Efeu - Die Kulturrundschau

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11.02.2015. Auf der Berlinale hatte Wim Wenders' "Everything will be Fine" seinen Auftritt - dessen Motiv laut FAZ den Wettbewerb prägt: Reumütige Männer auf Sinnsuche. Zeit online begeistert sich für den Deutschrap von "Zugezogen Maskulin". Die SZ bewundert eine On-Kawara-Retrospektive in New York. Die NZZ stellt den Fotografen Hiroshi Sugimoto als Architekten vor.

Film


Nimmt"s, wie"s kommt: Joaquin Phoenix in "Inherent Vice". Bild: Warner.

Vorneweg nichts zur Berlinale, sondern ein Hinweis auf Paul Thomas Andersons adäquat labyrinthische Verfilmung von Thomas Pynchons Roman "Inherent Vice", die mit ihrer lässig bekifften Art die Filmkritik bezirzt. Beispielsweise Ekkehard Knörer von der taz, der sich ganz und gar auf den Flow dieses Hippie-Films einlässt, der wie ein Geisterhaus funktioniert, "in dem jeder Gang irgendwohin führt, auf einen weiteren Abweg, vielleicht gar ins Zentrum, das dann aber auch wieder nur eine Klapse in den Outskirts gewesen sein wird (...) Guter Rat ist also billig: Auf Auflösung gar nicht hoffen, oder wissen, dass alle Auflösung Schall und Rauch ist. Alles einfach nehmen, wie"s kommt." Auch Verena Lueken (FAZ) ist von diesem Film sehr angetan, der sich "spielerisch, fast spöttisch noch einmal ans Kino der Siebziger [anlehnt]". Fritz Göttler (SZ) beobachtet in dem Film "die Geburt des Film Noirs aus dem Slapstick". Weitere Besprechungen bringen Tagesspiegel, kritiken.de und critic.de.


Wim Wenders, "Every Thing Will be Fine"

Und damit Überblende zur Berlinale am Potsdamer Platz, wo gestern Wim Wenders", mit James Franco prominent besetztes 3D-Drama "Everything will be Fine" Weltpremiere feierte. Fein fanden den Film am Ende doch nicht alle: Zwar ist der Regisseur hier "ganz bei sich", freut sich Susan Vahabzadeh in der SZ und lässt sich von ihm gern "in eine magische Welt" entführen. In der Welt spottet Jan Küveler: "Im Grunde hat Wenders einen Horrorfilm gedreht - wie die elegantesten Rezepte einen Martini empfehlen: mit so wenig Wermut wie möglich." In der taz knirscht Ekkehard Knörer mit den Zähnen: "Das Drehbuch (..) ist so hanebüchen, als hätte es ein Fünfzehnjähriger mit der Ambition zu äußerstem Tiefsinn verfasst: Trauer, Schuld, Vergebung, Schriftstellerkrise." Und im Perlentaucher wittert Nikolaus Perneczky den Geruch von Moleskine-Notizbüchern.

Für Andreas Kilb (FAZ) kristalliert sich nach Wenders" Film eine thematische Konstante aus dem Wettbewerb heraus: Dieser zeige auffallend oft "reumütige Männer auf Sinnsuche". In der taz porträtiert Barbara Schweizerhof den vom Festival zudem mit einer Hommage geehrten Regisseur, über den zuvor auch schon Thierry Chervel beim Perlentaucher schrieb.

In Malgorzata Szumowskas Wettbewerbsfilm "Body" beobachtet Dietmar Dath (FAZ) die Genese eines neuen Genres, nämlich "des Gespensterfilms, in dem die Menschen spuken und das Gespenst aus Menschenangst wegbleibt". Thekla Dannenberg (Perlentaucher) bezeugt lediglich verpasste Möglichkeiten: Gut gefällen hätte ihr das schon, wenn die Regisseurin "ihren ökofeministischen Film über die körperlichen Grenzen von Leben und Tod ernsthaft durchgezogen hätte, mit all den am Ende doch nur angedeuteten Zumutungen von Alterserotik, spirituellen Sitzungen und Schrei-Therapien!"

Kommen nun endlich die deutschen Qualitätsserien? Auf der Berlinale begeisterte man sich jedenfalls sehr für "Blochin" und "Deutschland 83" (in der FAZ von Michael Hanfeld vorgestellt). Doch Carolin Ströbele (ZeitOnline) geht da nicht völlig mit: Im Endeffekt bedienen beide Serien sattsam etablierte Genres. "Aber eine Serie über Pegida oder die Verbrechensserie des NSU aus Deutschland? Derzeit kaum vorstellbar." In der Welt geht Elmar Krekeler aufs Ganze und guckt elf Stunden Serien aus aller Welt.

Weiteres zur Berlinale im Überblick: In der NZZ zieht Susanne Ostwald eine "überaus erfreuliche Zwischenbilanz" des Filmfestivals. Alle weiteren heutigen taz-Texte zum Festival hier.Cargo schickt weiter munter SMS vom Festival. Stets einen schnellen Klick wert ist der mehrfach täglich aktualisierte Kritikerspiegel von critic.de. Vom Festival berichten online außerdem u.a. Filmgazette, Tagesspiegel, Berliner Zeitung, FAZ, SZ, Das Filter und kino-zeit.de. Und der Perlentaucher ist selbstverständlich ebenfalls vor Ort.

Abseits der Berlinale werden die BDSM-Romanze "Fifty Shades of Grey" nach dem gleichnamigen Roman (Berliner Zeitung) und die ersten beiden Folgen des "Breaking Bad"-Spin-Offs "Better Call Saul" (taz, FAZ) besprochen.
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Kunst

In der SZ staunt Peter Richter darüber, wie interessant die New Yorker Retrospektive für On Kawara im New Yorker Guggenheim-Museum geraten ist, selbst dann noch, wenn man Kawaras Datumsbilder vor sich hat: "Wer gedacht hatte, dass er auch eine große Anzahl von diesen Datumsbildern relativ zügig abschreiten könnte, fand sich auf einmal stundenlang darübergebeugt." Im Guardian erklärt Jason Farago den Hintergrund dieser Bilder (mit vielen Beispielfotos) und schreibt: "Everyday or epic? Cosmic or mundane? Kawara"s date paintings are both - a perpetual abstraction, but also a system of self-portraits; a calendar, but also a diary; dates, but also days. It"s that indeterminacy, that constant oscillation between the quotidian and the universal, that gives his reticent art such force." (Bild: On Kawara: JAN. 4, 1966, New York"s traffic strike. From Today, 1966-2013. Foto: Courtesy David Zwirner, New York/London)

Weiteres: Birgit Rieger bringt Hintergründe zum von Florian Ebner kuratierten deutschen Pavillon der Biennale in Venedig. Rose-Maria Gropp (FAZ) gratuliert Konrad Klapheck zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden Heidi und Hans-Jürgen Kochs Bildband "Buffalo Ballad" (FR), eine Ausstellung zur Sammeltätigkeit der Stiftung Kunst Heute im Kunstmuseum Bern (NZZ) und eine Ausstellung im Musée des Beaux-Arts in Mons von Van Goghs ersten künstlerischen Gehversuchen (FAZ).
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Bühne

Besprochen werden ein "Onkel Wanja" in Wiesbaden (FR) und Stephan Kimmigs Inszenierung von Tracy Letts" "August: Osage County. Eine Familie" in Stuttgart (taz).
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Literatur

Felicitas von Lovenberg (FAZ) porträtiert die Schriftstellerin Jenny Diski. Außerdem bringt die Berliner Zeitung einen Auszug aus Iris Hanikas" Wenderoman "Wie der Müll geordnet wird".

Besprochen werden u.a. Jochen Distelmeyers Debüt "Otis" (Freitag, mehr), T.C. Boyles "Hart auf Hart" (FAZ, mehr), Anna Gmeyners Roman "Manja" von 1938 (NZZ), Nicholson Bakers Essays "So geht"s" (FAZ, mehr), die Neuübersetzung von Thomas Wolfes "Von Zeit und Fluss" (Zeit) und eine Sammlung von Helen Hessels von 1921 bis 1938 entstandenen Feuilletons (SZ).
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Stichwörter: T.C Boyle

Architektur


Der Neubau von Hiroshi Sugimoto (links) neben dem alten Art-déco-Gebäude des Teien-Kunstmuseums in Tokio. (Bild: Teien Museum)

In der NZZ stellt Ulf Meyer den neuen Anbau des Teien Kunstmuseums in Tokio vor. Entworfen hat ihn der Fotograf und Architekt Hiroshi Sugimoto: "Sugimoto tritt erst seit einigen Jahren als Architekt auf, nachdem er 2008 sein "New Material Research Laboratory" genanntes Architekturbüro gegründet hat. Im Hinblick auf die Architekturbiennale von 2014 in Venedig verwirklichte er auf der Insel San Giorgio Maggiore ein elegantes, gläsernes Teehaus. Dennoch hält Sugimoto, der über ein erstaunliches Gespür für die Raumkunst verfügt, fest: "Ich habe nicht die Absicht, mich mit Architekten zu messen. Ich bin Künstler. Der Unterschied zwischen Kunst und Architektur ist die Funktion. Architektur muss funktionieren. Kunst nicht. Doch viele Architekten suchen heute nach künstlerischen Formen für ihre Gebäude, die dadurch ihre Funktion verlieren.""
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Musik

Ganz hervorragend findet Daniel Gerhardt (ZeitOnline) den subversiven, ziemlich links stehenden Deutschrap des Duos "Zugezogen Maskulin", das gerade sein neues Album "Alles brennt!" auf den Markt gebracht hat. Und dieses, meint der Kritiker, ist schlicht auf der Höhe der Zeit: "Musikalisch ist es noch weiter: Trap-Rap-Einflüsse aus den US-amerikanischen Südstaaten stehen neben Konfetti-Techno. EDM-Abstürze folgen auf dreckige Kanye-West-Fanfaren, ein bisschen Kriegsgeballer geht immer. Selbst die Trash- und Kitschverliebtheit von Hypnagogic-Pop-Künstlerinnen wie Fatima Al Qadiri hat sich eingeschlichen. "Zugezogen Maskulin" befinden sich damit in einem durchaus interessanten Zwiespalt: Ironie ist ihr Feind und liebstes Stilmittel zugleich."

Weiteres: Curt Cuisine (Skug) führt durch neue Jazz-Releases. Auf VAN erörtert Julian Tompkin das Verhältnis zwischen klassischer Musik und Heavy Metal. Max Nyffeler (FAZ) berichtet vom Eclat-Festival in Stuttgart. Besprochen wird die neue CD von Sleater-Kinney (Welt).
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