9punkt - Die Debattenrundschau

Opferschauder bildet den Bodensatz

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
14.02.2015. In der NZZ stellt der Philosoph Christoph Türcke klar, dass es die religiösen Gefühle gar nicht gibt, deren Verletzung so gern beklagt wird. Die SZ blickt auf die brennenden Bibliotheken der Banlieue. Die FAZ bewundert in Hamburg eine Architektur gewordene Baukostenkurve. Im Blog der LRB glaubt James Meek, Putins Strategie gegenüber der Ukraine könnte noch zynischer sein als befürchtet. Die Welt fragt, warum Polen eigentlich in Minsk nicht mitverhandeln durfte.

Religion

In einem sehr lesenswerten Text zur Blasphemie unterscheidet der Philosoph Christoph Türcke in der NZZ strikt, ob Hohn und Spott sich gegen Autoritäten richten oder gegen Schwache und Unterlegene. Blasphemiegesetze hält er daher für grundfalsch, zu mal es mit den religiösen Gefühlen so eine Sache sei: "Die fallen ja nicht klar und rein vom Himmel. Sie haben begonnen, als altsteinzeitliche Hominiden die kostbarsten Lebewesen hinschlachteten, um dafür den Schutz höherer Mächte zu erlangen. Opferschauder bildet den Bodensatz des religiösen Gefühls. Ehrfurcht und Respekt sind schon seine hochkulturellen Verfeinerungen. Zudem sind "religiöse Gefühle" ein Missverständnis. Gefühle als solche können peinlich oder angenehm, erhebend oder bedrückend, stark oder schwach sein, aber nicht religiös oder profan."

Die Historikerin Francisca Loetz rekapituliert ebenfalls in der NZZ die lange Geschichte der Blasphemie: "Jesus Christus wurde bekanntlich als Gotteslästerer an das Kreuz geschlagen."

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Europa

Im Blog der London Review of Books klärt James Meek westliche Unterhändler und Journalisten über einen, wie er meint, fatalen Irrtum in Hinblik auf Putins Politik gegenüber der Ukraine auf: "It is that Russia wants to have direct control over a small area of Ukraine - about 3 per cent of the country; the area, slightly smaller than Kuwait, now under separatist rule - and that Ukrainian forces are fighting to win this area back ... The evidence so far is that what Russia actually wants is indirect influence over the whole of Ukraine, and for the West to pay for it."

In der Welt skizziert Richard Herzinger den Preis für die Verhandlungen über die Ukraine in Minsk: "Minsk wird jetzt als Beweis für europäische Handlungsfähigkeit gefeiert. Doch nährt es auch das Misstrauen der Osteuropäer, Deutschland (mit Frankreich im Schlepptau) und Russland könnten sich über ihre Köpfe hinweg und auf ihre Kosten einigen. Um Putin Zumutungen zu ersparen, wurde bereits Polen in die zweite Reihe der europäischen Verhandlungsfront verbannt."

In der taz beklagt Stephan Meuser, Leiter der Friedrich-Ebert-Stiftung in Kiew, dass die EU selbst gegen die wirtschaftliche Talfahrt in der Ukraine nur auf ihre beliebte Austeritätspolitik setzt: "Bezeichnenderweise haben aber auch die Aktivisten des Euromaidan es bisher nicht vermocht, eigene Reformmodelle für die ukrainische Wirtschaft aufzuzeigen. Ihre wirtschaftspolitischen Forderungen erschöpf(t)en sich nahezu ausschließlich im Ruf nach einem Ende der Korruption."
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Gesellschaft

In der SZ berichtet Alex Rühle von dem Vandalismus, der sich in den französischen Banlieues gegen die öffentlichen Bibliotheken richtet: 72 wurden bereits angezündet. Gegen den Widerstand der Lokalpolitiker hat eine Bibliotheksleiterin eine Konferenz zum Thema durchgesetzt, auf der auch der Soziologe Denis Merklen sprach: "Als er einen 30-jährigen Maghrebiner aus dem Viertel fragte, warum ihn das so gar nicht interessiere, antwortete der: "Sie stellen uns Bibliotheken hin, um uns einzuschläfern. Damit wir schön ruhig in unserer Ecke bleiben und Märchen lesen. Wir brauchen keine Bücher, wir brauchen Arbeit.""

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Politik

Auf Cigdem Akyol von Zeit Online macht die syrische Opposition derzeit keinen allzu überzeugenden Eindruck. Sie traf in Istanbul des Exil-Politiker Hisham Marwah, dem der Islamische Staat nicht die Hauptsorge bereitet: ""Der IS ist für uns keine allzu große Gefahr. Die Terroristen sind wie Kopfschmerzen lediglich das Symptom einer Krankheit - ihr Erreger ist das Assad-Regime", sagt Marwah. Nach Assads Abtritt, würden die Syrer mit dem Terrorproblem schon irgendwie fertig werden."

Weiteres: In der SZ empfiehlt Carolin Emcke Jeremy Bowens BBC-Interview mit Bashar al-Assad als ausnahmsweise mal gelungenes und zutiefst beklemmendes Interview mit einem Autokraten. Ulf Poschardt begutachtet in der Welt Versuche der FDP, ihre Leiche wiederzubeleben.
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Geschichte

Die Welt druckt einen Auszug aus dem neuen Essayband von Götz Aly, "Volk ohne Mitte" (ein weiterer Auszug aus dem Buch, der sich mit dem Ökonomen Wilhelm Röpke beschäftigt, einem der wenigen nicht jüdischen und nicht kommunistischen Intellektuellen, die in die Immigration gingen, findet sich im Perlentaucher).
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Stichwörter: Götz Aly

Kulturpolitik

Vor der Wahl in Hamburg hat Niklas Maak in der FAZ noch einmal zur Riesenbaustelle der Elbphilharmonie recherchiert, dem "abstrakten Eisberg", der "schockgefrorenen Nordseewelle", das "leicht angetaute Alpenstück", dessen Baukosten inzwischen auf 865 Millionen Euro gestiegen sind: "Oder stellt das Ganze einen Geldspeicher dar, aus dem oben die Bündel herausquellen, die man hineinstopfen musste, bildet die scharf nach oben schießende, gezackte Dachlinie die Baukostenkurve ab?"

Die iranische Dichterin Sepideh Jodeyri, die Julie Marohs Erfolgscomic "Blau ist eine warme Farbe" über eine lesbische Liebe ins Persische übersetzt hat, berichtet im Guardian von Schikanen, denen sie jetzt ausgesetzt ist: ""I"ve been declared persona non grata in my own country," Jodeyri said. "An event organised for my recent poetry collection "And Etc" was cancelled, the organiser was sacked from his job, my publisher was threatened with having his licence suspended and interviews were withdrawn, all because of the negative publicity in the conservative media around my translation of Maroh"s book.""