9punkt - Die Debattenrundschau

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Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
28.05.2015. Die Fifa-Skandale gehen auch am Perlentaucher nicht vorbei. Wir verlinken auf eine Hymne über die US-Generalstaatsanwältin Loretta Lynch in politico.eu und auf eine Aktion von Designern gegen die Sklaverei beim Stadionbau in Qatar. Wie kommt es eigentlich, dass die Iren für die Homoehe stimmen und gleichzeitig bei Abtreibung so erzkonservativ bleiben, fragt quartz.com. Die New Republic fragt mit Blick auf die Soziologin Alice Goffman, ob teilnehmende Beobachtung die Fahrt eines Fluchtautos bei einer Mordaktion einschließt. Die taz stellt den Künstler Kcho vor, der den Kubanern WLAN gibt.

Gesellschaft

Wie kommt es eigentlich, dass ausgerechnet die amerikanische Justiz mit dem Fifa-Sumpf aufräumt, der sich doch nicht unwesentlich aus europäischen Fernsehgeldern nährt? Wie auch immer. Tunku Varadarajan feiert bei politico.eu die amerikanische Generalstaatsanwältin: "Das Pantheon des Weltfußballs hat eine neue Heldin. Den Namen Pele, Maradona, Cruyff und Messi sollte man einen anderen an die Seite stellen: Loretta Lynch. Die Generalstaatsanwältin, die vom amerikanischen Senat jüngst mit dem nicht gerade fußballähnlichen Ergebnis 56-43 bestätigt wurde, geht als die konsequenteste Frau in die Geschichte dieses Sports ein." Josh Gerstein porträtiert Lynch ebenfalls bei politico.eu. Bei Huffpo.fr findet sich ein AFP-Artikel über den ehemaligen amerikanischen Fifa-Funktionär Chuck Blazer, auf dessen Aussagen die amerikansichen Beschuldigungen wesentlich zu beruhen scheinen.

Leider gar keine Kommentare gibt es zu der Meldung, dass die Fifa Frauen inzwischen zwingt, ihr Geschlecht nachzuweisen. "Die Fifa wird ihre Gründe dafür haben. Wir haben das gelassen zur Kenntnis genommen und sind froh bestätigen zu können: Unsere Spielerinnen sind alle weiblichen Geschlechts", meldet die DFB-Managerin Doris Fitschen brav in der Bild.



Dieses verfremdete Logo stammt aus einer Aktion von Designern, die aus Protest gegen die Sklaverei beim Stadion-Bau in Qatar die Logos von WM-Sponsoren variieren. Amar Toor berichtet bei The Verge über die Aktion von Amateur-Designern. Ins Leben gerufen wurde sie von boredpanda.com.

In der SZ denkt Gustav Seibt anlässlich der Aussage des Kurienkardinals Pietro Parolin, das irische Ja zur Homoehe sei eine "Niederlage der Menschheit", über das Verhältnis der katholischen Kirche zur Homosexualität nach: "Woher kommt ihr Hass gegen die weltliche, ganz bürgerlich-konservative Ordnung solcher Verbindungen samt ihren Verpflichtungen, ihrem Alltag, der nicht weniger steinig-schön und herausfordernd ist als bei heterosexuellen Paaren? Warum, in einem Wort, ist die Kirche so sexbesessen?"

Erstaunlich, wie wenig nach den positiven Reaktionen auf das Referendum in Irland das Thema Homoehe mit einem anderen wichtigen Thema in Verbindung gesetzt wurde. Cassie Werber erinnerte in Quartz.com schon vor einigen Tagen daran: "Während Menschenrechtsaktivisten die Homoehe als einen hoffnungsvollen Wandel ansehen, bleibt Irland eines der restriktivsten Regimes der Welt, wenn es zu einem anderen Konflikt zwischen Konservativen und Liberalen kommt - das Recht auf Abtreibung. Abtreibung ist illegal in Irland... Abtreibung ist sogar dann illegal, wenn eine Frau vergewaltigt wurde, auch wenn sie minderjährig ist. Es gibt auch dann keine Ausnahme, wenn der Fötus nicht normal ist oder mit Gewissheit nach der Geburt stirbt." Donna Rachel Edmunds meldet bei Breitbart.com immerhin, dass irische Labour-Politiker den Rückenwind aus dem Referendum nutzen wollen, um auch die Abtreibungsgesetze in dem Land zu liberalsieren.

Höchst erstaunlich ist auch, was Steven Lubet in der New Republic (und ausführlicher hier) über Alice Goffman schreibt, deren Buch "On the Run - Fugitive Life in an American City" über das Leben schwarzer Jugendlicher in amerikanischen Ghettos auch hier hymnische Kritiken erhielt. Offenbar machte sie sich zur Komplizin eines Mordes oder Mordversuchs, indem sie den Fluchtwagen bei einer Racheaktion der von ihr soziologisch beobachteten Jugendlichen fuhr. Und es steht schlicht und einfach in ihrem Buch, in dem sie die Suche nach dem Opfer der Racheaktion beschreibt: "Wir starteten um 3 Uhr nachts. Mike saß auf dem Beifahrersitz, seine Glock-Pistole in der Hand und dirigierte mich durch das Viertel. Wir inspizierten dunkle Häuser und suchten nach Nummernschildern und Automodellen, während Mike über das Handy Infos austauschte." Dann entdeckte Mike sein Ziel, so Lubet, und zitiert weiter aus Goffmans Buch: Mike "steckte seine Pistole in seine Jeans, stieg aus und versteckte sich in der Nebenstraße. Ich wartete im Auto mit laufendem Motor, bereit, sofort abzurauschen, sobald Mike in den Wagen zurückkehrte."
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Internet

Kuba war bislang weitgehend vom Internet abgeschnitten. Der Künstler Alexis Leiva Machado alias Kcho bietet nun in einem Kulturzentrum in Havanna kostenloses WLAN an, berichtet Sebastian Erb in der taz: "Kcho sagt ganz offen, dass er eine Botschaft hat, die er unters Volk bringen will. Und die lässt sich so zusammenfassen: Die Revolution ist immer noch aktuell. Die Revolution ist auch online. (...) Hat der Künstler keine Angst, dass sich das Projekt gegen die Regierung richtet? Dass hier der "kubanische Frühling" organisiert wird? "Wir sind in Kuba, wir sind nicht in Nordafrika", sagt Kcho. Er spricht nun lauter, beinahe ein bisschen aggressiv. Alle elf Millionen Kubaner stünden hinter der Regierung. "Die Leute verteidigen die Revolution wie ihre Mutter!""
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Stichwörter: Havanna, Kcho, Kuba, WLAN

Überwachung

Sascha Lobo wendet sich in seiner Spiegel-Online-Kolumne gegen Datenaberglauben, der unter anderem zur neuen Vorratsdatenspeicherung geführt habe: "Auch hier ist die Wirksamkeit schlicht nicht nachgewiesen, und doch soll sie im Eilverfahren eingeführt werden. Und auch die eskalierende Merkel-Affäre um den BND, die Vertuschung der illegalen Kooperation zwischen deutschen, britischen und amerikanischen Diensten, besteht in ihrem Kern aus Datenaberglauben: Terrorismus sei berechenbar, es gäbe algorithmisch produzierbare Sicherheit. Die Bundeskanzlerin lügt, um grundgesetzwidrige Aktivitäten zu schützen, die letztlich auf esoterischen Annahmen beruhen."
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Geschichte

"History Marketing hat Konjunktur", schreibt Martin Eich im Freitag und attackiert den Historiker Gregor Schöllgen, der mit seinem "Zentrum für Angewandte Geschichte" milde Firmengeschichten im Auftrag der Unternehmen schreibt: "Wer seine Auftragsarbeiten über Rüstungsunternehmer Karl Diehl, Lebensmittelfabrikant Theo Schöller, Automobilzulieferer Max Brose und Quelle-Gründer Gustav Schickedanz liest, glaubt sich auf einer Zeitreise in die frühe Adenauer-Ära. Alle sind anständig geblieben, nur die Zeiten waren schlimm."

Die Zeit befasst sich ausführlich mit den vergangene Woche in Bad Dürkheim beschlagnahmten Skulpturen von Arno Breker, Josef Thorak und Fritz Klimsch. Martin Machowecz spricht mit dem Fotografen Thomas Steinert, der einige der Statuen 1984 auf einem Sportplatz für Sowjetsoldaten in Eberswalde fotografierte. Tobias Timm versucht die Geschichte der Skulpturen bis zur Beschlagnahme zu rekonstruieren. Und der Leipziger Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich hofft, dass die Erregungsreflexe im Zusammenhang mit NS-Kunst endlich nachlassen mögen: "Vielleicht sollte man, da es ohnehin beliebt geworden ist, alte Ausstellungen zu wiederholen, eine der Großen Deutschen Kunstausstellungen rekonstruieren und all die öden Werke noch einmal aus den Depots holen. Spätestens dann dürfte klar sein, dass die Nazis wahrlich keine Kunst hervorgebracht haben, die Nennenswertes über sie oder ihre Verbrechen aussagen würde. Künftig könnte es dem Staat also eigentlich egal sein, wenn Überreste von damals verschwinden oder wieder auftauchen. Dass es für derart langweilige Werke überhaupt einen Markt gibt, sollte man als Kuriosität verbuchen und sich nicht weiter darum kümmern."

Julia Albrechts Film über ihre Schwester Susanne Albrecht und deren Rolle beim RAF-Attentat auf Jürgen Ponto ist gestern wegen der aktuellen Fifa-Ereignisse nun doch nicht gelaufen. In der ARD-Mediathek kann man ihn aber sehen. Auch Wolfgang Kraushaars FR-Kritik, aus der wir gestern zitierten, steht heute online.
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