9punkt - Die Debattenrundschau

Die Zeit des Wunschdenkens ist vorbei

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
10.10.2014. Die taz stellt die ausländischen ISIS-Milizionäre in die Tradition von internationalen Brigadisten wie Lord Byron und Giuseppe Garibaldi. Der Psychiater Norbert Nedopil definiert in der Welt die Grenze zwischen Wahn und Fanatismus. Russland ist keine ein wenig defekte Demokratie, stellt Jerzy Mackow im Tagesspiegel klar. Und die taz besucht die kulturell verödete Stadt Mostar.

Politik

Die Zahl der ausländischen Milizionäre in Syrien und dem Irak wird auf 17.000 geschätzt. In der taz wehrt sich Marco d"Eramo dagegen, diese freiwilligen Kämpfer als verblendete Fanatiker oder Verrückte abzutun und stellt sie stattdessen in die Tradition von internationalen Brigadisten wie Lord Byron und Giuseppe Garibaldi, die einst im griechischen Freiheitskampf und im Spanischen Bürgerkrieg Partei ergriffen - mit einem gravierenden Unterschied: "Es geht nicht mehr um Patriotismus, nationale Befreiung oder um Klassenkampf, sondern um einen religiösen Befreiungskrieg gegen die Ungläubigen... Die Frage ist also: Wie ist es dazu gekommen, dass sich die Jugend Europas nicht mehr für die Menschheit, das Vaterland, den Sozialismus aufopfern will - sondern für die Religion? Was haben wir dieser Jugend angetan, um sie dahin zu bringen?"

Der Münchner Psychiater Norbert Nedopil stellt im Interview mit Rudolf Neumaier in der SZ klar, dass Dschihadisten in der Regel gefährlich, aber nicht irre sind, und er zieht eine klare Grenze zwischen Fanatismus und Wahn: "Sie ist klar dadurch definiert, dass Wahn nicht kommuniziert werden kann. Auch nicht mit einer kleinen Gruppe von anderen. Während der Fanatismus ein Gemeinschaftsphänomen und kommunizierbar ist. Hier haben die Leute innerhalb einer kleinen Religionsgemeinschaft oder einer Sekte oder einer fanatischen Gruppe gemeinsame Ziele und können sie miteinander kommunizieren. Da hört der eine dem anderen zu, und man glaubt einander."

Zu den umstrittensten Punkten im Freihandelsabkommen TTIP gehört die vorgesehene Möglichkeit für Firmen, Staaten vor speziellen Schiedsgerichten jenseits der normalen Gerichtsbarkeit auf Schadensersatz verklagen zu können, wenn sie ihre Interessen verletzt sehen. Im Gespräch mit Hannes Koch (taz) erläutert der Erlanger Wirtschaftsvölkerrechter Markus Krajewski, woher diese Form des Investorenschutzes stammt - aus Deutschland: "1959 schloss die Bundesregierung erstmals ein solches Abkommen mit Pakistan. Inzwischen gibt es 130 dieser Verträge mit anderen Staaten - so viele wie sonst nirgendwo. Nach dem 2. Weltkrieg hatte Deutschland keine militärischen Möglichkeiten, wollte als Handels- und Exportmacht aber trotzdem seine Wirtschaftsinteressen schützen. Deswegen wählte man den Weg, dass deutsche Unternehmen das Recht bekamen, vor speziellen Schiedsgerichten zu klagen, wenn beispielsweise ihr Eigentum in einem Entwicklungsland enteignet wird und die dortige Justiz nicht verlässlich ist." Ebenfalls in der taz informiert Maike Brzoska über eine Onlinekampagne gegen TTIP.

Wolf Lepenies huldigt in der Welt mit Max Weber und Thomas Mann der Schweiz, mit ihrem Willen zum Ausgleich und dem Verzicht auf Machtpolitik: "Überhaupt ist es oft ein Zeichen von Arroganz oder Überheblichkeit gegenüber einem europäischen Nachbarn, wenn deutsche Politiker von "Verschweizerung" reden."
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Europa

Die EU hält das Verhalten Russlands gegenüber der Ukraine für eine Entgleisung, tatsächlich steht Putin jedoch in einer Kontinuität des "imperialen Chauvinismus", schreibt der Regensburger Politologe Jerzy Mackow im Tagesspiegel: "Ungeachtet der antidemokratischen Entwicklung und imperialen Ausfälle Russlands (Tschetschenien, Georgien) taten die westeuropäischen Eliten meistens so, als wäre der große Nachbar im Osten so etwas wie eine Demokratie, nur "ein bisschen defekt"... Die Zeit des Wunschdenkens ist vorbei. Denn für eine Demokratisierung Russlands und somit eine qualitative Verbesserung dessen Beziehungen zur EU könnten sich bestenfalls erst nach Putin Chancen ergeben. Und er hat nicht vor, seine Macht abzugeben."
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Gesellschaft

Die ehemals lebendige Stadt Mostar in Bosnien und Herzegowina hat sich nach dem Bosnienkrieg in einen ethnisch gespaltenen, kulturell verödeten Ort verwandelt, berichtet Gabriela M. Keller in einer Reportage in der taz. Dafür trifft sie sich mit Künstlern wie dem DJ Mustafa Kajan, die vergeblich versuchen, etwas auf die Beine zustellen: "Kurz nach dem Krieg sah es eine Weile so aus, als wäre ein Aufbruch möglich. Kajan erinnert sich an illegale Technopartys in Kriegsruinen, an Raves und DJ-Workshops, finanziert mit internationalen Geldern. Dann versiegten die Fördermittel, Projekte liefen aus. Ein Club, in dem jede Woche Techno-DJs auflegten, wurde in eine Turbofolk-Disko umgewandelt. Turbofolk, das ist eine Mischung aus Folklore, stampfenden Beats, Kitsch, Silikon-Starlets und Mafiagehabe, die während des Krieges aufkam. "Das wird jetzt in fast allen Clubs gespielt", sagt Mustafa Kajan matt. "Total bescheuert.""
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Stichwörter: Bosnien, DJs, Mostar, Techno

Weiteres

Der Guardian schüttelt den Kopf über eine etwas hysterische Kampagne, die Chinas Medien gerade gegen die japanische Manga-Katze Doraemon fahren, die offenbar zu beliebt geworden ist: "In der Global Times warnte Wang Dehua: Doraemon ist niedlich, aber er repräsentiert auch Japans soft power. Wir dürfen nicht zulassen, dass eine kleine Roboterkatze Kontrolle über unsere Köpfe gewinnt."

Matthias Heine bedankt sich in der Welt bei den Franzosen dafür, dass sie nun auch der deutschen Nationalelf einen schönen Namen gegeben haben: "La Mannschaft".
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Stichwörter: Doraemon, Manga