9punkt - Die Debattenrundschau

Vom Patentamt genehmigt

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.06.2014. Mit Grauen blickt Najem Wali in der NZZ auf die Ereignisse im Irak. David Grossman sieht in der FAZ Israel zum Nebenkriegsschauplatz werden - und hofft dennoch nicht mehr auf Versöhnung. Amerikanische Whistleblower appellieren laut Netzpolitik an die deutsche Zivilgesellschaft. Die Zeitungsverleger haben inzwischen ihre Forderungen gegen Google beziffert: 11 Prozent der Umsätze aus Snippets, und Jeff Jarvis fasst sich an den Kopf.

Politik

In der NZZ berichtet Najem Wali von seiner Reise nach Bagdad im April dieses Jahres: Restaurants, Kneipen, Kinos waren voll. Die Menschen hungerten nach Kultur und riskierten gefährliche Wege, um sie zu sehen und zu hören: "Sie sind es, die ich nun vor meinem inneren Auge sehe - als verkohlte oder blutige Leichname, zur Strecke gebracht von den Extremisten der Organisation Islamischer Staat im Irak und in Syrien (Isis). Die Nachrichten aus Bagdad verheißen nichts Gutes, die Menschen sind in Angst, auf drei Achsen rücken die Isis-Streitkräfte gegen die Hauptstadt vor. Und für diese bärtigen Mörderbanden haben Literatur, Kunst, Ästhetik keine Bedeutung; stattdessen bringen sie den Staub des Mittelalters mit sich, verwüsten das Grüne so gut wie das Dürre, zerstören alles, was mit Leben und Schönheit zu tun hat."

Während in Ägypten die Frauen irgendwie froh sind, dass der Militärdiktator Sisi an die Macht gekommen ist, weil er sie nicht ganz so brutal unterdrückt wie die Islamisten, sieht die Lage in anderen arabischen Ländern ein paar Jahren nach der Arabellion noch trüber aus, berichtet Sonja Zekri für die Süddeutsche in einem sehr persönlichen Artikel über das Leben als Reporterin in arabischen Ländern: "Im libyschen Dernaa breiten sich die frauenverachtenden Haufen der Gotteskrieger aus - ebenso wie auf dem ägyptischen Sinai oder im jemenitischen Schabwa. Nirgends aber sind sie so schlagkräftig und primitiv wie im Irak. Und wohin die zottelköpfigen Horden kommen - als Erstes verkünden sie mal, wie sie sich die Frau in der Öffentlichkeit vorstellen: am liebsten gar nicht, und wenn doch, dann schwarz verschleiert bis zu den Augen."

FAZ-Autor Wolfgang Schneider hat in Berlin David Grossman getroffen, der mit Grauen auf die Bruderkriege in den arabischen Nachbarstaaten schaut und sich keine Illusionen über den zum Nebenkriegsschauplatz gewordenen Nahostkonflikt macht: "Wir haben aufgehört, daran zu glauben, dass wir in einer fernen Zukunft nicht länger durch das Schwert leben und durch das Schwert sterben müssen. Es ist tragisch, aber kaum noch jemand in Israel hat die Hoffnung, dass uns irgendwann etwas anderes erwarten könnte als dieses Leben des Krieges, der Gefahr und der permanenten Wachsamkeit."

Außerdem: In der Reihe "SPD-Politiker schreiben im FAZ-Feuilleton" wartet heute Franz Müntefering mit Einblicken zu Politik als Schauspiel auf.
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Überwachung

Die Whistleblower Jesselyn Radack und Thomas Drake sind in Deutschland, um Auskunft vor dem NSA-Untersuchsunssausschuss des Bundestags zu geben, und sie äußerten sich bei einer von Zeit online organisierten Diskussion, die Elisabeth Pohl für Netzpolitik resümiert: "Die Regierung würde so lange versuchen, die Geheimnisse des Staates und der Geheimdienste zu schützen, wie nicht eine starke Gegenkraft aus Öffentlichkeit und Recht dagegen vorgeht. Dabei ist spätestens nach diesen Dokumenten vollends naiv wer noch glaubt, der BND und damit dessen Auftraggeber aus dem Bundeskanzleramt hätten nichts von den Tätigkeiten der NSA oder der engen Zusammenarbeit der Geheimdienste gewusst."

Außerdem heute online: Melanie Mühls FAZ-Artikel über Überwachung im zartesten Alter.
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Medien

Diese Meldung von Steffen Grimberg auf der Website des NDR haben wir gestern übersehen. Die in der VG Media organisierten Presseverlage haben ihre Forderungen an Google bezüglich des Leistungsschutzrechts beziffert: "Google & Co. sollen künftig pauschal bis zu elf Prozent der Umsätze, die sie mit Ausschnitten aus Online-Presseerzeugnissen erzielen, an die Zeitungen und Zeitschriften weiterreichen. So sieht es der jetzt im Bundesanzeiger veröffentlichte und vom Patentamt genehmigte "Tarif Presseverleger" vor, den die in der Verwertungsgesellschaft Media zusammengeschlossenen Verlage aufgestellt haben."

Jeff Jarvis kommentiert diese Meldung in seinem Blog mit klaren Worten: "German publishers are not just fighting Google. They are fighting the link and thus the essence of the internet."
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Internet

Matthias Heine blättert für die Welt durch das Twitter-Wörterbuch des FBI. Peter Richter begleitet für die SZ die "German Valley Week", einen Betriebsausflug deutscher Start-Up-Hoffnungen unter Ägide des Bundeswirtschaftsministeriums, nach San Francisco und teilt alles mit, was er zum Thema Silicon Valley schon mal sagen wollte.
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Europa

Immer mehr Juden verlassen Frankreich, um nach Israel zu gehen. Hintergrund sind auch antisemitische Anschläge wie der gegen Ilan Halimi oder das Attentat von Brüssel, das von einem Franzosen arabischer Herkunft begangen wurde. Dis Historikerin Yolande Cohen analysiert die Situation in Huffpo.fr: "Die jüdische Gemeinde Frankreichs ist immer noch die größte und dynamischste in Europa. Aber sie ist Ziel eine linken Antizionismus und eines rechten Antisemitismus, die wieder obenauf sind und antisemitische Akte banalisieren."
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Religion

In der NZZ erklären Othmar Keel und Florian Lippke die Verehrung der alten Ägypter für den Mistkäfer. Und der Theologe Jan-Heiner Tück denkt über das Auge Gottes in Zeiten der Überwachung nach.
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