inszenierte" Ausstellung über Ost- und Westberliner Architetur der 60er Jahre in der wiedereröffneten Berlinischen Galerie (Berliner Zeitung).


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Design


Foto: Chanel. Haute Couture. Chanel Collection. Bundeskunsthalle Bonn

Ein Thema in der großen Karl-Lagerfeld-Schau der Bundeskunsthalle Bonn ist die "Papiersucht" des Designers, erzählt Marc Zitzmann in der NZZ. Aber: "Den papierenen Leitfaden zieht die Schau nicht durch. Und auch ihren zweiten Vorsatz löst sie nicht ein: jenen, Lagerfelds Schaffensprozess zu beleuchten. Wohl zeigt sie das Alpha, die mit Anmerkungen und Stoffproben angereicherten Zeichnungen, und das Omega, die fertigen Modelle auf eigens angefertigten Mannequins von Carmen Lucini sowie ihre Fotos auf Hochglanzpapier. Aber alle Zwischenstationen des Entstehungsprozesses eines Kleids, die etwa Loïc Prigent 2005 in seinem Dokumentarfilm "Signé Chanel" so einfühlsam festgehalten hatte, fehlen hier. So ist "Karl Lagerfeld - Modemethode" letztlich eben doch eine Art Retrospektive. Die erste übrigens, die eine Übersicht über Kaiser Karls Kleider aus sechs Jahrzehnten bietet."
Archiv: Design