Efeu - Die Kulturrundschau

Geblendet vom Glanz des großen Coups

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
18.05.2015. Mäßig unterhalten und wenig überzeugt zeigt sich die Kritik von Yasmina Rezas an der Schaubühne uraufgeführtem Stück "Bella Figura". Mit "Carol" von Todd Haynes und "Mia Madre" von Nanni Moretti gibt es in Cannes erste Favoriten, Gus van Sants "Sea of Trees" fällt hingegen durch. Die SZ preist Kamasi Washingtons dreistündiges Album "The Epic" als Meilenstein des Modern Jazz. Und die taz findet in Neu-Ulm, was sie in Venedig vergeblich suchte.

Bühne


Müde, aber psychoverwüstet: Monster-Lady Nina Hoss in "Bella Figura". Bild: Berliner Schaubühne.


Eigens für Thomas Ostermeier habe Star-Autorin Yasmina Reza das weltweit zuerst in dessen eigener Übersetzung an der Berliner Schaubühne uraufgeführte Stück "Bella Figura" geschrieben, munkeln die Kritiker. Deren Reaktionen fallen dann aber doch sehr durchwachsen aus. Ist der Regisseur "geblendet vom Glanz des großen Coups in diese Uraufführung geschlittert", fragt sich Christian Rakow entgeistert auf Nachtkritik.de. Auch Ulrich Seidler (FR) schmeichelt Ostermeier nicht gerade: Dessen "inszenatorischer Zugriff ist so fest, elegant und sicher wie der eines kompetenten Sachbearbeiters zum vorgeschriebenen Stempel". Überhaupt biete er vor allem Kulinarik für Genusssüchtige, wobei man an den Schauspielern tatsächlich viel Freude haben könne. Jedoch: "Dass es sich um leere Charaktere in seelenlosen Zusammenhängen handelt, wird sicherlich als Gesellschaftskritik gemeint sein."

Aufschlussreich auch hinsichtlich Rezas bisherigem Werk findet Alexander Kissler in Cicero das Stück: "So deutlich wie in "Bella figura" wurde noch in keinem Reza-Stück, dass die Mechanik der Gefühle auf einer stabilen Mechanik der Dramaturgie aufruht, vielleicht sogar deren Effekt ist. Adorno sähe sich in seinem Argwohn bestätigt, dass die Kulturindustrie mit ihren Spaßprodukten eine verlängerte Werkbank ist. Auf laut folgt leise, auf schrill charmant, mit einer antipsychologischen Vorhersehbarkeit, als stünde Sigmar Gabriel an der Stechuhr dieser Pointenfabrik. Darin liegt der wahre Abgrund solcher bürgerlichen Selbstberuhigungsware: dass jedes Extrem sogleich abmoderiert wird."

Auch Gerhard Stadelmaier (FAZ) sieht in Ostermeiers videogestütztem Inszenierungsaufwand kaum mehr als "gutgemeinten aufgesetzten Symbol-Überwältigungskitsch", gegen den sich eine offenbar in Höchstform aufspielende Nina Hoss allerdings wacker zu behaupten versteht: "Eine Monster-Lady par excellence. Kalt bis in die Herzwurzel. Aber abgrundverzweifelt bis in die Seelenspitzen. Tablettentrunken und psychoverwüstet bis zur Bosheit." In der Welt zeigt sich Tilman Krause unbeeindruckt: "Reza huldigt in "Bella Figura" nicht dem Gott des Gemetzels. Allenfalls entzündet sie dem Gott des Geplänkels eine kleine Kerze." Ziemlich "müde" fand Christine Dössel (SZ) den Abend und so fühlte sie sich selbst am Ende auch: "Mücken sind ein Thema. Tabletten auch." Wir wünschen, erholsamen Schlaf gehabt zu haben.

Außerdem: Im Tagesspiegel porträtiert Udo Badelt die Shoah-Überlebende Valentina Freimane, deren Lebensgeschichte in Berlin als Oper aufgeführt wird. In der NZZ porträtiert Urs Bühler den als Dimitri bekannten Clown Dimitri Jakob Müller. Besprochen werden Salvatore Sciarrinos Oper "Luci mie traditrici" bei den Wiener Festwochen (NZZ, Standard, Presse, Kurier), Lucie Pohls im BKA-Theater Berlin aufgeführte Komödie "Hi, Hitler" (Berliner Zeitung), die Uraufführung von Giorgio Battistellis Oper "CO2" an der Mailänder Scala (SZ), das in Frankfurt aufgeführte Tanzstück "Memory" des Pekinger Living Dance Studio (FAZ) und Robert Wilsons Inszenierung von Arvo Pärts "Adam"s Passion" in Tallinn (FAZ).
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Kunst

Auf "die Überschaubarkeit, die Ordnung und die Kohärenz", an denen es Okwui Enwezor auf der Biennale in Venedig den Kritikern zufolge mangeln ließ, stoße man bei der in Ulm unter dem Foucault entliehenen Motto "Die Ordnung der Dinge" stehenden Ausstellung der Walther Collection in Neu-Ulm in Hülle und Fülle, freut sich Brigitte Werneburg in der taz.
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Stichwörter: Okwui Enwezor, Venedig

Film




Im gläsernen Käfig gefangen: Rooney Mara und Cate Blanchett in "Carol" von Todd Haynes.

Die Filmkritik hat ihren ersten großen Liebling gefunden und das Festival in Cannes mit Todd Haynes" in den frühren Fünfzigern angesiedeltem Drama "Carol" über eine lesbische Beziehung seinen ersten Favoriten. Der auf einem von Patricia Highsmith unter einem Pseudonym verfassten Roman basierende Film mit Cate Blanchett entfalte mit seinen "Reminiszenzen an das Hollywood-Kino vergangener Tage eine zweifelsohne beseelende Wirkung auf den Zuschauer", seufzt ein im Sturm eroberter Joachim Kurz (kino-zeit.de). Große Begeisterung auch bei Lukas Stern von critic.de: "Das Schöne, das Wunderbare an "Carol" [ist], dass dieser Film niemals vergisst, was es heißt, im gläsernen Käfig gefangen zu sein, was es bedeutet, tyrannische Grenzen zu erfahren, gesehen zu werden." Auch Daniel Kothenschulte (FR) schwärmt von diesem Film: Der Regisseur "erzählt diese heimliche Liebesgeschichte aus einer Zeit, in der noch nicht einmal der Rock"n"Roll erfunden war, wie eine Schallplatte im Leerlauf. Doch jedes Mal, wenn sich die Nadel darauf senkt, klingt sie etwas intensiver. ... In der Wiederholung von Gesten und Großaufnahmen entstehen zirkuläre Muster, Rituale des Begehrens und Entsagens." Einen internationalen Überblick bietet Keyframe Daily.
 
Auch auf László Nemes" Auschwitz-Drama "Son of Saul" kommen die Kritiker nochmals zu sprechen (siehe auch unser Efeu vom Samstag). Cristina Nord (taz) berichtet von einem sich schleichend breit machenden Unbehagen während der Vorführung: Sie "stören die ausgestellte Virtuosität des Films und das Kalkül, mit der die Festivalmacher diesen Film vorab als denjenigen ankündigten, der die Zuschauer spalten werde. Das tut er, keine Frage. Doch das ändert nichts daran, dass er über die historische Realität von Auschwitz-Birkenau wenig erzählt." Jan Schulz-Ojala (Tagesspiegel) bescheinigt dem Film immerhin, einen "ehrenvollen Versuch" darzustellen, das Grauen von Auschwitz einerseits zu bebildern, andererseits aber auch genau das nicht zu tun. Doch es werde davon "nicht viel mehr bleiben als der Beleg für die Richtigkeit des Lanzmanns-Tabus." Mehr auf KeyFrame Daily.
 
Weiteres: Nanni Morettis "Mia Madre" sei "ein wunderschöner Film für alle, die ihre Mutter lieben", seufzt Wenke Husmann auf ZeitOnline. Joachim Kurz (kino-zeit.de) fühlt sich ebenfalls beschwingt, überdies an Woody Allen erinnert und führt Moretti erstmal bis auf weiteres auf der Favoritenliste. Frédéric Jaeger (critic.de) lässt der Film über das digitale Kino sinnieren. Noch größer als das Interesse an Gus van Sants "Sea of Trees" war nur die allseitige Enttäuschung darüber, erfahren wir nebenbei von fast allen Kritikern (hier ein internationaler Überblick) und von Joachim Kurz (kino-zeit.de) sowie Till Kadritzke (critic.de).

Weitere Besprechungen in den Cannes-Schwerpunkten von Negativ Film, kino-zeit.de, critic.de, epdFilm , Film-Dienst und auf Keyframe Daily. Und Katrin Doerksen schießt weiter Fotos.

Außerdem abseits von Cannes: Gestern Abend lief in den Staaten die letzte "Mad Men"-Episode und besiegelte damit ein Stück Fernsehgeschichte. Den idealen Rückblick bietet heute BuzzfeedEntertainment mit einem geradezu episch ausufernden, ausführlich kommentierten Ranking: "Every Episode Of "Mad Men" Ranked, from Good To Perfect".
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Literatur

Für die Zeit hat sich Susanne Mayer mit der Schriftstellerin Lydia Davis getroffen. Andreas Maier schreibt im Logbuch Suhrkamp weiter über sein "Jahr ohne Udo Jürgens". Thomas Steinfeld (SZ) berichtet vom deutschen Auftritt bei der Buchmesse in Turin.

Besprochen werden Victor Serges "Schwarze Wasser" (taz), Ursula Krechels "Stark und leise - Pionierinnen" (FAZ), Ann Leckies "Die Maschinen" (CulturMag), Adrian McKintys "Die verlorenen Schwestern" (CulturMag), Val McDermids "Eiszit" (CulturMag), Ricardo Piglias "Munk" (CulturMag), Richard Price" "The Whites" (CulturMag), Zoe Becks "Schwarzblende" (FAZ) und die 17 CDs umfassende Edition von Thomas Manns Originalton-Aufnahmen (SZ).

In der online nachgereichten Franfurter Anthologie der FAZ stellt Heinrich Detering William Carlos Williams" Gedicht "Ich wollte nur sagen" vor:

"Ich habe
die Pflaumen
im Eisschrank
..."
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Musik

Ein Modern-Jazz-Meisterwerk aus den härteren Straßen der schwarzen US-Communities, aus denen man sonst eher HipHop erwarten würde, damit hätte Andrian Kreye (SZ) nicht gerechnet und doch ragt es da nun vor ihm auf und lädt zum Niederknien ein: Kamasi Washingtons dreistündiges Album "The Epic", das auf den Kritiker so wirkt, "als hätte die Jazzgeschichte nur darauf gewartet, endlich auf den Punkt zu kommen. ... Vom Hip-Hop ist aber das musikalische Konzentrationsvermögen der DJs geblieben, die Musikgeschichte auf entscheidende Momente verdichten können. Deswegen findet man auf "The Epic" keine Leerläufe. ... Jede noch so freie Note sitzt wie ein Machtwort. Fundament ist dabei (...) melancholische Euphorie." Hier eine Hörprobe:



Auch schon wieder ein Retro-Utensil: Der Laptop als Bühneninstrument. So sieht das jedenfalls Christian Werthschulte (Jungle World) in seiner Besprechung von Holly Herndons neuem Album "Platform", das ihn in besten Momenten regelrecht zum Schmachten bringt: "Immer wieder wird die Stimme in ihrer Musik zum Objekt unerreichbaren Begehrens. Worte sind in diesen Momenten unwichtig, nur die mit Software gedehnten und modulierten Stimmpartikel zählen. In den schönsten Passagen werden die Sprachfetzen dabei uneindeutig, verlieren ihre Konnotation von Klasse oder Geschlecht und entwickeln sich damit zum Gegenpol der digitalen Assistenten von Apple oder einer beliebigen Warteschleifenansage." Hier eine Hörprobe:



Besprochen werden außerdem ein von Henrik Nánási dirigiertes Mozart- und Schumannkonzert in der Komischen Oper Berlin (Tagesspiegel) und Auftritte von AC/DC (FAZ, SZ)
Archiv: Musik

Design

Der Tages-Anzeiger meldet, dass der dänische Industriedesign-Pionier Jacob Jensen 89-jährig gestorben ist. Im Bild zu sehen sind einige der Stücke, die er als Chefdesigner für Bang & Olufsen (1965-1991) entworfen hat.
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