9punkt - Die Debattenrundschau

Wegweiser nach Rostow am Don

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
13.10.2014. Jaron Lanier kritisiert in seiner Friedenspreisrede die Idee des offenen Netzes. Die Medien loben seinen hinreißenden Auftritt. Der Perlentaucher ist nicht einverstanden mit seinen Thesen. Kein Abwesender ist anwesender als Edward Snowden: In New York feiert Laura Poitras' Film über ihn Premiere, berichtet zeit.de. Der New Yorker interviewte ihn per Video. Die NZZ erinnert an den Rücktritt Nikita Chruschtschows. Und die taz erzählt, wie russische Soldaten wider Willen in die Ukraine geschickt wurden.

Überwachung

Thorsten Schröder war in New York bei der Premiere von Laura Poitras" Film "Citizenfour", der ja gewissermaßen alles ins Rollen brachte. Zusammen mit Glenn Greenwald interviewte sie Snowden: "An ihrer Position lässt Laura Poitras in ihrem Film keinen Zweifel. Trotz aller Fakten - der Anhörungen im Senat, der Dokumente, die den Aufbau des Programms zeigen, der unkommentierten E-Mails von Snowden. Die Regisseurin und der Journalist kämpfen längst Seite an Seite mit Snowden. Das große "Fuck You", an die Regierung und ihre Apparate, sagt Glenn Greenwald an einer Stelle im Film, müsse immer deutlich werden."

Peter Richter findet in der SZ Poitras" Film in mehrfacher Hinsicht sensationell, wegen Snowdens Auftreten natürlich, aber auch wegen der Neuigkeiten: "Es gibt angeblich noch einen Whistleblower außer Snowden bei der NSA, behauptet da der Journalist Glenn Greenwald. Einen, der noch höherrangiger ist. Diesem neuen Whistleblower zufolge stünden inzwischen schon 1,2 Millionen Menschen auf einer geheimen "Watchlist" der US-Regierung - mit Wissen und auf Befehl von Präsident Obama."

Der New Yorker hat Edward Snowden per Videokonferenz interviewt und stellt das einstündige Video ins Netz.



Snowden überall. Auch für den Observer äußerte er sich per Video und kritisierte die Überwachung in Großbritannien, wo der Regierung überhaupt keine Grenzen gesetzt seien: "Das liegt die Gefahr. Denken Sie an Beweise, die gegen uns gesammelt werden, während wir nicht die Möglichkeit haben, dies vor Gericht in Frage stellen zu lassen. Das unterminiert das gesamte Rechtssystem."
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Weiteres

Auf Slate erklärt Rebbeca Schuman den Amerikanern die Vorzüge deutscher Hochschulbildung, die seit diesem Semester auch in Niedersachsen und damit überall gebührenfrei ist: "Well, you might be thinking, isn"t that just wunderbar for the damn Germans, with their excellent supermarket commercials and their spectacular beach nudity and their pragmatically dressed Chancellor. Now with their free college they"re just showing off. Well, here"s the kicker: Germany didn"t just abolish tuition for Germans. The tuition ban goes for international students, too. You heard me right, parents of Amerika: You want a real higher-education bargain? Get your kids to learn German and then pack them off to the Vaterland."
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Stichwörter: Hochschulen

Politik

In der taz erzählt Klaus-Helge Donath die Geschichte des jungen russischen Soldaten Nikolai Koslow, der zwar offiziell nie die Ukraine betreten hat, aber dennoch ein Bein in dem schmutzigen Krieg verlor: "Davon, dass er in ukrainisches Kampfgebiet verlegt werden sollte, will der junge Mann vorher nichts gewusst haben. Offiziell sei der Marschbefehl von Uljanowsk nach Tschebarkul im Ural ausgestellt gewesen. Erst als die Soldaten Wegweiser nach Rostow am Don entdeckten, dämmerte es ihnen wohl. "Eine Einverständniserklärung hat Nikolai nicht unterschrieben", sagt der Onkel. Die Kommandeure hätten die Papiere für die Soldaten selbst ausgefüllt, sagt sein Neffe."

Mark Siemons berichtet in der FAZ von einer deutsch-chinesischen Diskussion zum Begriff der Öffentlichkeit, der von den Pekinger Disputanten meist als rein westliches Konzept abgetan wurde: "Doch am Abend wehte ein anderer Wind. Han Shuifa von der Peking-Universität, der zuvor die Demokratisierung gefordert hatte, sagte, der Schutz der Öffentlichkeit sei nicht bloß ein Maskenwechsel wie bei der Sichuan-Oper, sondern verlange eine grundlegende Mentalitätsänderung."
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Internet

In seiner Rede zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels kritisiert Jaron Lanier unter anderem die Idee des offenen Netzes: "Der Mainstream der digitalen Politik, die immer noch als jung und "radikal" angesehen wird, pflügt immer noch mit einer Reihe von Ideen über Offenheit voran, die über drei Jahrzehnte alt sind, selbst wenn die spezielle Formulierung offensichtlich gescheitert ist. Als meine Freunde und ich die so genannte Twitter- oder Facebook-Revolution auf dem Tahrir-Platz beobachteten, von unserem bequemen Posten im Silicon Valley, habe ich gesagt: "Twitter wird diesen tapferen, klugen jungen Ägyptern keine Arbeit geben, also kann die Bewegung nicht glücken.""

Perlentaucher Thierry Chervel hörte die Rede und staunte: "Zuweilen lehnte ich mich zurück im melodiösen Sog der Rezitation und staunte über die seltsame Konstellation, die sich hier ergeben hatte: Auf der einen Seite der digitale Pionier - auch wenn er nichts mit der Entstehung des Internets zu tun hatte und diese Behauptung hier auch nicht wiederholte -, dort ein allenfalls an Jahren fortgeschrittenes Kulturpublikum, das sich nun von vermeintlich berufenster Seite in seinem Verdacht bestätigt fühlen konnte. Irgendwas ist faul mit dem Internet. Wenn es nicht das Internet selbst ist."

Für die Berliner Zeitung berichtet Peter Zschunke. Bei Joachim Güntner in der NZZ hat der Funke gezündet: "Jaron Laniers Dankesrede war schlichtweg hinreißend." Nils Minkmar bedankt sich in der FAZ bei Lanier für eine "Lektion in öffentlichem Nachdenken".

(Via Netzpolitik) Die Tagesspiegel-Redakteurin Anna Sauerbrey erklärt in der New York Times, warum die Deutschen "Angst vor Google" haben: "Silicon Valley fürchtet weder Strafen noch politische Sanktionen. Es investiert Millionen für Lobbyarbeit in Brüssel und Berlin, aber da es den demokratischen Prozess zu langsam findet, folgt es zunächst mal den eigenen Regeln. Uber hat schlicht erklärt, dass es in Deutschland weitermacht, egal, was die Gerichte entscheiden... Es ist dieser anarchische Geist, der die Deutschen so nervös macht."
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Geschichte

Susanne Schattenberg erinnert in der NZZ daran, wie Leonid Breschnew vor fünfzig Jahren Nikita Chruschtschow zum Rücktritt zwang: "Chruschtschew wurden eine Datscha, ein Auto, eine Rente sowie andere Sozialleistungen zugewiesen. Man bat ihn, sich nicht mehr in Moskau blicken zu lassen." Grund war dabei weniger die blamable Kubakrise als die Furcht des ZK um die eigene Macht. "Chruschtschow hatte am Vorabend seiner Ferien erklärt, nach seiner Rückkehr werde er, so wie er bereits viele politische Institutionen zerschlagen hatte, auch das Parteipräsidium auseinanderjagen, das er für einen "Haufen alter Männer" hielt."

Außerdem: In der Welt begibt sich Matthias Heine auf die Spur des Begriffs "Unrechtsstaat", der seiner Auskunft nach vor über 160 Jahren vom katholischen Politiker Peter Reichensperger geprägt wurde.
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