Efeu - Die Kulturrundschau

Ohh!

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31.07.2014. Nicht mal in Gaza denken die Menschen pausenlos an den Krieg, es gibt auch Träume, lernt die NZZ aus einem Kurzgeschichtenband von Atef Abu Seif. Der SZ eröffnet sich in Kairo Literatur als Raum des Vorpolitischen. Die Berliner Zeitung tanzt zu Clint Eastwoods "Jersey Boys" und bestaunt Christopher Walkens zitternde Unterlippe. Salzburg hat in diesem Jahr kein Glück: Auch Georg Schmiedleitners Inszenierung von Karl Kraus' "Die letzten Tage der Menschheit" zündet nicht. Die FAZ bewundert das Unscheinbare an Louis de Funes.

Film



Clint Eastwoods in den Fünfzigern spielender Musikfilm "Jersey Boys" erzählt die Geschichte der Four Seasons, einer Band, die mit Hits wie "Big Girls Don"t Cry" und "Working My Way Back to You" populär wurde. In der Berliner Zeitung erliegt Anke Westphal aber zuerst dem Charme Christopher Walkens: "In einer tollen Anfangsszene wird der örtliche Pate Gyp (Christopher Walken) beim Barbier aus Versehen mit dem Messer verletzt, als der 16-jährige Frankie in den Laden hereinplatzt - aber, so Gyp: "Was ist schon ein bisschen Blut unter Freunden!" Gyp ist nämlich ein musischer Verbrecher und hingerissen von der unvergleichlichen Falsettstimme des Jungen. Herrlich, wie Christopher Walkens Unterlippe vor Rührung zittert! Und überhaupt ist sein Gyp ein ganz eigener Mafioso: zwischen gefährlich, tüddelig und irgendwie autistisch. Fortan wird er über das junge Talent wachen." Weitere Besprechungen gibt"s in taz, FAZ, FR und SZ.

Außerdem: Das Berliner Kino Arsenal widmet sich in einer Filmreihe der Stimme im Film, schreibt Carolin Weidner in der taz. Livia Valensise stellt in der Zeit die Gruppe Wunderblock vor, die derzeit quer durch Deutschland reist, um alte Super8-Filme zu digitalisieren. Im Tagesspiegel porträtiert Kerstin Decker Dominik Grafs Schiller-Darsteller Florian Stetter. David Hudson sammelt Links zum 100. Geburtstag des italienischen Stilisten Mario Bava.

Ebenfalls hundert Jahre alt wäre heute Louis de Funès geworden, den Christian Thomas kurz und knapp in der FR, Dietmar Dath in der FAZ aber auf einer ganzen Seite würdigt: "Mehr als alle anderen, die in Film und Fernsehen mit Hampeln (Dieter Hallervorden), Zappeln (Jim Carrey), Exhibitionismus (Jack Black) und Klamauk (tutti quanti) auf sich aufmerksam gemacht haben, wusste dieser Mensch, dass zum Grellen ein Unscheinbares gehört, das es stabilisiert." Ein "Ohh!" zum Beispiel:



Wesentlich unsanfter wurde er, wenn es um das geneue Einhalten von Kochrezepten ging:



Besprochen werden eine Ausstellung über Henri Langlois in der Cinémathèque Française (SZ) und Dominik Grafs Film "Die Geliebten Schwestern" (taz, Freitag, FR).
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Kunst

Für die SZ unterhält sich Carolin Gasteiger mit dem Fotografen Michael Ruetz, dessen Landschaftsaufnahmen aus dem Chiemgau derzeit in Berlin im Museum für Fotografie (hier die Besprechung im Tagesspiegel) zu sehen sind. In der taz berichtet Gislind Nabakowski, dass dem französischen Fotofestival "Rencontres d"Arles" wichtige Ausstellungsflächen verloren zu gehen drohen.

Besprochen werden eine Ausstellung von Hiramatsu Reijis Seerosenbilder im Museum für Asiatische Kunst in Berlin (Tagesspiegel), die Hans-Hollein-Ausstellung im MAK in Wien (NZZ), Florian Ebners Ausstellung "(Mis)Understanding Photography" im Museum Folkwang in Essen (Freitag) und die Ausstellung "Werner Tübke, Michael Triegel - Zwei Meister aus Leipzig" (Bild) in der Kunsthalle Rostock (Zeit).
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Literatur

In der NZZ stellt Monika Bolliger den palästinensischen Autor Atef Abu Seif vor, der auf eine andere Realität hinter dem blutigen Krieg in Gaza hinweist: "Von dieser verborgenen Seite handelt die Sammlung von Kurzgeschichten, die Abu Seif unter dem schlichten Titel "The Book of Gaza" herausgegeben hat. Die ins Englische übertragenen Geschichten von zehn verschiedenen Autorinnen und Autoren vermitteln dem westlichen Publikum seltene Einblicke in die Lebensrealität von Gaza in ruhigeren Zeiten. Ein wiederkehrendes Thema sind unerfüllte Träume, die an den Grenzen einer konservativen Gesellschaft wie an der einschneidenden politischen Realität scheitern. Aber die Geschichten handeln auch von Lichtblicken, unerwarteten Wendungen und Momenten der Hoffnung."

Auf der Longlist des Booker Prize taucht in diesem Jahr mit Paul Kingsnorths Historienroman "The Wake" erstmals ein per Crowdfunding selbstpublizierter Roman auf, berichtet Benjamin Schaper in der SZ: Dies "könnte zu einem nachhaltigen Wandel im Literaturbetrieb führen. Das Stigma der im Eigenverlag publizierten Bücher könnte schwinden, den etablierten Verlagshäusern das Qualitätspatent entgleiten. Und der Einfluss der Leser würde noch unmittelbarer."

In der SZ berichtet Volker Breidecker von einer jungen Literaturwerkstatt in Kairo, die der Schriftsteller Abbas Khider dort in den vergangenen Monaten geleitet hat: "In Kairo [wird] wieder intensiv über Literatur gesprochen, und das ist alles andere als ein Ausweis von Eskapismus. Vielmehr gibt sich die junge Literatur als Raum des Vorpolitischen zu erkennen, insofern Orte für offene Diskurse entstehen, an denen Trennendes zurücktritt zugunsten eines freien Austauschs von Gedanken."

Weitere Artikel: Die Autorin Nora Bossong erkundet für die Zeit mit Begleiter die trostlose Welt der Stundenhotels: "Schon klingt Sex genauso nüchtern wie Steuergruppe und Kinderfreibetrag, und das Fremdgehen wird solide mit 19 Prozent besteuert." Fritz J. Raddatz erinnert an den vor 90 Jahren geborenen schwulen, schwarzen amerikanischen Schrifsteller James Baldwin.

Besprochen werden Thomas Medicus" "Heimat" (Zeit, mehr), Glyn Dillons Comic "Das Nao in Brown" (Tagesspiegel, mehr), George Packers "Die Abwicklung" (SZ, mehr), Éric Vuillards "Ballade vom Abendland" (FR), Wilhelm Genazinos "Bei Regen im Saal" (FR, mehr), die Anthologie "Über den Feldern" über den Ersten Weltkrieg (SZ), ein Buch über das politische Nachspiel von Boris Pasternaks "Doktor Schiwago" (Freitag) und Ceija Stojkas "Sogar der Tod hat Angst vor Auschwitz" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
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Archiv: Literatur

Musik

Nadine Lange plaudert im Tagesspiegel mit den Beatsteaks. In der FAZ stellt Gerhard Rohde seine Entdeckungen aus den "Ouvertures Spirituelles" der Salzburger Festspiele vor, darunter etwa Max Regers selten gespieltes "Hebbel-Requiem".

Besprochen werden Bruckners Fünfte mit Bernhard Haitink und dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks in Salzburg (Presse), ein Konzert der Chills in Berlin (Tagesspiegel), Jeff Beadles Album "The Huntings End" (ZeitOnline)der Mainzer Auftritt von Neil Young (FAZ) und Fatima al Qadiris Debüalbum "Asiatisch" (Zeit).
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Bühne


Stefanie Dvorak, Alexandra Henkel, Petra Morzé, Elisabeth Orth, Bernd Birkhahn, Sven Dolinski, Christoph Krutzler, Peter Matić, Thomas Reisinger, Laurence Rupp in "Die letzten Tage der Menschheit 2014". Foto: Georg Soulek

Die Theaterkritiker versammelten sich in Salzburg bei Georg Schmiedleitners Inszenierung von Karl Kraus" "Die letzten Tage der Menschheit" ein, dessen in 220 Szenen geballte Abgründigkeiten Gerhard Stadelmaier in der FAZ penibel auflistet: Es locken "Ruchlosigkeit, Blutsumpf, Verbrechen, Entmenschung, Journalismus, Gottesverrat, Soldatenschinderei (...) kurz: Erster Weltkrieg." Alles "sehr nett", schreibt der Kritiker, der froh ist, als nach vier Stunden alles vorbei ist. Hans-Klaus Jungheinrich informiert in der FR vor allem über historische Hintergründe. Die Inszenierung bot ihm, trotz vorab gestreuter anderslautender Versprechen, "immer noch zu viel Geschrei oder Genuschel", doch lautet sein Fazit schlussendlich doch sanft wohlwollend: "Alles in allem eine respektable Krausiade, mit effektvoll-variabel raumfüllendem Musikeinsatz."

Eine nach Strich und Faden genervte Christine Dössel widerspricht in der SZ nach viel staunender Begeisterung über Karl Kraus" Vorlage: "Kraus" heillose, ausufernde, Rahmen, Herzen und Konventionen sprengende Kriegsmaterialmasse schön ordentlich eingekastelt und leicht konsumierbar zurechtgebogen auf Guckkastenformat. Szenisch zum Gähnen. Auch stimmt das Tempo nicht, der Rhythmus, es fehlt komplett an Zunder."

Michael Laages von der Nachtkritik sieht das ganz genauso: Die Inszenierung ist lediglich "die dröge Antwort des routinierten Stadttheaters auf eine der größtmöglichen Herausforderungen im Theater überhaupt. Und das ist wohl das armseligste, was sich über eine Kraus-Aufführung sagen lässt." Am Ende empfiehlt er die Reise nach Dresden, wo es die seiner Ansicht nach deutlich gelungenere Inszenierung von Wolfgang Engel zu sehen gibt. Deutlich freundlicher sind die Kritiken in Standard und Presse.

Außerdem: Susanne Lenz besucht für die Berliner Zeitung die Proben von Rolf Hochhuths neuem Stück "Sommer 14", das am Freitag am Berliner Ensemble uraufgeführt wird.

Besprochen werden Gaëtan Rusquets Performanceinstallation "Meanwhile" beim Festival Impulstanz in Wien (Standard), die Uraufführung von Katie Mitchells Stück "The Forbidden Zone" bei den Salzburger Festspielen (Standard) und die Bayreuther Wiederaufführung von Frank Castorfs "Ring"-Inszenierung (Berliner Zeitung).
Archiv: Bühne