9punkt - Die Debattenrundschau

Den Impulsen von Interessengruppen gewidmet

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
12.12.2014. Eine Gruppe von Osteuropaforschern veröffentlicht auf Change.org einen Gegenaufruf zum Putin-freundlichen Appell einiger Elder Statesmen und Artists. Google News schließt in Spanien ganz, um auf die neue Google-Steuer des Landes zu reagieren. Europäische Netzverleger wenden sich zugleich gegen ein Leistungsschutzrecht auf EU-Ebene. Für alle Medien, die kein Geld von Google bekommen, entwickelt laut cicero.de der Tagesspiegel ein neues Geschäftsmodell. Die SZ beschreibt, wie einige Psychologen die Foltermethoden der CIA entwickelten. In der NZZ feiert Otfried Höffe die "Kant-Dekade" als Gegengift zur "Luther-Dekade".

Europa

Einige Osteuropaforscher und Publizisten, darunter Karl Schlögel, Karol Sauerland und Marieluise Beck, antworten bei change.org mit einem Gegenaufruf auf den Putin-freundlichen Aufruf einiger Elder Statesmen und Artists (wir berichteten): "Es gibt in diesem Krieg einen eindeutigen Aggressor, und es gibt ein klar identifizierbares Opfer. So wie die Defekte anderer einst okkupierter Staaten nicht den verbrecherischen Charakter ihrer Besetzungen relativieren, können die Unzulänglichkeiten des ukrainischen politischen Systems nicht gegen die russische Annexion der Krim und notdürftig verschleierte Intervention in der Ostukraine aufgerechnet werden."

Wolf Lepenies reagiert in der Welt bewundernd auf einen in der Revue internationale et strategique erschienenen Artikel Jean-Luc Melenchons. Der Linkspopulist fordert die Franzosen darin auf, ihre Verantwortung für die Meere und Position als maritime Großmacht wieder zu entdecken: "Wenn Mélenchon bekennt, es gehe ihm darum, Frankreichs Rang in der Welt zu sichern und wenn er diesen Rang ausdrücklich gegenüber den USA und Deutschland sichern will und mit der Distanzierung von der Nato verbindet, erinnert dies an die politischen Leitlinien Charles de Gaulles."

Im Interview mit Sandra Kegel von der FAZ spricht der römische Publizist Angelo Bolaffi über das angeschlagene Verhältnis zwischen Deutschland und Italien und sucht nach Gründen: "Die Sparmaßnahmen machen das Land kaputt, heißt es. Dieses Narrativ hat sich inzwischen festgesetzt, das lautet: Ja, Italien hat ein paar Probleme, mit der Mafia, mit der Korruption, mit der Bürokratie, mit der Wirtschaft - aber gäbe es Frau Merkel nicht, dann könnten wir investieren, es ginge allen besser, und wir hätten wieder Arbeit. Das ist Keynesianismus für Kinder."

Für die NZZ begleitete Joachim Güntner eine Reise der Akademie für Sprache und Dichtung nach Athen, wo griechische und deutsche Intellektuelle über Stimmung und Kulturleben im Land diskutierten.
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Politik

Birgit Walter schaut in der Berliner Zeitung zurück auf Klaus Wowereits Wirken als Berliner Kultursenator. Ihr Resümee: Gut beratene Personalpolitik, ansonsten wenig Erfolge: "In Berlin laufen die Dinge einfach weiter wie immer... Die Politik unternimmt keine Anstrengungen, die Szenen von Künstlern in der Stadt zu halten, dem Mangel an Räumen und steigenden Mieten zu begegnen. Ab einem bestimmten Level ist Armut nicht mehr sexy. Seine wahnsinnige Anziehungskraft aber holt Berlin aus dieser Mischung, prekärem Charme und kulturellem Reichtum." In der taz würdigte Jan Feddersen am Montag schon das "Und das ist auch gut so": "Mit diesem Satz hatte Klaus Wowereit diese gewisse eisige Diskretion homosexuellen PolitikerInnen gegenüber pulverisiert. Bis dahin galt: Don"t ask, don"t tell."

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Stichwörter: Berlin, Klaus Wowereit

Gesellschaft

In der SZ berichtet Jörg Häntzschel wie die Air Force Psychologen James Michel und Bruce Jessen das Folterprogramm der CIA entwickelten: "Mitchell und Jessen hingegen folterten mit Wasser, Licht und Country-Musik, sie hinterließen keine physischen Spuren (sieht man von den Gefangenen ab, die später unter ihrer Hand starben). Sie standen nicht für blutige Marter, sondern für "erlernte Hilflosigkeit", so die euphemistische Formulierung."

David Uberti berichtet in der Columbia Journalism Review zum gleichen Thema, wie die CIA die Medien manipulierte, um die in der Folter-Thematik positiv zu stimmen.

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Stichwörter: CIA, Folter, Country

Ideen

Der jetzt überall groß gefeierte Martin Luther in allen Ehren, meint der Philosoph Otfried Höffe in der NZZ. Aber "Ohne Zweifel bietet die bei der Enthüllung eines Kant-Porträts unlängst in Berlin ausgerufene "Kant-Dekade" eine willkommene Ergänzung zur "Luther-Dekade" (2007 bis 2017). Denn die Reformation, darf man nicht vergessen, gab trotz ihrer religiösen Erneuerung auch Anlass für Jahrzehnte konfessioneller Religionskriege."

Ebenfalls für die NZZ besucht Alena Wagnerová eine Jesus-Figur, der eine Granate das Kreuz wegsprengte, in Lothringen, die für Karl Kraus in seinen Polemiken im ERsten Weltkrieg eine Rolle spielte.
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Medien

Einige - eher internetaffine - Verbände von Zeitungen und Onlinemedien wenden sich in einem offenen Brief an EU-Kommissar Günther Oettinger gegen das spanische Leistungsschutzrecht, das Google und co. zwingen will, für Snippets zu bezahlen, berichtet Stefan kempf bei heise.de: "Die Herausgeber fürchten, dass es ihnen die neue Gesetzgebung schwerer machen werde, "gehört zu werden sowie neue Leser und Publikumssegmente zu erreichen". Es würden neue Eintrittsbarrieren für Online-Dienste, aber auch für alte Hasen im Mediengeschäft beim Verbreiten ihrer Publikationen im Internet geschaffen." Zu den Verbänden gehört die deutsche Initiative gegen ein Leistungsschutzrecht (IGEL), der der Perlentaucher angehört. Hier der Aufruf als pdf-Dokument. Paul Ingendaay berichtet unterdessen in der FAZ, dass Google News seine iberische Seite schließt.

Jeff Jarvis nimmt gegen dieses spanische LSR in seinem Blog nochmal heftig Stellung, bekennt sich aber auch als Google-Fan, dem Google seine jüngsten Reisen nach Europa bezahlte. An die Adresse Googles sagt er: "Mehr als alle andere wünschte ich mir, dass Google häufiger das Netz um seiner selbst willen verteidigt. Ich wünschte, dass google das Netz aggressiver gegen NSA und GCHQ verteidigt."

(Via turi2) Für alle Medien, die noch kein Geld von Google bekommen, bietet sich laut Petra Sorge bei Cicero.de noch ein anderes Geschäftsmodell: Auf einer vom Tagesspiegel veranstalteten "Agenda"-Konferenz konnten sich Lobbyisten Redezeit kaufen, um vor Politikern und "Entscheidern" zu sprechen. Tagesspiegel-Herausgeber "Sebastian Turner hatte in einem Dokument, das nur an die Lobbyisten ging, das eigentliche Ziel der Großveranstaltung erklärt: Der "ganze Kongress" sei "den Impulsen von Interessengruppen gewidmet". Gemeint waren etwa die Automobilindustrie, die deutschen Banken, die Zigarettenlobby oder der Bundesverband der Deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie. Diese halten kurze Vorträge von fünf bis acht Minuten - sogenannte "Briefings". "Vorstellungen für die Zukunft des Landes" nennt Turner das." Für eine Konferenz soll ein Lobby-Verband schon mal 36.000 Euro bezahlen.
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