9punkt - Die Debattenrundschau

Digitalkontrolliert

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.02.2015. Der Guardian berichtet, dass die britische Polizei sehr an Daten von Charlie-Hebdo-Lesern interessiert ist. In der SZ erzählt Hermann Parzinger von der Preußen-Stiftung, wie er seinen Museen einen Migrationshintergrund geben will. Die Welt empfiehlt, die Frage nach den Religionen nochmal mit Kant zu stellen. Libération erzählt, wie die Franzosen Google doch noch besteuern wollen.

Medien

Für deutsche Fans ist es eine eher abstrakte Meldung, denn die Daily Show durfte man in Europa ("Wir müssen draußen bleiben") seit einiger Zeit nicht mehr sehen. Aber auf The Concourse ist immerhin zu sehen, wie Jon Stewart ankündigt, dass er seinen Job nach fast 17 Jahren aufgibt. Der Sender Comedy Central, wo die Daily Show läuft, "hat sich über die Zukunft der Show nicht ausgesprochen und nur mitgeteilt, "dass die Show über Jahre hinweg weiter laufen wird"", schreibt Dave Itzkoff in der New York Times.

Großbritannien, das so stolz ist, der Welt die Demokratie geschenkt zu haben, schreitet munter voran. Josh Halliday berichtet im Guardian: "Eine britische Polizeistelle hat sich entschuldigt, nachdem bekannt wurde, dass ein Beamter einen Zeitschriftenladen aufgefordert hat, ihm die Daten von Kunden zu geben, die die letzte Ausgabe von Charlie Hebdo kauften... Der Zwischenfall wurde bekannt, nachdem Anne keat, 77, die die Sondernummer in einem Zeitschriftenladen in Wiltshire kaufte, einen Brief an den Guardian schrieb um zu warenen, dass das Tragen eines "Je suis Charlie"-Schildes das Interesse der Polizei auf sich ziehen könnte." Auch in anderen Bezirken wurden ähnliche Anfragen gestellt, berichtet der Guardian inzwischen in einer Aktualisierung seiner Geschichte.

In der taz passt Georg Seeßlen zwar die Ukraine-Berichterstattung ganz und gar nicht, aber es gibt noch viel Schlimmeres: "Die freie Presse, ein kompliziertes, manchmal ekliges und manchmal kreatives Durcheinander von ehrenwerten, nicht so ehrenwerten und ehrlosen Personen und Institutionen, ist drauf und dran, die Fähigkeit zu verlieren, Erzählungen der Welt zu erzeugen, mit denen eine demokratische, liberale und kapitalistische, oder auch eine postdemokratische, digitalkontrollierte und finanzkapitalistische Gesellschaft richtig" leben kann. Der Markt kann sich "Qualitätsjournalismus" bald nicht mehr leisten."

Weiteres: Chelsea Manning wird Kolumnistin beim Guardian, meldet unter anderem Politico.
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Kulturpolitik

Unter dem peppigen Titel "Der Islam gehört zur Museumsinsel" wirbt Stiftungsdirektor Helmut Parzinger in der SZ dafür, in den Museen stärker das migrantische Publikum anzusprechen und den Islam mit der abendländischen Kulturgeschichte zu verbinden: "Wenn es nun aber so ist, dass die eigene Kultur für den Menschen gerade in der Fremde noch wichtiger wird, warum setzen wir nicht genau dort an? Die Kultureinrichtungen in Deutschland können eine Menge dazu beitragen, und seit vielen Jahren gehört kulturelle Bildung zu den Kernaufgaben von Museen und Bibliotheken."
Stichwörter: Hermann Parzinger

Politik

Im Blog der New York Review of Books berichtet Perry Link vom Fall des chinesischen Menschenrechtsanwalts Pu Zhiqiang, dem wegen seiner Twitter-artigen Post auf Weibo der Prozess gemacht wird: "Provokation und Unruhestiftung", lautet die Anklage. Link sieht darin einen Hinweis, dass sich das Klima unter Xi Jingping verschärft: "If the case results in a criminal conviction and a lengthy prison term, the effects on China"s Internet will be devastating. The casual sarcasm that has been the coin of its realm will suddenly become perilous, and self-censorship will become even more pervasive than it already is."

Matthias Küntzel berichtet in der Welt über Kritik an einer von Michael Kohlstruck und Peter Ullrich verfassten Studie des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung über Antisemitismus in Deutschland, der ein recht enger Begriff des Antisemitismus vorgeworfen wird: "Tatsächlich schränken Kohlstruck und Ullrich die Bedeutung des Wortes Antisemitismus derart ein, dass selbst ein Mahmud Ahmadinedschad aufatmen kann. Der "Begriff Antisemitismus", erklären sie, gelte nur bei einer "Ablehnung von Juden als Juden". Damit sind Ahmadinedschad und seine Freunde, die "nur" den jüdischen Staat, nicht aber die "Juden als Juden"" auslöschen wollen, vom Stigma des Antisemitismus befreit."

Die Heinrich-Böll-Stiftung, Perlentaucher und das Internationale Literaturfestival haben vorgestern Abend ein Podium zur Frage "Charlie Hebdo und die Folgen" veranstaltet. Es diskutieren und Pascal Bruckner, Lamya Kaddor, Micha Brumlik und Perlentaucher Thierry Chervel. Die Böll-Stiftung hat das Video inzwischen online gestellt:

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Ideen

Jacques Schuster empfiehlt in der Welt die Frage, ob der Islam zu Deutschland gehöre, einmal mit Kant zu stellen. Zuvor aber die kritische Prüfung der eigenen Kultur: ""Gehören" die christlichen Kirchen zum heutigen Deutschland? Wenn man ihre Geschichte betrachtet, muss man feststellen, dass fast jeder Fortschritt im humanen Empfinden, nahezu jede Verbesserung der Strafgesetze, jede Maßnahme zu Verminderung der Kriege, jeder Schritt zu gerechterer Behandlung etwa der Juden, jede Milderung der Sklaverei und jeder moralische Fortschritt auf der Erde von den organisierten Kirchen der Welt bekämpft wurden. Sind die Kirchen gerade deshalb deutsch? Sind sie undeutsch?"
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Stichwörter: Immanuel Kant, Sklaverei

Internet

Die französische Kulturministerin Fleur Pellerin will eine Steuer auf den Verbrauch von Internetbandbreite einführen, um große Internetfirmen zu besteuern, berichtet Libération mit AFP: "Eine Gruppe wie Google hat im Jahr 2013 nun 7,7 Millionen Unternehmenssteuern gezahlt, denn sie erklärt dem französischen Fiskus nur Einnahmen von 231 Millionen Euro, während das auf Erforschung von Werbung spezialisierte Institut Irep ausgerechnet hat, dass die Firma in Frankreich Werbeeinnahmen in Höhe von 1,6 Milliarden Euro hat. Darum schlägt Pellerin eine Abgabe auf den Verbrauch von Bandbreite vor, die von den Gewinnsteuern abziehbar wäre."
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