9punkt - Die Debattenrundschau

Wahnsinn des Eigendünkels

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
05.09.2014. Im NYRBlog beschreibt Tim Judah die jüngste Niederlage der Ukraine gegen die Separatisten und Russland. Die NZZ bekämpft den "Islamischen Staat" mit Hegel. In Libération erklärt die Feministin Geneviève Fraisse, was sie am Gender-Begriff so stört. Die Welt zieht eine vernichtende Bilanz der stadtebaulichen Arbeit Michael Müllers, der als Regierender Bürgermeister für Berlin kandidiert. Chaotisch ist in Berlin auch der Umgang mit Flüchtlingen, so die Berliner Zeitung.

Europa

Tim Judah berichtet für das Blog der New York Review of Books aus dem Südosten der Ukraine über die Offensive der Separatisten und läst keinen Zweifel an den Kräfteverhältnissen: "Das Ausmaß der Zerstörung, das die ukrainische Armee in den letzten Wochen im Südosten der Ukraine erlebt hat, muss man gesehen haben, um es zu glauben. Es summiert sich zu einer katastrophalen Niederlage und wird von den verbitterten Ukrainern lange zu den schwärzesten Tagen ihrer Geschichte gezählt werden."

Im Feuilleton der SZ widerlegt Stefan Kornelius unter Lektüre alter Protokolle und zeithistorischer Werke die Behauptung, Russland sei systematisch von der Nato eingekreist worden.
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Stichwörter: Nato, Russland, Ukraine

Geschichte



Das Fotoarchiv Roman Vishniacs, der das jüdische Leben in Osteuropa dokumentiert hat, wird komplett online gestellt, meldet Claire Levenson in Slate.fr. Das Holocaust-Museum in Washington und internatioanle Zentrum für Fotografie haben zusammengearbeitet, um den Schatz von 9.000 Fotos zu heben: "Die große Mehrzahl der Bilder ist ohne Legende. Durch die Veröffentlichzung hoffen die Archivare, dass es dem Publikum gelingt, manchen Gesichtern Namen zu geben." Man kann die Datenband nach Schlüsselwörtern und Regionen durchsuchen. (Foto: Roman Vishniac/International Center of Photography, ICP)
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Internet

Die jüngst zirkulierenden Nacktfotos von Stars sind nicht das Werk eines einzelnen Hackers, sondern nur die Spitze des Eisbergs, schreibt Ben Popper in The Verge, der sich auf einen Blogbeitrag von Dan Kaminsky bezieht. Demnach gibt es regelrechte Tauschbörsen im "Darknet", "wo Nutzer Nacktbilder von Celebrities sammeln und über Jahre massive Sammlungen aufbauen. Da kommt man nicht rein, indem man für Bilder bezahlt, sagt Kaminsky, der mit Mitgliedern solcher Grupppen gesprochen hat. Um hineinzukommen, must du dein eigenes gestohlenes Material mitbringen, etwas Neues und Wertvolles, das die Gruppe noch nicht kannte."

Und was soll man dagegen tun? Sein Iphone wegwerfen? Keine Bilder mehr damit aufnehmen? "Realistisch ist das für die meisten Menschen nicht", meint Constanze Kurz in der FAZ. "Sich aber mit den Risiken zu beschäftigen und zum Beispiel das bequeme iCloud-Back-up abzuschalten oder sich zumindest lange, komplexe Passwörter zu überlegen ist dringlich angeraten. Und es gilt, die Hersteller an die Kandare zu nehmen und endlich Funktionen wie automatische Telefonbuch-Uploads und ungefragtes Cloud-Speichern zu untersagen. Hierzu ist politischer und rechtlicher Druck nötig, der vielbeschworene Markt regelt dies ja offensichtlich nicht."
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Ideen

Hegel hätte die deutschen Anhänger des IS sofort erkannt, den Typus hatte er nämlich schon mal beschrieben, erklärt Joachim Güntner in der NZZ. Als Beispiel beschreibt er einen Auftritt des Bonner Islamisten Abu Ibraheem al-Almani alias Yassin Chouka, der in seinem Video "Ja, wir sind Terroristen" die Gewalt der Islamisten rechtfertigt. Nach der üblichen Anklage gegen den Westen "geht Abu Ibraheem zum rhetorischen Gegenangriff über, verteidigt das Existenzrecht des Kalifats, das der IS ausgerufen hat, und erklärt alle "Kuffar", gleich ob Mann, Frau oder Kind, für todeswürdig. Sich und seinesgleichen aber erhebt der Jihadist stolz zu "vornehmen Terroristen". Das Video ist ein Lehrstück für das, was Hegel in der "Phänomenologie des Geistes" als Umschlag eines knechtischen Bewusstseins in den "Wahnsinn des Eigendünkels" beschrieben hat. Der Terrorist behauptet, dem "Gesetz des Herzens" zu folgen, und landet bei einer ungeheuren Anmaßung."
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Politik

Der Strom der Flüchtlinge auch nach Deutschland wächst. Im vergangenen halben Jahr ist die Zahl der Asylanträge um 60 Prozent gestiegen. Trotzdem werden sie untergebracht. Nur nicht in Berlin, meldet Julia Haak in der Berliner Zeitung. "In dieser Stadt gibt es vorerst kein Grundrecht auf Asyl mehr, jedenfalls nicht vor Montag. Am Mittwoch hat die zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber spontan geschlossen, weil zu viele Menschen vor ihrer Tür standen. Bisher hat sie auch nicht wieder aufgemacht. Den Leuten, die vor der Tür standen, wurde schlicht geraten, sie könnten doch bei Freunden unterkommen ... Der Berliner Flüchtlingsrat sieht in der Schließung der Behörde einen Rechtsbruch bezüglich des Grundgesetzes, der Genfer Flüchtlingskonvention und der EU-Asylrichtlinien. Vielleicht muss man die Sache nicht derart hochhängen. Es ist aber doch rätselhaft, warum es in Berlin nicht möglich ist, bei einem unerwarteten Ansturm von Flüchtlingen und einer überforderten Behörde schlicht Mitarbeiter aus anderen Verwaltungen kurzfristig abzuordnen, um ein funktionierendes Verwaltungshandeln zu ermöglichen."
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Gesellschaft

Die neue französische Bildungsministerin Najat Vallaud-Belkacem ist Zielscheibe sexistischer und rassistischer Angriffe durch die katholische Rechte. Der Unmut entzündet sich auch daran, dass sie für die Einführung der Gender-Theorie an den Schulen ist. Im Gespräch mit Quentin Girard in Libération, nimmt die Feministin Geneviève Fraisse die Ministerin zwar in Schutz, aber nicht ohne ihre eigene Skepsis über den Gender-Begtriff zu bekennen, der "Ungleichheit nicht behebt, aber die Frage danach verschwinden lässt. Wenn man von "sexueller Gewalt" spricht, ist das zum Beispiel nicht dasselbe wie "Gender-Gewalt". Mit dem Begriff "sexuelle Gewalt" wird sehr viel klarer und deutlicher, dass man die Gewalt von Männern gegen Frauen meint. Natürlich sind auch Männer und kleine Jungs Opfer von Gewalt, aber doch in sehr viel geringerem Maß."
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Medien

(Via turi2) Verlegerverbände erhöhen den Druck auf die Europäische Kommission und verlangen Sanktionen gegen Google, meldet horizont.net. Der bisherige Vorschlag zur Güte von Google reiche nicht aus. Die Verleger werfen Google vor, in Suchergebnissen eigene Dienste zu bevorzugen. Horizont.net zitiert unter anderem Hubert Burda, Präsident des Verbandes Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ): ""Sollte die Europäische Kommission den Vorschlag akzeptieren, wäre dies der Freibrief für Google, seine Marktmacht weiter zu missbrauchen." Fair Search sei eine wesentliche Voraussetzung für eine florierende und pluralistische Entwicklung des europäischen Medien- und Technologiesektors. Zur Seite steht seinen deutschen Kollegen auch Luis Enríquez vom spanischen Zeitungsverlegerverband AEDE."
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Kulturpolitik

Vernichtend fällt in der Welt Dankwart Guratzschs Bilanz der städtebaulichen Arbeit Michael Müllers aus, der sich als Regierender Bürgermeister in Berlin bewirbt und als Stadtentwicklungssenator das Motto "Miteinander Stadt gestalten" ausgab. Man müsse nur mal die Olympia-Bewerbungen von Hamburg und Berlin vergleichen: ""Das Olympia-Duell ist eröffnet: Berlin will bescheidene Spiele", titelte die Berliner Morgenpost und stellte ein Foto vom "Chaos auf den Berliner Bahnhöfen" daneben. Anders die Hansestadt. Mit der Schlagzeile "Hamburgs Olympia-Insel" zog das Hamburger Abendblatt das Schaubild für ein "einzigartiges Konzept" mit Sportanlagen für ein Völkerfest auf Hamburgs Elbinseln aus der Schublade und stellte es auf die Titelseite. Also: In Berlin der Versuch, es allen recht zu machen, in Hamburg eine Vision."

Der Verband der Schriftsteller (VS), heute eine Untergliederung der Ver.di ist offenbar pleite und wendet sich mit Bettelbriefen ans seine wenigen verbliebenen Mitglieder, schreibt Alan Posener in der Welt und legt dem Club schlicht die Auflösung nahe.