9punkt - Die Debattenrundschau

Der hyperliberale Schnack

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
18.05.2015. Die Diskussion um Mohammed-Karikaturen droht die Redaktion von Charlie Hebdo zu zerreißen, fürchtet die taz und meldet erste Abgänge und Rauswürfe. Die HuffPo.fr hat bereits mit Luz die "Catharsis" erlebt. Der Guardian möchte lieber keine islamische Reformation und schon gar keinen Luther. In der FAZ arbeitet Klaus Theweleit an der Parzellierung seiner Ichs. Die NZZ beschwört den Wert der antiken Oasenstadt Palmyra. Die Welt will die europäischen Grenzen schließen.

Ideen

In der taz berichtet Rudolf Balmers unter Berufung auf den Abodienst Mediapart von den immensen Konflikten in der Redaktion von Charlie Hebdo. Offenbar will Luz das Blatt verlassen und die kritische Islamspezialistin Zineb El Rhazoui, die zusammen mit Charb die Mohammed-Biografie verfasst hat, soll gehen müssen: "Falls sie tatsächlich in einer so exemplarischen Weise entlassen würde, müsste zwangsläufig der peinliche Verdacht aufkommen, dass man sie opfern wolle, um Charlie Hebdo ein wenig aus der Schusslinie zu bringen; denn die heutige Redaktionsleitung will in Zukunft erklärtermaßen auf allzu sehr anstoßerregende Mohammed-Karikaturen verzichten, um nicht als "islamophob" beschimpft zu werden."

Die HuffPo.fr meldet Ähnliches, hat aber auch schon einen Blick in den Band "Catharsis" geworfen, der in den nächsten Tag erscheint und in dem der Zeichner Luz sehr persönlich von den Ereignissen erzählt: "Man erlebt die Albträume, den Polizeischutz, der dem Überlebenden bis in sein Schlafzimmer begleitet, die Liebesszenen mit seiner Freundin. "Dieses Buch ist kein Zeugnis und noch weniger ein Comic", schreibt er. Als Autor des vieldiskutierten ersten Titelblatts nach der Schießerei geht Luz in diesem Band mit einem sehr persönlichen Ton wenig auf den Islam oder die Fundamentalisten ein."

In der FAZ sinniert der Kulturtheoretiker Klaus Theweleit über die Abkehr vom zentralen Ich in der organisatorischen Moderne und die neue Vielzahl der Identitäten: "Der hyperliberale Schnack von "jedem nach seiner Fasson" - dem preußisch-königlichen Staatsterroristen Friedrich "dem Großen" zugeschrieben und da allein auf die Ausübung religiöser Rituale beschränkt - ist seit den achtziger Jahren zunehmend materielle Realität geworden unter der Einschränkung: jeder in seiner Enklave... Die ganze Gesellschaft wird zunehmend segmentiert in Spezialbereiche, Spezialistenbereiche. In der heute mittelständisch vorherrschenden Personenstruktur erscheinen wir seitdem als Funktionalitäten solcher Aufspaltungen. Die Aufspaltung der Gesellschaft in organisierte Spezial-Enklaven bedient ein Bedürfnis, und sie schützt zugleich. In der Parzelle brauchen wir nur die Parzelle zu denken. Würden wir an alles andere auch dauernd denken, es wäre unaushaltbar."
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Religion

Wer eine islamische Reformation fordert, sollte sich noch einmal genau ansehen, was Luther so alles angerichtet hat, meint Mehdi Hassan im Guardian: "Don't get me wrong. Reforms are of course needed across the crisis-ridden Muslim-majority world: political, socio-economic and, yes, religious too. Muslims need to rediscover their own heritage of pluralism, tolerance and mutual respect - embodied in, say, the Prophet's letter to the monks of St Catherine's monastery, or the "convivencia" (or co-existence) of medieval Muslim Spain. What they don't need are lazy calls for an Islamic reformation from non-Muslims and ex-Muslims, the repetition of which merely illustrates how shallow and simplistic, how ahistorical and even anti-historical, some of the west's leading commentators are on this issue."
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Stichwörter: Islam, Reformation

Europa

Europäische Grenzen dichtmachen, Zuwanderung kontrollieren, fordert Dirk Schümer in der Welt, denn: "Wer heute das Schleifen der Festung Europa fordert und weiter von offenen Außengrenzen schwärmt, wird in kurzer Zeit das genaue Gegenteil bekommen: Ein Europa voller Flüchtlingslager mit eifersüchtig bewachten Binnengrenzen und Menschen, die regellos von einem Staat zum anderen abgeschoben werden."
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Politik

In der NZZ erklärt die Archäologin Margarete van Ess den Wert der antiken Oasenstadt Palmyra, deren Einnahme durch den IS nach jüngsten Meldungen nicht mehr unmittelbar droht: "Die Stadt Palmyra wurde zwar bereits in der Seleukidenzeit (3. bis 1. Jahrhundert v. Chr.) ausgebaut und durch den Handel des riesigen Seleukidenreiches mit dem griechischen Mutterland reich, doch wuchs ihre Bedeutung in der römischen Zeit, als die Grenze zwischen den damaligen Grossmächten - Rom und Parthien - nahe dem Euphrat verlief."

In der taz fürchtet Karim El-Gawhary nach dem Todesurteil gegen Mohammed Mursi, dass Kairos Rachejustiz junge Muslimbrüder in Scharen zum Islamischen Staat treiben wird.

Nikolai Klimeniouk berichtet in der FAS von der drakonischen Drogenpolitik in Russland: Jeder, der mit Drogen oder als solche eingestuften Substanzen in Berührung kommt, steht im Visier der zentralen Drogenbehörde und wird bestraft. Krebskranke, HIV-Infizierte oder Drogensüchtige warten vergeblich auf ihre Medikamente, aber: "Wie so typisch in Russland, wird jedes Problem - auch dieses - als Vorwand zur Stärkung des repressiven Staatsapparats benutzt und zur Einführung neuer Verbote."
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Kulturpolitik

Willibald Sauerländer holt in der SZ ein wenig aus, um an die noch vorhandene Originalmöblierung des Berliner Stadtschlosses zu erinnern: "Nun wird gewiss niemand an eine komplette Rekonstruktion dieser Ausstattung denken wollen. Sie wäre auch nach Zerstörung und Besitzerwechseln gar nicht realisierbar. Auch brauchen wir ja wirklich kein Hohenzollern-Memorial in der Mitte Berlins. Aber wie bei der Möblierung des wieder aufgebauten Schlosses die Erinnerung an dessen ehemalige Ausstattung einfach übergangen oder schlicht vergessen wurde, das verschlägt einem doch den Atem."

Weiteres: In der Berliner Zeitung berichtet Inge Günther, dass Deutschland auch weiter das Bauhaus-Kulturerbe in Tel Aviv fördern wird und erwähnt nebenbei, dass die Luxuswohnungen darin den Investoren Millionen einbringen. Claudius Seidl geniert sich in der FAS für das neue reaktionäre Amerikabild, das mit den Protesten gegen TTIP auch vom deutschen Kulturbetrieb verbreitet wird "von dem man eigentlich dachte, es sei verschwunden und vergangen mit jenen fünfziger Jahren, in denen Eltern, die noch das Horst-Wessel-Lied in den Ohren hatten, ihren Kindern die barbarische, damals sogenannte Negermusik verboten."

Geschichte

Auf Zeit Online erinnert die Historikerin Karen Hagemann daran, dass Frauen im Nationalsozialismus nicht nur besorgte Soldatenmütter, Krankenschwestern und wartende Ehefrauen waren: "Insgesamt dienten rund 500.000 zumeist junge und ledige Frauen als Helferinnen der Wehrmacht, die an allen Kriegsschauplätzen in der Armee, der Luftwaffe und der Marine eingesetzt wurden, um Soldaten für den Fronteinsatz frei zu machen. 160.000 von ihnen waren als Flakhelferinnen direkt am Kampfgeschehen beteiligt. Am Ende des Zweiten Weltkriegs kam in der Wehrmacht auf 20 Soldaten mindestens eine Frau."
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Medien

(via turi2) Im Guardian meldet Peter Preston, dass sich die Paywall für Rupert Murdochs Zeitungen - Times, Sun, Wall Street Journal, New York Post - alles andere als ausgezahlt hat: Bei der Werbung sind die Einnahmen um 12 Prozent, bei den Abos um 6 Prozent zurückgegangen.

In der FAS weiß Stefan Niggemeier noch nicht genau, was er von den Instant-Articles auf Facebook halten soll: "Es ist ein Dilemma, keine Frage, aber es ist nicht der Untergang der Presse, sondern ein neuer Vertriebsweg - einer, der mit einem noch größeren Kontrollverlust verbunden ist als viele der anderen in dieser Zeit des Medienumbruchs."

Weiteres: Auf Bayern2 gibt es ein einstündiges Feature, in dem unter anderem Glenn Greenwald, Laura Poitras und Trevor Paglen erkenunden, ob zwei Jahre nach Edward Snowdens Enthüllungen das Internet freier oder unfreier geworden ist. Aufgrund mangelnder Quoten wird beim ZDF Heute Nacht mit Heute+ ersetzt und läuft erst online, dann im Fernsehen, berichtet Hans Hoff in der SZ: "Echtzeitjournalismus mit Haltung soll Heute+ sein, crossmediale Vernetzung vorantreiben und kein Nachrichten-Hochamt zelebrieren." In der Welt trauert Werber Marc Schwieger Mad Men und den guten alten Werbezeiten hinterher, als Kreativität, Bauchgefühl und Allmachtsfantasien und nicht Klickzahlen über Erfolg und Misserfolg von Werbung entschieden.
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