9punkt - Die Debattenrundschau

Am Kiosk seinen Ausweis zeigen

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.06.2014. Netzpolitik kommentiert schon mal die Rede, die Thomas de Maiziere heute zur digitalen Agenda der Bundesregierung halten wird: Der Minister träumt sich eine analoge Welt, die es nie gab. In der taz beklagt der Romanist Uli Reich die fehlende Erinnerungskultur Brasiliens. Le Monde lernt aus einer Umfrage: Kultur wird gern konsumiert, vorausgesetzt, Freunde empfehlen sie. Die NZZ stellt das Magazin Vice vor.

Internet

Innenminister Thomas de Maizière hält heute eine Rede zur Digitalen Agenda der Bundesregierung. Anna Biselli von Netzpolitik hat sie schon gelesen (hier) und fasst sich an den Kopf: Der Minister behauptet zwar, die Privatsphäre schützen zu wollen, aber zur Überwachung der Bürger durch den Staat sagt er nichts. Und Anonymität im Netz mag er auch nicht, erklärt er und verweist dabei auf die analoge Welt: "Vielleicht sollte er hier nochmal nachdenken und überlegen, wie das nochmal war: Muss man etwa am Kiosk seinen Ausweis zeigen, wenn man eine Zeitung kauft? Oder sich bei der Post registrieren lassen, wenn man einen Brief versendet? Oder dem Friseur die persönlichen Daten hinterlassen? De Maizière verkennt, dass man hier nicht die Personalität der analogen Welt auf die digitale überträgt. Sondern dass man schlichtweg die Identifizierungs- und Überwachungsmöglichkeiten der digitalen Welt ausnutzt, weil sie nun einmal da sind."

Gabriele Detterer blickt in der NZZ etwas ängstlich in die Zukunft des 3D-Druckens: "Gut möglich, dass 3D-Printing eine Ära der Stilvielfalt einläuten wird, in der originelle Produkte mit wenig Zeitaufwand und ohne mühsam zu erlernende Handwerkskunst hergestellt werden können. Aber auch den Geschmacksverirrungen werden keine Grenzen mehr gesetzt sein."
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Politik

Julian Weber unterhält sich in der taz mit der Architektin Ana Beatriz Ambrosio und dem Sprachwissenschaftler Uli Reich über Brasliens Moderne, die krassen sozialen Unterschiede und die fehlende Aufarbeitung der Militärdiktatur: "Kein Vergleich mit Chile und Argentinien, wo die Erinnerung an das Leid während der Diktatur wenigstens in Denkmälern und Tafeln im Stadtbild der großen Städte bewahrt wird. Wo es Entschädigungszahlungen gegeben hat, wo Militärs und Politiker auch juristisch zur Verantwortung gezogen worden sind. Es gibt keine Reflexion und keine Kultur der Aufarbeitung."

Eine neue Form des long distance Nationalismus erkennt Isolde Charim ebenfalls in der taz in Tayyip Erdogans Reisen zu Europas türkischen Migranten in Köln und Wien: "Für ihn ist die türkische Diaspora nichts anderes als ein Außenposten der Türkei. So werden die Migranten in seinen Reden nur als Türken angerufen, nicht aber auch als Österreicher oder Deutsche. Und genau deshalb sind seine Auftritte mehr als nur Wahlveranstaltungen. Sie sind zugleich auch Rituale: Rituale der Retürkisierung, Rituale der emotionalen Rückbindung ans "Mutterland"."

Als Noworossija bezeichnen die Separatisten den Osten der Ukraine, und auch Putin bediente sich schon dieser Vokabel. Florian Hassel schwant in der SZ Böses: "Der Kreml holte das Novorossija-Konzept nicht zum ersten Mal aus der historischen Mottenkiste. Schon 1992 half Moskau Separatisten in der ehemaligen Sowjetrepublik Moldau, den an die Ukraine grenzenden Osten des Landes als "Republik Transnistrien" abzuspalten."
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Urheberrecht

Die EU hat vor einiger Zeit behauptet, sie wolle das Urheberrecht reformieren. Vorher durfte das Wahlvolk seine Meinung via Fragebogen zum Ausdruck bringen. Offenbar hat das nicht viel genützt. Das Blog IPKat hat jetzt einen Entwurf für ein White Paper der EU-Kommission zur Reform der EU-Urheberrechtsrichtlinie veröffentlicht (PDF), meldet in Netzpolitik Leonhard Dobusch. Er war nach der Lektüre ziemlich enttäuscht: "Als roter Faden zieht sich durch den gesamten Text lediglich die Mantra-artige Hoffnung auf bessere Lizenzierung und Rechteklärung. Für einen effektiven Interessensausgleich im Urheberrecht wird das zu wenig sein."

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Religion

In der Welt erklärt Matthias Heine, warum Malaysias Christen Gott nicht mehr als Allah bezeichnen dürfen, warum sie das überhaupt wollten und dass Allah eine arabische Bezeichnung für Gott aus vorislamischen Zeiten ist.
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Stichwörter: Malaysia

Medien

In der NZZ führt Martin Hitz den Leser in die Welt des Magazins Vice ein, das vor zwanzig Jahren als Arbeitslosenprojekt gegründet wurde und mittlerweile einen weltweiten Umsatz von 500 Millionen Dollar macht: "Die "Vice"-Macher brüsten sich gerne damit, Themen und Ereignisse aufzugreifen, die von den "Mainstream"-Medien vernachlässigt oder ignoriert werden... So besuchen "Vice"-Reporter Waffenmärkte im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet, porträtieren kannibalische Warlords oder führen in Karachi Interviews mit Auftragskillern. Sie rasen mit jungen Regierungsgegnern im Ferrari durch Bangkoks Straßen oder dringen auf dem Höhepunkt der Krimkrise über einen Zaun in eine belagerte ukrainische Marinebasis ein. Im Gespräch mit dem Präsidenten von Uruguay gönnen sie sich gar einen Joint."

Für den Tages-Anzeiger unterhalten sich Patrick Ryffel und Daniel Gremll mit Jonathan Perelman von Buzzfeed, das mehr als Listicles und Teenager-Unterhaltung biete: "In unserem Politikteam arbeiten mehrere Journalisten, die mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurden. Wir haben Reporter auf der Krim und in Syrien. Buzzfeed wird nicht nur von Jugendlichen gelesen, sondern auch in den politischen Kreisen Washingtons. Es kommt immer wieder vor, dass Politiker unsere Artikel twittern. Unsere politische Berichterstattung kann mit den weltbesten Medien mithalten."

Außerdem: In der FR berichtet Julia Gerlach vom drakonischen Urteil gegen die Journalisten im Kairoer Al-Dschasira-Prozess: Sieben bis zehn Jahre Haft.
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Stichwörter: Al Dschasira, Buzzfeed, Krim, Vice

Gesellschaft

Le Monde stellt die Ergebnisse einer großen Studie über Kulturkonsum in Zeiten des Internets vor. 4.000 Nutzer in Frankreich, Großbritannien, USA und China wurden befragt. Häufig klagten sie über Überforderung und äußerten den Wunsch nach Personalisierung von Information. "Jeder zweite Internaut wählt zwischen zwei kulturellen Gütern, indem er die Meinungen anderer Konsumenten konsultiert. Das Teilen von Erfahrungen über soziale Netze wird besonders von unter 25-Jährigen geschätzt. 82 Prozent von ihnen teilen nach einem Spektakel ihre Meinung darüber mit oder wollen es zumindest tun."

Im SZ-Interview mit Jörg Häntzschel beklagt der Reporter George Packer den Niedergang der USA, seiner Mittelklasse und seiner Institutionen: "Seit dem Irakkrieg herrscht der Eindruck, dass Amerika die großen Dinge nicht mehr gelingen. Als ich 2008 zurückkam, um über die Wahl und die Finanzkrise zu schreiben, war das Bild apokalyptisch. So viele große Institutionen versagten: die Banken, die Kreditfirmen, die Autoindustrie."



Weitere Artikel: In der FAZ erklärt der türkische Historiker Edhem Eldem ausführlich, warum die AKP seiner Ansicht nach die Forderung türkischer Nationalisten, die Hagia Sophia wieder in eine Moschee umzuwandeln, nicht unterstützen wird: So viel Populismus habe sie nicht nötig. Mark Siemons erzählt, wie China stadtplanerisch mit der Landflucht fertig werden will. In der FAS fragte Niklas Maak bereits am Sonntag, ob das Google-Auto ohne Lenkrad überhaupt ein Auto ist: "Aus der Nähe sieht es aus, als habe ein handwerklich begabter, depressiver Koalabär versucht, aus Metall und Plastik einen depressiven Koalabären zu formen." (Das Foto Michael Fontenots ist unter CC-Lizenz bei flickr veröffentlicht.)
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