9punkt - Die Debattenrundschau

Die bloße Simulation eines Menschen

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
12.04.2014. Schock über Heartbleed: Jimmy Wales und viele andere fragen, ob uns die NSA über zwei Jahre Kriminellen auslieferte. In der NZZ wird über Martin Heidegger gestritten. In der Welt trennt Cemens J. Setz den Kopf vom Körper und entwickelt Szenarien für die künftige Bestrafung von Kapitalverbrechen. In Le Monde fordert Arno Klarsfeld die Öffnung der französischen Archive aus der Zeit des Völkermords in Ruanda. Und Hans-Christoph Buch glaubt in der FR an das demokratische Potenzial Russlands.

Überwachung

Tja, wieder einmal stellt sich zur Bestürzung aller aufgeklärten Freunde der Demokratie heraus, dass in Geheimdienstaffären die Verschwörungstheoretiker offenbar richtiger liegen. Die SZ meldet heute (wie die meisten anderen Online-Medien) in ihrem Online-Aufmacher: "Wie die Nachrichtenagentur Bloomberg unter Berufung auf zwei 'mit der Angelegenheit vertraute Personen' berichtet, wusste die NSA seit mindestens zwei Jahren von der Schwachstelle. Anstatt diese jedoch zu melden und damit die Internet-Sicherheit zu verbessern, habe man Heartbleed zur Sammlung von Daten im Rahmen von Geheimdienstoperationen verwendet. Über das Ausmaß der Aktionen ist nichts bekannt." Die NSA hat laut Techcrunch dementiert.

Christian Stöcker denkt unterdessen in Spiegel Online über die Frage nach, ob das Internet überhaupt noch benutzbar ist: "Mit Passwörtern ist es ein bisschen wie mit Fahrradhelmtragen oder häufigem Händewaschen in der Erkältungszeit: Man weiß, dass es eigentlich wichtig wäre, lässt es dann aber doch."

Immerhin schreibt Casey Newton in The Verge: "Heute Nacht hat der Netzdienstleister Cloudfare in seinem Blog all jenen ein wenig Hoffnung gemacht, die von der Sicherheitslücke betroffen sein könnten. Nach zweiwöchigen Tests, so Cloudfare in seinem Blog, ist es den Technikern nicht gelungen, die Lücke auszunutzen um private SSL-Schlüssel zu stehlen."

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Politik

Patrick Bahners bespricht heute in der FAZ Errol Morris' Interviewfilm mit Donald Rumsfeld "The Unkonown Known" (Trailer), Anlass um auf einen Riesenartikel im Opinionatorblog der New York Times mit Auszügen aus Morris-Interviews mit Journalisten hinzuweisen, die fast selbsquälerisch aufarbeiten, wie die abgebrühten Washingtoner Politikreporter Rumsfeld auf den Leim gingen. Pam Hess erinnert sich gegenüber Morris etwa, wie schwierig es überhaupt war, Rumsfeld eine Frage zu stellen: "Wir mussten lernen, niemals unvorbereitet zu sein. Du musstest deine Frage so zuschneiden, dass er keine Ausweichmöglichkeiten hatte - das heißt, kurz, direkt und fokussiert. Ob er dann antwortete, war eine andere Frage." Hier Teil 1 des Artikels, hier Teil 2, hier Teil 3, hier Teil 4. Sehr lesenswert ist Matthew Wolfsons Kritik des Films in The New Republic - für ihn ist Morris dabei gescheitert, Rumsfeld beim Wort zu nehmen.

(Via huffpo.fr) Schon in Deutschland haben wir eine große Koalition, aber noch beeindruckender ist die Einmütigkeit im nordkoreanischen Parlament, das vor zwei Tagen seine Sitzungsperiode eröffnete und Kim Jong-Un mit großer Mehrheit wieder wählte - ein Auszug aus "No Comment" von Euronews:

Archiv: Politik

Geschichte

Der Menschenrechtsanwalt Arno Klarsfeld (Sohn von Serge Klarsfeld) schreibt zwanzig Jahre nach dem Genozid von Ruanda in Le Monde: "Ich kann in diesem Alptraum nicht die das Ausmaß der Verantwortung Frankreichs benennen. Es war sicherlich nicht aktiv beteiligt. Aber eines weiß ich: Die Behörden sollten die diplomatischen und militärischen Archive freigeben, denn dies ist die einzige Möglichkeit, mehr zu wissen."

In der NZZ erzählt Tamara Ehs, wie wenig sich die vermeintlich unpolitische Wiener Staatsoper in den 1930er Jahren gegen den nationalsozialistischen Einfluss wehrte und quasi schon im voraus jüdische Künstler von Bühne und Orchester ausschloss.
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Archiv: Geschichte

Europa

Hans Christoph Buch wird heute siebzig Jahre alt und allenthalben gewürdigt. Im Gespräch mit Arno Widmann in der FR (das online leider abbricht) erklärt er, warum er selbst in Russland an die Möglichkeit einer Demokratisierung glaubt: "Auch der Mauerfall und der Zusammenbruch des Warschauer Pakts waren nicht vorhersagbar, denn die Experten redeten uns ein, die DDR sei politisch stabil und wirtschaftlich eine Großmacht. Die Mehrheit der Intellektuellen dachte genauso. Im Schriftstellerverband zum Beispiel war die Pro-DDR-Fraktion stärker als die der Kritiker, und die Proteste gegen Menschenrechtsverletzungen und Zensur waren eher kleinlaut - in Westdeutschland! Diese Erfahrung hat mich geprägt."
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Ideen

Manchmal erfährt man von einem unfassbar grausamen Verbrechen und wünscht sich Höllenqualen für den Täter. Clemens Setz tut das jedenfalls manchmal. Und er ist damit nicht allein. So hat die britische Philosophin Rebecca Roache unlängst auf ihrem Blog "Practical Ethics" darüber nachgedacht, ob man den Körper vom Bewusstsein trennen könne, um das Bewusstsein besonders hart zu bestrafen, erzählt er in der Welt: So könnten besonders grausame Verbrecher zwischen Sonnenauf- und Sonnenuntergang "ein Jahrtausend in einem computersimulierten Arbeitslager verbringen und danach voll rehabilitiert in die wirkliche Welt entlassen werden. Vorausgesetzt, die Technologie der Zukunft erlaube es, die von ihrem Körper getrennten Bewusstseinsbestände wieder mit einem Körper zu verbinden. Zur Not könnten sie auch in der simulierten Welt im ewigen Exil verbleiben. Dies allerdings werfe einige Fragen auf, so Roache, die am Oxford Centre for Neuroethics arbeitet. Etwa die, ob ein von seinem Körper getrenntes Bewusstsein nicht eigentlich schon als Todesstrafe (Trennung von Körper und Geist) angesehen werden müsse. Ist es überhaupt dasselbe, die bloße Simulation eines Menschen zu bestrafen?"

Wie soll man Martin Heidegger noch lesen, fragt die NZZ nach der Veröffentlichung der Schwarzen Hefte und bittet drei Philosophen um Antwort. Uwe Justus Wenzel stellt die antisemitischen Passagen ausführlich vor. Jedenfalls kann man Heidegger durchaus noch lesen, meint dann Günter Figal, man müsse nur wissen, was: "Das heißt nicht, das Unterschiedene habe gar nichts miteinander zu tun. Jeder Text, den Heidegger geschrieben hat, gehört in das sehr komplexe Ganze seines Denkens, und entsprechend ist für jeden Text zu klären, wie er in dieses Ganze gehört. Aber nicht alles hat mit allem zu tun. Philosophische Fragen an Heidegger, zum Beispiel die nach der Tragfähigkeit seiner Aristoteles-Interpretation oder die nach seinem Beitrag zur Phänomenologie, können ohne Berücksichtigung der - bisher bekannten - "Schwarzen Hefte" gestellt und diskutiert werden."

Dieter Thomä sieht das ganz anders: "Kann man Steine aus Heideggers Werk herausbrechen, die für sich Bestand haben, Edelsteine ohne hässliche Kehrseite? Ich denke nicht. Es gibt nichts, was an diesem Werk nicht zwiespältig wäre. Was Heidegger gesehen hat, hat er scharf und schief zugleich gesehen. Wer ihn heute noch lesen will, kann dies allenfalls aus einem ganz und gar unheideggerschen Grund tun: weil die moderne Welt zwiespältig ist - und erst recht Heidegger selbst. Seine Philosophie ist das Verhängnis, für dessen Deutung sie sich hält."
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