Efeu - Die Kulturrundschau

Ausbrüche ins Unbekannte

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27.08.2014. Die FAZ sieht in Hirstville das Mesozoikum der Kunst aufziehen. In der FR erklärt Hans-Thies Lehmann, warum gutes Theater zwangsläufig auf ein Desaster hinausläuft. In der Presse versichert Boris Pahor, dass Alter der Kreativität nicht schadet. Außerdem beginnen heute die Filmfestspiele von Venedig, wo auch Fatih Akins Armenien-Film "The Cut" laufen wird. Der Guardian war bei Kate Bushs erstem Konzert seit 35 Jahren. Außerdem gibt es Michel Houellebecq im Double-Feature.

Film

Rue89 liefert eine sehr nützliche Liste aller Filme, die man in der "Rentrée" (der neuen Saison), sehen muss, darunter unbedingt "Near Death Experience" mit Michel Houellebecq als vor sich hin monologisierendem Hobbyradfahrer:



Pierre Assouline weist in seiner Républiques des livres außerdem darauf hin, dass "Die Entführung des Michel Houellebecq" heute abend auf Arte läuft.

In Venedig beginnen heute die Filmfestspiele: In der taz trauert Cristina Nord dem alten Festivalleiter Marco Müller nach, dessen Wagemut in der Wettbewerbszusammenstellung sie genauso vermisst wie die Retrospektiven, die früher echte Entdeckungen, heute aber vor allem Kanon bringen. In der Berliner Zeitung attestiert Anke Westphal dem Wettbewerb eine starke Neigung zum politischen Themenkino, doch "die Aufgabe eines solchen Filmfestivals ist es nun, uns über das Wirkliche hinaus mit den ästhetischen Mitteln des Kinos zu zeigen, was wir noch nicht sehen und wissen." Susanne Ostwald ist in der NZZ erleichtert, dass die Konkurrenz mit dem Festival in Rom nun klar für Venedig entschieden wurde. Hanns-Georg Rodek erwartet besonders gespannt Fatih Akins Armenien-Film "The Cut" mit dem französischen Schauspieler Tahar Rahim ("Ein Prophet").

Mit Rick Ostermanns Film "Wolfskinder" über zwei Kinder, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg quer durchs Land schlagen, hat Bert Rebhandl in der FAZ mitunter seine Probleme: "Es geht Ostermann nicht um Geschichte, sondern um eine Geschichte. Deswegen ist alles konkret und wird doch umso abstrakter. ... Rick Ostermann hingegen meint, man könnte Geschichte wie ein Bilderbuch aufblättern." Er empfiehlt als bessere Alternative zum Thema Eberhard Fechners gleichnamigen Dokumentarfilm.

Besprochen wird der neue Marvel-Film "Guardians of the Galaxy" (Tagesspiegel, SZ).
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Bühne

In der FR befragt Arno Widmann den Theaterwissenschaftler Hans-Thies Lehmann nach dessen Ansichten von Wesen und Funktion des Theaters: "Das Theater muss ein unzuverlässiger Geselle sein dürfen. Auch für jede fortschrittliche, linke, liberale Politik. Es geht darum, aus dem Regelwerk auszubrechen. Es geht um die Überschreitung, um den Exzess. Solche Ausbrüche ins Unbekannte, ins Noch-Nicht-Ausprobierte laufen mit einer gewissen Notwendigkeit auf ein Desaster hinaus. Das ist die Erfahrung des Tragischen. Man will zu viel und stürzt ab. Darum spreche ich auch vom Ikarus-Modell des Tragischen."

Als "religiös-erotisches Erbauungsstück" erlebte Joachim Lange (Standard) bei der Ruhrtriennale Louis Andriessens Oper "De Materie" von 1989, die den Bogen schlägt von den Mystikerinnen des Mittelalters zur Atomphysik: "Da schweben leuchtende Minizeppeline über Dächern. Da tanzen Kreise in der Luft. Da agieren Tänzerduos zu Boogie-Woogie-Rhythmen. Schließlich haben 100 leibhaftige Schafe aus der Region in aller Ruhe einen blökend-beruhigenden, eher ironischen Auftritt, den man sehen, hören und riechen kann."
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Literatur

Im Interview mit der Presse widerspricht der 101-jährige Schriftsteller Boris Pahor allen Befürchtungen, dass im Alter die kreative Kraft nachlasse: "Ich habe nur manchmal das Problem, mich an einen Namen zu erinnern."

In der Sommer-Reihe der FAZ schwärmt Annabelle Hirsch von Albert Camus" Essayband "L"Eté": "Vielleicht das Ehrlichste und Schönste, was er je geschrieben hat. Es liest sich wie die Erzählungen eines Mannes, der hinausging, um die Welt zu erobern, und jetzt zurückkehrt, um im Staub und der Sonne das verlorene Paradies zu suchen."

Weitere Artikel: In der SZ stellt Hakan Tanriverdi Randall Munroes nerdigen und deswegen enorm populären Web-Comic xkcd.com vor. Im Tagesspiegel schreibt Amadeus Ulrich über den Comiczeichner Calle Claus. In der Welt gibt sich Richard Kämmerlings nicht der Illusion hin, dass der gestrige Sieg des Suhrkamp Verlags gegen den ungeliebten Gesellschafter Barlach etwas an der verfahrenen Situation ändern würde.

Besprochen werden Esther Kinskys "Am Fluss" (SZ), Richard Powers" "Orfeo" (Tagesspiegel, FR), Brittani Sonnenbergs "Heimflug" (Tagesspiegel), Marion Braschs "Wunderlich fährt nach Norden" (FAZ), Nadifa Mohameds somalischer Roman "Der Garten der verlorenen Seelen" (NZZ) und Peter Sloterdijks kulturpessimistische Polemik "Die schrecklichen Kinder der Neuzeit", die Nils Markwardt im Freitag jedem ans Herz legt, der sich "über die Risiken und Nebenwirkungen chronischer Kulturbrüche informieren will" (mehr).
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Kunst



Dass Damien Hirst nun an der englischen Küste eine ganze Stadt aus dem Boden stampft (mehr in der Daily Mail), werten Julia Voss und Niklas Maak in der FAZ als weitere Eskalationsstufe des immer gigantomanischer werdenden Kunstbetriebs, dem eine immer noch auf Weihegottesdienst-Rhetorik eingespannte Kunstkritik einigermaßen hilflos gegenüber steht. Und nicht nur diese: Voss und Maak sehen ein Problem darin, "wenn die Akteure dieses Kunst-Mesozoikums ihre Dinosaurier in den öffentlichen Museen grasen lassen - und diese damit in einen Teufelskreis hineinreißen. Je größer die Kunst, desto höher die Preise; je unbezahlbarer die Werke, desto größer die Abhängigkeit von privaten Sammlern ... Wenn wir (...) keine Vision, kein Gegenmodell entwerfen, dann bleibt unseren Kindern das Idealmuseum des 21. Jahrhunderts: ein privat finanzierter Flugzeughangar mit einem riesigen Blechpudel davor."

Minh An Szabó de Bucs beschreibt in der NZZ noch einmal ausführlich, wie Ai Weiwei gegenüber den chinesischen Behörden die Oberhand behält, weil er jeden Akt der Repression in Kunst umwandelt. Besprochen wird die (zuvor bereits in der FAZ vorgestellte) Ausstellung über Bischof Thilo von Trotha im Schloss Merseburg (SZ).
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Musik

Eine Atmosphäre der "Unwirklichkeit" notiert im Guardian Alexis Petridis beim ersten Auftritt Kate Bushs seit 35 Jahren. Niemand wusste, was zu erwarten war. Und dann - lieferte Bush eine perfekte Show: "For huge sections of the performance, Bush"s movements look heavily choreographed: she moves with a lithe grace, clearly still drawing on the mime training she underwent as a teenager forty years on. Her voice too is in remarkable condition: she"s note-perfect throughout. Backed by a band of musicians capable of navigating the endless twists and turns of her songwriting - from funk to folk to pastoral prog rock - the performances of "Running Up That Hill" and "King of the Mountain" sound almost identical to their recorded versions - but letting rip during a version of "Top of the City", she sounds flatly incredible."

Christian Schröder vom Tagesspiegel findet am Debütalbum der Hamburger Indie-Band Trümmer zwar durchaus Gefallen, den Lobesarien zahlreicher seiner Kollegen will er sich unterdessen nicht anschließen: "Ob Trümmer sich wirklich zu neuen Königen der Hamburger Schule aufschwingen, den Diskursrock wieder beleben können? Dann müsste ihre Platte ähnliches Format besitzen wie die Debüt-Klassiker "Ich-Maschine" von Blumfeld (1992), "Wichtig" von den Sternen (1993) oder "Digital ist besser" von Tocotronic (1995). Die Antwort: eher nicht."

Im Tagesspiegel schreibt Thomas Winkler über die Band Strom & Wasser, die mit Flüchtlingsfrauen auftritt und per Floß zu ihren Auftrittsorten reist. Für die FAZ berichtet Tobias Kreutzer vom offenbar sehr gemütlichen "Sounds of Forest"-Festival im Odenwald.
Archiv: Musik