9punkt - Die Debattenrundschau

Embedded vom Schreibtischstuhl aus

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.10.2014. Der BND interessiert sich auch für die Kontakte der Kontakte der Kontakte der Kontakte von Verdächtigen, meldet Zeit digital. Die Sharing-Ideologie des Internets befördert eine Zweiklassengesellschaft, befürchtet Jaron Lanier in der Welt. Google hadert mit der vom EuGH auferlegten Rolle als Zensor seiner Suchergebnisse, berichtet der Tagesspiegel. Alle sind einverstanden mit der Verleihung des Friedensnobelpreises an Malala Yousafzai und Kailash Satyarthi. Genau daran stört sich die taz.

Internet

"Die Ökonomie des Teilens, in der Kinder inzwischen großwerden", macht Jaron Lanier große Sorgen, erklärt er im Interview mit der Welt. "Sie erwarten nichts mehr, keine Sicherheiten, sondern nur noch Sonderangebote. Manchmal erinnert mich das Leben heute an Szenen wie von H.G. Wells. Es gibt zwei Klassen: die einen schaffen Sonderangebote des Sharing und verdienen dabei Millionen, die anderen müssen auf über diese Sharingdienste angebotenen Sofas schlafen."

Uwe Justus Wenzel versucht sich derweil in der NZZ einen Reim auf die Theorien Laniers zu machen, der morgen für seine kritischen Positionen zum Internet den Friedenspreis des deutschen Buchhandels erhält. "Konzerne zerschlagen möchte Lanier, der für Microsoft Research tätig ist, gewiss nicht; der Computerfreak, der er geblieben ist, scheint aber - ernüchtert, doch noch immer zukunftsfroh - auf eine Umverteilung der Macht im Internet zu hoffen." Zurecht verweist Wenzel nochmal auf Florian Cramers kritische Einwendungen zu Lanier im Blog des Merkur.

Fünf Monate nach dem EuGH-Urteil, nach dem Internet-Suchmaschinen unter bestimmten Umständen Links aus ihren Suchergebnissen entfernen müssen, hat Google einen Transparenzbericht vorgelegt, in dem über die eingegangenen, bewilligten und abgelehnten Anträge auf Löschung informiert wird. Kurt Sagatz und Christian Tretbar präsentieren im Tagesspiegel die Ergebnisse und stellen unter anderem fest, dass die Löschquote in den einzelnen EU-Ländern stark voneinander abweicht: "Bei der Prüfung der Ersuchen hat Google nach eigenen Angaben die Datenschutzrechte der Einzelpersonen gegen das öffentliche Interesse an der Information abgewogen... "Der Europäische Gerichtshof hat uns die Aufgabe übertragen, über die Löschanträge zu entscheiden. Wir sind mit der Situation, dass wir als Richter fungieren müssen, alles andere als glücklich", sagte ein Google-Sprecher dem Tagesspiegel."

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Politik

Mit der Verleihung des Friedensnobelpreises an die Pakistanerin Malala Yousafzai und den Inder Kailash Satyarthi zeigen sich alle einverstanden (zum Beispiel Tagesspiegel, SZ, FR, NZZ). Genau daran stört sich Sven Hansen in der taz: "Niemand mit gesundem Menschenverstand spricht sich offen gegen gleichberechtigte Bildungschancen für Mädchen und gegen die Ausbeutung von Kindern aus. Das ist eine Selbstverständlichkeit. Und mit einem Preis auf eine Selbstverständlichkeit hinzuweisen ist stets auch wohlfeil und Bauchpinselei."

Außerdem: Wer Militäreinsätze oder Waffenlieferung befürwortet, lässt sich für die Interessen der USA einspannen, mahnt Oskar Lafontaine in einem Gastbeitrag im Tagesspiegel.
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Überwachung

Die NSA scheint allsehend und allhörend zu sein, aber wenn es um Gründlichkeit in der Überwachung Verdächtiger geht, kann sie vom BND noch etwas lernen. Im NSA-Untersuchungsausschuss verriet die als Zeugin geladene Datenschutzvorsitzende des BND "Dr. F.", dass Kontakte verdächtiger Personen "bis in die fünfte Ebene hinein" überwacht würden - also bis zu den Kontakten der Kontakte der Kontakte der Kontakte des Verdächtigen. Kai Biermann veranschaulicht auf Zeit digital diesen ungeheuerlichen Sachverhalt mit einem Rechenbeispiel: "Wenn ein Verdächtiger mit zwei anderen Leuten Kontakt hatte (zweite Ebene) und die wieder mit zwei anderen (dritte Ebene) und diese dann wieder mit zwei weiteren (vierte Ebene) und so weiter, dann ergibt sich ein Kreis von zwei hoch vier plus einem Verdächtigen. Das sind 17 Menschen [33, um genau zu sein, Anm. d. Perlentauchers], die vom BND überprüft würden."
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Archiv: Überwachung

Gesellschaft

In der SZ begibt sich Karin Steinberger auf eine Spurensuche nach zwei Wiener Teenagerinnen, die im April nach Syrien reisten und sich dem IS anschlossen: "Die Männer säbeln Dieben die Hände ab und Feinden die Köpfe. Und die Mädchen schicken Fotos von Waffen um die Welt, daneben Herzchen aus Patronen. Meisterinnen der sozialen Netzwerke. Sie rennen aus ihren Schulen, werfen ihre kurzen Röcke weg und schicken Selfies, auf denen nichts zu erkennen ist hinter schwarzem Tuch. Früher tänzelten sie durch die Favoritenstraße, jetzt sind sie in einer Welt, in der selbst die Hinterteile der weiblichen Schafe auf den Märkten verdeckt werden müssen."

In der taz berichtet Sabine am Ordre vom Prozess gegen einen deutschen Isis-Kämpfer, der nicht so richtig zum Zuge kam: "In einer Art Crashkurs sei er an Pistolen und Sturmgewehren ausgebildet worden. Bei der ersten Operation aber, an der "tausend Kämpfer" teilgenommen hätten, mussten er und die anderen Europäer ganz hinten stehen. "Die Tschetschenen und Araber haben uns nicht viel zugetraut." Diese seien nicht davon aus gegangen, "dass wir ihnen viel helfen können". Bei zwei weiteren Einsätzen sei es ähnlich gewesen."
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Geschichte


Kranke Sträflinge, aufgenommen von A. W. Schtscherbak im Lazarett von Sachalin.

Hannelore Schlaffer
berichtet in der NZZ von einer Ausstellung zu Tschechows Bericht über das Straflager Sachalin in Marbach. Gezeigt werden Fotos, die Tschechow von Fotografen anfertigen ließ, die er aber nicht veröffentlichte. "Dem vom grellen Licht der neuen Medien geblendeten Auge des heutigen Betrachters mag die Patina, der Braunton der alten Fotos eher wohltun als es erschrecken. Eine Dramatik, wie sie der überreizte moderne Betrachter erwartet, war denn auch die Absicht der Bilder nie gewesen. Sie hatten der Bestätigung der Wahrheit dessen dienen sollen, worauf Tschechow aufmerksam machen wollte. Die Bilder haben dieselbe Funktion wie die Statistik, zu der er seine Zuflucht nahm: Sie sollten das Leid möglichst objektiv und glaubhaft darstellen."
Archiv: Geschichte

Kulturpolitik

Angesichts der bei einer Hamburger Tagung präsentierten Erkenntnisse der Gurlitt-Taskforce reibt sich Julia Voss (FAZ) ungläubig die Augen: die Forschung scheint sich ergebnislos in Detailfragen zu verlieren und pragmatische Lösungsansätze völlig aus dem Blick zu verlieren. "Immer mehr Personen arbeiten in immer mehr Projekten. Aber noch immer gibt es in Deutschland kein Gesetz, keine unabhängige Instanz, keine Anlaufstelle für Erben, die Ansprüche erheben."