9punkt - Die Debattenrundschau

Abstraktion lautet das Zauberwort

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
08.12.2014. In der NZZ fragt Jonathan Littell, ob Staaten für Geiseln der IS-Miliz Lösegeld zahlen sollten. Scharf wendet sich in der Welt Karl Schlögel gegen einen unter anderem von Wim Wenders und Gerhard Schröder unterzeichneten prorussischen Aufruf. Der britische Journalist Duncan Campbell beklagt in der taz die mangelnden Konsequenzen aus Edward Snowdens Enthüllungen. Mashable und Rue89 erzählen, wie die New Republic auf dem Weg ins digitale Zeitalter zerbricht.

Europa

Scharf wendet sich Karl Schlögel in der Welt gegen einen von einigen Prominenten lancierten Aufruf "Wieder Krieg in Europa? Nicht in unserem Namen": "Die Ukraine kommt nur vor unter anderen - so als wäre sie ein Staat, über dessen Geschichte Deutsche zu verfügen hätten. Denn es geht im Text - wie meistens - um Russland und die Deutschen... Abermals ist vom "Nachbarn Russland" die Rede: Wie muss die Karte Europas im Kopf derer aussehen, die so etwas von sich geben oder mit ihrer Unterschrift in Kauf nehmen!" Unterzeichnet haben den Aufruf unter anderen Roman Herzog, Antje Vollmer, Wim Wenders und natürlich Gerhard Schröder.

In einem sehr schönen Stadtporträt in der NZZ erzählt Karl Schlögel außerdem die Geschichte von Dnipropetrowsk, das zum Zentrum der ukrainischen Selbstverteidigung geworden ist: "Manhattan am Dnipro".

In der SZ stellt Thomas Urban Wladimir Putins Geschichtsdeutungen ein paar Fakten entgegen: "Die Krim sei für die Russen so wichtig wie der Tempelberg für die Juden, der Hitler-Stalin-Pakt sei richtig gewesen, da die Sowjetunion "nicht kämpfen wollte". Die Annexion der Krim begründete Putin mit der Taufe seines Namenspatrons, des heiligen Wladimir, im Jahr 988. Der war allerdings nicht Fürst von Moskau, sondern von Kiew. Dort steht hoch über dem Dnjepr ein riesiges Wladimir-Denkmal, eine der drei Kiewer Kathedralen ist ihm geweiht, sein Konterfei prangt auf Geldscheinen - er ist ukrainischer Nationalheiliger." Und über die Kampfbereitschaft der Roten Armee wissen Ukrainer und vor allem Polen auch ganz anderes zu bericht, schließlich wurden sie im September 1939 von ihr überfallen."
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Medien

Bei der New Republic läuft"s auch nicht so rund. Schon vor ein paar Tagen wurde gemeldet, dass wegen eines Blatt-Umbaus zwei der prominentesten Redakteure das Blatt verlassen haben (unser Resümee). Nun berichtet Adario Strange in Mashable unter Bezug auf den ebenfalls abgesprungenen Redakteur Ryan Lizza: "Gut 62 Prozent der Redakteure - 55 Personen - haben gekündigt. Die Abgänge waren Reaktion auf ein Memo des neuen Chefs Guy Vidra, der von Yahoo News kam und nun angekündigt hatte, dass das Magazin nur noch zehnmal im Jahr erscheinen solle und zu einer "vertically integrated digital media company" umgebaut werden solle." Das für 15. Dezember geplante Heft kann nun erst im nächsten Jahr erscheinen. Pierre Haski kommentiert die Geschichte in Rue89.

In Mexiko dürften sich Provinzregierungen bekanntermaßen alles erlauben. Lisa Maria Hagen berichtet in der taz, dass dort auch kritische Zeitungen und Zeitschriften geklont und mit positiver Wendung digital verbreitet werden.
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Überwachung

Der britische Journalist Duncan Campbell, der einst die Existenz des GCHQ und des Netzwerks Echelon aufdeckte, beklagt im taz-Interview mit Martin Kaul die mangelnden Konsequenzen aus Edward Snowdens Enthüllungen: "Es gibt zwischen Dutzenden westlichen Nachrichtendiensten Kooperationsverträge auf operativer Ebene, die ganz pragmatisch die Institutionen der repräsentativen Demokratien unterlaufen. Wir haben etwa in Großbritannien ein großes Problem, diese staatliche verfassungsrechtliche Kontrolle überhaupt herzustellen. In Deutschland haben Sie ja Glück gehabt."
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Gesellschaft

Der Romancier Thomas von Steinaecker hat einen 3sat-Dokumentarfilm über die deutsche Kulturgeschichte seit 1945 gedreht. In der Welt denkt er über den "Radikaleskapismus" der fünfziger Jahre nach: "Hier ist die Welt buchstäblich wieder heil. Bis auf wenige Ausnahmen wird die Vergangenheit verdrängt und aus der Gegenwart alles Politische, etwa die Wiederbewaffnung, ausgespart. Erstaunlicherweise gilt das nicht nur für die sogenannte Unterhaltung, sondern ebenso für die "ernste" Kunst. Abstraktion lautet das Zauberwort."
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Politik

Geiseln wie James Foley und Steven Sotloff wurden vom Islamischen Staat auch deshalb so brutal umgebracht, weil sich die USA und Großbritannien im Gegensatz zu den Kontinentaleuropäern weigern, Lösegeld zu zahlen. Jonathan Littell hält das in einem spannenden Text in der NZZ für falsch, vor allem glaubt er nicht, dass die Verweigerung das Risiko mindert: "In praktisch jeder größeren Welle von Entführungen (so etwa in Tschetschenien 1996 bis 1999, in Afghanistan und im Irak in den Jahren um 2005 oder in Syrien seit 2012) sind es lokale Kriminelle oder bewaffnete Banden, die sich jedes Opfers bemächtigen, das ihnen gerade über den Weg läuft, und erst später überlegen, was sie mit ihm anfangen wollen. Vielleicht kauft ihnen irgendwann eine größere Gruppierung wie IS oder die Taliban die Geisel ab und entwickelt eine ausgefeiltere Verhandlungsstrategie; aber noch dann bleibt das Kidnappen selbst eher eine Sache des Zufalls und der sich bietenden Gelegenheit als eine bewusste Wahl."

Weiteres: Sebastian Borger erklärt in der FR, wie in Großbritannien Vermögende der Erbschaftssteuer entgehen, indem sie Kunstwerke aus den Depots ihrer Landsitze an den Staat abgeben - die berühmte "Acceptance in Lieu" oder weniger vornehm "death duty". In der taz berichtet Knut Henkel vom Streit um ein historisches Museum in Lima, das den Krieg gegen die Guerilla Sendero Luminoso aufarbeiten soll.
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