Efeu - Die Kulturrundschau

Love Story und Heiterkeit

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30.09.2014. Sat1 macht die perfekten Filme für Nordkorea, lernt die SZ beim Filmfestival in Pjöngjang. In der Welt singt Christoph Hochhäusler ein Loblied auf den Filmgrafiker Hans Hillmann. Die NZZ erinnert an Motrebi, die persische Popmusik der sechziger und siebziger Jahre. Und Teju Cole spricht über seinen neuen Roman "Open City". Im Standard erzählt Tex Rubinowitz, wie er einst die Nymphe bestieg.

Film


Big in Nordkorea: "Robin Hood" mit Pasquale Aleardi und Nadja Becker

Wenn einer eine Reise tut: Ins ferne Pjöngjang zum nordkoreanischen Filmfestival ist Matthias Dell für die SZ geflogen, von wo er von vielen Kuriositäten zu berichten weiß. Etwa, dass ein hiesiger Festivalhit-Garant wie Hans-Christian Schmids Drama "Was bleibt" dort verschämt am Nachmittag gezeigt werden, während sich in den prominenten Slots ganz andere Kaliber tummeln. Etwa der Sat1-Fernsehfilm "Robin Hood und ich", in dem ein einem Kinderbuch entsprungener Robin Hood einer Berliner Textildesignerin, der die Entlassung droht, zu Hilfe eilt: "Dreimal und im 2000 Leute fassenden Festivalkino lief [der Film]. ... Unterdrückung plus Love Story und Heiterkeit, so sieht wohl die Formel für den idealen nordkoreanischen Film aus. Die Gefahr, dass das Publikum den bösen Ex-Mann mit dem eigenen Regime gleichsetzt und sich mit der Textildesignerin und Robin Hood identifiziert, bestehe nicht, meint [die Koreanistin] Sun-Ju Choi."

Außerdem: Carolin Weidner spricht für die taz mit Regisseurin Alice Rohrwacher über deren Film "Land der Wunder". Sven von Reden bilanziert in der Berliner Zeitung das Filmfestival von San Sebastian, wo ihm die Opfer der Krise nicht auf der Straße, sondern im Kino begegneten: "Die Traumatisierten, die Entwurzelten, die Entrechteten." In epdFilm attestiert Sascha Westphal der Genrefilmproduktion in Deutschland "eine zaghafte Renaissance": Insbesondere im Off-Bereich formiere sich eine Gegenbewegung zum geleckten Förderkino, die auch international um Anschluss bemüht ist. Ebenfalls in epdFilm: Ein Gespräch zwischen Anke Sterneborg und den beiden Cuttern Bettina Böhl und Hansjörg Weißbrich, die munter aus der Schneide-Werkstatt plaudern.

Besprochen wird Baran bo Odars Thriller "Who Am I" (SZ).
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Literatur

In der NZZ spricht Teju Cole mit Angela Schader über seinen Roman "Open City" und dessen Helden, einen jungen Nigerianer, der unter den ihm aufgezwungenen Identitäten leidet: "Wenn eine Figur einfach gut oder böse ist, dann ist auch ihre Geschichte schnell zu Ende. So machte ich ihn teilweise sympathisch, in manchen Situationen verhält er sich ja auch rücksichtsvoll und freundlich. Aber ich machte ihn auch sympathisch, indem ich zeigte, was ihm die Gesellschaft an den Kopf wirft, womit er zurechtkommen muss. Und nachdem ich dieses Bild aufgebaut hatte, setzte ich das Messer an und zeigte, dass vielleicht sein eigenes Verhalten längst nicht immer über alle Kritik erhaben war. Ganz explizit wollte ich ihn nicht zu einem Anwalt für die Sache der Schwarzen machen - und ebenso wenig zum Repräsentanten des Schwarzen, der intellektuell skeptisch gegenüber der Sache der Schwarzen ist. Ich wollte ihn einfach zu sich selbst machen."

Ebenfalls in der NZZ denkt Thomas Hettche über die Bücher der Zukunft nach. Digitalisiert bieten sie vor allem Raum für die Manipulation des Lesers: "Wie alle digitalen Inhalte wird auch die digitalisierte Literatur, die Geschichten und Romane, die wir kennen, nach der Maßgabe von Stimulanz und Dämpfung korrigiert werden, unmerklich und stetig. Doch solange es Bücher als physische Objekte gibt, bieten sie noch jenen autonomen und unveränderlichen Raum des Utopischen, in dem unsere Träume uns gehören."

Im Standard erzählt Bachmann-Preisträger Tex Rubinowitz, wie er die Nymphe im Schloss Schönbrunn bestieg: "Und in diesen Brunnen sprang ich eines frühen Morgens, es war vielleicht fünf Uhr, ich hatte wohl durchgemacht, macht man beizeiten, wenn man jung ist und glaubt, man könne den Schlaf besiegen, da kommt man auf wunderliche Ideen, der Schlosspark war noch versperrt, ich kletterte über die Mauer, zog mich aus, und schwamm, den Studentenausweis zwischen den Zähnen, zur eifersüchtigen Nymphe. Ich wollte ihn ihr in die Hand drücken, als Sonnenschirm sozusagen, denn auch zu viel in die Sonne zu schauen kann zu Blindheit führen."

Weitere Artikel: Katharina Granzin unterhält sich in der taz mit der finnischen Kunsthistorikerin Tuula Karjalainen über Mumins-Erfinderin Tove Jansson, über die diese eine Biografie geschrieben hat. Sandra Kegel berichtet in der FAZ von den Festivitäten in der Suhrkamp-Villa am Berliner Nikolassee anlässlich von Siegfried Unselds 90. Geburtstag. In New York hat David Mitchell seinen neuen Roman "The Bone Clocks" (mehr hier und hier) vorgestellt, berichtet Patrick Bahners in der FAZ.

Besprochen werden unter anderem Eberhard Rathgebs "Paradiesghetto" (SZ) und Katja Kesslers "Silicon Wahnsinn" (FAZ).
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Bühne

Der Steirische Herbst hat begonnen. Eröffnung war in Graz, berichten Helmut Ploebst und Colette M. Schmidt im Standard, "wo Kaup-Hasler am Freitagabend nicht nur die Absurdität des virtuellen "Teilens" ansprach, das im Leitmotiv des Festivals "I prefer not to ... share!" auch gemeint ist, sondern auch die konkreten Unerträglichkeiten der Gegenwart Europas, "das zunehmend älter wird und sich Sorgen um die demografische Entwicklung macht" - und dabei mit "dem Ausdruck der Betroffenheit und des Bedauerns zusieht, wie junge Menschen ans seine Ufer herangeschwemmt werden". Nachsatz der Intendantin: "Vielleicht sollten wir hier alle einmal die Genfer Flüchtlingskonvention im Chor lesen.""

Besprochen werden Elfriede Jelineks von Johan Simons in München inszeniertes NSU-Stück "Das schweigende Mädchen" (Standard, taz, FR, mehr), eine Aufführung von Becketts "Warten auf Godot" am Deutschen Theater Berlin zu Ehren von Dimiter Gotscheff (Tagesspiegel), Shakespeares "Richard III." in Stuttgart (NZZ), zwei Tanz-Uraufführungen - von Boris Charmatz und Saburo Teshigawara - zum Ruhrtriennale-Finale (Welt), eine Aufführung von Richard Strauss" "Friedenstag" im Pfalztheater Kaiserslautern (FAZ), Hasko Webers Weimarer Bühnenadaption von Thomas Manns Roman "Lotte in Weimar" (FAZ) und ein am Thalia Theater in Hamburg aufgeführtes Musical über Charles Manson (Welt, SZ).
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Musik

Im Iran gab es in den sechziger und siebziger Jahren eine blühende Popkultur, erzählt Nils Metzger in der NZZ. Damals wurde Motrebi erfunden, der moderne persische Pop. Nach der Revolution wurde diese Musik mit aller Macht unterdrückt: ""Das Regime zwingt den Menschen seine Kultur auf", ereifert sich der Exil-Musiker Arash Sobhani. ... Die Regierung baue gezielt eigene Künstler auf, lasse sie von der gesteuerten Presse hochjubeln und inszeniere sich so als Förderer der iranischen Kultur. "Sie sind wie die Mafia, die den Markt, die Medien und das Leben der Künstler kontrolliert. Die Musik ist billig und kitschig, einzige Bedingung ist, dass man darauf unmöglich richtig abtanzen kann." Eine kleine Anhängerschaft hat der Motrebi indessen bei westlichen Schallplattensammlern gefunden. Der Weltmusik-Boom der vergangenen Jahre ließ Verlage wie Finders Keepers Records aus Großbritannien Sampler mit der vergessenen persischen Musik der 1970er Jahre veröffentlichen."

Hier einer der größten persischen Popstars der Siebziger: Googoosh



Weitere Artikel: In der Berliner Zeitung lässt sich Jens Balzer von Dan Snaith alias Caribou (hier dessen neues Album im Stream) die faszinierende Welt hochabstrakter Mathematik erklären. Im Tagesspiegel porträtiert Ulrich Amling den schillernden Organisten Cameron Carpenter. Und alle gratulieren Udo Jürgens zum 80. Geburtstag: Jan Wiele in der FAZ, Jan Feddersen in der taz, Barbara Möller in der Welt, Gerhard Matzig in der SZ und viele Autoren im Tagesspiegel.

Besprochen werden ein Auftritt der Berliner Philharmoniker in Frankfurt (FR) und ein Konzert der Jungen Deutschen Philharmonie unter Lothar Zagrosek (Tagesspiegel).
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Kunst


Hans Hillmann, Plakat für Antonionis "L"Avventura"

In der Welt singt Filmregisseur Christoph Hochhäusler ein Loblied auf den im Mai verstorbenen Filmgrafiker Hans Hillmann, dem gerade in der Londoner Galerie Kemistry eine Ausstellung gewidmet ist. Hillmann hatte mit seinen Plakaten wesentlichen Anteil daran, die Filme von Godard, Resnais, Malle, Buñuel, Rocha, Kurosawa in Deutschland bekannt zu machen: "Es gibt unter den ca. 130 Filmplakaten, die Hillmann zwischen 1953 und 1974 gemacht hat, eine große Vielfalt der Mittel und Themen, Fotomontage-, Siebdruck-, Typo- und gezeichnete Plakate, aber eines verbindet sie: sie zeigen keine Production Values, machen keine Reklame, sind nie bloß illustrativ - sie übersetzen und erzählen. Viele seiner besten Interpretationen sind zeichnerisch, die Lücke zwischen Film und seiner Beschreibung ist erheblich. Die Plakate brauchen den Betrachter, rechnen mit unserer Fantasie und Neugier: das ist ihr Witz. Ein Witz übrigens, der sich mit Kenntnis der Filme noch vertieft."

Besprochen werden eine Ausstellung über die Gladiatoren im Archäologischen Museum in Frankfurt (FAZ) und die Anselm-Kiefer-Retrospektive in London (FAZ).
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