9punkt - Die Debattenrundschau

Die Übermacht der westlichen Kultur

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.12.2014. Ein algerischer Hassprediger hat den Tod des Schriftstellers Kamel Doaud gefordert, die NZZ berichtet über die als Fatwa verkappte Morddrohung, die Huffpo.fr bringt schon eine gewaltige Solidaritätserklärung. In der taz erklärt die Ökonomin Mariana Mazzucato, dass nicht die Agenda 2010 Deutschland so stark gemacht hat, sondern das Fraunhofer-Institut. In der FAZ erinnert Hans Christoph Buch an Haiti. In der Welt fragt Marko Martin, was denn bitte das wallonische Mons zu einer Kulturhauptstadt machen soll.

Ideen

Ein algerischer Salafistenprediger hat gegen Kamel Daoud, den Autor des bereits hohe Wellen schlagenden Romans "Mersault, contre", eine Fatwa verhängt, weil Daoud die Religion zum Entwicklungshindernis erklärt hat: In der NZZ fürchtet Beat Stauffer Schlimmstes: "Die verklausulierten Morddrohungen gegenüber dem Schriftsteller haben in algerischen Kulturkreisen Entsetzen und eine Welle der Solidarisierung ausgelöst. Rund zwanzig Jahre ist es her, dass im Land Todeslisten zirkulierten, auf denen die Namen von missliebigen Intellektuellen, Künstlerinnen und Freidenkern standen. Die Drohungen radikaler Islamisten waren damals ernst gemeint, und Dutzende von Morden wurden ausgeführt."

Bei der HuffPo.fr gibt es eine Solidaritätserklärung für Daoud von allen, die in Frankreich intellektuellen Rang und Namen haben: "Wir rufen die internationalen juristischen Instanzen dazu auf, alle notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, um Abdelfetah Hamadache, Prediger des Hasses, des Terrorismus und der Gewalt, vor den zuständigen Gerichten zur Rechenschaft zu ziehen." Auf France Culture hatte sich Alain Finkielkraut vor einem Monat in seiner Sendung Repliques mit Doaud über seinen Roman unterhalten, der Camus" "Fremden" fortschreibt, und zwar aus der Sicht der agerischen Familie des Mannes, den Mersault tötet.
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Politik

Im taz-Interview mit Christiane Müller-Lobeck erklärt die Ökonomin Mariana Mazzucato daran, dass alles, was Apples Iphone smart macht - Internet, GPS, Touchscreens, Siri, -, durch staatliche Forschung entwickelt wurde. Sie fordert den Staat als ökonomischen Strategen: "Deutschland sagt den schwächeren europäischen Staaten wie Griechenland, Spanien oder Italien, sie müssten kürzen, kürzen, kürzen, um wettbewerbsfähig zu werden. Sie verraten ihnen aber tunlichst nicht, dass man dazu Geld für so etwas wie das Fraunhofer-Institut ausgeben oder sich eine Investitionsbank wie die KfW zulegen muss. Das Ungleichgewicht in Europa ist nicht dadurch entstanden, dass Deutschland bei der Euro-Einführung getrickst hat, auch nicht durch die Agenda 2010 oder durch niedrige Löhne. Deutschland hat einfach ein sehr gut funktionierendes Innovationsökosystem."

Zu Weihnachten erinnert sich die Welt an Haiti, seufzt der Schriftsteller Hans Christoph Buch in der FAZ und schildert die schlimme, aber nicht hoffnungslose Lage fünf Jahre nach dem Erdbeben mit über 200.000 Toten: "Hier wird sichtbar, dass ein heruntergewirtschaftetes Land wie Haiti sich selbst helfen kann, statt seine Misere von UN-Beamten, Blauhelmsoldaten und Entwicklungshelfern mehr schlecht als recht verwalten zu lassen. Dass Nichtregierungsorganisationen wie die Deutsche Welthungerhilfe gute Arbeit leisten und für Haiti unentbehrlich sind, steht auf einem anderen Blatt."

Außerdem plädiert Isolde Charim in der taz dafür, die Pegida weniger als Phänomen mangelnder Aufklärung zu betrachten als eines des politischen Gefühlshaushalts. In der SZ erzählt Willi Winkler die Geschichte der kubanischen Revolutionstouristen von Bernard Kouchner und Régis Debray bis Eric Hobsbawm und Luigi Nono - und plädiert auf Freispruch vor der Geschichte.
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Kulturpolitik

In der Welt geißelt Marko Martin die "hirnlose Eventseligkeit" um die europäischen Kulturhauptstädte, zu denen für 2015 das tschechische Pilsen und das wallonische Mons gekürt wurden: Zu was also soll der EU-Steuergelder verschlingende Pomp der "Doppel-Kulturhauptstadt" dienen? Da feiern in den Programmkatalogen von Pilsen und Mons die Schlüsselwörter Nachhaltigkeit, Diversität, Transparenz, Multikulturalität, Innovation wahre Orgien, doch bei Lichte besehen werden in den nächsten Monaten "Street Art" und "Videoinstallationen" präsentiert, es gibt Konzerte und Zirkusaufführungen... Währenddessen hängen arbeitslose marokkanische Jugendliche weiterhin am Bahnhof von Mons herum, wo die größte Straße noch immer nach dem Kongo-Völkermörder König Leopold II. benannt ist."
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Internet

Patrick Bahners hat nun also doch noch die Nordkorea-Satire "The Interview" zu sehen bekommen, die Sony in einigen ausgewählten amerikanischen Programmkinos gezeigt hat. In der FAZ kann er jetzt erklären, warum es Kim Jong-Un direkt treffen musste: "Wenn "The Interview" nur den Untergang eines Operettenzwangsstaates vorgeführt hätte, wäre der Witz weg. Die Übermacht der westlichen Kultur in ihrer primitivsten Form zeigt sich im Gedankenspiel daran, dass sie lokalen Widerstand bricht, dass ein bestimmter Staat mit sehr bestimmter Staatsideologie ihr nichts entgegenzusetzen hat."
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Medien

Der äygptische Fotojournalist Shawkan sitzt seit eineinhalb Jahren in einem Kairoer Gefängnis, berichtet Julia Gerlach in der FR, obwohl all seine internationalen Auftraggeber bestätigt haben, dass er für sie als Reporter tätig war: "Bisher gibt es keinen Prozess gegen Shawkan, noch nicht einmal eine Anklage. Quasi automatisch wird seine Untersuchungshaft alle 45 Tage von einem Richter verlängert."
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Stichwörter: Ägypten, Justiz