Efeu - Die Kulturrundschau

Die Zartheit der Deutschen

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02.02.2015. Jubel, Triumph, Wahnsinn! - Barrie Kosky bringt mit seiner Inszenierung der Oskar-Straus-Operette "Eine Frau, die weiß, was sie will" den Saal zum Kochen. Die Brecht-Erben machen lieber Stimmung im Gerichtssaal. Im Magazin Filmlöwin erklärt die Filmemacherin Gloria Endres de Oliveira, wie trügerisch Mädchenhaftigkeit sein kann. In der NZZ warnt Kenzaburo Oe vor dem neuen Nazismus in Japan.

Bühne

"Umwerfend. Überwältigend. Überrumpelnd", jubelt Tilman Krause in der Welt, "ein Triumph", "virtuos", stimmt Frederik Hanssen im Tagesspiegel ein. Die Komische Oper in Berlin spielt sich mal wieder in alle Kritikerherzen. Diesmal mit Barrie Koskys Inszenierung von Oscar Straus" "Eine Frau, die weiß, was sie will", die den Saal zum Kochen brachte. Hansens Lob gilt nicht nur der Regie, die auf Ausstattungsprunk verzichtet, sondern auch an den beiden einzigen Darstellern: Dagmar Menzel und Max Hopp: "Schweißtreibend ist das, was die beiden da auf der Vorderbühne veranstalten, ein 90-Minuten- Sketch, bei dem sie sogar Vier-Personen-Szenen spielen, jeweils zur Hälfte als Frau verkleidet und zur Hälfte als Mann. In wahnwitzigem Tempo wechseln sie zwischen den Figuren hin und her, aber auch zwischen Tonlagen und Lebensaltern."

In der Berliner Zeitung lobt Clemens Haustein die technisch perfekte, fantasievolle, vor allem aber rasante Inszenierung des Regisseurs, dem er ein "Meisterstück" bescheinigt: "Keine Pointe, die in der Luft verhungert; wird der eine Darsteller noch beklatscht, springt der andere schon in neuer abenteuerlicher Verkleidung aus der Tür. ... Das ist charmant, häufiger noch derb, oft urkomisch und mindestens ebenso oft hinreißend verrückt. Unterm Verrückten sollte man wohl auch verbuchen, wenn es dann doch blöd schadenfroh wird."

Auch tazler Niklas Hablützel hatte an diesem, an die goldenen Zeiten des Metropol-Theaters in den Zwanzigern anschließenden Abend bestens lachen, wie er berichtet: "So fröhlich und leicht dieses Traumspiel ist, sein politisches Gewicht kann gar nicht hoch genug geschätzt werden. Die Woche hatte begonnen mit dem Gedenken an die Befreiung von Auschwitz. Sie ging zu Ende, als hätte es die Nazis nie gegeben. Befreites Lachen füllt den Saal. Die Dummheit ist besiegt."


"Baal" in der Inszenierung von Frank Castorf am Münchner Residenz-Theater. Foto: Thomas Aurin

Ärger um Castorfs "Baal"-Inszenierung in München: Der Suhrkamp-Verlag geht im Auftrag der Erben gegen die Aufführung vor, da diese nicht werkgetreu, von diversen Fremdtext-Partikeln durchsetzt und als solche nicht abgesprochen worden sei. Reichlich unnötig findet Peter Laudenbach (Tagesspiegel) dieses Manöver: Als ob Castorf je folgsam Textzeilen inszeniert hätte! "Vielleicht", rät Laudenbach, "sollten sich die Rechtsabteilung bei Gelegenheit auf den Stand des eigenen Verlagsprogramms bringen - von Foucaults Kritik am Begriff des Autors über Kristevas Wissen, dass in einem Text viele Stimmen sprechen, bis zu Heiner Müllers Hinweis: "Brecht gebrauchen ohne ihn zu kritisieren, ist Verrat."" Der Regisseur selbst findet das Verhalten des Verlags "gestrig und albern", hat Christine Dössel für die SZ in Erfahrung gebracht und verweist außerdem auch auf die für Brecht typische collagierende Verfahrensweise: Auch er musste sich "allerlei Plagiatsvorwürfen erwehren. Dass ausgerechnet bei einem Autor wie ihm Fremdtexteinlagen inkriminiert werden, mutet kurios an."

Weiteres: Wolfgang Heininger porträtiert in der FR den Kabarettisten Götz Frittrang. Besprochen werden u.a. Peter Raffalts Inszenierung von Andres Veiels und Gesine Schmidts "Der Kick" im Vestibül des Burgtheaters (Presse, Standard) und Paul Wenningers Choreografie "Uncanny Valley" im Tanzquartier Wien (Standard).
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Musik

Philipp Rhensius lässt sich für die taz durch das Programm der Club Transmediale treiben und erfährt dabei einiges über die "affektiven Wirkungen von Sound und Musik". Christoph Dallach spricht für ZeitOnline mit dem Produzenten Mark Ronson über dessen neues Album.

Besprochen werden ein Zürcher Konzert des Tonhalle Orchesters mit Esa-Pekka Salonen (mit der Sinfonie Nr. 5 in Es-Dur von Jean Sibelius, NZZ-Kritiker Peter Hagmann war hin und weg), ein von Tom Koopmann dirigiertes Bach-Konzert der Berliner Staatskapelle (Tagesspiegel), ein Lachmann- und Mahler-Konzert der Berliner Philharmoniker (Tagesspiegel), ein Auftritt von Fritz Kalkbrenner (Tagesspiegel) und eine neue CD mit Zappa-Improvisationen von Stefano Bollani (SZ).
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Film


Still aus Gloria Endres de Oliveiras Kurzfilm "Tub"

In ihrem feministischen Filmmagazin Filmlöwin interviewt Sophie Charlotte Rieger die deutsch-brasilianische Filmemacherin, Schauspielerin und Fotografin Gloria Endres de Oliveira, die in ihren Arbeiten sanft unheimlichen Gothic mit einer auf den ersten Blick fragilen Mädchen-Ästhetik verbindet. "Zart" ist allerdings nicht das Adjektiv, das sie in diesem Zusammenhang gern hört: "Ich glaube, Zartheit ist oftmals ein Synonym für eine gewisse Mädchenhaftigkeit - in meinen fotografischen Arbeiten möchte ich mich mit eben dieser Mädchenhaftigkeit und ihrer Codierung auseinandersetzen und damit einhergehende Stereotype hinterfragen, mit denen ich selbst, als "mädchenhafte Person", oft konfrontiert werde - Stereotype wie Fügsamkeit, Schwäche, Artigkeit, eine gewisse Sanftmut, harmlos, hübsch sein, Mütterlichkeit. Die Farben und Texturen der Bilder sind sanft, die Mädchen sind es jedoch nicht, sie sind auch nicht harmlos und artig, sie widersetzen sich jeder Aufforderung, doch mal zu lächeln."

Weitere Artikel: Jetzt auch noch Fernsehserien auf der ohnehin seit Jahren expandierenden Berlinale: In der taz führt Ekkehard Knörer durch diesen Themenschwerpunkt des Festivals, sieht dabei viel Interessantes, merkt aber auch an: "Was Prestige bringt, ist gut. ... Ein Konzept oder kuratorischer Zugriff ist nicht zu erkennen." In der Berliner Zeitung gibt Maike Schultz weitere Tipps fürs Festival. Im Standard berichtet Isabella Reicher vom Filmfestival in Rotterdam.

Besprochen werden Michael Manns neuer Thriller "Blackhat" (den Welt-Kritiker Holger Kreitling rauschhaft gefilmt und "dennoch seltsam schal" findet), Bennett Millers "Foxcatcher" (Standard) und James Grays auf DVD und Video-On-Demand erschienener "The Immigrant" (SZ, critic.de).
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Architektur

Dieter Bartetzko (FAZ) freut sich, dass in Brooklyn das 1929 eröffnete King"s Theatre nicht etwa abgerissen, sondern morgen saniert wiedereröffnet wird: "Ein baukünstlerisches Juwel ist gerettet". Freude auch bei Brigitte Werneburg (taz), allerdings über die Nomininerung des Berliner Parks am Gleisdreieck für den Mies-van-der-Rohe-Preis: Zwar wirke die Anlage "kleinteilig" auf sie, doch fällt ihr auch "das Rohe, Ungeschliffene, Wilde auf, in dem man das Rückgrat der gesamten Anlage zu erkennen meint".
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Stichwörter: Mies van der Rohe

Literatur

Leopold Federmair besuchte für die NZZ den japanischen Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger Kenzaburo Oe in Tokio und unterhielt sich mit ihm über dessen Werk, über Gombrowicz, Oes Sohn Hikori und den japanischen Ministerpräsidenten Abe, dessen Politik - Abkehr von der Nachkriegsordnung, Änderung der Verfassung, Atomenergie - Oe scharf kritisiert: "Er spricht ausdrücklich und wiederholt von einem "neuen Nazismus" und bezieht sich damit nicht nur auf die vor kurzem aufgetauchten Fotos, die zwei hochrangige Politikerinnen von Abes Partei zusammen mit dem Vorsitzenden der Nationalsozialistischen Arbeiterpartei Japans zeigen. Abes Weg führe zu mehr Gewalt, zur Beteiligung an kriegerischen Auseinandersetzungen, zur Militarisierung der japanischen Außenpolitik."

Deike Dienig stöbert für den Tagesspiegel im Deutschen Tagebucharchiv und stößt dort auf Unerwartetes: "Die Zartheit, die Zartheit der Deutschen, wo ist die denn sonst noch dokumentiert? Unerhörte Vorstellung. Gibt es überhaupt so etwas wie die Zartheit der Deutschen?"

Von wegen Schluchten und Alpen! Philipp Theisohn (Zeit) führt durch junge Schweizer Literatur: "Die poetische Verwaltung der Schweiz - das ist zuallererst Vermessungsarbeit, Kartografie, das Interesse an einem Raum und den Linien, die ihn konstituieren. Ungeordnet wie vielsprachig verlaufen die unbekannten und vergessenen Zeichenpfade - Mythen, Texte, Bilder - über- und durcheinander."

Auf gepflegten Kulturpessimismus stößt man im großen Gespräch, das Arno Widmann für die FR mit Fritz Raddatz anlässlich des Raddatz-Erinnerungsbandes "Jahre mit Ledig" geführt hat. Neue Ästhetiken und Kulturen sieht der gediegene Feuilletonist im Social-Media-Zeitalter jedenfalls nicht heraufdämmern: "Das fördert nur Oberflächlichkeit, die vorgebliche Informationsfülle, der wir heute ausgesetzt sind - dabei wissen wir nicht einmal genau, was zum Beispiel in der Ukraine los ist, oder, um bei der Kultur zu bleiben, wer heute in den USA malt. Wer sind dort die jungen Autoren von heute? Wissen nur wir das nicht? Oder weiß man das nicht, weil sie untergehen in der Überfülle von angeblicher Information? Wir sind heute mit all diesen Medien dümmer, als wir ohne sie waren. Wir leben in einer Zeit des pseudo-informierten Analphabetentums. Was ich in den Medien lese oder höre, ist fast nur noch Schrott."

Weitere Artikel: Michael Jäger verfasst für den Freitag einen opulenten Essay über Dantes "Commedia " verfasst. Sylvia Prahl besucht für die taz ein Kolloquium des British Council über den Zusammenhang von Lebenswirklichkeit und Literatur besucht. Kurt Remele schreibt für den Standard zum 100. Geburtstag des amerikanischen Autors und Mönchs Thomas Merton. Volker Breidecker (SZ) berichtet vom ersten Kölner Poesiefestival Poetica. Lena Bopp (FAZ) war bei den "Flüchtlingsgesprächen" im Stuttgarter Literaturhaus. Außerdem dokumentiert die FAZ Sven Regeners Laudatio auf den Schriftsteller Frank Schulz, der gerade den Literaturpreis für grotesken Humor erhalten hat.

Besprochen werden u.a. T.C. Boyles "Hart auf Hart" (FR), Joan Schenkars Biografie Patricia Highsmiths (Standard) und Hermann Rudolphs Berlin-Buch "Wiedergeburt einer Stadt" (Zeit).

Und jetzt online: In der Frankfurter Anthologie der FAZ stellt Matthias Politycki Hellmuth Opitz" Gedicht "Nerven blank" vor:

"Wie gespannte Überlandleitungen,
während der Juli wie üblich
seine lange Abendlichtmesse las. ..."
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Kunst


Georg Lemberger: "Sündenfall und Erlösung", 1535. Bild: Städel Museum.

Auf ins Städel nach Frankfurt, solange sich dort noch die Ausstellung "Fantastische Welten - Albrecht Altdorfer und das Expressive in der Kunst um 1500" bietet, ruft uns Bernhard Schulz im Tagesspiegel zu: Denn "eine solche Ausstellung gibt es in jeder Generation nur einmal."

Tilman Baumgärtel (Berliner Zeitung) resümiert das Programm des Berliner Medienkunstfestivals Transmediale, das sich in Ausstellungen und Begleitveranstaltungen kritisch mit den Datenakkumulationen im Netz befasst hat. Er stellt fest: "Das Bedürfnis nach (...) Kommunikations-Möglichkeiten, die nicht von amerikanischen Internet-Unternehmen kontrolliert werden, scheint groß zu sein. Im Jahr zwei nach Snowden bot eine sehr gut besuchte Transmediale also nicht nur Kritik an dem durch Überwachung und Datensammlern kompromittierten Internet, sondern auch Gegengifte - so spekulativ, künstlerisch und experimentell diese zum Teil auch sein mögen." Jens-Christian Rabe von der SZ erblickte in den Ausstellungen unterdessen "die geistige Situation unserer Zeit."

Außerdem: Für den Tagesspiegel stellt Marie Rövekamp einige der kambodschanischen Künstler vor, deren Fotos und Videos in der Ausstellung "Die Roten Khmer und die Folgen" der Berliner Akademie der Künste zu sehen sind.

Besprochen werden eine Ausstellung früher Arbeiten von Roman Signer in der Wiener Galerie Janda (Standard), eine Impressionismus-Ausstellung mit Werken aus dem Musée d"Orsay in der Albertina in Wien (Standard), eine Ausstellung von Kunst aus der Sammlung Prinzhorn in Berlin (Tagesspiegel), die in der Berliner Galerie KOW gezeigten Videoarbeiten von Tobias Zielony (Tagesspiegel) und die Mark-Leckey-Ausstellung im Haus der Kunst in München (SZ).
Archiv: Kunst