9punkt - Die Debattenrundschau

Umkippen der Gesellschaft

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
16.02.2015. Der Anschlag in Kopenhagen galt nicht allein einem Zeichner, sondern Bürgern, die über Meinungsfreiheit reden wollten, hält Brendan O'Neill in Spiked Online fest. Dass die Mörder immer auch Juden ins Visier nehmen, passt dabei ins Bild, meinen die Ruhrbarone: denn der Hass auf Juden ist es, der die Feinde der Idee universeller Werte verbindet.  Stattdessen wollen Islamisten wie Rechtsextremen einen Kampf der Kulturen, meint Huffpo.fr. Hundert Jahre danach stehen Armenien und Türkei immer noch im Bann des Genozids, berichtet die NZZ.

Europa

Noch vor der Meldung, dass der Kopenhagener Attentäter auch noch einen Juden ermordete, kommentierte Brendan O"Neill in Spiked Online: "Besonders verstörend an der Kopenhagener Schießerei ist, dass der Anschlag nicht nur Mohammed-Karikaturisten galt - was ruchlos genug wäre -, sondern gewöhnlichen, interessierten Bürgern, die über den Wert von Meinungsfreiheit sprechen wollten. Diese Versammlung, die nicht nur den Zeichner Lars Vilks, sondern auch den französischen Botschafter hören wollten, fanden sich in einem Kugelhagel wieder, weil sie über "Islam, Blasphemie und freie Meinungsäußerung" diskutieren wollten."

Für die taz rekonstruiert Reinhard Wolff die Ereignisse von Kopenhagen und schildert den Anschlag auf die Diskussion mit dem schwedischen Zeichner Lars Vilks und dem französischen Botschafter: "Vilks und der Botschafter wurden von ihren Leibwächtern durch eine Hintertür aus dem Saal gebracht. Zusammen mit der Moderatorin der Veranstaltung, der Journalistin Helle Merete Brix, versteckte sich Vilks in einem Kühlraum. "Wir hielten uns an der Hand und erzählten uns schlechte Scherze", berichtet sie: "Vilks war ganz entspannt, und seine Leibwächter machten einen tollen Job." In den von Polizei bewachten, mit Metalldetektoren geschützten Versammlungsraum selbst gelangte der Attentäter nicht. Seine Schüsse feuerte er vor dem Kulturhaus durch dessen Glastür ab. Auf einer Tonaufzeichnung der BBC kann man binnen zwei Minuten etwa 40 Schüsse hören, die Polizei spricht von 200."

Für Le Monde interviewt Annick Cojean den französischen Botschafter in Dänemark, François Zimeray: "Ich bin auf dem Fahrrad angekommen, auf dänische Art, und ich bin in einem gepanzerten Fahrzeug wieder weggefahren. Ich habe ein Umkippen der Gesellschaft erlebt."

In der Berliner Zeitung hofft Arno Widmann, dass sich die Ahnung des französischen Botschafters als falsch erweisen möge, und erinnert an die Vorläufer des deutschen Herbsts: "Es war der 2. Januar 1971, als der damalige Innenminister von Nordrhein Westfalen Willi Weyer erklärte: "Die Bürger müssen sich an den Anblick von mit Maschinenpistolen bewaffneten Polizisten gewöhnen wie ans Steuerzahlen". Damals führten, wie Heinrich Böll es formulierte, sechs einen Krieg gegen sechzig Millionen. Es waren damals schon ein paar mehr Terroristen hier als heute. Damals gab es auch mehr Attentate. Inzwischen wissen wir, dass die Willi-Weyer-Doktrin den Bürgern mehr Angst gemacht hat als den Terroristen. Sie hat denen bei ihrem Geschäft der Verunsicherung geholfen."

Benjamin Abtan schreibt in Huffpo.fr nach Paris und Kopenhagen: "Diese Morde sind Teil eines totalitären und morbiden Projekts. Sie zielen auch auf eine Radikalisierung der betroffenen Gesellschaften, um einen Konflikt zwischen Islamismus und extremer Rechter zu erreichen, die die selbe Vision, nämlich die eines Kampfs der Kulturen teilen, deren Frontlinie Europa wäre."

Dass die Anschläge immer auch Juden gelten, passt ins Bild und trifft zugleich einen besonders schwachen Punkt des Westens, meint Stefan Laurin bei den Ruhrbaronen: "Antisemitismus ist die verbindende Schlüsselideologie aller Feinde des Westens. Ob der Islamische Staat, Nazis, Teile der Linken, Pegida oder die Wahnwichtel - Antisemiten sind sie alle. Der Westen ist für sie ein jüdisches Projekt, wer die Juden angreift, greift den Westen und alles, für das er steht an."

Elisabeth Lévy ist in Libération sehr genervt nach dem neuerlichen Aufruf Benjamin Netanjahus an die Juden Europas: "Nach dem Massaker von Vincennes konnte man das für einen Ausrutscher halten, der eher von Gefühlen als von Wahlkampf geleitet war. Nach Kopenhagen ist er nicht mehr von Beleidigung entfernt... Da der Premieminister mich anspricht, bitte ich ihn mit allem Respekt, sich um seine eigenen Angelegenheiten zu kümmern."

Die SZ hat die Karikaturen nie verteidigt, und Sonja Zekri wird mit Lars Vilks erst recht nicht damit beginnen: "Jeder, der noch immer gegen die Veröffentlichung mancher Karikaturen eintritt, weil sie aggressiv rassistisch oder offen herabsetzend sind, weil sie einen Toleranzgewinn behaupten, aber ein soziales Gefälle nutzen, jeder, der sich gegen diese Art von Witzen ausspricht, wirkt wieder ein bisschen feiger." Auch der Perlentaucher hat die Zeichnung 2007 nicht gebracht, weil wir sie ehrlich gesagt ziemlich grottig fand.

Weiteres: Bei dem mutmaßlichen Täter handelt es sich um den in Dänemark geborenen 22-jährigen Omar Abdel Hamid El-Hussein, meldet das Ekstra-Bladet. In der New York Times informiert Steven Erlanger nach diesem kunst- ud judenfeindlichen Anschlag, "dass in Europa ausländer- und muslimfeindliche Gefühle ansteigen und Twitter vor muslimfeindlichen Äußerungen schwirrte". In der FAZ versucht Jürgen Kaube das Phänomen mit dem Begriff der "Wutbürger" in den Griff zu bekommen. Für Spiegel online schickt Anna Reimann eine Reportage aus Kopenhagen unter Schock.
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Weiteres

Der Neurobiologe Stefano Mancuso beweist im Interview mit Arno Widmann in der FR die Intelligenz von Pflanzen: "Intelligenz zeigt sich darin, dass man versteht, auf die Veränderungen der Umwelt adäquat zu reagieren. Das können Pflanzen ganz offensichtlich deutlich besser als Tiere oder nun gar der Mensch. Mehr als 95 Prozent der Biomasse sind Pflanzen. Das zeigt doch deutlich, wer etwas aus den irdischen Gegebenheiten zu machen versteht und wer nicht. " Und außerdem: "Die Pflanzen haben schon immer die Sonnenenergie genutzt. Das ist deutlich intelligenter, als sich von fossilen Brennstoffen abhängig zu machen."
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Stichwörter: Pflanzen, Arno Widmann

Politik

In der taz erzählt Regisseur Milo Rau weiter von seinen Vorbereitungen auf sein Kongo-Tribunal. In Südkivu hat er den Fürsten der Provinz und seine Chargen getroffen: "Wie soll ich sagen, vom künstlerischen Standpunkt aus sind die amoralischsten Figuren meistens die interessantesten."
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Archiv: Politik
Stichwörter: Kongo, Kongo-Tribunal, Milo Rau

Religion

Die drei Theologen und Religionshistoriker Gerd Althoff, Thomas Bauer und Perry Schmidt-Leukel machen in der FAZ auf folgenden Umstand aufmerksam: "Wenn also die Beschwichtigungsformel der jüngeren Vergangenheit, Terroranschläge von Muslimen hätten nichts mit ihrer Religion zu tun, durch die intensive Diskussion der jüngsten Ereignisse zumindest in die Defensive geraten ist, dann stellen sich Fragen auch für das Christentum. Die heiligen Texte aller drei monotheistischen Religionen enthalten Passagen, die wörtlich genommen die unnachgiebige Vernichtung von Gottesfeinden, Gottesfrevlern und -lästerern fordern."
Archiv: Religion

Geschichte

Nach einer Reise durch Armenien und die Türkei stellt Christian H. Meier in der NZZ fest, dass hundert Jahre nach dem Völkermord an den Armeniern die Annäherung der beiden Länder allenfalls zaghaft zu nennen ist: "So stechend der Schmerz des Völkermords für die Armenier bis heute ist: Mitunter scheint es, als hätten die offenen Wunden der Vergangenheit ein Schwarzweiß-Denken befördert, das die Nation teilweise lähmt. Aber auch in der Türkei gibt es bis heute fest etablierte Feindbilder. Und ihre Politik des Leugnens sowie die nach wie vor bestehende Diskriminierung der etwa 70 000 im Land verbliebenen Armenier tragen nur dazu bei, das armenische Weltbild zu zementieren."

Heinrich Wefing untersucht in der Zeit, wie berechtigt die griechischen Forderungen nach Reparationszahlungen sind. Aus der Luft gegriffen sind sie nicht, stellt er fest, aber auch nicht richtig: "In Wahrheit nämlich lassen sich solche Fragen nicht juristisch lösen, sondern nur politisch. Sie jetzt zu forcieren, wie es die neue griechische Regierung tut, mag im eigenen Land die Emotionen aufpeitschen, dem Verhältnis zu Deutschland schadet es nur. Das Problem hartnäckig zu ignorieren, wie Berlin es tut, ist genauso schädlich. Historische Schuld lässt sich nicht mit Schulden verrechnen, in keine Richtung. Doch auch moralische Defizite haben einen Preis."
Archiv: Geschichte