9punkt - Die Debattenrundschau

Produkt einer totalen Diskussion

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.06.2014. Spiegel Online nimmt Christian Wulffs Kritik an den Medien zur Kenntnis, macht sie sich aber nicht zu eigen.  Die FAZ erzählt, wie Italien mit Biomarmelade der Digitalisierung trotzt. Gigaom freut sich über eine Gerichtsentscheidung zu Google Books. In der NZZ untersucht Richard Herzinger die Affinitäten zwischen der extremen Rechten in Westeuropa und Putins Hausintellektuellen Alexander Dugin. Die SZ findet nicht, dass der Feminismus einen Nebenwiderspruch verhandele.Und die Krautreporter könnten es schaffen.

Europa

Die extreme Rechte in Westeuropa und Wladimir Putin verstehen sich nicht von ungefähr so gut. Putins Lieblingsintellektueller, Alexander Dugin, bedient sich gerade aus dem Arsenal der "Neuen Rechten", die seit einigen Jahrzehnten in Frankreich rechtsextremes Denken gesellschaftsfähig machen will, schreibt Richard Herzinger in der NZZ: "Dugin erwies sich als gelehriger Schüler der Neuen Rechten, rezipierte ihre Theorie-Ikonen wie den italienischen Faschisten Julius Evola und den NS-Staatsrechtler Carl Schmitt und wurde Mitbegründer einer Nationalbolschewistischen Partei, ehe er seine eigene Eurasische Bewegung aus der Taufe hob. Durch Putins Schwenk zu einer aggressiv antiwestlichen Geopolitik hat das neurechts-eurasische Konglomerat plötzlich Aussicht, eine geschichtsmächtige Kraft zu werden."

Im Interview mit der taz erklärt der Kiewer Soziologe Vlodomir Ishchenko, er glaube nicht, dass der Donbass-Konflikt auf eine gezielte russische Intervention zurückzuführen sei. Es handele sich vielmehr um einen inner-ukrainischen Konflikt, an dem die Westukrainer nicht unschuldig seien: "Es gibt eine äußerst aggressive Art von Maidan-Unterstützern, über die Ostukraine zu reden. Juri Luzenko, Ex-Innenminister unter Juschtschenko, hat sie als Kartoffelkäfer bezeichnet, weil dort viele Schwarz-Orange tragen, die Farben der Weltkriegsveteranen. Wir Ukrainer wissen, was man mit Kartoffelkäfern macht, denn wir haben ganze Sommer auf dem Land bei unseren Großeltern damit verbracht, als Schädlingsbekämpfer Kartoffelkäfer zu vernichten. Luzenko ist kein Rechtsradikaler, sondern ein normaler Politiker, auch wenn er heute nicht mehr so wichtig ist. Es gibt andere, die genauso reden."

In der FAZ beobachtet der litauische Autor Marius Ivaškevičius mit aufgestellten Nackenhaaren die Ereignisse in der Ukraine: "Wenn man die allgemeine Glückshysterie der Russen wegen der Krim hört, die Siegeslosungen aus dem Zweiten Weltkrieg, die wiederkehrende Symbolik der Stalin-Zeit, dann wirkt dieses Land angsteinflößend und bedrohlich wie nie zuvor. Und mehr als je zuvor ist es mit dem Verstand nicht zu erfassen. In seiner Nachbarschaft zu leben ist für uns alle sehr unheimlich."
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Internet

Ein amerikanisches Bundesgericht hat entschieden, dass der Hathitrust, der auf der Seite amerikanischer Unviersitäten mit Google Books zusammenarbeitet, weiterhin Bücher scannen kann, meldet Jeff John Roberts bei Gigaom: "Die Entscheidung ist ein Rückschlag für die Author"s Guild und andere Gruppen von Copyright-Vertretern, die sich dem Prozess anschlossen, um die Arbeit von Hathitrust einstellen zu lassen. Und sie ist ein Sieg für viele Wissenschaftler und Bibliothekare, die die Datenbank als unschätzbares Wissensreservoir ansehen." Hathitrust macht die Bücher durchsuchbar, präsentiert aber anders als Google Books keine Snippets, laut Gericht ist das "fair use".

Ach, irgendwie ist das mit der Gratiskultur im Netz doch eine tolle Sache, findet Joseph von Wesphalen in seiner AZ-Kolumne und hofft, dass das Netz nach Jaron Lanier nicht zahlbar wird: "Ich saß mit ein paar Freuden zusammen, wir kamen, ich weiß nicht warum, auf Nausikaa zu sprechen. Keiner von uns studierten Schlaumeiern wusste auf Anhieb Näheres. Eine Figur aus der Odyssee - mehr gab die geballte Bildung von fünf Akademikern nicht her. Goethe konnte vermutlich schon als Erstklässler die Geschichte nacherzählen. Vor 20 Jahren hätte einem das Lexikon in ein paar Minuten auf die Sprünge geholfen. Jetzt habe ich ein paar Stunden auf den Spuren Nausikaas im Internet verbracht - mit wachsender Begeisterung."
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Gesellschaft

In der SZ überlegt Meredith Haaf, was in der aktuellen Feminismusdebatte - "euphorische Rettung des Feminismus" gegen "männerversteherische Feminismuskritik" - schief läuft, die sie absolut destruktiv findet: "Denn in der wohlfeilen Meta-Forderung danach, endlich die "richtige" Diskussion zu führen, also diejenige, in der es um Klasse geht statt um Geschlecht, steckt auch die Vorstellung, dass gesellschaftlicher Fortschritt nur noch als Produkt einer totalen Diskussion möglich ist. Durch die eine, einzig richtige Debatte, die alle anderen Debatten beendet - und endlich all diejenigen zum Schweigen bringt, die es nicht kapiert haben, was auch immer "es" ist."

Dirk Schümer erzählt in der FAZ, wie der Verlag Feltrinelli mit seinen Buchhandlungen dem digitalen Wandel trotzt - mit Kaffee, biologischer Marmelade und dem täglichen Holzofenbrot - und ihn gleichzeitig begleitet - mit guter Internetseite und indem er "in die hausgemachte Schreiber- und Bloggerszene" investiert.
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Überwachung

Sean Gallagher von arstechnica installierte ein kleines Überwachungsgerät, wie es die NSA nutzt, bei dem NPR-Reporter Steve Henn (der eingeweiht war), um herauszufinden, was die NSA so mitbekommt, wenn sie es wirklich darauf anlegt: immerhin nicht die Inhalte der Mails, wenn die richtige Verschlüsselung genutzt wird. "Wir entdeckten allerdings schnell, dass die von den populärsten Webservices genutzte Verschlüsselung uns nicht völlig vorm Abhören schützt. Wenn die Verschlüsselung schlecht implementiert ist und Daten an nicht geschützte Seiten weitergegeben werden, bekamen wir noch genug Daten um ziemlich genau einzuschätzen, was Henn tat."

Wie konnte das Netz der Verheißungen sich in ein Überwachungsnetz verwandeln, fragt der Ingenieur und Pinboard-Gründer Maciej Cegłowski in einer Rede für die Konferenz Beyond Tellerrand. Nachdem er sich all seine Sorgen von der Seele geschrieben hat, stellt er fest: "Ich bin es leid, mich um das Web von morgen zu sorgen. Gestern, während des unglaublichen Vortrags von Robin, fiel mir auf, wie lang es her ist, dass ich neue Technologie mit Neugier betrachtet habe, statt einem automatischen Gefühl von Furcht. Robin Christiansen hielt einen tief bewegenden Vortrag über die Art, wie Smartphones, Bilderkennung, tragbare Computer und andere Technologien das Leben behinderter Menschen verändert haben. Robin, der blind ist, zeigte live die Apps und Technologien, die er benutzt, um besser durch die Welt navigieren zu können und in welchem Ausmaß sie seine Autonomie wiederherstellen. Einer der schlimmsten Aspekte der Überwachung ist, wie sehr sie unsere Fähigkeit vermindert, kreativ mit neuer Technologie umzugehen. Sie ist wie eine Steuer, die wir auf Innovation zahlen sollen. Wir können keine coolen Dinge haben, weil sie potentiell zu stark in die Privatsphäre eingreifen."

Außerdem: In der FAZ überlegt Wolfgang Michal, warum sich niemand über die Geheimdienstenthüllungen von Edward Snowden aufregt und meint, sie seien eben zu unpersönlich. Jörg Thoma meldet bei zeit.de (so viele andere Medien), dass die ambitionierten Pläne des BND zumindest vererst ausgebremst wurden: Statt der ersehnten 300 Millionen Euro, die der BND wollte, um sich beim Ausspähen sozialer Netzwerke nicht vor der NSA zu blamieren, bekam er zunächst nur 6 Millionen.
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Kulturpolitik

In der SZ berichtet Alexander Menden von einer gepfefferten Rede des neuen britischen Kulturministers Sajid Javid, von Haus aus eigentlich ein Banker. Javid hatte die Kulturschaffenden aufgefordert, sich mit ihrer Arbeit auch an Menschen mit nicht britischem Hintergrund zu richten. Die fühlten sich oft "kulturell entrechtet". Im Guardian erklärte er: "In seiner Kindheit sei der Besuch eines Theaters, etwa des Londoner Donmar Warehouse, von seiner pakistanischen Familie gar nicht erst als Möglichkeit der Freizeitgestaltung in Betracht gezogen worden. Ein Kinofilm sei schon etwas ganz Besonderes gewesen. Die Frage laute, warum sich bis heute "schwarze und andere ethnische Minderheiten" so viel weniger mit Kunst befassten als die weiße Mittelschicht? Und warum sie als aktive Teilnehmer am Kulturbetrieb derart unterrepräsentiert seien?"

Ideen

Der Rising Star unter den Ökonomen, Thomas Piketty, macht im Interview mit Michael Hesse in der FR Hoffnung: Es habe in der Geschichte immer wieder Kräfte gegeben, "die für eine Reduzierung der Ungleichheit gesorgt haben, andere wiederum verstärkten die Ungleichheit. Welche dominierte, hing mit davon ab, wie die Institutionen der jeweiligen Staaten beschaffen waren, etwa in Bezug auf Steuer oder Bildung. Das Buch schließt einen historischen und ökonomischen Determinismus aus."
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Medien

Einige Spiegel-Online-Autoren haben Christian Wulffs Buch "Ganz oben ganz unten" durchgekämmt und zitierten zunächst den Satz: "Bild ist niemals der ganze Skandal, aber ohne Bild ist der ganze Skandal nichts." Kai Diekmanns Kampagne hätte nicht funktioniert, wenn die anderen Medien nicht begierig mitgemacht hätten: "Zu den "wenigen rühmlichen Ausnahmen" zählt Wulff ausgerechnet eine Zeitung, die ihm politisch nicht nahestand - die linksalternative taz. Das Blatt aus Berlin hatte zum Höhepunkt der Wulff-Affäre von Diekmann wissen wollen, wie Zitate von Wulffs Anruf, der auf der Mailbox des Chefredakteurs gespeichert war, den Weg in die Öffentlichkeit gefunden hatten."

Durch Wulffs Kritik an den Medien lässt sich Spiegel-Online-Autor Roland Nelles allerdings gar nicht beirren: "Im Kern zeigt Wulffs Werk vor allem: Er hat immer noch nicht verstanden, dass sein Rücktritt letztlich notwendig war. Alle Bücher und neuen "Abrechnungen" ändern nichts daran - Wulff hat ein politisches Spiel gespielt - und verloren."

Auf der Zunge zergehen lassen muss man sich die Antwort der SRF-Mediensprecherin Nadine Gliesche auf eine Anfrage Ronnie Grobs von der Medienwoche, der etwas über seinen Streit zwischen Elke Heidenreich und dem Literaturclub-Moderator Stefan Zweifel und die Position der Redaktion dazu hören wollte: "Aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes können wir dazu keine Angaben machen. Im Gegensatz zu Moderationspersonen sind Mitarbeitende der Redaktionen keine Personen des öffentlichen Interesses."

(Via turi2) Über die Krise bei der FAZ hört man kaum Neues. Vor einigen Tagen wurde bekannt, dass die Zeitung nach Verlusten den Unternehmensberater Roland Berger ins Haus holt. Nun meldet Mehrdad Amirkhizi in Horizont.net, dass die FAZ den PR-Mann Hartwin Möhrle engagiert: "Bei A&B One will man nicht von einem Krisen-PR-Mandat sprechen. Dennoch ist es kein Geheimnis, dass die Agentur und speziell Möhrle über jede Menge Erfahrung in diesem Bereich verfügt. Bemerkenswertes Detail: Bevor Möhrle vor vielen Jahren in die Kommunikationsbranche wechselte, arbeitete er unter anderem als Redakteur für das Frankfurter Stadtmagazin Pflasterstrand."

Die Krautreporter könnten es doch noch schaffen. Es fehlen noch gut 5.000 von 15.000 angestrebten Abonnenten - hier die tickende Uhr, die am Freitag stoppt. Auf ihrer Website zitieren sie eine unterstützende Äußerung Frank Schirrmachers aus Horizont: "Das Ereignis dieser Tage ist doch, dass eine Idee wie Krautreporter, die aus dem Herzen des Internets kommt, zumindest partiell auf Bezahlinhalte und den Club-Charakter setzt, den die Printmedien seit Jahren diskutieren und nie umsetzen." Thierry Chervel im Perlentaucher fand es dagegen gerade gut, dass die Krautreporter nicht auf Bezahlinhalte setzen.
Archiv: Medien