9punkt - Die Debattenrundschau

Jetzt sitzt er am offenen Grab

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
19.05.2015. Luz verlässt Charlie Hebdo. In der Libé erklärt er seine Gründe. Die SZ liest in seinem berührenden Band "Catharsis" nach, wie er von Charb Abschied nimmt. In der FR fürchtet Ljudmila Ulitzkaja das Ende der russischen Kultur durch Selbst-Überhöhung. Die Welt sieht in Palmyra ein Symbol für die arabische Kultur vor dem Islam. Der Tagesspiegel lernt Affen als soziale und kulturelle Wesen zu begreifen. Die taz staunt, wieviel Aufregung nervende Studenten erzeugen können.

Ideen

Im Interview mit Quentin Girard von Libération erklärt Luz, warum er die Redaktion von Charlie Hebdo im September verlässt. Grund ist nicht der Streit und auch nicht der Druck der Medien, die er scharf kritisiert, sondern dass er bis jetzt kein Verhältnis zur Aktualität mehr findet: "Ich schaffe es nicht mehr, mich dafür und für diese Rückkehr zu einem normalen Leben als Pressezeichner zu interessieren. Viele Leute ermutigen mich, aber sie vergessen, dass das Problem in der Inspiration liegt. Wenn das Neue dich nicht mehr interessiert, kannst du zwar immer noch zeichnen, das ist fast ein pawlowscher Reflex, aber du wirst eine Idee wiederholen, die du schon gemacht hast. Der Entschluss zur Kündigung lag auch in dieser Angst davor, schlecht zu werden." Liberation bringt auch einen Hintergrundartikel zum Streit in der Charlie-Redaktion.

Alex Rühle spart sich in der SZ die Spekulationen über den Streit bei Charlie Hebdo und liest den Band "Catharsis", mit dem Luz das Massaker aufarbeitet: "Er allein auf dem Friedhof. Luz hatte die Trauerrede auf seinen besten Freund, den Chefredakteur, gehalten, "Charb, mon amant", so innig, so ergreifend, dass halb Paris darüber spekulierte, ob die beiden ein Paar waren. Jetzt sitzt er am offenen Grab und erzählt dem unsichtbaren Toten, was er alles gesagt hat bei der Beerdigung. Schließlich aber erhebt sich nicht Charb aus der dunklen Grube, in die er die ganze Zeit hineinmonologisiert hat, sondern er selbst, der sich anschnauzt, er solle endlich aufhören mit diesen Selbstgesprächen."

Mit stiller Begeisterung trägt Jürg Altwegg in der FAZ die Streitigkeiten unter den Überlebenden der Charlie-Hebdo-Redaktion nach, die der Perlentaucher gestern zusammengefasst hatte. Patrick Bahners berichtet überdies über den Streit um ein Stück von Neil LaBute, das Meinungsfreiheit in den USA austesten sollte und prompt abgesetzt wurde, Titel: "Mohammed Gets a Boner" ("Mohammed bekommt einen Steifen"). Die New York Times darf gemäß ihren Regeln zum Schutz des Heiligen jedweder Ausprägung nicht einmal den Titel des Stücks nennen, informiert Bahners noch.
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Politik

In einem Gespräch mit Inna Hartwich in der FR fürchtet die russische Schriftstellerin Ljudmila Ulitzkaja die Abwendung Russlands von Europa: "Der russische Philosoph Wladimir Solowjow schrieb bereits im 19. Jahrhundert darüber: Von der Selbst-Erniedrigung gehe es zur Selbst-Achtung bis hin zur Selbst-Überhöhung. Diese Selbst-Überhöhung, so meinte Solowjow, führe zum Tod der nationalen Kultur. Seine damaligen Worte beschreiben recht genau die heutige Situation in Russland. Es verwandelt sich von einem Land vieler Kulturen in ein monokulturelles Land. Mit einer nationalen Idee nach dem Motto: Wir können alles selbst."

In der taz findet Doris Akrap zum Aufregerthema Münkler-Watch das Wachhundprinzip und seine poizeiliche Reflexhaftigkeit etwas bescheuert, wundert sich aber schon über die Hysterie, mit der in Berlin auf ein paar nervende Studenten reagiert wird: "Der Professor für politische Theorie, Herfried Münkler, schmähte die Betreiber des "Münkler-Watch"-Blogs, in dem ihm "Extremismus der Mitte" vorgeworfen wird, als "Denunzianten". Er und seine Verteidiger unterstellten den Watchdogs, gar keine Studenten zu sein, sondern nur "angebliche". "Trotzkisten" nannte der Professor sie und die Presse wusste, dass "Linksextreme" auf Plattformen wie Indymedia unterwegs sind, wo "Mordaufrufe und Bombendrohungen" (FAS) verbreitet würden. Nicht schlecht. Schlechter recherchiert eigentlich nur der Verfassungsschutz, wenn es um Rechtsextreme geht."
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Religion

An Palmyra hassen die Islamisten, dass es Zeugnis für eine reiche und erfolgreiche arabische Kultur vor dem Islam ist, schreibt Berthold Seewald in der Welt. Und ihr Erfolg bestand gerade im Synkretismus: "Sie akzeptierten die römische Oberhoheit und wussten sich zugleich mit den Parthern zu arrangieren. Wie schon der Baal-Tempel - seine Ruinen sind die ältesten Palmyras - starke hellenistische Einflüsse zeigt, öffnete sich die wachsende Metropole dem Einfluss Roms. Thermen wurden errichtet und ein Theater. Auch die Kolonnaden und vor allem das Tetrapylon, an dem sich die wichtigsten Straßen Palmyras kreuzten, setzen imperiale und hellenistische Vorbilder voraus."
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Medien

Ein bisschen anstrengend kann es werden mit dem neuen vom Internet her gedachten ZDF-Nachrichtenformat Heute+, glaubt Stefan Niggemeier, gibt ihm aber auch Chancen: "Weg vom "Verkündungsjournalismus", hin zu einer Rolle als Vermittler, das ist das Ziel."
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Stichwörter: Heute+

Überwachung

Auf Netzpolitik liefert Andre Meister die Dokumente nach, um eine BND-Auskunft leicht zu korrigieren: "Als der Bundesdatenschutz-Beauftragte den BND fragte, wie viele Daten er an die NSA übermittelt, war die Antwort: "580 Meldungen" im Jahr 2012. Tatsächlich werden aber 1,3 Milliarden Metadaten übermittelt - jeden Monat. Das geht aus interner Kommunikation des Geheimdiensts hervor, die wir veröffentlichen. Die BND-Datenschutzbeauftragte kritisierte diese Antwort als "Falschauskunft" - wurde aber von BND-Leitung und Bundeskanzleramt überstimmt." Auf Zeit Online berichtete bereits Kai Biermann.

In der taz konstatiert Stefan Krollmann, dass die Aufklärung des Geheimdienstskandals keinen Schritt vorangekommen ist und folgert daraus etwas überraschend, als ginge es um nationale Präferenzen: "Wer weniger NSA will, braucht mehr BND."
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Gesellschaft






Schweizerische Filmwochenschau | Neues von Goma, Bébé Gorille a 5 mois, February 19, 1960, 12 min

Für den Tagesspiegel wandelt Birgit Rieger durch die Ausstellung "Kultur der Affen" im Haus der Kulturen der Welt, die beschreibt, wie sich der Mensch den Affen jahrhundertelang gemäß seinem eigenem Weltbild zugerichtet hat: "Die Darstellung von Affen stand in der westlichen Welt traditionell für die Abwesenheit von Kultur. Inzwischen gilt es in der Primatologie als gesetzt, dass Menschenaffen eine Kultur ausgebildet haben. Der Affe gilt als kulturelles und als soziales Wesen. Das berührt eine höchst interessante Frage: Was bedeutet es eigentlich, sozial zu sein?"

Von der Zeit mit einiger Verspätung jetzt online gestellt ist auch Reiner Klingholz" Text über die amerikanische Wissenschaftsjournalistin Elizabeth Kolbert, die in ihrem Buch "Das sechste Sterben" auf die großen Wellen des Artensterbens zurückblickt und angesichts der CO2-Emissionen eine weitere voraussagt: "Sicher ist, dass es der Natur absolut gleichgültig ist, ob wir auf diesem Weg eine sechste Katastrophe entfachen. Wie das Beispiel der fünften Auslöschung zeigt, findet sie auch nach solchen Megaschocks neue Wege. Schon deshalb ist der Begriff des Naturschutzes eine anthropozentrische Anmaßung. Und so beendet die Autorin ihr Buch lakonisch mit zwei Extrem-Szenarien: Entweder lösen wir ein Massensterben aus, das wir selbst nicht überleben, oder wir entgehen mit dem uns eigenen Erfindergeist der Katastrophe."
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