Efeu - Die Kulturrundschau

Subtil ist hier nichts

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26.11.2014. Die Welt wünscht sich einen etwas härteren Blick auf Richard Strauss, bevor er ganz im Pomp verschwindet. Vielleicht wenn die Rechte 2019 frei werden? In der FR erzählt Boris Blank von seinen Vorbildern in der elektronischen Musik. Die Berliner Zeitung bestaunt das kriegerische Vokabular des Designs in den Achtzigern. Die taz besucht die Proben zum Tanzstück "Made in Bangladesh". Der Tagesspiegel stellt den Porträt-Fotografen Martin Schoeller vor.

Design

Etwas erschrocken notiert Simone Reber (Tagesspiegel) in der Ausstellung des Berliner Bröhan-Museums von Neuem Deutschen Design der 80er Jahre, "wie sehr sich das kriegerische Vokabular bis ins Mobiliar hineinfraß. Gitter, Armierungseisen, Stacheldraht - die Gestaltung nahm alle Symbole der Bedrohung auf. Sie spielte mit der Armut, mit der Fragmentierung, mit dem betonierten Provisorium. ... Subtil ist hier nichts. Aber die Formensprache macht Spaß, weil sie die Konfrontation sucht und auf Repräsentation verzichtet." In der SZ rät Jens Bisky heutigen Designern, sich von den schrillen Entwürfen der 80er inspirieren zu lassen. (Bild: Idris Kolodziej, Foto aus einer Fotoserie von Idris Kolodziej und Herbert Jabkob Weinand für die Ausstellung "Design im Foto" in der Galerie Weinand 1989)
Archiv: Design

Musik

Viel Richard Strauss gab"s in Dresden zum Jubiläumsjahr des Komponisten. Alles sehr schön, meint Manuel Brug in der Welt, aber auch sehr harmlos: An Richard Strauss ist "das Spannende gerade seine Janusköpfigkeit: als Großbürger und Moderner, als einer, der Wilhelminismus, Weimarer Republik, Nazizeit, demokratischen BRD-Neuanfang samt zweier Weltkriege aktiv miterlebt hat, der sich 1949 aus der Weltkatastrophe als letzter Olympier im Sonnenuntergang in von ihm für vollendet erklärter abendländischer Tradition mit "Vier letzten Liedern" verabschiedete. 2019 werden die Rechte an seinem Werk frei, haben die präsenten Erben nicht mehr in Interpretationen hineinzureden. Ob es dann einen freieren, tieferen, bohrenden Strauss-Blick geben wird? Oder ist es dafür schon zu spät?"

In der FR plaudert Max Dax angeregt mit Boris Blank von der Elektro-Popband Yello, der unter dem Titel "Electrified" gerade einige Solo-Arbeiten aus seinem Archiv veröffentlicht hat. Unter anderem geht es in dem Gespräch auch um Einflüsse und Pioniere: Sun Ra und Miles Davis bewundert Blank, auch wenn sie aus den Zeiten vor der elektronischen Musik stammen: "Direkte Vorläufer der elektronischen Musik waren für mich eher Leute wie Raymond Scott, der elektronische Instrumente gebaut hat, oder Komponisten wie Pierre Boulez oder György Ligeti, die mit elektronischen Elementen in ihrer Musik gearbeitet haben. In deren Klangwelten fühle mich wohl - in deren Welten des Seltsamen." Und seltsam geht es in diesen tatsächlich zu - hier das Fallbeispiel Scott:



Weitere Artikel: Gut durchgerüttelt kommt Sybill Mahlke aus einer von Marek Janowski dirigierten Aufführung von Mendelssohns "Elias": Diese "sprengt total den Begriff des Klassizismus. Denn neu zu hören ist: Mendelssohn als Abenteuer." Maurice Summen hebt in der taz das Glas auf den "Punk-beeinflussten Zeckenrap", den die Antilopen Gang auf ihrem aktuellen Album "Aversion" vorlegen: ""Deutschrap muss sterben, damit wir leben können." Wer solche Zeilen textet, kann kein schlechter Mensch sein", jubelt er und freut sich zudem noch darüber, dass sich die Combo auch munter mit Querfront-Strategen wie Jürgen Elsässer und Ken Jebsen anlegt.

Besprochen wird ein Konzert der Hardcore-Band Iceage (Berliner Zeitung).
Archiv: Musik

Film


Paramount Theater Brooklyn. © M&M Courtesy Polka Galerie

Sehr begeistern kann sich Daniel Kothenschulte (FR) für die Ruinen einst prächtiger Filmpaläste, die die Fotografen Yves Marchand und Romain Meffre in den USA teils unter den Wandverkleidungen moderner Supermärkte ausfindig gemacht haben. Die Fotografien davon, die nun im Frankfurt im Deutschen Filmmuseum ausgestellt sind, lassen ihn allerdings künstlerische Abstriche machen: "Die analog aufgenommenen Bilder wurden digital etwas schematisch nachbearbeitet und in einem Überformat abgezogen, das ihre Auflösung um einige Grade übersteigt. So entsteht eine klirrende Klarheit, die sich aber immerhin auch dem Pathos des Ruinenhaften desillusionierend in den Weg stellt. Es ist keine Neuigkeit, dass das Kino, wie man es kennt, im Zeitalter seiner Digitalisierung zu einer musealen Angelegenheit geworden ist."

Außerdem: Dominik Kamalzadeh unterhält sich für den Standard mit dem irischen Schauspieler Brendan Gleeson, der gerade in John McDonaghs Milieudrama "Am Sonntag bist du tot" einen bedrohten Priester spielt.

Besprochen werden Thomas Heises stark ästhetisierter Dokumentarfilm "Städtebwohner" über die Insassen eines mexikanischen Jugendgefängnisses (Tagesspiegel), Philipp Leinemanns Polizeithriller "Wir waren Könige" (ZeitOnline) und Ned Bensons Trennungsdrama "Das Verschwinden der Eleanor Rigby" mit Jessica Chastain und James McAvoy (Presse, SZ, FAZ).
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Archiv: Film

Literatur

Für den Tagesspiegel hat Anette Selg den Comicworkshop "First Egypt Comix Week" des Goethe-Instituts in Kairo besucht. Drei Jahre nach Mubaraks Sturz fällt der Tenor der neuen ägyptischen Comics erwartbar nüchtern aus: "Dass die Revolution gescheitert, die aktuelle politische Lage nicht besser als unter Mubarak ist, darüber muss fast nicht mehr gesprochen werden. Stattdessen handeln die Comics (...) von Alltagsproblemen, erzählen persönliche Geschichten, aber auch vollkommen apokalyptische Szenarien."

Weitere Artikel: In der Jungle World widmet sich Jan Borchers einer tiefgreifenden Analyse von Paul Celans Geschichte "Gespräch im Gebirge". In der SZ schreibt Schriftsteller Marcel Beyer einen langen Essay darüber, warum Heinrich Kleist in seiner Erzählung über die heilige Cäcilie "darauf verzichtet, uns ein Enthauptungsvideo vorzuführen".

Besprochen werden Jan Seghers" neuer Krimi "Die Sterntaler-Verschwörung" (FR), Stefan Hertmans "Der Himmel meines Großvaters" (taz), Shaun Ushers "Letters of Note - Briefe, die die Welt bedeuten" (Berliner Zeitung) und André Kubiczeks "Das fabelhafte Jahr der Anarchie" (FAZ).
Archiv: Literatur

Architektur

In der Berliner Zeitung amüsiert sich Harald Jähner mit dem "Abriss-Atlas Berlin": "Eine Fibel des missglückten Bauens, die auch für viel Liebgewonnenes nur ein Urteil kennt: Weg damit!" Paul Andreas besucht für die NZZ im Rotterdamer Nieuwe Instituut eine Schau über den architektonischen Strukturalismus in den Niederlanden.
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Stichwörter: Rotterdam

Bühne


Szene aus Helena Waldmanns Tanzstück "Made in Bangladesh"

In der taz berichtet Katrin Bettina Müller von den Proben in Berlin zu Helena Waldmanns Tanzstück "Made in Bangladesch", das diese mit Tänzerinnen aus Bangladesch entwickelt: "Die Tänzer und Tänzerinnen [werden] im ersten Bild selbst zu Teilen einer Maschine, die exakte, reduzierte Bewegungen wiederholen und wiederholen, in einem kaum aushaltbaren Tempo. Sie drehen sich wie die Spindeln der Garne auf den Nähmaschinen und ordnen sich zu Reihen. ... Jeder ist so dem ständigen Wettbewerb ausgesetzt, mehr zu schaffen als sein Nachbar. Output, Effektivität, Konkurrenz."

Insbesondere Regisseure und Schauspieler von außerhalb fürchten die Berliner Theaterkritik, erfahren wir in dem umfangreichen Gespräch über das Berliner Theater, das Rüdiger Schaper und Christine Wahl für den Tagesspiegel mit Ulrich Matthes und Ulrich Khoun vom Deutschen Theater geführt haben. Das ficht die beiden nicht an. Khoun dreht den Spieß kurzerhand um: "Berlin stellt unglaublich viele Theatererfahrungen bereit. ... Diese Stadt ist wie ein Feinschmeckerparadies. So kommt es mir manchmal auch in den Kritiken vor: Wenn ich jeden zweiten Abend ein Spitzenrestaurant beurteilen soll, ist das natürlich anstrengend."

Weitere Artikel: Gesa Steeger (Freitag) informiert sich bei der interaktiven Theaterperformance "Nasty Peace" des Berliner Kollektivs "Copy & Waste" am Berliner Kottbusser Tor über die Funktionsweise von Kapitalismus und Gentrifizierung.

Besprochen werden Johan Simons" Adaption von Siegfried Lenz" Roman "Deutschstunde" am Thalia Theater in Hamburg ("mehr blasse Pflicht als Kür", gähnt Simone Kaempf in der taz), ein Stück über Noras Ehemann, "Torvald", im Wiener TAG (Standard), Katharina Thalbachs "Amphitryon"-Inszenierung am Berliner Ensemble ("Die schlüpfrigen Witze sind (...) erstaunlich verklemmt und reaktionär", ärgert sich Mounia Meibourg in der SZ) und Inszenierungen von Benjamin Brittens "The Turn of the Screw" in Berlin und in Zürich (SZ).
Archiv: Bühne

Kunst

Im Tagesspiegel stellt Jörg Heuer den gerade in der Berliner CWC Galerie ausgestellten Porträt-Fotografen Martin Schoeller vor, dessen Arbeiten dafür bekannt sind, Stars nicht unbedingt vorteilhaft aussehen lassen: "Tom Cruise und Mariah Carey lehnten ihn wohl deshalb ab. Vielleicht, weil sie Angst hatten, nicht die üblichen zehn Kilo leichter und zehn Jahre jünger auszusehen." (Tja, damit hatte Robert de Niro, Foto, nie ein Problem)

Besprochen werden eine Ausstellung von Rita Preuss" Malereien im Willy-Brandt-Haus in Berlin (Tagesspiegel) und die Oskar-Schlemmer-Retrospektive in der Staatsgalerie Stuttgart (Standard).
Archiv: Kunst