9punkt - Die Debattenrundschau

Fremde unter uns

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
06.09.2014. Die NZZ sorgt sich um die wenigen kritischen Intellektuellen Russlands, die sich inzwischen recht gehässige Aktionen gefallen lassen müssen. Die SZ fragt: Was wollen deutsche Museumsleiter bei einer Apparatschik-Tagung in Petersburg? In seinem Blog fragt sich Kenan Malik, warum die Schotten eigentlich die Queen und das Pfund behalten wollen. Bei der Trauerfeier für Frank Schirrmacher in Frankfurt verneigte sich Hans Ulrich Gumbrecht vor einem Machtmenschen von Balzac'schem Format. Slate weiß: Je mehr uns Facebook manipuliert, umso mehr werden wir es lieben.

Europa

In seinem Blog Pandaemonium versteht Kenan Malik immer noch nicht, wovon sich die Schotten eigentlich genau unbahängig machen wollen. Von der Herrschaft Londons? "The nationalists seem strangely reluctant truly to break away from Westminster. The SNP wants, for instance, to keep the British Queen as the head of state - a more potent symbol of an undemocratic system and of "London rule" it would be hard to imagine. It wants also to keep sterling as its currency, a policy which would hand the Bank of England and the British Chancellor of Exchequer considerable control over the Scottish economy."

In der NZZ beschreibt Ulrich M. Schmid, auf welche hässliche Reaktionen die wenigen russischen Autoren und Künstler stoßen, die sich Putins Kurz widersetzen: "Es dürfte Ljudmila Ulitzkaja, Boris Akunin und Andrei Makarewitsch wenig erstaunt haben, in diesen Tagen ihr Konterfei auf einem gigantischen Poster an der Fassade der größten Moskauer Buchhandlung erblickt zu haben. Die regimetreue Künstlergruppe Glavplakat hatte schon zum dritten Mal im Rahmen der Aktion "Fremde unter uns" Regimekritiker einem Scherbengericht zugeführt. Auf dem Plakat wurde mit dem Slogan "Wollt ihr von ihrer Knete leben?" vor dem Kauf der Bücher und CDs dieser Künstler gewarnt."

Weiteres: Kerstin Holm schickt für die FAZ Eindrücke aus Russland, einem Land im Krieg gegen die Ukraine: "Russische Soldaten kämpfen ohne offizielle Abzeichen, Verlustzahlen werden geheim gehalten, Angehörigen werden oft absurde Todesursachen mitgeteilt, etwa "Herzinfarkt". Den Petersburger Stadtparlamentarier Lew Schlosberg, der die Bestattung von an der ukrainischen Front Gefallenen in Pskow publik machte, schlugen Unbekannte zusammen, zur allgemeinen Abschreckung." In der SZ stört sich Joachim Käppner dagegen an Joachim Gaucks deutlichen Worten in Richtung Moskau: "Wer aus dieser Geschichte lernen will, sollte Feindbilder abbauen und nicht beschwören."
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Kulturpolitik

Tim Neshitov fragt sich in der SZ, was die Deutschen Museumsleute bei der Tagung des Internationalen Museumrates (Icom) in Petersburg wollen. Die russische Sektion hat Putins Ukraine-Politik gutgeheißen, die meisten Osteuropäer haben abgesagt: "Dafür kommen zwei Gäste aus Peking und halten einen Vortrag zum Thema: "Die funktionale Rolle geowissenschaftlicher Museen beim Aufbau der ökologischen Zivilisation." Der Kollege aus Kamerun spricht über "Das Museum als sozialer Transformator". Die Kollegin aus Italien über "Spuren der kommunistischen Vergangenheit in Bukarest und Berlin"."

Im taz-Interview mit Andreas Fanizadeh beschreibt Generalsekretär Johannes Ebert die Kulturpolitik des Goethe-Instituts in der Ukraine und in Russland und erklärt: "Ich halte bei Kultur und Bildung wenig von Boykotten. Man braucht langfristig Kanäle der Verständigung, solche, die nicht gleich hochpolitisch sind."

Im Leitartikel der FAZ gibt Andreas Kilb dem Bund die Schuld am nicht endenden Gezerre um die Berliner Schlossattrappe: "Haben noch immer nicht alle Beteiligten begriffen, dass das Trumm auf dem Berliner Schlossplatz eine Realität schafft, hinter die man nicht mehr zurückgehen kann? Wer jetzt an dem Projekt herumnörgelt, gleich aus welchem Ministerium, der stellt sich selbst ein Bein."

Internet

Bei Slate glaubt Will Oremus nicht, dass Twitter von seinem System her so manipulativ wie Facebook werden kann, versteht aber den Horror der Nutzer vor Twitters Plänen, die Timeline künftig automatisch aufzupeppen: "Sie fürchten, dass Twitter Facebook ähnlicher wird, das von geheimen lernenden Algorithmen entscheiden lässt, welche Posts die Nutzer zu sehen bekommen und welche nicht. Diese Algorithmen sind einerseits das meistgehasste Merkmal von Facebook - und der Grund, warum alle Newsfeeds mit Memen und Babyfotos vollgestopft werden -, andererseits der Schlüssel zu seiner schlagenden Popularität."

Weitere Artikel: Netzpolitik bringt einen Beitrag der beiden Wissenschaftler Ben Wagner und Claudio Guarnieri, die Exporten der deutschen Überwachungstechnologie nachgegangen sind. Allerdings: "Der Staatstrojaner "made in Germany" Gamma FinFisher wurde ohne Lizenz aus Deutschland exportiert." Auf Rue89 erzählen Gurvan Kristanadjaja und Philippe Vion-Dury, wie sie im Darknet auf ein Dokument mit 20 Millionen französichen E-Mail-Adressen stießen.

In der SZ hält Alexandra Borchardt die neue Sharing-Ökonomie tendenziell nicht nur für undemokratisch, sondern auch für sozial ausgesprochen ungerecht: "Schließlich kann nur teilen, wer etwas hat. Die Armen sind hingegen auf Jobs angewiesen, die von der Teil- und Tauschwirtschaft akut bedroht sind."
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Religion

Der katholische Priester und Philosoph Martin Rhonheimer sieht im Islam eigentlich keine Grundlage, um das Vorgehen des IS zu verurteilen, auch wenn britische Imame das getan haben, In der NZZ schreibt er: "Der IS ist keine Häresie, wie diese Fatwa behauptet, sondern handelt genau nach dem in der Geschichte wiederkehrenden Muster kriegerischer islamischer Expansion. Das Vorbild ist Mohammed selbst."
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Stichwörter: Fatwa, Imam, Islamischer Staat

Medien

Gestern gab es die staatsakt-ähnliche Trauerfeier für Frank Schirrmacher. In seiner heute abgedruckten Rede erinnerte Hans Ulrich Gumbrecht in der FAZ nicht nur an Schirrmachers jugendliche Energie, sondern auch an seinen Macht-Instinkt: "Mit diesem Macht-Instinkt hat Schirrmacher andere beeindruckt, für andere gesorgt und andere verletzt - und unter diesem Macht-Instinkt hat er gelitten, wenn seine Wirkung einmal ausblieb. In seinen Monomanien und seinem Macht-Instinkt erinnerte er mich an Vautrin, den vielleicht größten, gewiss aber ambivalentesten und deshalb faszinierendsten von allen Balzac-Protagonisten."

In der Berliner Zeitung schreibt Harry Nutt von der Trauerfeier.
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