Efeu - Die Kulturrundschau

Der Künstler strebt ins Universelle

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16.02.2015. Die Filmkritiker sind sich einig: Der Goldene Bär für Jafar Panahis trotz Berufsverbot mit Guerilla-Methoden entstandenen Film "Taxi" war verdient - aus künstlerischen, nicht aus politischen Gründen. In der Zeit versteht Iris Radisch nicht, warum Literaturkritiken unfreundlich sein sollen. Die Jungle World porträtiert den Experimentalmusiker Thomas Köner. Die Theaterkritiker freuen sich über große Auftritte und schlechte Witze in Christoph Marthalers Hamburger Inszenierung von John Osbornes "Der Entertainer".

Bühne


John Osborne: "Der Entertainer" am Schauspielhaus Hamburg. Foto: Matthias Horn

In seiner Inszenierung von John Osbornes "Der Entertainer" am Schauspielhaus Hamburg setzt sich Christoph Marthaler mit Aufstieg und Fall der traurigen Figur des Alleinunterhalters auseinander. Und dieser Stoff reiht sich ganz exzellent in Marthalers Schaffen über abgestiegene und absteigende Existenzen, erklärt Wolfgang Behrens restlos begeistert in der Nachtkritik: Der Regisseur schaut auf die hier versammelte "Figuren (...) mit böser Distanz und unendlicher Liebe, durch Mitleid wissend und aus Schadenfreude klug. ... [Er] zeigt an diesem Abend lächerliche Menschen bei ihrem Kampf um ein bisschen Würde. Und wie er ihnen dabei in ihrer Lächerlichkeit tatsächlich die Würde bewahrt, das ist schlicht ein Ereignis." Frauke Hartmann (FR) freut sich über einen unterhaltsamen Theaterabend voller "großer Auftritte und schlechter Witze."

Für den Welt-Rezensenten Stefan Grund rettet diese Inszenierung gar das ganze Stadttheater, das in der political correctness zu ersticken drohe: "Im Entertainer machen frei nach Archie Menschen mit Menstruationshintergrund (Frauen) oder Masturbationshintergrund (Männer) Ausländer-Scherze wie "Was denn nun: liegen die auf der faulen Haut oder nehmen sie uns die Arbeitsplätze weg" oder "Pegida montags passt mir ganz schlecht, da läuft erst Großstadtrevier und dann Wer wird Millionär". Harmlos aber wahr." Weitere Besprechungen bringen SZ und FAZ.


Bohuslav Martinů: "Juliette" im Opernhaus Zürich. Foto: Monika Rittershaus

Eine sehr selten aufgeführte Oper, Bohuslav Martinůs 1938 erstmals aufgeführte "Juliette", sah Peter Hagmann für die NZZ in Zürich. Musikalisch ist da noch mehr drin, meint er mit Blick auf den Dirigenten Fabio Luisi, aber der Stoff hat Charme: "Eigenartig, was es da zu sehen gibt. Drei ältere Herren etwa, die drei ältere Damen sind. Eine Frau in Rot, leblos am Boden liegend, erschossen von ihrem Geliebten, und in ihrer Rechten hält sie - einen Revolver. Eine hübsche, recht große und sauber glänzende Dampflokomotive, die immer wieder über die Bühne fährt - erst recht dann, wenn berichtet wird, dass es in dieser Stadt keinen Bahnhof gebe. Den ganzen Abend über geht es so im Opernhaus Zürich, denn "Juliette", die selten gespielte Oper von Bohuslav Martinů nach einem Schauspiel von Georges Neveux, spielt genau damit."

Besprochen werden die Richard-Strauss-Oper "Daphne" in Basel (Welt), Gernot Grünewald und Kerstin Grübmeyers am Tübinger Landestheater uraufgeführtes Stück "Palmer - Zur Liebe verdammt fürs Schwabenland" (Nachtkritik, FAZ), "Romeo und Julia" am Theater Basel (NZZ), ein "Aschenputtel"-Ballett in Wiesbaden (FR) und Mariame Cléments in Essen aufgeführte Inszenierung von György Ligetis einziger Oper "Le Grand Macabre", die Reinhard J. Brembeck in der SZ ganz wunderbar fand: "Grandiose Sänger, ein hinreißender Dirigent, eine verspielt leichte Regie." Auch Stefan Schmöe hat sich für das Online Musik Magazin prächtig unterhalten und bezeugt "durchweg tolldreistes Theater."
Archiv: Bühne

Literatur

Die von Jörg Sundermeier im Buchmarkt losgetretene Debatte über die Literaturkritik wird vom Feuilleton auch weiterhin nicht aufgegriffen. Aktuell verweigert sich Iris Radisch in der Zeit, die sich seufzend und achselzuckend darüber wundert, dass der Literaturkritik ihre Freundlichkeit zum Vorwurf gemacht wird.

Im Perlentaucher hatte Thierry Chervel der Debatte mit einem Zahlenvergleich noch einmal Zunder gegeben (mehr hier). Demnach wurden im Perlentaucher im Jahr 2001 4.330 Buchkritiken ausgewertet und im Jahr 2013 nur mehr 2.200. Michael Pilz hat nun auf literaturkritik.de Zahlen des Instituts für Germanistik der Universität Innsbruck verglichen, wonach sich zumindest die Zahl der Literaturrezensionen einigemaßen gehalten hat. Kann es also sein, dass vor allem die Zahl der Sachbuchrezensionen zurückgegangen ist, während die Literaturkritik nach wie vor blüht? "Nun, man wird das - will man nicht allzu plakativ bleiben - sicherlich noch näher untersuchen und differenzieren müssen. Etwa dahingehend, in welcher Form und in welchem Umfang sich die einzelnen Kritiken präsentieren, die im Innsbrucker Zeitungsarchiv als Belletristik-Besprechungen geführt werden, zumal bereits angedeutet wurde, dass hier im Gegensatz zum Perlentaucher auch Kurzbesprechungen zu ihrem Recht kommen und nicht alle diese Texte dem Anspruch klassischer Rezensionen genügen dürften."

Weiteres: Jan Koneffke erinnert sich in der NZZ an Glücksmomente. Besprochen werden Ursula Ackrills "Zeiden im Januar" (Tagesspiegel), T.C. Boyles "Hart auf Hart" (Tagesspiegel), Reinhard Kleists Comic "Der Traum von Olympia" (Tagesspiegel) und Paul Gauguins "Es sprach der Mond zur Erde" (SZ).

Außerdem reicht die FAZ ihre aktuelle Lieferung der Frankfurter Anthologie online nach: Diesmal stellt Joachim Sartorius John Ashberys Gedicht "Spätes Echo" vor:

"Allein mit unserer Verrücktheit und Lieblingsblume
wissen wir, dass nichts wirklich bleibt, über das man noch schreiben könnte.
..."
Archiv: Literatur

Musik

Für die Jungle World porträtiert Jan Tölva den Experimentalmusiker Thomas Köner, über dessen Arbeiten sich kaum sprechen lasse, "ohne dabei auch Konzepte von Raum und Ort zu thematisieren. ... Es [sind] vor allem die leisen Töne und feinen Nuancen, die seine Musik so interessant machen. Und die Leere dazwischen, eine beinahe erschreckende Stille. Manche Stücke werden von dermaßen wenigen akustischen Ereignissen zusammengehalten, dass sie permanent am Rande des Zerfallens stehen." Auf Bandcamp kann man sich reichlich Musik des Künstlers anhören. Hier eine seiner audiovisuellen Arbeiten:



Besprochen werden neue Alben von Frazey Ford (FAZ, Hörprobe), Kendrick Lamar (Welt), Atari Teenage Riot (taz) und ein Konzert von D"Angelo (taz).
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Archiv: Musik

Architektur

Mit einigem Interesse beobachtet Till Briegleb in der SZ die Diskussionen und Konzeptvorschläge zur "kritischen Rekonstruktion" der Lübecker Innenstadt: In ihm keimt die "Hoffnung, dass auch andere Kommunen entdecken, wie die ständige Denunziation historischer Bauformen als "nostalgisch", "unmodern" oder "Disneyland" nur das Stadtbild verarmt und die Identität von Städten auslöscht. Denn die extreme Vielfalt, mit der die 133 Architekturbüros aus ganz Europa das Thema des Giebelhauses neu interpretiert haben, zeigt deutlich, wo das suggestive Material für eine schöne Stadt zu finden ist: in der gesamten Baugeschichte, und nicht nur im Gesamtheitsanspruch der Bauhaus-Modernisten."

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Film


Hanna Saeidi nahm den Preis für ihren Onkel Jafar Panahi entgegen. Foto: Berlinale

Große Einigkeit bei den Filmkritikern: Hochverdient geht der Goldene Bär der Berlinale an Jafar Panahis trotz Berufsverbot in seiner iranischen Heimat unter Guerilla-Methoden entstandene Komödie "Taxi" (hier unsere Kritik). Eine politische Entscheidung? Mitnichten, meint Cristina Nord in der taz: Wer so argumentiert, übersehe "die spezifische Qualität des Films. Dem gelingt es, die Beschränkungen, unter denen er entsteht, zu seinem Vorteil zu wenden, indem er sie reflektiert und das Kino und das Filmemachen gleich mit."

In der NZZ sieht Susanne Ostwald das ähnlich: "Diese Entscheidung der Jury unter dem Vorsitz des amerikanischen Regisseurs Darren Aronofsky als eine politische anzusehen, wie manche Kommentatoren dies gemacht haben, ist ungerecht und falsch, denn so wird unfreiwillig und indirekt die Argumentation des iranischen Regimes bestätigt und der tatsächlich unstrittige künstlerische Wert des Films infrage gestellt. Prompt haben sich am Sonntag konservative iranische Medien mit genau diesem Argument zu polemischen Ausfällen gegen die Berlinale hinreissen lassen."

Auch Hanns-Georg Rodek von der Welt ist hochzufrieden und hat gleich einen Vorschlag für das nächste Jahr: "Die Berlinale ist also ihrem Ruf erneut gerecht geworden, ein Pflock für Meinungs- und Kunstfreiheit ist eingeschlagen. Jetzt nehmen wir aber mal an, der Film über Edward Snowden, den Oliver Stone gerade in München dreht, würde für die kommenden Festspiele eingereicht. Dann müsste die Hauptfigur doch eingeladen werden, und Moskau liegt näher an Berlin als Teheran, und das Eintreten für Meinungsfreiheit ist nicht teilbar zwischen bequemen und unbequemen Dissidenten, zwischen von der Historie heilig gesprochenen und umstrittenen. Würde die Berlinale für Snowden einen leeren Stuhl aufstellen?"

Außerdem: Anke Westphal (Berliner Zeitung) sieht in "Taxi" auch "ein Dokument befreiender Selbstfindung" vorliegen. In ihrem Abschlussbericht auf ZeitOnline macht sich Wenke Husmann berechtigte Hoffnung, dass Jafar Panahis zehnjährige Nichte Hana Saeidi, die im Film eine Hauptrolle spielt und an seiner Stelle den Goldenen Bären angenommen hat, eines Tages "womöglich eine iranische Filmemacherin sein" wird. Der Tagesspiegel dokumentiert Jafar Panahis Grußschrift an die Berlinale aus dem Jahr 2011. Tilman Strasser fasst im Tagesspiegel die Geschichte der Repression gegen Panahi zusammen. Anke Sterneborg und Susan Vahabzadeh freuen sich in der SZ: "Der Film hat seinen Sieg verdient." Dietmar Dath sekundiert in der FAZ: "Der Künstler strebt aus der geistlosen Enge dessen, was man ihm antut, ins Universelle. Man kann sich davor nur verneigen". Im Berlinale-Blog der FAZ ist Bert Rebhandl mit dem Goldenen Bären für Panahi zwar ebenfalls zufrieden, doch das politische Pathos der Auszeichnung stört ihn dann doch: "Man muss nicht gleich so tun, als würde ein Preis in Berlin das Regime in Teheran in den Grundfesten erschüttern."

Mehr zur Berlinale: Die Kritiker der FAZ bringen abschließende Festivalnotizen. Sehr gerne hat Christiane Peitz (Tagesspiegel) während der Berlinale über Filme geplaudert und zum Ende hin auch Dominik Grafs (in der FAZ von Bert Rebhandl besprochene) Hommage "Was heißt hier Ende?" an den Filmkritiker Michael Althen genossen. Wenke Husmann unterhält sich auf ZeitOnline mit Sebastian Schipper über dessen One-Take-Film "Victoria" (hier unsere Kritik). Claudia Schwarz resümiert in der NZZ drei deutsche Filme auf der Suche nach Heimatgefühl - Anataol Schusters "Ein idealer Ort", Sebastian Schippers "Victoria" und Andreas Dresens "Als wir träumten" - und notiert: "Die Frage, wo und wie das Land sich verortet, stellt sich im gegenwärtigen deutschen Film bemerkenswert frei von Ideologien." Außerdem ein Hinweis: Auf Youtube gibt es Aufzeichnungen sämtlicher Filmgespräche, die bei der parallel zum Festival vom Verband der deutschen Filmkritik organisierten "Woche der Kritik" geführt wurden.

Weiteres: Nach dem Kinostart von "Fifty Shades of Grey" boomt der US-Markt für Sexspielzeug, berichtet Peter Richter in der SZ. Besprochen werden der durch Deutschlands Kinos tourende Dokumentarfilm "Buy Buy St. Pauli" über den Abriss der Esso-Häuser in Hamburg (Jungle World), Paul Thomas Andersons Film "Inherent Vice" (NZZ) und Kenneth Branaghs Disney-Film "Cinderella" (Tagesspiegel, Filmlöwin).
Archiv: Film

Kunst


Patrick Lichty, A Profound Lack of Comprehension, 2013

Für die taz spricht Tilmann Baumgärtel mit Patrick Lichty, dessen Arbeiten gerade in der Berliner DAM-Galerie zu sehen sind. Über sich selbst gibt der Künstler dabei einiges preis: "Mein künstlerisches Motto ist: "Die Mediatisierung ist die Wirklichkeit." Ich habe künstliche Linsen in meinen Augen, und ich weiß nicht, ob ich die Welt so sehe, wie sie wirklich ist. Ich habe das Gefühl, ich hätte so einen Cyborg-Blick ... Einerseits habe ich daher versucht, alternative Wirklichkeiten durch Medien zu schaffen, oder mithilfe von Medien dazu beigetragen, die Welt so zu sehen, wie sie ist. ... Andererseits interessiere ich mich dafür, was der Künstler und Theoretiker Marcos Novak "Transvergence" nennt: etwas wirklich zu machen, das es im Physischen noch nie gegeben hat.

Besprochen wird eine Ausstellung von Emil Otto Hoppés Fotografien in der Mast Bologna ("eine Entdeckung", jubelt Thomas Steinfeld in der SZ).
Archiv: Kunst