9punkt - Die Debattenrundschau

Samtener Kulturkrieg

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
26.11.2014. In der NZZ versucht Bahman Nirumand die Trauerumzüge für den iranischen Popsänger Morteza Pashaei politisch zu deuten. BHL versichert den Ukrainern, dass Frankreich keine Hubschrauberträger an Russland liefern wird. Warum wurde bei Günther Jauch eigentlich nie über den Abschuss des Flugs MH 17 gesprochen, fragt Jan Fleischhauer in Spiegel Online. Das Europäische Parlament kann Google gar nicht zerschlagen, stellt Thomas Knüwer in seinem Blog richtig. Den Schweizer Gurlitt-Erben geht's nur um Geld, klagt Gurlitts Anwalt Hannes Hartung in der Welt.

Gesellschaft

Nach dem Tod des krebskranken Pop-Sängers Morteza Pashaei begleiteten Hunderttausende Iraner den Trauerzug durch Teheran - zum Entsetzen der in diesem Fall völlig machtlosen Mullahs. In der NZZ beschreibt Bahman Nirumand, wie die Konservativen im Land alles tun, um die kulturellen Öffnung des Landes zu verhindern. "Weit mehr als vor Sanktionen oder gar einem militärischen Angriff fürchten sich die Islamisten vor kultureller Unterwanderung oder, wie es offiziell heißst: einem "samtenen Kulturkrieg"."

In der taz deutet Charlotte Wiedemann die Trauer um den Sänger eher massenpsychologisch: "Die Melancholie seiner Liebeslieder ging bruchlos über in die gefühlte Nähe des eigenen Todes. Es spricht viel für die Annahme, dass der sieche Sänger so zu einem Spiegel wurde, in dem sich junge Iraner selber sahen. Eine Generation, die sich um ihre Chancen betrogen sieht und deren mangelnde berufliche Perspektive der beständige Kummer von Eltern und Verwandtschaft ist."

Hier sein Hit "Doroghe Doost Dashtani":



Mit Betroffenheit und echtem Willen zur Besserung liest Henryk Broder in der Welt die Handreichung einer Gruppe "Neuer deutscher Medienmacher" zu einem interkulturell sensiblen Sprachgebrauch: "Es sollte, so raten die neuen deutschen Medienmacher "Einheimische und Mehrheimische" heißen. Auch beim Umgang mit dem Wort "Wir", das zunächst "harmlos" erscheint, sollte man bedenken, dass es, "ohne ausgesprochen zu werden, für wir Deutsche (ohne Migrationshintergrund)" steht und damit ausgrenzt. Noch sensibler sollte man mit dem Begriff "Dschihad" umgehen, der keinesfalls "Heiliger Krieg" bedeutet, sondern sich "auf einen inneren Auftrag" bezieht, "zum Beispiel beim Kampf gegen "das Böse" im Herzen"."
Archiv: Gesellschaft

Kulturpolitik

Der Anwalt des verstorbenen Kunsterben Cornelius Gurlitt, Hannes Hartung, ist ziemlich unzufrieden mit der Rolle des Kunsmuseums Bern ging, das sich von jeglicher historischer Verpflichtung entlasten ließ, bevor es so nett war, das Gurlitt-Erbe anzunehmen. In der Welt schreibt Hartung: "Wenn man die Berichterstattung in den Schweizer Medien seit Mai aufmerksam betrachtet, wird schnell klar, dass es in der Eidgenossenschaft nur um ein Thema ging: das liebe Geld. Auf keinen Fall wollte man nur einen einzigen Cent in die Aufarbeitung der Erbschaft stecken. Das Geld und nicht etwa die Moral war der wesentliche Diskussionspunkt im politischen und kulturellen Bern bis zur Annahme der Erbschaft."

Nachdem die Geld- und Moralprobleme gelöst sind, freuen sich Museumsdirektor Matthias Frehner und Stiftungsratspräsident Christoph Schäublin aus Bern im Interview mit dem Tages-Anzeiger über die Qualität der Sammlung: "Jetzt dürfen wir es ja sagen. Zu den Glanzstücken zählen eine großformatige, 1847 datierte "Montagne Sainte-Victoire"-Landschaft von Paul Cézanne und eine "Waterloo Bridge im Nebel" von Claude Monet von 1903, ferner eine sehr schöne "Marine" von Manet, ein sehr bedeutendes Werk aus der frühpointillistischen Periode von Paul Signac sowie mehrere Bilder von Courbet."

Als einen "Meister der Baustelle" begrüßt Gottfried Knapp in der SZ den neuen Direktor der Münchner Pinakotheken, Bernhard Maaz, der bereits die Sanierung der Alten Nationalgalerie in Berlin und der Dresdner Gemäldegalerie bestritt.

Europa

In einer Rede, die Bernard-Henri Lévy in Kiew gehalten hat, kommt er auf die Hubschrauberträger zurück, die Frankreich laut Vertrag demnächst an Russland liefern soll. BHL versichert, dass François Hollande diese Lieferung verhindern wird: "Darüber gibt es in Frankreich eine Polemik. Viele Gegner des Präsidenten machen Druck, damit "er den Vertrag respektiert". Aber ich glaube, er wird nicht nachgeben. Ich nehme an, dass er im Moment über die verschiedenen Optionen nachdenkt, die sich ihm bieten, um aus dieser moralisch und strategisch unhaltbaren Position herauszukommen, ohne dass französische Werftarbeiter dafür bezahlen müssen."

Jan Fleischhauer ist in seiner Spiegel-Online-Kolumne bass erstaunt, dass Günther Jauch in seinen zwei Diskussionen über das Seelenleben von Wladimir Putin nicht einmal auf den Abschuss des Flugs MH 17 zu sprechen kam, der so gut wie sicher einer russischen Rakete geschuldet ist, und er verweist auf das Rechercheteam von Bellingcat, das ausschließlich mit öffentlich zugänglichem Material arbeitet: "So hat das "Bellingcat"-Team nicht nur den Tieflader ausfindig gemacht, auf dem das Luftabwehrsystem am 17. Juli von Donezk in Richtung Snischne, nahe dem vermutlichen Abschussort, transportiert wurde. Das Team hat auch Fotos der 53. russischen Flugabwehrbrigade gefunden, die den Schluss zulassen, dass dieses Waffensystem Teil eines russischen Militärkonvois war..."

Florian Hassel besucht für die SZ die ostukrainische Stadt Donezk, wo ihn der Kampf der rebellentreuen Kulturfunktionäre um die Ruinen von Oper und Landesmuseum zunächst sehr beeindruckt. Aber dann stellt er doch ernüchtert fest: "Dass die Separatisten keinen Sinn für unabhängige, gar provozierende Kunst haben, bewiesen sie schon kurz nach ihrer Machtübernahme: Am 9. Juni warfen sie die Mitarbeiter des Zentrums für zeitgenössische Kunst "Isolazija" aus ihrem Sitz in einer ehemaligen Fabrik, plünderten das Zentrum aus und kündigten an, künftig in Donezk keine "degenerierte Kunst" mehr zuzulassen."

Außerdem zur Ukraine: Die Osteuropawissenschaftlerin Annett Jubara betont in der FAZ in einer Antwort auf den Artikel von Michail Jampolsky zur angeblichen "Sklavenmoral" der Russen (unser Resümee), dass die Russen in der Ukraine zum Beispiel sehr wohl aufgestanden seien, um sich gegen einen aggressiven ukrainischen Nationalismus zu wehren.

Im Interview mit Kerstin Krupp spricht Thomas Piketty in der FR über seine Vorbilder Balzac und Austen, über die Ungleichheit und den historischen Egoismus von Paris und Berlin: "Frankreich und Deutschland etwa haben ihre eigenen Schulden nie zurückgezahlt, sondern mittels Inflation gesenkt. 1945 erreichte die Schuldenlast dieser Länder 200 Prozent des Bruttoinlandsprodukts - fünf Jahre später waren sie quasi schuldenfrei. Hätten sie die Verbindlichkeiten allein mit ihren jährlichen Überschüssen begleichen müssen, würden sie noch heute zahlen. Stattdessen konnten sie in den Wiederaufbau investieren. Gerade diese zwei aber diktieren nun Südeuropa, seine Verbindlichkeiten samt Zinsrate zurückzuzahlen."
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Geschichte

Marion Löhndorf besucht für die NZZ das umgestaltete Imperial War Museum in London: Viel Erster und Zweiter Weltkrieg, die "Kriege von heute werden allerdings eher beiläufig erwähnt, so etwa anhand des in Afghanistan konfiszierten Motorrads eines Taliban-Spions".
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Stichwörter: Motorräder

Politik

Im taz-Interview weist Friedensaktivist Otmar Steinbicker auf die unangenehme Schlagseite der neuen Friedensbewegung hin: "In der Mahnwachenbewegung gibt es ein höchst problematisches Spektrum. Das macht sich an Personen wie Ken Jebsen oder Lars Mährholz fest. Beiden wird aus meiner Sicht zu Recht der Vorwurf gemacht, neurechte Verschwörungstheoretiker zu sein."

Joseph Croitoru liest für die FAZ das Gründungsmanifest des Islamischen Staats von 2007, das ihm Einblick in die Rechtfertigungsstrategien der Truppe gewährte.
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Internet

Auf Netzpolitik berichtet Andre Meister über die Enttarnung des Staatstrojaners Regin, mit der Informationen von The Intercept zufolge NSA und GCHQ bei Belgacom und anderen Zielen in Europa eingebrochen sind.

Für relativen Kokolores hält Thomas Knüwer in seinem Blog die prominent vom Handelsblatt verbreitete (und vom Perlentaucher weitergetragene) Behauptung, das Europa-Parlament wolle Google zerschlagen. Das dürfte kaum möglich sein, meint er, denn
"- Die EU-Kommission müsste Google die Ausnutzung einer marktbeherrschenden Stellung nachweisen. Der Begriff "Ausnutzung" ist dabei sehr wichtig, denn ein Monopol oder Quasi-Monopol allein ist nicht strafwürdig (was gern vergessen wird).
- Das EU-Parlament kann kein Gesetz zur Zerschlagung Googles fordern, denn Google ist ein US-Unternehmen. Es könnte höchstens generell Suchleistungen im Web von anderen Diensten trennen. Dies träfe dann aber auch Yahoo. Oder Axel Springer: Denn der Medienkonzern hat ja eine Suchtochter namens Qwant."

(Via Carta) Lawblogger Thomas Stadler begrüßt den gemeinsamen Gesetzesentwurf der Grünen und der Linkspartei zur Abschaffung des Leistungsschutzrechts für Presseverlage. Trotz Widerständen sei das sinnlose Gesetz durchgekommen, "wenngleich in deutlich eingeschränkter Form. Aber auch diese Gestaltung hat sich als nicht sinnvoll und nicht praxistauglich erwiesen, weshalb eine ersatzlose Streichung die einzige sachgerechte Lösung darstellt."
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