9punkt - Die Debattenrundschau

In Form von Dampf

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.12.2014. Sony hat eine frohe Botschaft: "The Interview" kommt nun doch in die Kinos. In Spiegel Online ist sich Jan Fleischhauer sicher: Das Internet ist schuld an Pegida. Die taz ist anderer Meinung: Es könnte auch an Dresden liegen. Das "Recht auf Vergessen" ist ein Riesenerfolg, meldet dpa. Die taz führt ein unweihnachtliches Gespräch mit Markus Gabriel. Aber wenigstens den Kirchen brachte 2014 einen großen Segen, berichtet die FAZ. Und auch der Perlentaucher wünscht seinen Leserinnen und Lesern: Frohe Feiertage!

Internet

Sony will "The Interview" in ausgewählten Kinos nun doch herausbringen, meldet die New York Times (so wie alle anderen Medien): "Sony stellt auch einen Start als Video on Demand in Aussicht, entweder gleichzeitig mit dem Kinostart oder kurz darauf. Als er die neuen Pläne mitteilte, sagte Michael Lynton, der Chef von Sony Pictures, dass das Studio alles tun würde "um mehr Plattformen und Kinos zu finden, so dass der Film das größtmögliche Publikum findet"."

Während sich Sony für "The Interview" also keine bessere Werbekampagne hätte ersinnen können, gereichen andere Auswirkungen des Hacker-Angriffs dem Konzern zum PR-Debakel. Auf Zeit Digital berichtet Patrick Beuth, dass Sony Pictures Entertainment (SPE) Twitter aufforderte, den Account eines Nutzers zu sperren, der einige der gehackten Sony-Mails veröffentlicht hatte: "Die logische Folge: Der Twitter-Account mit den peinlichen E-Mail-Screenshots ist nun viel bekannter, als er es vor der Reaktion von SPE war. Und die dort verbreiteten Unternehmensdokumente werden jetzt noch viel weiter verbreitet. Oder um es mit den Worten eines anderen Twitter-Nutzers zu sagen: "In dem Versuch, die Verbreitung interner Dokumente im Internet zu verhindern, hat Sony nun den Anwalt von Barbra Streisand engagiert.""

Die Bereinigung des Internets im Namen des "Rechts auf Vergessen" ist ein voller Erfolg, meldet heise.de mit dpa. Google hat Zahlen veröffentlicht: "Insgesamt erhielt Google demnach europaweit knapp 190.000 Anfragen zur Löschung von knapp 685.000 Links. Aus Frankreich kamen etwas mehr Anfragen als aus Deutschland, dort war die Erfolgsquote allerdings etwas geringer. Im europaweiten Durchschnitt lag sie bei gut 40 Prozent (rund 2230.000 URLs)."

Es war nur eine Frage der Zeit, bis das Internet für Pegida verantwortlich gemacht wird. Jan Fleischhauer, der gediegen Konservative in der Online-Kolumnistenschaft des Spiegel, ist es, der nun in diese Kerbe haut: "Die Teilnehmer bedienen sich des Netzes nicht nur, um ihren Anliegen Gehör zu verschaffen und sich mit Gleichgesinnten zu verbinden, sie entnehmen dem Netz auch ihre Stichworte und Argumente. Bei Pegida zeigt der rechte Onlinebürger Gesicht, es ist der Aufmarsch der digital Erregten." Zeit für mehr historische Forschung: Wie haben es eigentlich die Nazis ohne Netz geschafft? Und welche Rolle hat die geschätzte Presse seinerzeit gespielt?
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Kulturmarkt

Einen kleinen Brandbrief zum zögerlichen Weg der Buchverlage in die Digitalisierung schreibt App-Entwickler und Buchautor George Berkowski bei buchreport.de: "Die Distribution. Ein großer Verlag, der nicht in der Lage ist, seine Ebooks direkt zu verkaufen, ist mehr als lächerlich. Wenn Sie als einer der Big Five keinen eigenen Vertriebskanal haben, der für die Leser interessant ist, haben Sie keinerlei Beziehung zu Ihren Endnutzern. Warum sollte ich dann als Autor 90 Prozent der Einnahmen an Sie abtreten? Apple setzt den Schnitt bei 30 Prozent und setzt mich 100 Millionen Menschen vor. Wie vielen Leuten setzen Sie mich vor?"

Joachim Müller-Jung macht in der FAZ allerdings auf Studien aufmerksam, wonach die LED-Displays der jüngsten E-Book-Reader allen, die damit lesen, das anschließende Einschlafen erschweren. Wärend man mit Papierbüchern prima einschlafen kann.
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Gesellschaft

In Dresden singen die Pegida-Demonstranten Weihnachtslieder, aber ihre Botschaft könnte nicht unweihnachtlicher sein. Die Zeitungen beziehen klar Stellung und wünschen sich ein deutlicheres Dignal der Politik. Dass es beispielsweise immer heißt, in den Protesten äußere sich ein "diffuser Unmut, den man gleichwohl ernst nehmen müsse", findet Peter von Becker im Tagesspiegel unzureichend: "Ernst nehmen, schon. Schwieriger ist der Dialog mit einem Protest, der nicht diskutieren will oder kann. Unmut erweist sich da als das Gegenteil von Mut." In der taz erinnert Rainer Balcerowiak daran, dass Pegida als Massenprotest ein Dresdner Phänomen ist: in anderen Städten kommen nur wenige Hundert Pegida-Anhänger zusammenkämen, in München standen gar nur 50 Demonstranten 12.000 Gegendemonstranten gegenüber. Und Jan Feddersen erklärt, ebenfalls in der taz: "Pegida ist eine Chiffre. Sie steht für Einvernehmlichkeit scheinbraver DemonstrantInnen. Das Letzte an Militanz gäben sie, würde man sie ernsthaft lassen. Sie sind die verfolgenden Unschuldslämmer, die kaum mehr als ihren süßlichen Hass ventilieren. Hoffe man, deren Wünsche zerschellten an einem Satz: Nicht mit uns."

Bei Boingboing schreibt die Krebspatientin Xeni Jardin, wie sie lernte mit medizinischem Marihuana umzugehen und dass die Droge ihr tatsächlich half: "Ich lernte an THC-intensiven Pot-Keksen zu knabbern, so dass während der Chemo die Übelkeit verflog. Ich lernte beim Inhalien von Pot in Form von Dampf, dass mit die Übelkeit und das Erbrechen ebenfalls vergingen, wenn ich von der Chemo nach Hause kam." (Das so weihnachtlich anmutende "Medical Marijuana"-Foto hat Chuck Coker unter CC-Lizenz bei Flickr publiziert.)
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Stichwörter: Marihuana, Pegida

Religion

In der taz führen Jan Feddersen und Patricia Hecht ein äußerst unweihnachtliches Gespräch mit dem Philosophen Markus Gabriel, der dem Christentum vorwirft, "die Hoffnung gehijackt" zu haben, ohne jedoch tatsächlich etwas darüber auszusagen, dass und wie die Dinge anders sein könnten: "Bei Paulus ist es die Hoffnung darauf, dass die weltlichen Zustände aufhören. Jesus sagt: Übermorgen bin ich wieder da - nicht in zigtausend Jahren am Ende der Geschichte, sondern übermorgen. Hoffnung ist im Christentum insofern erst einmal die Zuversicht genau darauf. Und dann kommt die Enttäuschungserfahrung: Alle warten, und nichts passiert. Schließlich liest man Paulus so: Du sollst Hoffnung haben auf eine immer ausstehende Endzeit. Und in der Moderne hat das Christentum dann eben behauptet, die Hoffnung verdankt ihr mir …"

Magdalena Ebertz unterhält sich in der FAZ mit dem koptisch-ägyptischen Papst Tawadros II., der sehr froh ist über die Militärregierung in seinem Land: "Unsere Regierung ist stark. Und unsere Armee auch. Am Ende werden sie über die Terrorgruppen siegen." Für die wünschenswerte Trennung von Staat und Religion findet er ein schönes Gleichnis: "Stellen Sie sich einmal Religion als rohe Eier und die Politik als Stein vor. Wenn wir diese beiden in eine Kiste stecken, passiert ein Doppeltes: Zum einen würden die Eier zerschlagen, so dass man sie nicht mehr essen kann. Und zum anderen würden die Steine verschmutzt, so dass man nicht mehr mit ihnen arbeiten kann. Im Klartext heißt das: Wenn wir Religion und Politik zusammenwerfen, verlieren wir beide."

Auf eine paradoxe Entwicklung macht Daniel Deckers im Leitartikel der FAZ aufmerksam, nämlich auf den Umstand, "dass die Kirchen in Deutschland im Jahr 2014 so viel Geld zur Verfügung hatten wie nie. Wenn es der Wirtschaft gutgeht, dann auch den Kirchen. Doch das ist nur eine Seite der Medaille. Die andere: In kaum einem Jahr haben die Kirchen so viele Mitglieder verloren wie im diesem."

Weitere Artikel: In der Welt liest Ralf Meister, Landesbischof der Evangelisch-lutherischen Kirche Hannover, die Weihnachtsgeschichte als Erzählung der Humanität, weshalb auch das laizistische Frankreich Krippen in den Rathäusern dulden sollte. Die zwei Glauben&Zweifeln-Seiten der Zeit widmen sich verfolgten Christen. In der SZ macht sich Jens Bisky Gedanken über das "liberale Unbehagen am Islam".
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Ideen

Das amerikanische Jahrhundert ist zu Ende, prophezeit Slavoj Zizek in der Zeit (hier das Original aus Newsweek). Doch was kommt danach? "Das ist derzeit die große Frage", so Zizek, der einige Parallelen zwischen heute und der Zeit vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs sieht. Martin Meyer philosophiert in der NZZ über das Glück.
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Stichwörter: Slavoj Zizek